In seiner Belanglosigkeit nicht zu unterbieten, aber:

Der Gewinner des gestrigen Abends beim Eurovision Song Contest: Ilcham Alijew, Präsident Aserbaidschans. Der Titel des Gewinners: Politischer Mord, Zwangsvertreibung und Menschenrechtsverletzung.

Meinen Glückwunsch an die Diejenigen, die an diesem Spektakel teilnahmen.

Es wurde bereits einige Male angedeutet – jetzt „oute“ ich mich einmal : Ich arbeite als Ton-Techniker im Rock&Roll und hätte mich schlicht geweigert, bei so eine Veranstaltung mein Geld zu verdienen. Es fällt mir schwer, Verständnis für die Kollegen aufzubringen, die es trotzdem taten. Daß wir alle Probleme haben, von unserer Arbeit vernünftig leben, ist die eine Sache. Aber alles hat seine Grenzen.

Niemand verlangt im Ernst von uns Technikern, daß man sich inhaltlich mit dem, was auf den Bühnen der Welt stattfindet, identifiziert. Auch arbeitet man gelegentlich in Ländern mit fragwürdigen demokratischen Verhältnissen (z.B. Deutschland). Die Veranstaltung des gestrigen Abends war aber keine normale Show, sondern die Werbeveranstaltung eines autoritären Regimes. Ich kenne keinen Kollegen, der bei einer Wahlveranstaltung der NPD arbeiten würde – der ESC in Aserbaidschan aber fällt für mich in die selbe Kategorie.

Liebe Kolleginnen und Kollegen: Bitte erinnert euch doch einmal daran, warum wir eventuell in diesem Gewerbe arbeiten. Es geht doch um den Rock&Roll. Mit der Lüge, daß es sich dabei um eine Musik gegen die Herrschenden handelt, haben wir immerhin gelernt zu leben. Aber manchmal stimmt es ja doch; wenn auch recht selten. Natürlich handelt es sich beim ESC nicht um Rock&Roll, sondern um gehirnlosen Schlager verbunden mit einer degoutanten Modenschau. Harmlos und nichtssagend im Einzelfall, musikalisch belanglos und als Ereignis bedeutungslos.
Aber als europaweit ausgestrahlter Schauveranstaltung aus einem Land wie Aserbaidschan verliert das an Harmlosigkeit. Liebe Kollegen: Wie arbeitet es sich eigentlich an einem Platz, für dessen Errichtung Menschen aus ihren Wohnungen unter Zwang vertrieben wurden und deren Häuser planiert wurden? Und erzähle mir keiner, daß man das nicht gewusst hat. In Aserbaidschan kam es 1992 zum letzten Mal zu Wahlen, die wenigstens halbwegs den Namen „demokratisch“ verdienen. Seitdem würde man das Land – hätte es nicht erhebliche Ölvorkommen – ein Diktatur nennen.

Es ist in der Schrottpresse schon einmal zitiert worden, aber weil es so schön ist, gleich noch einmal:

„Das Urheberrecht ist eine historische Errungenschaft bürgerlicher Freiheit gegen feudale Abhängigkeit, und es garantiert die materielle Basis für individuelles geistiges Schaffen“

In diesem Fall überspringt man einfach mal den Quatsch mit dem Urheberrecht und konzentriert sich nur auf „ bürgerlicher Freiheit gegen feudale Abhängigkeit“. Wo steht eigentlich der Aufruf der Unterzeichner des Pamphlets „Wir sind die Urheber“ gegen eine Teilnahme dieser Veranstaltung in Aserbaidschan?

Bürgerliche Freiheit?
Fuck!

An dieser Stelle meinen Dank an die Moderatorin Anke Engelke, die genug Zivilcourage aufbrachte, wenigstens mit einem kleinen Statement darauf hinzuweisen, wo man sich befand: „Heute Abend konnte niemand für sein eigenes Land abstimmen. Aber es ist gut, abstimmen zu können. Und es ist gut, eine Wahl zu haben. Viel Glück auf Deiner Reise, Aserbaidschan! Europa beobachtet Dich!“

Es bestätigte die hohe Meinung, die ich seit langem von Frau Engelke habe.

Noch einmal: Vielen Dank, Frau Engelke! Im Rahmen der des Möglichen ein kleine, aber notwendige Anmerkung, für die es bei den „Urhebern“ nicht reichte.

P.S. Die Bilder stehen unter einer CC-BY-ND . Photograph ist das Pantoufle.

Na ja – und wo wir gerade unter uns sind, Susanne und Sophie: Hier gibts Rock&Roll mit Tal Wilkenfield und Jeff Beck: LINK

Wie jetzt? Ihr kennt Tal Wilkenfield nicht? Ja denn … LINK.  Ach, da gibt es eine Wiederholung? Macht nichts.

Die kleine Lady ist hart wie Stahl.

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0 Kommentare zu In seiner Belanglosigkeit nicht zu unterbieten, aber:

  1. Ah, du sprichst mir wieder aus der Seele! Ich habe die Veranstaltung nicht gesehen, werde mir aber irgendwo das Engelke-Statement suchen. Ja, die tickt wohl halbwegs richtig.
    Aber nun haben wir diesen Act ja hinter uns, dann können wir uns ja auf die Fußball-EM in der Ukraine freuen. Dafür hatten wir uns ja schon olympiatechnisch 2008 in China warmlaufen können … me oh my.

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    • pantoufle sagt:

      Moin, Susanne
      Die aktuelle Lage der Menschenrechte lässt vermuten, das die westlichen Demokratien diesen Luxus nicht mehr als Grundlage, sondern als Option verstehen. Krönungsfeiern des „lupenreinen“ Demokraten Putin, eine ultrrechte Regierung in Ungarn oder ein über die Ufer getretener Überwachungsstaat in Großbritannien – von leicht entflammbaren Asylbewerbern im eigenen Land ganz zu schweigen. Es ist zum Brechen…
      Ich möchte das Ereignis in Baku nicht hochstilisieren, aber in diesem Fall betrifft es Freunde und Kollegen von mir. Der Artikel ist also eher als offener Brief zu verstehen.
      Natürlich könnten die angesprochenen Kollegen „nein“ sagen – dann fährt eben jemand anders. Ändern tut es gar nichts. Es widerspricht nur dem Verständnis, das ich von unserem Job habe.
      Es ist zunehmend besorgniserregend, wenn Frau Merkel und andere frohgemut in jede noch so verabschäuungswürdige Diktatur fliegen und nichts anderes als ein „aber immer schön die Menschenrechte einhalten“ faseln, bevor sie die Verträge über neue Waffenlieferungen unterzeichnen. Es denkt eben kaum keiner mehr nach: Weder „die da oben“ noch die anderen.
      Der Kampf „gegen den Terror“, der zunehmende Zulauf zu rechtextrmistischen Partein, die staatliche Überwachungswut oder ein Europaparlament, das die teilweise sehr hohen
      Rechtsstandarts einzelner Länder aufweicht, lassen vermuten, daß Europa seine moralische Glaubwürdigkeit schon lange verloren hat. Warum also nicht in die Ukraine. In diesem wahnsinnigen Possenspiel habe wir schon längst alle unsere Unschuld verloren.
      Ach … es ist so zum …
      Aber das sagte ich ja bereits

      Liebe Grüße
      das Pantoufle

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  2. Propio bello… Interessanterweise kann ich mich daran erinnern, dass vor einigen Jahren so ein Geschichtshype um die Olympischen Spiele von 1936 bestand und jeder war der einhelligen Meinung, das war total doof und beförderte die internationale Legitimation des deutschen Regimes.
    Heute ist das ja gerne mal genau anders herum und man sagt stattdessen, man würde ja mit dem Sport auch die Demokratie exportieren. Also ob der IOC oder die FIFA auch nur irgendwo annähernd was mit Demokratie zu tun hätten. Das einzig demokratische ist deren Verständnis von Finanzen: all das Geld gehört uns allen – also allen im Aufsichtsrat…!
    In Wirklichkeit bringen diese Beschwerden wahrscheinlich gar nichts mehr, denn man redet nur darüber, dass es diesen Leuten nur um das Geld ginge und die Menschenrechte wären ihnen egal – was stimmt. Aber keiner deckt genau auf, woher das ganze Geld kommt (z.B. EU-Subventionen, Investoren, usw.), sonst wäre das dann doch zu unbequem.

    Immerhin, es gibt auch eine positive Nachricht: das Statement der Piratenpartei „Was die Menschenrechte betrifft haben wir in der Partei noch keine Linie gefunden und wir befinden uns da aktuell in der Diskussio“ ist ausgeblieben.

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  3. pantoufle sagt:

    Demokratie-Exporte sind immer so eine Sache … Mal ist`s der Leopard 2, mal Karl Carstens (Widerstandskämpfer bei der Reiter-SS), Heinz Rühmann oder Veit Harlan. Gründe über die Alternativlosigkeit solcher unappetitlichen Sternschnuppen fanden sich immer; im Zweifels ist es das Geld.
    1936 war es nicht der Sport – diese fadenscheinige Begründung wurde erst später nachgeschoben – der Hitler arrivierte. Es war schlicht die Verlockung, endlich wieder lukrative Geschäfte in Deutschland machen zu können. Die Weltwirtschaft legitimierte das Dritte Reich, weil deren Machthaber eine hinderliche Markthürde beseitigten: Den Versailer Vertrag.
    Das man davon später nichts mehr wissen wollte, erhob die olympischen Spiele in eine Position, die sie nie hatten. Argumentativ bewegt sich das auf dem selben Level wie „Hitler hat die Autobahnen gebaut“.
    Aber das nur nebenbei – um mit Kanibalen Geschäfte machen zu können, ist das Kapital nie um eine Ausrede verlegen. Manchmal ist es eben „die Demokratie“, was immer das in diesem Zusammenhang sein mag. Wozu das seit 1945 geführt hat, ist den aktuellen Tageszeitungen zu entnehmen. An Nebeneffekten ist dabei so ziemlich alles Denkbare aufgetreten.
    Nur eben keine Demokratie.
    LG
    das Pantoufle

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