Hitler – ein dringendes Bedürfnis

Von einem, der ankündigte, über etwas schreiben zu wollen: Das harte Schicksal eines Hitler-Biographen.
Hitler-Biographen haben es nicht leicht. Zu verführerisch ist es, ein Buch schreiben zu können, dessen Objekt sich als Verkaufsschlager während der letzten Jahrzehnte erwiesen hat – auf der anderen Seite: es gibt schon so viele. Und schlimmer noch sind darunter einige brillante Veröffentlichungen. Dazu kommt, sozusagen strafverschärfend, ein Effekt, den jeder erlebt, der eine noch so hochklassige, eloquent geschriebene Lebensgeschichte des Diktators vor der Nase hatte. Wer sich mit Hitler näher befaßte, wird alsbald einen abstoßenden, wenig interessanten Menschen von geringem Format in allen Bereichen finden. Spätestens bei der Lektüre von Hitlers Tischgesprächen kämpft man vergeblich gegen den Schlaf wie schon diejenigen, die sie leibhaftig erfahren durften. Um es einfach auszudrücken: Der Mann war totenlangweilig.

Joachim Fest, Sebastian Haffner, Marlis Steinert und nicht zu vergessen Bullocks »Eine Studie über Tyrannei«, erschienen bereits 1952 – von der Forschung teilweise überholt, aber mit einem selten klaren Blick verfasst. Wer es lieber amerikanisch im Stil von TV-Realityshows liebt, dem sei John Tolland ans Herz gelegt, wenn auch der Erkenntnisgewinn eher gering bleibt. Hat man all diese Brocken verdaut, erfreut man sich einer profunden Basis über den Menschen und Diktator; ob man danach noch mehr wissen will, sei dahingestellt.

Der irische Historiker Brendan Simms hat nun seine ersten Ideen für seine noch zu erstellende Biographie in der Zeitschrift »International Affairs« veröffentlicht. Es gilt, Volker Ulrichs sensationelle Enthüllungen wie »Hitler konnte nicht küssen« und »Nur vermuten läßt sich, daß Hitler das tat, was junge Männer in diesem Fall [wenn die Dame fehlt] zu tun pflegen, nämlich sich selbst zu befriedigen.« zu übertreffen. Eine harte Aufgabe.
Der Cambridge-Historiker holte aus und die FAZ katapultiert Brennan erwartungsgemäß ins Feuilleton:

»Antisemitismus als Folge von Antiamerikanismus«

Wer sich jetzt fragt, warum die FAZ genau auf diese Aussage so heftig anspringt, ist ein böser Mensch!

Warum tut sie das also? War es ein Wettstreit mit der WELT (Jetzt neu mit der Matussek-Formel!), die gleich eine Neuauflage des Historikerstreits sehen möchten? Die Quellenlage und bisherige Interpretationen Hitlers bis etwa 1923 lassen Simms wenig Spielraum für seine Vermutungen. Daß Hitler seit 1919 einen grenzenlosen Judenhass vertrat bestreitet er denn auch gar nicht. Aus dieser Zeit ist mindestens ein Dokument aus seiner Hand bekannt, daß dies eindeutig belegt.

»Simms’ Grundthese erscheint auf den ersten Blick provokativ: Zunächst habe sich Hitler zu einem Feind der angloamerikanischen Welt entwickelt, den er bald mit einem ausgeprägten Hass auf einen internationalen Kapitalismus verbunden habe. Erst dadurch sei im nächsten Schritt Hitlers antikapitalistischer Antisemitismus durchgebrochen.«

FAZ

Wem das bis jetzt entgangen war, ist wenigstens nicht alleine. Simms spricht aber ausdrücklich über das Jahr 1919, in dem Hitler England und Amerika als finale Gegner ausmacht – nicht Russland und den Bolschewismus. [Wie! Nicht Russland? Das könnte immerhin damit zusammenhängen, daß Russland bis 1922 in einen Bürgerkrieg verstrickt und die Sowjetunion noch gar nicht gegründet war. Wer da gewinnt, war nicht nur Hitler unklar.. nur mal so… Der Säzzer]

Unterstellt man nur für einen kurzen Moment, Hitler wäre in diesem Augenblick mit diesem durchdachten politischen Weltbild gesegnet gewesen: Welche neue Erkenntnis brächte das? Was Hitler in diesem Augenblick dachte oder glaubte zu wissen, ist in dieser Situation auch für seine spätere Geschichte kaum relevant.
Hitler war zu diesem Zeitpunkt V-Mann, vergleichbar mit den Kriminellen, die BKA und Verfassungsschutz am Laufen halten. Nur die Uniformen hinter den Schreibtischen waren andere. Spielt die Weltanschauung eines V-Mannes irgend eine Rolle, solange er nur nützlich ist? Hitler spionierte im Auftrag von Reichswehroffizieren verschiedenste Versammlungen aus und erstattete seinen Vorgesetzten davon Bericht – es ist eine bekannte Tatsache, daß er dabei den Verein DAP fand, aus dem später die NSDAP hervorging. Wer vor Hitlers Landsberger Gefängnisaufenthalt 1924 nach einer belastbaren Aussage über Hitlers »Weltanschauung« sucht, stochert weitgehend im Leeren.

Hitlers Ekel vor dem Kapitalismus an sich scheint immerhin Grenzen gehabt zu haben. Einen wie auch immer gearteten Krieg hat er nie gegen ihn und seine Repräsentanten geführt. Es ist bekannt, daß sein größtes Problem eher darin bestand, gesellschaftlich auf einer niedrigeren Stufe als sie zu stehen. Denjenigen aus dieser Schicht, die darüber hinwegsahen und ihm in den Sattel halfen, konnten seiner Zuneigung sicher sein. Ein Emporkömmling aus der Gosse, der eben noch Postkarten malte und nun bei Krupp um eine Audienz bat. .
In Hitlers Propaganda gegen den Kapitalismus mehr zu sehen als eben Propaganda ist ein äußerst dünnes Brett, auf dem man steppt. Nicht nur Ernst Röhm und Gregor Strasser haben dafür mit dem Leben bezahlt. Hitler und der Faschismus: Das ist Kapitalismus in seiner finalen Form. Die OMGUS-Berichte, die im Zuge des Nürnberger Prozesses erstellt wurden, sind ein mehrere tausend Seiten starker Beweis für diese Behauptung.

Simms Hitler-Studie ist bislang unveröffentlicht und es wäre unredlich, ohne einen konkreten Zusammenhang etwas zu unterstellen. Die Frage darf aber gestattet sein, warum ausgerechnet in der momentanen politischen Situation die Begriffe Antiamerikanismus, Kapitalismusfeindlichkeit und Antisemitismus der Aufreißer für eine neue Hitler-Biographie sein sollen. Daß die FAZ darauf anspringt – nun gut: Damit war zu rechnen wie auch bei der WELT. Andere werden folgen. »Hitler hatte keinen Führerschein! Latenter Faschismus bei Fußgängern?« Für das Feuilleton wird es reichen.

Der Nachweis, daß Hitler mehr Antikapitalist als Antisemit gewesen sein soll? Theorien, die die Menschheit nicht braucht. Dazu brauch man keine perversen Zahlenspiele über die Herkunft von KZ-Häftlingen zu beginnen.
Aber vielleicht wäre der Zusammenhang zwischen einem abstoßenden, menschenverachtenden Perversen und seine Anziehung auf so viele Menschen einmal ein dankbares Studienobjekt. Dann aber sollten sich Militarismus und Kapitalismus vorher recht warm anziehen.

0
Dieser Beitrag wurde unter Polemik abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

0 Kommentare zu Hitler – ein dringendes Bedürfnis

  1. Gerade heute traf ich meinen ehemaligen Kollegen E. vom Staatstheater, der – aus der Reha zurück – mir nicht nur über seine Inkontinenz berichtete, sondern mich auch (im Kontext “Hoeneß”) darauf aufmerksam machte, dass im Knast Karrieren gemacht werden. Und so soll es – sagte E. – auch bei Hitler gewesen sein. Braucht es da noch eine Biographie ?

    0

  2. Stony sagt:

    FAZ: “Ob sich Simms’ Forschungsergebnisse und Hypothesen nun teilweise oder ganz bestätigen – sie werden grundlegend und bahnbrechend die Art und Weise verändern, wie wir über Hitler denken.”

    Ähmm, ja ne, is’ klar…

    Ich seh schon wie Guido Knopp (Hände reibend?) rotiert:
    ‘Jungs, alles auf Anfang, wir müssen da noch mal ran…’

    Ich verstehe ja, wenn ein Buch-Verlag die Werbetrommel bemüht wie nix gutes – wenn das Feuilleton solchermaßen begeistert auf den Zug aufspringt, beweist es jedoch eigentlich kaum weniger als seine gehetzte Ratlosigkeit. Der Versuch sich Bedeutung herbei zu dichten phantasieren erhalten (im eigenen Hause) mittels beliebig wirkender, leider verkaufwirksamer Themen. Gilt das als Antwort auf die Frage, die du dir gestattest, pantoufle?

    Hätten die FAZ wenigstens gemacht was obig vorgeschlagen wird: einfach mal die Feder ruhen lassen, bis etwas Rezensionswürdiges vorliegt … ob sich daran nochmal etwas grundlegend und bahnbrechend verändern wird?^^

    0

  3. altautonomer sagt:

    “Hitlers Frauen”, “Hitlers Helfer”, “Hitlers Krieger”, “Hitlers Kinder”, “Hitlers Manager”, “War Hitler Vegatarier?”, “War Hitler schwul?” “Hatte Hitler nur einen Hoden?”

    Eine derart mehr und mehr in die biografischen Details gehende literarische Beschäftigung mit der Zentralfigur des deutschen Faschismus halte ich aus zwei Gründen für bedenklich:

    1. Die Konzentration auf eine Einzelperson (Demagoge, Verführer, charismatischer Volksverhetzer usw.) blendet aus, dass Hitler ohne die überwältigende Mehrheit seines Tätervolkes nicht so groß geworden wäre.

    2. Je mehr Details über Alois Schicklgruber in dokumentarisch epischer Breite ausgewalzt werden, umso weniger wissen die heute 20-40-Jährigen, warum der 2. Weltkrieg überhaupt geführt wurde.
    Das sehe ich insbesondere auch unter dem Aspekt des sogenannten Opferdiskurses in den Medien.

    0

  4. pantoufle sagt:

    Ich möchte Brendan Simms erst einmal gar nicht ans Bein pinkeln. Es ist sein gutes Recht, eine weitere Hitler-Biographie zu schreiben und unters Volk zu bringen. Historiker pflegen so etwas gelegentlich zu tun.
    Auch ist es nicht ungewöhnlich, daß sich historische Bewertungen im Laufe der Zeit verändern; ob man mit der Art und Weise der Neubewertungen einverstanden ist, ist eine andere Frage. Ebenfalls muß man differenzieren: Simms ist nicht Guido Knopp – man darf nicht Nazi-Ufologie mit wissenschaftlicher Arbeit verwechseln.

    Was mich bei Simms Ansatz stört, ist der frühe Zeitpunkt, an dem er seine Theorie an Hitler bindet. Soweit mir bekannt ist, hat sich die Quellenlage für diesen Zeitraum nicht grundlegend geändert. Sollte das zutreffen, ist es bestenfalls eine Neuinterpretation, die, wie ich in meinem Text andeutete, von untergeordneter Bedeutung ist. Sieht man sich das »krude, realitätsfremde und in sich widersprüchliche Programm« (Haffner) des Nationalsozialismus an, stellt sich ohnehin die Frage, wieviel Stringenz man Hitler in der Entwicklung seiner Karriere und der ihr zugrunde liegenden Weltanschauung unterstellen will. Eben diese offene Widersprüchlichkeit öffnet allen Knopps dieser Welt Tür und Tor – zu welcher Hysterie das führen kann, hat der »Fund der Hitlertagebücher« 1983 eindrucksvoll bewiesen: Die dämlichste aller Fälschungen als Blaupause für eine Hitler-Hysterie, die bis heute andauert.

    @Alto

    »Die Konzentration auf eine Einzelperson (Demagoge, Verführer, charismatischer Volksverhetzer usw.) blendet aus, dass Hitler ohne die überwältigende Mehrheit seines Tätervolkes nicht so groß geworden wäre.«

    Das würde ich so nicht stehen lassen. Grundsätzlich zwar richtig, aber die Diskussion über den (nicht nur) deutschen Faschismus als Massenbewegung hat sehr wohl und auf hohem Niveau stattgefunden. Daß sich das in der Wahrnehmung des breiten Publikums anders darstellt, ist nicht Schuld der Historiker; schon eher die der Medien.
    Vielleicht eines der erhellendsten Bücher über Hitler war für mich Brigitte Hamanns »Hitlers Wien«. Gerade die Konzentration auf die Person Hitler in dieser speziellen Umgebung arbeitet exemplarisch heraus, was für ein Typus aus diesem Umfeld entstehen konnte. Eben nicht nur Hitler, sondern ein bemerkenswerter Teil dieser Generation. Übrigens sehe ich gerade in diesem Buch genügend Stoff, um Simms These bedeutungslos zu machen. Die Hauptstadt des Vielvölkerstaates mit seinen Überfremdungsängsten, der allgegenwärtigen Armut, der militant antisemitischer Bürgermeister Karl Lueger (des »gewaltigsten deutschen Bürgermeisters aller Zeiten«, A.Hitler) und darin der zu ehrlicher Arbeit unfähige Hitler. Diese explosive Mischung von Mangel an Talent, Halbwissen und Faulheit (»… ich aber beschloß, Politiker zu werden!« A.Hitler). Einer von Vielen.

    @Stony
    Wo beginnt der Zwang, die Seiten des Feuilletons zu füllen und wo ein von »oben« verordneter Propagandaauftrag? Die Parole steht zu nackt im Raum, läßt zu wenig Interpretationsspielraum, um reiner Zufall zu sein. Antiamerikanismus als Vorläufer des Antisemitismus bei Hitler – darauf muß man erst einmal kommen.

    0

  5. der Doctor sagt:

    Moin Pantoufle
    Richtig,diese Theorie steht auf mehr als tönernden Füssen.Aber nicht nur Die Welt,sondern auch unser aller Lieblingstroll Herr Karl springt darauf an.Für ihn ist das natürlich der ultimative Beweis für seine ,längst widerlegte,Extremismus-Theorie,und das Kapitalismuskritiker natürlich Nazis sind.Daß Hitler Geschäftsbeziehung nach England und USA unterhielt,zählt dabei ebenso wenig,wie das Hitler sich von Kapitalisten seinen Wahlkampf finanzieren lies ,und das im Dritten Reich der Grundstein für etliche Konzerne gelegt wurde.Die Zerschlagung der Gewerkschaften ,sowie Inhaftierung,Folterung und Hinrichtung von Gewerkschaftern 1933 kann nun auch nicht wirklich als antikapitalistischer Akt angesehen werden.

    0

  6. pantoufle sagt:

    Moin Doctor

    [Irgend etwas stimmt mit dem Spamfilter nicht: Das ist jetzt schon der zweite Kommentar, der grundlos gefressen wurde. Ich check das mal… schullige dafür]

    So, so – Fascho Karl erhebt sein zittriges Organ. Wohlan! Dann hat die FAZ wenigstens einen überzeugt. Laß mich raten: Das Hufeisen mit den überlappenden Enden, nicht wahr? 😀 Ein Fall für den Pferdeschutzbund! Oje! Unter der unbarmherzigen Last Karlscher Beweisführung kann ich wahrscheinlich einpacken. Laß mal sehen…

    Ah ja: es ist so, weil Simms es so sagt! Natürlich erntet er in den Kommentaren Widerspruch, weil die Linksradikalen… Unwiderstehliche Beweisführung durch willenlose Texthervorhebungen. Die unkommentierte Stimme der Gosse auf der Suche nach der nächsten Denunziation. Ob ihm aufgefallen ist, daß nach dieser Logik Hitler ein »Linker« war? Faschisten Arm in Arm:


    Aber ein schöner Beweis dafür, daß jede auch noch so abstruse Behauptung irgend jemand findet, der sie begierig aufsaugt. Die Generation Verschwörungstheorie fräst sich ihren Weg durch die Historie. Die Saat geht auf. Genau für diese Klientel ist so ein Unfug gemacht. Simms könnte einem fast ein wenig leid tun: Er hat das sicherlich nicht im Ansatz so gemeint. Er interpretiert und sucht sich seine Beweise zusammen. Damit hat man sich auseinanderzusetzen und es gegebenenfalls zu widerlegen. Über den gefrorenen Mist Antikapitalismus = Antisemitismus brauch man in diesem Zusammenhang kein Wort zu verlieren. Wohl aber darüber, daß man Hitler nicht näherkommt, wenn man dessen konfuse Wortwahl mit den gleich geschriebenen Begriffen des 21. Jahrhunderts gleich setzt, sie 1:1 adaptiert (was ich Simms nicht unterstelle).

    Wie an dieser Stelle schon mehrfach betont: Natürlich ist der Faschismus – oder präziser in diesem Zusammenhang: Nationalsozialismus – ein Phänomen des Kapitalismus. Das eine ist ohne das andere nicht denkbar und man verfolgt ähnliche Ziele, ergänzt sich. Dem Versuch, das zu negieren, muß widersprochen werden, aber bitte so, daß etwas Produktives dabei herauskommt. Wobei sich dazu die FAZ – von Karlchen ganz zu schweigen – nicht eignet.
    Schlimm genug.

    0

    • der Doctor sagt:

      Karl führt Rückzugsgefechte,um sein einstürzendes Weltbild zu bewahren,und da ist ihm nichts zu dämlich ,ob es jetzt angebliche Überschneidungen zwischen Linke und AFD sind, oder eben dies hier.Hauptsache,er muß sein Weltbild nicht ändern.Sein Hufeisen oder Kreismodell wurde ja zuletzt von einer Langzeitstudie der Friedrich-Ebert-Stiftung auseinandergenommen,aber was nicht sein darf….Über diese rechte Revisionistin Steinbach,die am Liebsten Deutschland in den Grenzen von 1937 wieder hätte,braucht man nicht mehr viele Worte zu verlieren.
      Mit Simms hast du recht.Wäre auch nicht erstaunt,wenn die FAZ Simms Feststellungen in ihrem interesse interpretiert.
      Die Intention ist ja klar:Kritik am Kapitalistischen System soll durch das Stellen in die rechte Ecke dämonisiert und tabuisiert werden.

      0

  7. pantoufle sagt:

    Rückzugsgefecht? Ein großes Wort für den Kleinen, der in seiner piefigen Sandkiste noch krakeelend mit Steinchen schmeißt, während die Spielkameraden schon lange zu Hause mit Mami beim Abendbrot sitzen.
    Nebbich

    0

  8. Stony sagt:

    “@Stony
    Wo beginnt der Zwang, die Seiten des Feuilletons zu füllen und wo ein von »oben« verordneter Propagandaauftrag? Die Parole steht zu nackt im Raum, läßt zu wenig Interpretationsspielraum, um reiner Zufall zu sein. Antiamerikanismus als Vorläufer des Antisemitismus bei Hitler – darauf muß man erst einmal kommen.

    Ich habe mich gerade ein wenig durch die sonstigen Veröffentlichungen von Thomas Weber gelesen und mag nicht recht glauben, daß er da etwas ‘von oben Verordnetes’ zusammenklöppelt. Der ’74 geborene Historiker scheint mir zumindest nicht der Typ ‘Auftragsschreiber’ zu sein, dem man solches getrost unterstellen dürfte (wobei ich damit schon recht herb auf junge Schreiberlinge eindresche, sorry); vielmehr habe ich den Eindruck, daß da einer etwas hochlobt was seiner eigenen Sicht (zumindest in Teilen) doch arg entgegen kommt. Vielleicht nicht einmal in der Gesamtschau, sondern mehr dem Ansatz, der Art nach welche Fragen wie gestellt werden. Als Beleg für diese Hypothese folgender Artikel aus der FAZ von vor einem Jahr, wo er ganz am Ende vier Fragen formuliert deren (tlw.) Beantwortung ich in seiner Simms-Betrachtung wieder zu finden meine.

    Das ist natürlich nicht mehr als Spekulation, wer weiß schon, wie weit sich einer instrumentalisieren läßt, wer so alles Einfluß auf den Inhalt nimmt – ich habe nur ein gewisses Unbehagen beim Gedanken, daß da ein Historiker sich völlig willenlos dermaßen vor einen Karren spannen lassen sollte. Allerdings habe ich nun auch nicht im Ansatz genug von ihm gelesen, um mir eine Meinung über sein sonstiges Weltbild (als Hintergrund fände ich das doch recht interessant, so als Bezugsrahmen) bilden zu können, vllt. repräsentiert diese seltsam einfache Parole ja dieses. Ich weiß nicht recht…

    0

  9. pantoufle sagt:

    Wohl wahr – das war ein wenig plakativ. Ganz so einfach ist es sicherlich nicht. Ob und wenn ja wie sich Historiker vor einen Karren spannen lassen, ist ein altes und vieldiskutiertes Thema. Willenlos zusammengeschmierte Auftragsarbeiten sind in Anbetracht der Fach-Konkurrenz recht kurzlebig. Ob sich die Ergebnisse einer Fachdiskussion aber immer mit der medialen Aufmerksamkeit decken, ist eine andere Sache.
    Historiker für`s Grobe gibt es in ausreichender Anzahl auf dem freien Markt. Arnulf Baring, Guido Knopp und wie sie alle heißen mögen – eben diese »Spezialisten« für die Tagesthemen. Da muß man nicht viel in die gewünschte Richtung insistieren: Das passiert automatisch.
    Bei anderen ist die Sachlage komplizierter. Beispiel Historikerkontroverse 86/87. Wie will man die Unterstützung Michael Stürmers bewerten, die er damals Ernst Nolte zuteil werden lies? Stürmer war zu dieser Zeit politischer Berater Helmut Kohls und so sah seine Unterstützung dann auch aus. Andreas Hillgruber gleich hinterher: Vertreibung, Flucht, heimkehrende Soldaten und all das, was die Vertriebenenverbände gerne hörten. Nolte selbst schreckte nicht davor zurück, sich selbst Argumente eines schon damals äußerst umstrittenen David Irving zu eigen zu machen.
    Da war sicherlich kein »Druck« von welcher Seite auch immer. Eine in die Öffentlichkeit getragene Fachdiskussion. Aber auch insgeheim eine Rechtfertigungsschlacht des Neokonservatismus: Endlich das Stigma der Singularität des Holocaust verlieren und den Verbrechen wenigstens den Anschein einer höheren Sinnstiftung zu verleihen.
    Als Ergebnis muß man in der Nachschau wohl einen Sieg der reaktionären Kräfte feststellen, eine Stärkung rechtsextremer Standpunkte.

    Natürlich floß da kein Geld und außer kameradschaftlichem Schulterklopfen ist da wohl kaum etwas zu finden.

    Sehr interessanter Artikel, der aus der FAZ!

    Wie können wir die rapide Metamorphose der politischen Überzeugungen und der Persönlichkeit Hitlers innerhalb nur eines Jahres nach dem Ende des Ersten Weltkriegs von einem Einzelgänger ohne jede Führungseigenschaften und mit wechselnden politischen Einstellungen zu einem faschistischen charismatischen Leithammel mit einem Alles-oder-nichts-Totalitarismus, also mit einer Verhaltensweise, die eine Bipolarität Hitlers nahelegt, erklären?
    Zweitens ist zu fragen, was bei Hitler Taktik war, was hingegen ernst gemeint.
    Die dritte Frage behandelt die Radikalisierungssprünge bei Hitler zwischen 1919 und 1941 und die Funktionsweise seiner Selbstfindung und -erfindung während dieser Zeit.
    Und die letzte Frage ist, was Hitlers persönliche Qualitäten und Eigenschaften waren und wie und wozu er diese eingesetzt hat.

    Der Tonfall Webers klingt schon sehr nach Simms. Schade: Das hätte ich gerne vor dem Schreiben gesehen. Vor allem die erste (suggestiv) Frage ist sehr anschmiegsam zu lesen. Zur letzten Frage würde ich Haffner empfehlen, der das recht schlüssig erklärt hat.

    Ob sie sich instrumentalisieren lassen? Wer weiß…vielleicht nicht. Aber jede Zeit stellt ihre eigenen Fragen. Die einen wollten wissen, ob sie immer noch Nazis genannt werden dürfen, eine andere Zeit schreit nach einem Zusammenhang zwischen Antikapitalismus und Antisemitismus. Es wird sich immer jemand finden, der die gewünschte Antwort parat hat. Historiker sind auch nur Menschen.

    0

    • Stony sagt:

      “Historiker sind auch nur Menschen.”

      Ein Satz dessen Wahrheit ich nur zu gern verdränge; obwohl ich es besser wissen sollte. Zu viel an ‘Kredit’, den ich da Wissenschaftlern einräume – ein Überbleibsel erster Studienjahre, wo man noch mit Idealen wie Redlichkeit und Wahrhaftigkeit vollgestopft wird, denen sich die Zunft angeblich ach so sehr verschrieben hat. Dazu noch ein paar Erfahrungen die einen lehren können, daß man in mancherlei Beziehung an solchen Fakultäten besser seeehr gut aufpaßt was man(n) sagt. Nun ja.

      Was ich bei meinen Bemerkungen definitiv nicht genug berücksichtigt habe: die inneren Zwänge die sich auch in (bezüglich: zwischen) den Fakultäten auftun, ähnlich wie in den Verlagen; gewisse Aspekte von Konkurrenz und Wirtschaft(lichkeit), gepaart mit Ideologie und ‘Vernetzung’. Da bedarf es wahrlich nicht weiteren Druckes (wobei man diesen nicht auszuschließen braucht), ‘auf Linie’ bringt man sich da bereitwillig selbst: was hinten bei rumkommen soll weiß man, wenigstens intuitiv, schon vorher; also nur noch fix die Thesen mit den geeigneten Fragen hinterfüttern und dem geneigten Publikum ‘offensichtliche’ Parallelen vorführen, schon ist die Welt ‘erklärt’ und die Sicht in Ordnung. Wobei das selbstredend verkürzt und -einfacht ist, aber was soll’s.

      ***

      Einen ganz bösen hab ich noch, für den ich mich auch gern verprügeln lasse: Egal ob Geistes- oder Naturwissenschaft, man bekommt hinten immer nur raus, was man vorne reingepackt hat.

      Die Erklärung dafür spare ich mir mal, die wäre akademischer Natur und einer gewissen Sichtweise geschuldet, mithin OT.

      0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *