Ich, der Terrorist

Ach? Das überrascht Sie, hier von mir zu lesen? Jemand behauptet unangeklagt von sich, ein Terrorist zu sein? Kein vollsinniger Mensch würde so etwas schreiben. Terroristen leben im Verborgenen, im Zwielicht, umgeben von Sprengstoff-Ingredienzien und zweifelhafter Literatur. Sie wollen zuerst eines: Unerkannt bleiben.
Sehen Sie: Und schon geht es los! Vorurteile und Unwissen. Höchste Zeit also, einmal ein wenig Aufklärung in dieses lange vernachlässigte Kapitel zu bringen; Einblick zu gewähren in eine unterschätzte Berufsgruppe, die ausgestoßen am Rande der Gesellschaft um ihr kärgliches Einkommen kämpfen muß.

Stichwort Outsourcing. Es ist im heimischen, standortverbundenen Terror nicht anders als bei VW oder Kraus Maffei Wegmann: Flexible Kooperationsvereinbarungen bedeuten in der Regel Billiganbieter aus dem Ausland. Warum einen ideologisch geschulten und technisch versierten einheimischen Attentäter benutzen, wenn man aus Nahost oder den ehemaligen Ostblockstaaten den Billigbomber als Dutzendware für ein paar Silberlinge bekommt? Im schlechtesten Fall greift der Kunde gleich zum Einweg-Terroristen! Eine Handtasche oder ein Sprengstoffgürtel, kurze Instruktion, in welche Richtung der Bedauernswerte zu laufen hat und der lapidare Hinweis »…und dann zählst du langsam bis zehn!«

Wer das mit Qualität verwechselt, kauft sein Brathuhn auch aus der Legebatterie. Es ist zum Weinen. Wo ist der Qualitätsattentäter geblieben, der – in modisches schwarz gekleidet – frei heraus mit dem Ruf »sic semper tyrannis« aus der Menge tritt, nicht achtend der Gefahren, die von den bewaffneten Bütteln ausgehen? Die malerische Bombe in der Hand, die rauchende Zündschnur und der feste Wille, die verrottete Gesellschaft mit einer Granate zu verändern. Hier – und nur hier – sehen wir Berufsethos, handwerklich saubere Arbeit und den bewundernswerten Willen gesellschaftlichen Engagements.

Folgen Sie mir also und werfen Sie einen Blick hinter die Kulissen. Sehen Sie einmal den Alltag und die kleinen Sorgen dieser im Verborgenen agierenden Idealisten. Versuchen Sie zu verstehen und vielleicht werden auch Sie sagen »Sind wir nicht alle ein wenig terroristisch?«

Donnerstag, 6:00, irgendwo im imperialistischen Unrechtsstaat.

Die Sonne ist erst eben über den Häusern aufgegangen. Blutrot (sic!) steht sie über den Schonsteinen der kleinen Stadt. Es verspräche ein herrlicher Tag zu werden, zeichneten sich die Auftragsbücher nicht durch gähnende Leere aus. Die »Welt« und »das Attentat« stecken im Briefkasten. Berufslektüre bei Kirschkonfitüre und fair gehandeltem Kaffee.
Wo immer die Geknechteten dieser Erde auf Befreiung hoffen: Im Blatt »die Welt« werden ihre Länder als blühende Landschaften geschildert – im »Attentat«, was man dagegen tun kann.

7:00

Auch heute wieder gähnende Langeweile. Anhäufungen prominenter Politiker auf engstem Raume (nur 3 Kilo Pentaerythrittetranitrat und der Lauf der Geschichte wäre nicht unerheblich beeinflußt). Im »Attentat« bei den Kleinanzeigen angekommen: Massenvernichtungswaffen aus dem Versandhandel, Sprengstoff aus Düngemitteln – dagegen sind Offerten für Röntgenbrillen geradezu seriös! Ich hätte das Blatt ja schon vor Jahren abbestellt, wären da nicht hin – und wieder interessante Beschreibungen berühmter Anschläge und die durchaus ernstzunehmende Rubrik »Neues aus der Waffenkammer«.
Die Seite »da lacht der Terror!« Heute: »Treffen sich zwei Scharfschützen…« Unterirdisch!

8:00

Arbeitsbeginn. Mangels seriöser Aufträge heute wieder nur Training und das Ausspähen verwundbarer Punkte im Land der Unterdrückung. Ich verkneife mir ein aufmunterndes »Guten Morgen, Geknechteter!« beim Anblick des Hausmeisters. Ein mißtrauischer Mensch. Wäre er nicht spätestens ab 10:00 Uhr betrunken, wäre er eine echte Gefahr. So aber faselt er lallend von Bomben, der Abschaffung von Geld, Markt und Eigentum und der Revolution. Seine Alkoholfahne ist meine beste Tarnung. Die wohlgefüllte Werkzeugtasche, dunkle Sonnenbrille und der feste Wille, dem Imperialismus den tödlichen Schlag zu versetzen, trete ich vor die Tür.

9:00

Die Masse der ausgebeuteten Werktätigen bevölkert die Nahverkehrsmittel. Belausche ein Gespräch von zwei älteren Männern, die sich über repressive Maßnahmen der Herrschenden betreffs des Rentenalters unterhalten. Die Namen von Politikern fallen, haßerfüllte Blicke – dabei wäre es doch so einfach! Das stärkt meinen Willen, das ist Arbeitsmotivation, auch wenn die Revolution heute noch ein Nickerchen macht.

10:00

Um die willigen Vollstrecker der Reaktion etwas zu beschäftigen, verteile ich auf dem Bahnhof zwei betont unauffällige Pakete direkt unter den Überwachungskameras. Dann kann man sicher sein, nach Feierabend in der Tagesschau der Entschärfung von Hundescheiße beiwohnen zu können. Spaß muß sein.

10:30

Das Internetcafe ist um diese Uhrzeit noch recht leer. Ein türkischer Mokka und vom passwortgeschützten iranischen Server läd die Morgenpost auf den USB-Stick mit der Debian Live-Distri. Sehe durch das Fenster, wie die Büttel mit Mannschaftswagen, Sprengstoffkommando und Suchhunden in den Bahnhof einfallen. Wenigstens die Hunde werden ihren Spaß haben.

11:00

Schießtraining im Schützenhaus. Parcoursschießen mit der guten, alten Mauser C96. Um mich herum ballert und knallt es, daß es nur so eine Freude ist. Wären die Schützen nicht alle verdächtig glatzköpfig, die Kommandos nicht schnarrend militärisch – offenbar erzieht sich die Reaktion hier ihre eigene Untergrundarmee. Hier fällt man nicht einmal auf, wenn man mit einer Panzerfaust auf der Schulter anrückt. Wer ist so dumm und kauft sein Schießgerät heutzutage noch im Internet? Hier gibt es alles Unregistrierte, was das Attentäterherz begehrt.

12:00

Die gewerkschaftlich garantierte Mittagspause ruft! Leerer Magen bombt nicht gerne, wie wir Attentäter zu sagen pflegen. Das deutsche Eck lockt mit Bratwurst und der Stimme des Volkes, der türkische Imbiss mit Kultur. Entscheide mich heute für Kultur und bestelle ein Döner mit alles und schaaf. Unter einem Baum im Park sitzend kaue ich das Lammbrötchen und lese. Die Geschichte der Narodniki. Ach, waren das Zeiten! Diese Volksnähe, dieser schwärmerische Idealismus. So macht Berufslektüre Spaß.

13:00

Das Aufstehen fällt schwer. Habe die Beschreibung des Attentats auf Zar Alexander II mehrmals gelesen. Zwei Attentäter! Das war Teamwork von feinster Hand. Und das bei den ärmlichen Mitteln, die den Helden zur Verfügung standen. Dynamit in Dosen. Man denke nur: Dosen!
Gemessen am heutigen Standard eine geradezu lächerliche Ausrüstung. Heutzutage stehen gerade dem staatlichen Terrorismus Werkzeuge zur Verfügung, die diese Helden vor Neid hätten erblassen lassen. Scharfschützengewehre mit einer Reichweite von mehr als 800m, Gift, Lenkbomben oder gar Drohnen, die über tausende von Kilometern fernsteuerbar sind.
Dynamit in Dosen! Was da wohl vorher drin war? Cambells Soup?

14:00

Habe verschiedene Formen von Hakenkrallen zurechtgeschweißt. Nur die richtige Dimensionierung verspricht ein maximales Ergebnis. Unter der Brücke führen mehrere Gleise in Richtung Bahnhof. Drei Krallen und doch so unterschiedliche Wirkung. Die erste wird folgenlos funkensprühend 200m mitgeschleift, Nummer zwei fliegt sofort weg, währen die Dritte gleich die ganze Oberleitung abreisst. Der Zug kommt nach erstaunlich kurzer Zeit zum Stehen. Während die Polizei anrückt, helfe ich einer alten Dame über die Straße. »Na, das war aber ein Feuerwerk!« lacht Oma.

15:00

Auf dem Konrad-Kennedy-Platz ist eine Veranstaltung. Die Republikaner riefen das Volk, aber nur die Polizei kam, um die Faschisten gegen eine handvoll Gegendemonstranten zu beschützen. Ich setze mir einen Tirolerhut auf und gehe im Stechschritt, mit dem Regenschirm fuchtelnd, an den Stand der Faschisten. Die Polizei läßt mich anstandslos passieren. Der Hauptredner hat gerade seine Ansprache beendet, kommt vom Rednerpult herunter und wischt sich die Reste von Eierschalen vom Anzug. Ich gehe auf ihn zu, drücke ihm die Hand und versichere ihm meine Sprachlosigkeit angesichts des Gesagten.
Eine nette, kleine Übung besteht darin, Ammoniumhydrogensulfid mit brauner Farbe zu mischen und mittels eines kleinen, wohldosierten Explosionsstoffes in der näheren Umgebung zu verteilen. Die Eier-Einschläge der Demonstranten rücken näher, die Faschisten haben sich gemeinsam unter einem Schirm verkrochen – Zeit, das Weite zu suchen.
Aus sicherer Entfernung sehe ich auf die Uhr. Ja, die Herrschaften: Sie hätten jetzt noch 2 Sekunden Zeit gehabt…

16:00

Machen wir uns nichts vor: Es sind Kinkerlitzchen! Fingerübungen an einem lauen Nachmittag. Aber auch das will geübt sein. Die sichere Hand, der geeignete Zeitpunkt, das Weite zu suchen und der feste Wille, dem Imperialismus den Garaus zu machen.
Die Zeit bis Feierabend verbringe ich mit einigen Punks unter der Brücke, die interessiert zusehen, wie Bahnarbeiter die zerstörte Oberleitungen reparieren. Ein martialisches Äußeres mit Herzen aus Gold paaren sich mit bemerkenswertem handwerklichen Geschick. Biegeproben aus herumliegenden Drahtstücken, die in dieser Form natürlich nur die prinzipielle Funktionsweise erläutern können, sind Zeichen für die unabdingbare Nachwuchsförderung. Ja, auch in unserem Gewerbe herrscht Nachwuchsmangel, auch hier wird zu oft durch Mangel an Bildung und Arbeitsunwilligkeit ein Engpaß geschaffen, dessen üble Folgen wir bereits in naher Zukunft spüren werden.

17:00

Der verdiente Feierabend. Noch ein paar Dosen Bier mit den freundlichen Punkern und dann soll es gut sein für heute. Ein Tag ohne besondere Vorkommnisse. Einer, an dem das System, sich in falscher Sicherheit wiegend, weiterschläft bis zum Tag X. Möge er recht bald kommen!

20:00

Seltene Höhepunkte der Innenpolitik. Manchmal macht Fernsehen Spaß. Ein Sprecher den Innenministeriums verkündet mit trauerumflorter Stimme einen Anschlag auf den Geist der Verfassung. Im Hintergrund einige Punks, die improvisierte Plakate hochhalten. Sein Polizeisprecher verkündet die erfolgreiche Entschärfung bombenähnlicher Behältnisse. Nur mit Hilfe der Internetüberwachung und dem Augenzeugenbericht eines Hausmeisters sei man in der Lage gewesen, Schlimmeres zu verhindern. Eine verdächtige ältere Dame sitze bereits in Untersuchungshaft – mit einem umfassenden Geständnis sei in Kürze zu rechnen. Die Rentnerin habe sich erfolglos der Verhaftung widersetzt und die Beamten auf das übelste mit Ausdrücken wie »Scheißbullen« und »Knechte der Reaktion« beschimpft.
Weitere Ergebnisse in Kürze.

Ich muß eingeschlafen sein. Vor dem Fernseher eingeschlafen! Man sollte mal wieder Urlaub machen. Ein Ferienlager in Pakistan mit netten Animateuren und einem reichhaltigen Sportprogramm – das wär mal was! Der Katalog des Reisebüros der Dschihad-Union liegt auf dem Nachttisch. Zeit, ins Bett zu gehen.

Lieber Leser!
Wie Du siehst, unterscheidet sich der Arbeitstag des Terrors in keiner Weise von dem der unterdrückten Massen. Die selben Sorgen, die selben Nöte. Ich hoffe, ein wenig mehr Verständnis für unseren zu Unrecht in Verruf geratenen Berufsstand geweckt zu haben. Auch der Terror hat ein menschliches Antlitz!
Wenn Du also beim nächsten Mal den Attentäter auf der Straße erkennst: Sprich ihn an. Auch er hat ein Herz, das der Zuneigung bedarf. Lade ihn doch einfach mal zum Grillen ein, sing mit ihm die alten Lieder… Völker, hört die Signale… und Du wirst sehen: Der Terrorist: Ein Mensch wie Du und ich!

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0 Kommentare zu Ich, der Terrorist

  1. itler sagt:

    „… beide Tot!“
    ROFLMAO
    YMMD
    doppelplusgut !!!!!
    Du hast aber den wichtigsten Rohstoff ALLER „Terroristen“ vergessen Dihydrogenmonoxyd !
    😛

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  2. Pig Brother sagt:

    Als Mittäter des ausbeuterischen kapitalistischen Schweinesystems bestehe ich auf ein „P“ im gemutmaßten Sprengstoffbehältnis, sonst raucht’s. No pasaran!

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  3. pantoufle sagt:

    🙂
    Immer diese Sonderwünsche! Nix da – die Geschichte ist beendet, es ist ein neuer Tag, der uns der Abschaffung von Markt, Geld und Eigenthum wieder ein Stück näher bringt (wie faschistische Hausmeister sagen würde).
    Das gibts dann vielleicht in der Fortsetzung: »Wie ich einmal unheimlich subversiv war!«

    Rockn&Roll
    das Pantoufle

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  4. Maximilian Oberschlau sagt:

    hehe, funny 🙂 sehr netter Text. Me gusta.

    Pig Brother hat mit dem p im Namen des Dosensuppenproduzenten allerdings schon irgendwie recht…

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