In der Zwischenzeit

Der Redaktionskampfhund Oskar bleibt stehen. Setzt sich nicht. »Boss!« »Ja, Redaktionskampfhund?« »Dieser Teppich da… Das ist nicht der selbe wie der von Gestern«
Das ist fein erschnüffelt! Es ist tatsächlich nicht der gleiche, sondern ein anderer. Der andere ist vollkommen zu recht in der Wäsche. Er stank gotteserbärmlich nach Sabber, Schweineohren und war über und über mit Hundefedern bedeckt. Deswegen ist er nun in der Waschmaschine; zugegebenermaßen mit dem Hintergedanken, daß Oskar sich wollüstig mit dem neuen anfreundet und man den alten unauffällig verschwinden lassen kann.

»Boss: Der bleibt aber nicht, oder?«
»Das ist ein Premium-Redaktionskampfhund-Läufer und Du wirst ihn lieben! Sieh mal… so tief, so sanft zum Fell und riechen tut er auch bald wieder.« Der Chefredakteur der Schrottpresse liegt anschaulich Probe. Die Läufe an den Körper gezogen, die Vorderpfoten elegant übereinander… »Ich würde mich nie mit Pfotenschonern auf meinen Teppich legen!« Verdammt, die Stiefel!
»Jaja – schon gut! Das dient ja auch nur zur Demonstration! So ein schöner Teppich. Also ich finde ihn großartig!«
»Außerdem halte ich die Pfoten ganz anders. Wie siehts übrigens an der Leckerchenfront aus?« Oskar ist ja nicht vollkommen abgeneigt, weiß seinen Widerwillen aber durchaus als Anreiz zur außerplanmäßigen Fütterung umzudeuten. Außerdem kann er in der Zeit, wo ich die Leckerchen ranschaffe, den Teppich richtig hinlegen. Der liegt nämlich vollkommen falsch. Man sollte sowieso Hunde Teppiche auslegen lassen. Hunde können das, Menschen nicht. Zu wenig Wellen und viel zu gerade. Menschen können so einiges nicht; dazu braucht man nicht den Redaktionskampfhund Oskar zu fragen.

Sigmar Gabriel zum Beispiel. Kann Sigmar Demokratie? Nach Kanzler fragt ja schon seit Jahren niemand mehr und selten gingen Selbsteinschätzung und Realität so getrennte Wege wie bei diesem Spezialdemokraten. Sein größter Kummer ist vermutlich, daß er noch nicht gestorben ist – den letzten entscheidenden Schritt vom Volksvertreter zum Staatsmann hatte er also noch vor sich.
Aber üben ist ja erlaubt: »Deshalb sind wir übrigens auch nicht erpressbar, sondern erwarten von der griechischen Regierung – egal wer sie stellt – daß die mit der EU getroffenen Vereinbarungen eingehalten werden.« Das auffällige Angstkläffen des Bundeswirtschaftsministers im Zusammenhang mit dem drohenden Wahlsieg der Linken in Griechenland ist genau das: Erpressung und auch genau so gemeint. Dem unbedarften Beobachter stellt sich allerdings die Frage, ob Gabriel dabei als unattraktives Sprachrohr der Kanzlerin oder aus Sozialdemokratie-Phobie handelt. Zu allem Übel meldet sich nun auch noch ein Intimfeind auf der politischen Bühne zurück. Das demokratisches Urgestein Giorgos Papandreou – selbst Opfer von Erpressungen Merkels und Sarkozys – verlässt die Pasok und gründet wenige Wochen vor der Wahl die »Bewegung der Demokraten und Sozialisten«.

»Gegen das, was die (Griechen) gerade an Kürzungen ertragen müssen, war die Agenda 2010 ein laues Sommerlüftchen.« So klang es noch 2011 bei einem Gespräch Gabriels mit Günter Grass. In der Opposition konnte man sich noch ein Molekül Sozialismus erlauben, aber in der Regierungsverantwortung und unter der angeblich Drohung griechischer Radikal-Linker der Syriza… ? Zu lange her, Vergangenheit? In dieser vergesslichen Zeit lohnt es sich, dort etwas zu bleiben:

»Auch Syriza will, daß Griechenland im Euro-Raum verbleibt. Aber sie wollen gleichzeitig das Sparprogramm neu verhandeln, weil es nicht funktioniert. Das weiß mittlerweile fast jeder ökonomisch gebildete Mensch.

Vor zwei Wochen (Juni 2012) mußte sich der griechische Staat beim Rettungsfonds EFSF 4,2 Milliarden Euro zu einem Zinssatz von etwa vier Prozent leihen. Die Regierung reichte die Summe gleich an die Europäische Zentralbank weiter, um auslaufende griechische Staatsanleihen zu kaufen. Griechenland leiht sich also Geld bei einer Instanz der EU, um es sofort einer anderen EU-Instanz zu geben. Zugleich legt man dem Land Sparmaßnahmen auf , die es in den Ruin treiben. Wie soll Griechenland so jemals seine Schulden abtragen?
Griechenland kommt irgendwann an einen Punkt, an dem es unter den bestehenden Bedingungen nicht mehr Mitglied der Euro-Zone sein kann. Syriza sagt: So kann es nicht weiter gehen, wenn wir den Euro behalten wollen. Wir können euer Geld nicht nehmen zu Konditionen, unter denen wir es euch niemals zurückzahlen können. Die Partei handelt verantwortungsvoll, wenn sie das gegenüber Europa so klar ausspricht. Ich hätte erwartet, daß der deutsche Steuerzahler das zu schätzen weiß. […]

Die Lösung der Krise kann nicht aus Griechenland selbst kommen. Europa muß nach zwei Jahren zur Besinnung kommen und endlich akzeptieren, daß es nicht alleine eine Krise Griechenlands ist, sondern die Euro-Zone ein strukturelles Problem hat. Europa muß dieses Problem lösen. «

Yanis Varoufakis 2012, Zeit.de

Auch zwei weitere Jahre später ist keine Spur von Besinnung wahrnehmbar. Ebensowenig an Einsicht: Immerhin sind die Gründe von Neuwahlen in Griechenland nachvollziehbar. Dem Parteifreund Andonis Samaras, dem ehemaligen EU-Kommissar Stavros Dimas, gelang es auch nach dem dritten Wahlgang nicht, genügend Stimmen zur Wahl für das Amt des Staatspräsidenten zu gewinnen. Da half keine Bestechung (die Athener Staatsanwaltschaft ermittelt mittlerweile) noch die Tatsache, daß es auch keinen Gegenkandidaten gab.

»Vor der zweiten Runde der Abstimmung sagte der Abgeordnete der Partei Unabhängige Griechen, Pavlos Haikalis, jemand habe ihm 700.000 Euro in bar, die Rückzahlung von Kreditschulden und Werbeverträge angeboten, wenn er bei der Abstimmung im Parlament für den Kandidaten der Regierungskoalition votiere.[…] Bereits im November hatte eine Abgeordnetenkollegin der gleichen Fraktion behauptet, ein Mann habe ihr Geld angeboten, damit sie für Dimas stimme«

Nicht nur die griechische Verfassung fordert in diesem Falle Neuwahlen sondern auch jedes demokratische Verständnis. Nur die SPD nicht. Sie warnt sogar ausdrücklich davor, jemand anderen zu wählen als den soeben diskreditierten und nennt das kurioserweise noch Erpressung. Mit im schönsten griechischem Aufschwung die Linksradikalen wählen?

»Dieter Kassel: Wenn die griechische Wirtschaft jetzt plötzlich wieder wächst, müssen dann nicht auch Kritiker wie Sie zugeben, daß das nicht so ganz falsch war, was der Währungsfonds und die EU von Griechenland gefordert haben?

Jürgen Roth: Nein. Es wäre schön, wenn es so wäre, wenn wir unrecht hätten, oder wenn ich unrecht hätte. Aber was heißt es denn, die Wirtschaft wächst? Das heißt, daß aufgrund des radikalen Abbaus der Arbeitnehmerrechte, des radikalen Abbaus von Arbeitsplätzen der Stand natürlich für die Arbeitnehmer katastrophal ist, wie er zuvor war. Die Einzigen, die davon profitieren, sind einzelne Teile wohlweislich der Wirtschaft. […]

Jetzt ist das Ziel erreicht. Das Ziel heißt ja, daß die demokratische Partizipation der Bevölkerung – und es geht um die Arbeitnehmer, das ist ja sozusagen der Fokus meines Interesses, sollte eigentlich der Fokus auch der Politiker sein –, … Wenn so radikal abgebaut worden ist an Arbeitnehmerrechten, wenn die Arbeitslosigkeit, die Jugendarbeitslosigkeit ja noch weiter gestiegen ist, sie ist ja nicht geringer geworden – was heißt denn das dann eigentlich? Das heißt, daß diese Politik der radikalen Schuldenbremse, daß die eher dazu geführt hat, daß demokratische Entscheidungen gar nicht mehr möglich sind. Das heißt, es bestimmt, was ja im Prinzip auch nichts Neues ist, nicht unbedingt der normale Bürger die Politik, sondern es bestimmen ganz bestimmte wirtschaftliche und politische Eliten die Politik. Und daran hat sich überhaupt nichts geändert.«

Deutschlandradio Kultur

Ergänzend dazu dieser Link: Nashörner verwandeln sich wieder in Menschen

Abschiedsbrief des 77 Jahre alten Apothekers Dimitris Christoulas, der sich am 4. April 2012 auf dem Syntagma-Platz erschoss.

»Die Besatzungsregierung Tsolakoglou hat die Möglichkeit meines Überlebens ausgelöscht, welche sich auf eine menschenwürdige Rente stützte, für die ich 35 Jahre lang ohne jeglichen Zuschuss vom Staat eingezahlt habe. Da ich ein Alter erreicht habe, bei dem ich nicht mehr in der Lage bin, aktiv zu intervenieren (ohne jedoch auszuschließen, daß, wenn ein Grieche eine Kalaschnikow ergriffen hätte, ich dann der zweite gewesen wäre), finde ich keine andere Lösung als ein würdiges Ende, bevor ich die Mülltonnen durchwühle, um mich zu ernähren. Ich glaube, daß die zukunftslose Jugend eines Tages die Waffen ergreift, und am Platz der Verfassung die nationalen Verräter mit dem Kopf nach unten aufzuhängen, wie es die Italiener 1945 mit Mussolini taten.«

Das ist wohl das, was Gabriel und die seines Geistes so nervös macht.

Der gute Herr Tsipras

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