Ich erinnere mich nicht

Im Sommer konnte man den Weg von der Schule nach Hause abkürzen. Einfach neben der Brücke in der Mitte des Städtchens hinunter zur Illmenau steigen und entgegen des Stromes bis zum hohen Abhang unseres Gartens wandern. Das war natürlich strengstens verboten, weil, wie man nicht müde wurde zu warnen, das Ufer glitschig, der Strom reißend und das Flüßchen überaus tief sei. Bis nach Hamburg, in die Elbe und dann war es auch schon Nordsee.

Nahe Cuxhaven bei der alten Liebe hatte ich in den Ferien gesehen, wie die Elbe Nordsee wurde. Während ich beim Anblick eines unendlichen Horizontes davon träumte, mit dem Klepper-Faltboot eines Tages bis hierher – mindestens bis hier! – zu gelangen, betrachteten die Eltern die Wellen vermutlich mit der Abneigung, mit der man ein Ding sieht, das etwas sehr geliebtes tot an den Strand spült.

Die vielen Jahre später, selber Vater und geliebte Kinder, weiß ich nun wie dieses Wasser dich gleichgültig trägt. Wenn die See mordet, so tut sie es gleichgültig. Sie schert sich nicht um den Hass der Mutter oder die Schreie der Ertrinkenden. Die See liegt – gleichgültig – zwischen dir und der Ferne, der Sehnsucht. Bist Du zur See gefahren? Dann weißt du, warum Seeleute nicht schwimmen können. Gleichgültig.
Aber soweit sind wir noch nicht, und wenn ich eines Tages tatsächlich das Faltboot an dieser Stelle ans Ufer brachte, so lag das noch in weiter Ferne.

Bis hier aber wurde der angenommene Vorteil einer Abkürzung dadurch zunichte, daß man weit vor dem eigenen Heim den mühsamen und nicht ganz ungefährlichen Weg durch einen der Nachbargärten zurück auf die Straße nehmen mußte. Vorbei an knurrenden Hunden und zeternden Omas. Ach, sie liefen so langsam zu den niedrigen Zäunen.
Die gestohlene Zeit der Abkürzung konnte vielerlei bedeuten. Im Schatten der Bäume die allfälligen Schulaufgaben zu erledigen soll vorgekommen sein; öfter eine verborgene Zigarette hinter der Turnhalle. Oder – sollte zufällig noch Taschengeld vorhanden sein – eine Tüte Waffelbruch vom Bäcker, die man auf dem Weg entlang des Wassers als Amuse-Gueule des Mittagessens zu sich nahm.
Mädchen? Nein, noch nicht. Auch wenn man damit jede beliebige Menge an Zeit hätte verbringen können. Es gab ja so viel Zeit. Die attraktivste Frau in meinem Leben war meine Englischlehrerin Frau Nesselhut. Eine kleine, patente Person, die ihr Zeichen mit einem Brandeisen in meinem Herzen hinterließ. Es blieb der einzige Mensch aus meiner Schulzeit, der mir Sympathie entgegenbrachte, Ehre ihrer Asche.

Mit ihr hätte ich den letzten, klebrigen Rest Waffelbruch geteilt, ihr die letzte Lakritzschnecke überlassen.

Ich wollte ihre Hand halten, ihr ein liebes Wort flüstern. Sie zum Lachen zu bringen getraute ich mich nicht. Gewiß hätte sie gelacht, für einen kurzen Moment. Sie beugte sich leicht vor und ihre Hand hob sich ganz leicht in die Richtung des Glases auf dem Tisch, begleitet von einer lächelnden Bitte. Ich goß etwas aus der Karaffe nach ins halbleere Glas. Was kann man mehr tun als ihr zu verstehen geben, daß es nur das ihre ist, für sie aus einem vollen Herzen. Was ist es, das uns vor der Krankheit so zurückschrecken läßt, das flirrende Gas zwischen ihr und mir, welches sie wie Kokon umhüllt? Nähme ich sie in den Arm, so würde sie wie Glas zersplittern, ein Regen aus bunten Kristallen, der, sanft heruntergefallen, einen Regenbogen auf dem Pflaster der Terrasse bilden würde.

Ich wollte ihre Hand halten, ihr ein liebes Wort flüstern. Sie zum Lachen zu bringen getraute ich mich nicht. Gewiß hätte sie gelacht, für einen kurzen Moment. Sie beugte sich etwas vor und ihre Hand hob sich ganz leicht in die Richtung des Glases auf dem Tisch, begleitet von einer lächelnden Bitte. Ich goß etwas aus der Karaffe in das halbleere Glas. Was kann man mehr tun als ihr zu verstehen zu geben, daß es nur das ihre ist, für sie aus einem vollen Herzen.
 Was ist es, das uns vor der Krankheit so zurückschrecken läßt, das flirrende Gas zwischen ihr und mir, welches sie wie ein Kokon umhüllt? Nähme ich sie in den Arm, so würde sie wie Glas zersplittern, das Rieseln der bunten Kristallen, die, sanft heruntergefallen, einen Regenbogen auf dem Pflaster der Terrasse bilden würde.

Anke

Fixsterne am Himmel und helle Kerzen in der Parallelklasse sind natürlich nicht vergleichbar. Die Bäckerei nahe der Schule hatte sich frühzeitig dem angenähert, was man später als kundenorientiertes Marketing bezeichnete. Welche Bäckerei verkauft schon Eis? Anke liebte Schoko-Vanille, also liebte ich auch Schoko-Vanille. Wenigstens die Liebe zu dieser Verbindung blieb bis zum heutigen Tage und sei es nur als Trotzreaktion auf Latte Macchiato und Mascarpone mit Erdbeeren.

Diese süße, leicht braune Spitze auf der Waffel als letztes Band zu Anke. Anke hatte einen Busen mit dem Schwung einer solchen Spitze der Eiswaffel, was erheblich mehr war, als alle ihre Klassenkameradinnen aufzuweisen hatten. Auch dann, wenn man nur ein Eis für 10 Pfennig bestellte.
Die Sehnsüchte der Kindheit nahmen den Weg des Taschengeldes. Klassenbeste und Sprecherin ihrer Mitschüler; ich denke, sie war ein kluges Mädchen. Und natürlich mochte ich sie, weil sie einen skeptischen Blick auf mich geworfen hatte. Sprachlos an der Theke des Bäckers, Verschworene an der geheimen Stelle des Flußes. Weißt du noch, dieses Gefühl des ersten Kusses?

Die Zuneigung zum Bäcker erfuhr einen Dämpfer durch das Berufspraktikum, welches man als Zögling der örtlichen Lehranstalt zu absolvieren hatte. Zu meinem Verdruß bekam ich eine Absage vom der Treckerwerkstatt wie auch vom Autoverkäufer. Opel. Unter allen späteren Fahrzeugen kam bei mir diese Automarke nicht vor.

Bäcker müssen sehr früh aufstehen. Es ist schon aberwitzig, junge Menschen in sternenheller Nacht auf die Straße zu scheuchen, nur um ihnen eine Botschaft zu vermitteln, die auch Platz auf dem Blatt eines Abreißkalenders hätte. Endlich sah ich mit eigenen Augen, wie man Waffelbruch in Tüten verpackt. Es war Winter und der Platz vor dem Backofen der Brötchen entschädigte ein klein wenig – sehr wenig! – dafür, daß Trecker oft auf freiem Feld repariert werden müssen. Der Liebe (ist das Liebe, dieses erste Tasten?) zu Anke tat das keinen Abbruch, auch wenn wir uns für einige Zeit nicht mehr sahen. Bäckerei-Fachverkäuferin lag noch in weiter Ferne und die Frau des Bäckers besaß die Alleinherrschaft über die knappe Grundfläche des Geschäftes in der Manie eines tollwütigen Napoleons. Auch einer dieser Pläne, die nicht einmal den Weg zur Schublade fanden.

Ankes erste Gehversuche als Verkäuferin eines Edeka-Marktes erwiesen sich als zukunftsweisend.

Was blieb, war ein grundlegendes Mißtrauen gegenüber Bäckereien.

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Kommst Du? Du weißt aber, daß Dir dieser Gehrock rein gar nicht steht! – wie oft habe ich es Dir das gesagt…
Mutter!
Du bist mit mir verheiratet! Die Booknells kommen übrigens auch, und wenigstens daran solltest Du Dich noch erinnern.
Nein, wir bleiben nicht zu Hause!

Dort war ein Wald. Na gut, Wald mag vielleicht übertrieben sein – dort standen Bäume. Ich schalte mehr als 45 Jahre später  zwei Gänge herunter und drehe den Gasgriff zum Anschlag. Hier kennt mich niemand mehr und das Vorderrad steigt ein wenig nach oben. Früher ließen wir uns hier von unseren Hunden auf den Fahrrädern ziehen, blaue Doggen. Mit genußvoll aufgerissenen Augen. Doggen laufen so schnell wie Vögel fliegen. Prinz sprang zur Freude der Passanten gerne über den Jägerzaun unseres Gartens. Ohne Anlauf und wie Federstahl, um sich dann vor den stocksteif Wartenden hinzusetzen in Erwartung von Leckerchen oder wenigstens Streicheleinheiten.

Ein einziges Mal sprang er zu kurz und blieb mit dem Schenkel an einer Spitze des Holzes hängen. Die Frau Mama hatte ihren Führerschein in früher Jugend und danach einen großen Bogen um Autos gemacht. Es blieb das einzige Mal, daß ich sie hinter dem Steuer sah. Ein Citroen DS21 mit einer blutenden Dogge auf dem Weg zum Tierarzt. Auf dem Rückweg bestand ich darauf anzuhalten und dem Tier wenigstens ein paar Bröckchen Waffelbruch zu spendieren. Während Mama im Geiste noch einmal die notwendigen Handgriffe für den Heimweg durchging, verfütterte ich den Inhalt der Tüte an den Rekonvaleszenten.

Ist ja schon gut! Dort, wo der Weg in freiem Feld mündete, liegt heute ein Wohngebiet. Und was die Bewohner hier von schwarzem Leder und Motorrädern halten… Diese Blicke!, aber was führe ich mich auch so auf.

Gegenüber der Schule protzt die Gemeindeverwaltung. Die Bushaltestelle, der Schulhof. »Was wünschen Sie bitte?« Auf eine Erklärung verzichte ich. Vielleicht erinnert sich sonst noch jemand an meinen Namen. Die Augen könnte man schließen und doch den Weg zum Bäcker finden. Was blieb davon? Eine Eisdiele.

Der Edeka-Markt drei Minuten fußwegs die Straße hinunter.
Gleichgültig.

 

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Besitzt Du dieses Kleid eigentlich noch? Ich erinnere mich… es war… Und auch diese Kette. Gott sei Dank haben wir damals dieses Bild machen lassen. Wie schön Du bist und wie schön Du warst.
Deine Schönheit gibt mir das Gefühl, selber nicht gar so alt geworden zu sein. Immer noch siehst Du mich mit diesem Blick an… was hast Du damals gedacht?
Dein Gesicht, Deine Augen – Du bist mein Testament.

lc3a4den-alltagskulturDas Teestübchen Trithemius hat hat ein Rundschreiben mit dem Motto »Die Läden meiner Kindheit« ausgeschrieben und daran wollte ich mich auch erinnern.

Bei der wunderschönen Frau in ihrer großartigen Garderobe handelt es sich übrigens um Alice Roosevelt Longworth, der ältesten Tochter des amerikanischen Präsidenten Theodor Roosevelt. Eines der Zitate über seine Tochter lautete: »Ich kann entweder das Land regieren oder mich um meine Tochter kümmern, aber nicht beides.«

Das will ich gerne glauben.

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Ein Kommentar zu Ich erinnere mich nicht

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