Interessiert – interessiert nicht

Es würde mich interessieren, warum meine Griffheizung nicht funktioniert. Aber um das herauszubekommen, müßte man die halbe Verkleidung von der Yamaha abschrauben und sich ins Kupfergewürm begeben. Kalt! Zu kalt! Jedes Werkzeug, daß man anfasst, jede Schraube, überhaupt alles. Bis unter die Sitzbank habe ich es geschafft, bis zu den Sicherungen – ist drin, ist heile, Strom ist da. Griffheizung geht aber trotzdem nicht. Also alles wieder zusammengebaut und die Winter-Handschuhe hervorgekramt. Wie früher. Man sieht aus wie ein verdammter Zombie mit zu wenig Fingern. Nach Berlin im Frost, zurück im Regen. Regen ist o.k., weil relativ warm. Jetzt ist wieder Frost… was zum Teufel ist da kaputt? Wenn ich mich mich ein wenig aufgewärmt habe, werd’ ich noch mal nachsehen.

Wer wird den Job des Wahrheitsministeriums übernehmen?
»Wir fordern digitale Grundrechte«. So, tun sie das? »Charta der Digitalen Grundrechte der Europäischen Union«. Was daherkommt wie ein leidlich lustloser Aufsatz aus der Unterprima ist in Wirklichkeit hochkarätig besetzt. Jürgen Habermas, Sybille Berg, Sascha Lobo, Frank Rieger, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Byung-Chul Han – das Riesengebirge kalbte und gebar einen Maulwurfshügel. Der wird jetzt von den Vertretern der juristischen Fraktion halb lachend, halb weinend auseinandergenommen. Das hat er zwar mit der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung gemeinsam, aber das Zeitalter des Heroismus ist unwiderruflich vorbei. Damals konnte man solch halbgaren Nonsens noch an den Mann bringen – ein Kontingent Gläubiger fand sich immer, das mit Hand in Herznähe, zum Himmel verdrehten Augen und beeindruckt von der eignen historischen Dimension die wichtigsten Fragen zum Wisch auf später verschob.
Heutzutage wird das dann schon mal mit einem »Wer sich vor den lackierten Karren der Zensur spannen lässt, ist doof« (Markus Kompa) abgeschmettert. Das könnte man jetzt als Fortschritt betrachten.
Sechs, setzen, Thema verfehlt. Uninteressant. Man hüte sich vor besorgten Bürgern.

Formal 1-Weltmeister Nico Rosberg erklärt überraschend seinen Rücktritt. In einer ersten Reaktion knurrte Redaktionskampfhund Oskar etwas von »Kluge Entscheidung: Soviel Pech in einer Saison hat Lewis Hamilton nie wieder. Niemand hat das. Ein Einwegweltmeister!« Recht hat das edle Tier!

Interessanter dagegen sind Erklärungsversuche der Tagesschau.de, warum Italien zu pleite ist, um gerettet zu werden. Auf zwei Billionen Euro beläuft sich angeblich die italienische Staatsverschuldung. Also in etwa soviel wie Frankreich und auch Deutschland an Schulden haben. Nur sind die aus irgend welchen Gründen deswegen nicht pleite.
»Die Menschen fühlen, daß es ihnen zunehmend schlechter geht« (Herbert Dorfmann, Südtirol). 170.000 Flüchtlinge aus Afrika sind allein in den letzten Monaten in Italien angelandet.
Mooooment!, möchte man einwerfen. Die Frage, warum »die Menschen« immer nur glauben oder fühlen, daß es ihnen von Monat zu Monat dreckiger geht, überspringen wir dabei mal. Vermutlich weil sie nur zu blöd sind, 2+2 zu addieren.
Was aber die Flüchtlinge mit der Staatsverschuldung zu tun haben, bleibt vollkommen unklar. Mit 2 Billionen Euro läßt sich ein veritabler Krieg führen oder den Flüchtlingen aus Afrika ein eigener Staat mit bedingungslosem Grundeinkommen realisieren. Wenn man erst mal anfängt darüber nachzudenken, fallen einem gewiß noch einige andere Dinge ein. Nur ein noch so ferner Zusammenhang zwischen diesem Betrag und den Flüchtlingen sicherlich nicht. Dazu muß man schon Tagesschau sein.

Stimmt es eigentlich, daß Trump seinen Friseur wegen Hochverrat angeklagt hat?

Nochmal kurz Italien. Worum geht es bei dem Referendum eigentlich? Das wissen die deutschen Gazetten im Gegensatz zu den meisten Italienern ganz genau. Also am besten dort nachschlagen.

49 von 139 Artikeln der italienischen Verfassung sollen umgeschrieben werden. Das entspricht nach landläufiger Meinung einer neuen Verfassung. Dagegen gibt es Einwände unter den italienischen Wählern. Im Kern geht es, um einen hinkenden Vergleich an den Haaren herbeizuziehen, um die Entmachtung des deutschen Bundesrates zugunsten des Bundestages. Und um diesem Organ noch ein wenig mehr Macht zuzuschanzen, schafft man im selben Atemzug die Verwaltungsebene der Landkreise ab. Wie man sieht, muß man nicht zwangsläufig Erdoğan heißen und Diktator sein, um die Verfassung auf den Kopf zu stellen.
Lähmende Strukturen abbauen, Stabilität ermöglichen, Blockaden aufheben, Verschlankung, Reformstau: Das vollständige neoliberale Bullshit-Bingo. Daraus folgt offenbar, daß nur ein Ja zur Verfassungs»reform« den Austritt Italien aus der Eurozone, respektive der EU verhindern kann. Marktkonforme Demokratie eben.

Dazu Petra Reski auf Zeit.de.

»Silvio Berlusconi hat davon vergeblich geträumt. Vor zehn Jahren schlug seine Regierung ähnliche Reformen vor. Wäre sie durchgekommen, hätte Berlusconi alle seine Kritiker und die ermittelnden Staatsanwälte ausschalten können. Die Italiener lehnten sein Ansinnen in einer Volksabstimmung ab.[…]

Umso unverständlicher ist der vorauseilende Jubel im Ausland. Barack Obama, Jean-Claude Juncker, Angela Merkel, Thomas De Maizière und Wolfgang Schäuble sind Renzi beigesprungen. Auch zahlreiche deutsche Medien kommentieren die Verfassungsreform, als säßen sie in Renzis Fankurve. Sie jubeln über die vermeintliche Stabilität, die sie sich erhoffen – und übersehen, dass die häufigen Regierungswechsel in Italien keineswegs ein Zeichen für Unbeständigkeit sind, denn die Personen an der Macht sind seit Jahrzehnten die gleichen.«

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7 Kommentare zu Interessiert – interessiert nicht

  1. OldFart sagt:

    Ist es nicht so, daß die Politik gerade die Bekämpfung von Desinformation, Propaganda und Fremdeinmischung die Medien rauf und runter dudelt? Ach so, das betrifft nur die bösen Russen. Wenn Jean-Claude Juncker, Angela Merkel, Thomas De Maizière und Wolfgang Schäuble lupenreine Desinformation und Manipulation an die italienische Bevölkerung richten, ist das natürlich was anderes.

    Wie auch immer, ein Gutes hat es. Wenn diese ausgewiesenen Bespitzelungs- und Repressions-Protagonisten, die neoliberalen Umverteiler von unten nach oben, diese Konzernhätscheler, die im Gegenzug dann via Troika problemlos ganze Völker in Not und Elend stürzen, wenn also diese Schreckensfiguren des Hardcorekapitalismus und Leuchttürme der Refeudalisierung ihre Empfehlung für die „Reform“ abgeben – dann versteht auch der Dümmste, daß das der Weg in eine vollendete Diktatur der oberen 0,1% und ihrer Nomenklatura ist. Ich baue darauf, daß die Italiener das mit Interesse zur Kenntnis nehmen und angemessen abstimmen. Democrazia Cristiana und Propaganda Due sind schon schlimm genug, man muß es mit diesen „Reformen“ nicht noch schlimmer machen.

    Das einzige, was mich wirklich erstaunt ist, daß die Genannten so eingeschlossen in ihrer Filterblase leben, daß sie gar nicht mitbekommen, wie sehr sie ein Horrorkabinett der neoliberalen Agenda sind und daß ihre jubilierende Wortmeldung für Dritte ein unüberhörbares „Achtung Gefahr“ darstellt.

    • Pantoufle sagt:

      Moin OldFart

      »… daß die Italiener das mit Interesse zur Kenntnis nehmen und angemessen abstimmen.«
      Dein Wort in Gottes Gehörgang: Ich glaub das noch nicht so ganz. Berlusconi war vielleicht nicht der richtige Verkäufer, was aber nicht heißt, daß es sich dabei um ein völlig unverkäufliches Produkt handelt. In Ungarn, Polen oder der Türkei ist es ein Renner.

      Dazu paßt: »Bundesregierung befürchtet russische Einflussnahme im Wahlkampf«. Dem im nächsten Jahr, in dem das Merkel bestätigt wird. Mit Cyber-Cyber und »gezielten Desinformationen« (gibt es die auch ungezielt?). Außerdem sollen »gezielt Informationen veröffentlicht werden, die durch Hackerangriffe erbeutet wurden«. Also Dinge, die man lieber für sich behalten hätte.
      Aber warte! Es kommt noch viel schlimmer!

      »Cyber-Angriffe könnten etwa den Netzverkehr betreffen, wie es vor wenigen Tagen der Fall war, als 900.000 Nutzer der Telekom für viele Stunden vom Internet abgeschnitten waren. „Bei solchen Angriffen kann es auch darum gehen, Verunsicherung zu erzeugen“, heißt es. Auch Sabotage-Attacken über das Internet, die etwa Kraftwerke oder die elektronischen Systeme von Krankenhäusern oder Verkehrswegen treffen könnten, hält die Bundesregierung für möglich, berichtet die F.A.S.«

      Vielleicht sollten sie eine Woche vor der Bundestagswahl das Internet prophylaktisch abschalten.

      P.S. Als wenn man russische Hacker braucht, um als Telecom-Kunde wochenlang ohne Telephon und Internet dazustehen – schon mal einen Providerwechsel bei der Telecom versucht?

      • OldFart sagt:

        > Berlusconi war vielleicht nicht der richtige Verkäufer, was aber
        > nicht heißt, daß es sich dabei um ein völlig unverkäufliches Produkt
        > handelt.

        Ein berechtigter und beängstigender Einwand. Auch in Deutschland waren es die Sozialdemokraten, die mit „Reformen“ den neoliberalen Terror und die Wirtschafts- und Finanzdiktatur errichtet haben.

        In den 70ern hat man in der SPD noch über Stamokap (https://de.m.wikipedia.org/wiki/Staatsmonopolistischer_Kapitalismus) und seine Verhinderung diskutiert. In den 80ern wurde man für die Erwähnung dieser Theorie aus der Partei ausgeschlossen. Seit Schröder ist offensichtlich, daß die SPD maßgeblich treibende Kraft zur Vollendung der kapitalistischen Entwicklung ist.

        Die Partei Renzis ist das italienische Äquivalent zur SPD. Also möglicherweise der richtige Verkäufer. Jetzt hab ich Angst. Danke. Heute abend wissen wir mehr.

      • OldFart sagt:

        > Bundesregierung befürchtet russische Einflussnahme
        > im Wahlkampf

        Dieser Putin und seine Propagandatruppen sind aber auch echt schlimme Finger:

        https://www.heise.de/tp/features/Putin-unser-der-du-bist-im-Kreml-3504407.html

        Und hier die Erklärung, warum sich unsere Junta in jüngerer Zeit immer nachdrücklicher dafür einsetzt, daß das überholte Konzept von Datenschutz und Zweckbindung ausrangiert wird und wir uns auf die Geschäftsmodelle und Chancen von „Big Data“ freuen sollen:

        https://www.dasmagazin.ch/2016/12/03/ich-habe-nur-gezeigt-dass-es-die-bombe-gibt/

        Anfragen aus Deutschland liegen dem Unternehmen bereits vor.

  2. waswegmuss sagt:

    Wahrscheinlich geht der kleine Rosberg zu Papa in die Firma. Sie verdienen schließlich glänzend an Leuten, die gerne im Kreis rumfahren. http://www.rosberg.de/

    • Pantoufle sagt:

      Ach, ich gehöre eigentlich zu den Menschen, die gerne zusehen wie andere im Kreis herumfahren. Nur daß man im Herbst bei jedem Stoppelacker-Rennen mehr Motorsport zu sehen bekommt als in einer Formel 1- Saison.

  3. Pantoufle sagt:

    Zahlenspiele

    http://schrottpresse.org/wp-content/uploads/2016/12/Bildschirmfoto_2016-12-04_14-41-06.png

    Ein paar Menschen waren auch zur Beerdigung Castros gekommen

    Deutschlandfunk
    Tausende Menschen am Straßenrand sangen die Nationalhymne.

    Tagesschau.de
    Zehntausende Menschen nahmen an der Abschlusszeremonie der neuntägigen Staatstrauer teil. Auf dem Platz Antonio Maceo schwenkten sie bei einer Massenkundgebung kubanische Flaggen und skandierten „Ich bin Fidel, ich bin Fidel“.

    Tages-Anzeiger.ch
    Während der Gedenkveranstaltung riefen Hunderttausende trauernde Kubaner «Fidel» und «Ich bin Fidel». Sie applaudierten zu Reden von Vertretern staatlich organisierter Gruppen.

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