Hamburg

Da steht er, der kleine, dickliche Laschet, NRWs Ministerpräsident, auf meiner Bühne. Schraubt ihm die Mikros mal etwas weiter herunter – so wird das nichts! Wenigstens spricht er halbwegs laut und deutlich. »… und vielen Dank an die Polizisten aus NRW, die gerade in Hamburg das Demonstrationsrecht verteidigen…«. Nicht ganz wörtlich, aber sinngemäß. Realität – da ist sie schon wieder!

Nein, es ist nicht immer so, wie ein freundlicher Kommentator auf diesem Blog neulich anmerkte: Mein Job ist nicht immer zum lachen. Jetzt ist es der Mini-Prä, wie die Abkürzung auf dem Mischpult lautet und der vertritt Recht und vor allem Ordnung. Koste sie, was es wolle. Und teuer wird es wohl werden, das Hamburger Desaster.

Nur mal angenommen, es wäre nicht zu »Ausschreitungen« seitens der Demonstranten gekommen: Was wäre dann aus all den vermummten, bürgerkriegsgeeignet ausgestatteten Polizisten geworden? Hätten die dann eine lustige Partie gemacht, mit Sex in der Öffentlichkeit und übermütigen Schüssen aus automatischen Waffen? Eine kleine standrechtliche Erschießung (natürlich nur zum Spaß!) oder einen Wettbewerb im Weitpinkeln?
Wir werden es niemals wissen.

Ein »Festival der Demokratie« hatte Innensenator Andy Grote (SPD) versprochen und die Polizeileitung schwor, nichts unversucht zu lassen, das Event zu einem vollen Erfolg werden zu lassen. Das gute Wetter tat das seinige und das gewünschte Ergebnis trat ein. Der Truppenübungsplatz Hamburg erzitterte unter den Stiefeln der Ordnungsschwadrone und den Dieselmotoren der Wasserwerfer [in der grünen Umweltzone Hamburgs? Der Säzzer].
Sie wollten einen Bürgerkrieg und sie bekamen ihn. Wer ernsthaft mit einem anderen Ergebnis gerechnet hatte, ist entweder vollkommen verblödet oder Politiker bzw. beides. Mal eben im Klartext: Die Staats- und Regierungschefs, Finanzminister und Zentralbankchefs der führenden Industrienationen repräsentieren schlicht und ergreifend die unbeliebtesten Personen dieses Planeten. Die in Zentren wie Berlin oder Hamburg auftreten zu lassen, kann nur so und nicht anders enden. Sicher vor Widerspruch sind sie als Haufen nur in erklärten Diktaturen und Polizeistaaten ohne Demonstrationsrecht (oder auf einer Wiese in der bayrischen Provinz).

Wozu das Ganze? Kollege Flatter hat es kurz und knapp auf den Punkt gebracht:

»Die Polizei hat verstanden, sich ihrerseits über Verfassung, Gerichte und sowieso die Ausübung des Mandats von Rechtsanwältinnen hinweggesetzt. Wenn die Politik unisono nach dem Polizeistaat schreit, muss man sich nicht wundern. Das Problem hiermit ist aus Sicht der Friedliebenden, dass der Mob sich dadurch nicht nur angestachelt fühlt. Er kann sich sogar darauf berufen, dass das Gewaltmonopol geradezu frivol missbraucht wurde. So zündet man direkt die Lunte zum ‘Widerstand’.«

Wie auch Flatter interessieren mich die Hools in diesem Zusammenhang überhaupt nicht und ich kann das nur jedem weiterempfehlen. Weder die Hooligans, die behaupten die Demokratie zu verteidigen, indem sie sie mit Stiefeln treten, noch denjenigen, die im Rausch ihrer Endorphine Autos anzünden. Beide sind falschen Adressaten für die jetzt aufkommende Diskussion von einer angeblichen Gewalttätigkeit der Linken. Nicht »die Linken« müssen ihr Verhältnis zur Gewalt klarstellen – die ganze zivilisierte Gesellschaft muß es. Und zu dieser Gruppe gehören ausdrücklich keine Politiker, die so etwas wie Hamburg auf ihrem Gewissen haben genau so wenig wie diejenigen, die dort ausgerastet sind.
Das Wort »ausgerastet« ist mit Bedacht gewählt. Es ist eben ausdrücklich nicht Ausdruck einer wie auch immer gearteten politischer Gesinnung, einen Porsche Cayenne in einen anderen Aggregatzustand zu überführen, sondern eine Trotzhaltung. Für die kann man Verständnis haben. An alle mitlesenden Trolle: Verständnis hat mit Sympathie überhaupt nichts zu tun. Das Wort ist abgeleitet von »Verstand«… ach, vergebliche Liebesmüh…
Nicht zu verstehen, kein Verständnis aber kann man für Teile der Politik haben, die sehenden Auges einem Polizeistaat das Wort reden. Wo kein Verstand ist, dort kann man auch nicht an ihn appellieren. Und natürlich keinesfalls Sympathie haben. Womit wiederum klar sein sollte, wo die potentiellen Sympathien liegen.

Armin Laschet ging auch irgendwann wieder, nachdem die Kameras der öffentlichen Sendeanstalten genug Material hatten. Laschet vor dem Orchester, mit dem Dirigenten und ohne Dirigent, aber mit einer Bratwurst in der Hand. Ein ganz normaler Ministerpräsident eben, der auch gerne Bratwurst ißt. Macht sich ja immer gut, so eine Bratwurst.
Der italienische Heldentenor Placebo Flamingo singt italienisch, eine Dame in schönem Kleid das verzweifelt hohe C und man wäre beinahe unter sich, wäre da nicht der Pöbel, der sich im Stadtgarten vor der Bühne zusammengerottet hatte. Deshalb lieber schnell wieder weiter im Schutz von gefährlich aussenden Männern mit einem Draht, der ihnen aus dem Ohr wächst. Die bewachte Demokratie. Schwerbewaffnet geschützt vor sich selber.

 

P.S. Der Mann auf dem Bild ist zufälligerweise nicht Armin Laschet

P.P.S. Habe staunend am Pult gesessen und zugehört, wie das Publikum aufstand und das Steigerlied gesungen hat. Eine seltsame, eigenartige Kraft, die einige dieser Volkslieder ausstrahlen. Es war jedenfalls das glaubwürdigste Stück Musik in den drei Tagen.

Nachtrag

Ah, die Dame von Welt mag das oder hat es zumindest gelesen. Ihren sehr lesenswerten Artikel zum selben Thema habe ich leider (oder auch nicht leider) erst danach registriert. Ich stimme ihr in vielen Dingen zu, zögere allerdings mit der Wertung, daß »sich vermeintlich politisch motivierte Militanz zunehmend als eigenwillige Form von Sport und Lifestyle entpuppt«. Das ist zwar sehr gut beobachtet, sollte allerdings klarer definiert sein. Die sich abzeichnenden Aufstände z.B. in Südamerika dürfen damit nicht verwechselt werden. Zu weit weg? Das könnte auch in Frankreich passieren oder in Italien.

Unabhängig davon, daß es sicherlich auch diese Form von Sport und Livestyle gibt (dann kommt der Begriff Hooligans ins Spiel), verweist die Dame von Welt ja selber auf die Ereignisse von 2011 in England.
Die Dame schreibe ebenfalls »Muß ich noch betonen, daß ich auch keine Revolution wollen würde?« Die Revolution ist bereits in vollem Gange. Es ist Revolution der Eliten, eine von oben, bei der es sowohl um eine semantische (»Störer«, »Terroristen«, »Randalierer«, »Extremisten«) wie auch um eine konkrete Trennung von Lebensräumen geht. Hamburg zeigt zu allererst, als wie bedrohlich Öffentlichkeit/»normaler Lebensraum « wahrgenommen wird und zu welchen Mitteln man greift, um diese Trennung zu etablieren. Betroffen davon waren in erster Linie ja gar nicht die angeblichen Störer, sondern die Bewohner der entsprechenden Viertel, die für ein paar Tage einer Polizei-Herrschaft ausgesetzt waren.

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9 Kommentare zu Hamburg

  1. Guten Tag Pantoufle,
    die Dame hat es zumindest gelesen, mag das und zitiert sogar daraus…;-)…

    Um das mit der vermeintlich politisch motivierten Militanz zu erklären, ein Berlin-Hamburg-Vergleich. Ich nehme am Kreuzberger Tanz in den Mai seit 30 Jahren und als direkter Anwohner seit 17 Jahren teil – meine letzte tatsächliche Teilnahme an der revolutionären 16h-Demo liegt 27 Jahre zurück, aus Gründen.

    Die politischen Demonstrationen inklusive Gewalt entwickelten sich zu einem ritualisierten Räuber-und-Gendarm-Spektakel – für die Gendarmen, für Jünglinge aus den betuchteren Vorstädten, erlebnishungrige Touristen aus der westdeutschen Provinz, in einem Jahr (ich glaube 2001) für türkische Youngster, mitunter auch für steinewerfende Bundespolizisten, kurz – für überschüssiges Testosteron. Das meinte ich mit vermeintlich politisch und mit Sport und Lifestyle – eine Grundsatzdiskussion über die Auswirkung von Testosteron-Überschüssen auf Politik und überhaupt die ganze Welt würde hier aber den Rahmen sprengen.

    Um die Ballermannisierung am 1. Mai in Bahnen zu lenken und den Grad der Zerstörung zu mindern, wurde 2003 (ursprünglich von Anwohnern) das MyFest erfunden, bei dem einige der randaliert habenden türkischen Youngster als Ordner arbeiten, klappt bestens. Der zweite wichtige Punkt war die Deeskalationsstrategie der Polizei, die so erfolgreich ist, daß die CDU sie inzwischen als ihr Baby reklamieren will.

    In Berlin fahren keine Wasserwerfer und kein anderes schweres Gerät mehr auf, man läuft hier nicht mehr durch Robocop-Spaliere und wenn sich in einer Demo ein paar nicht entmummen, wird die eher nicht zusammengeprügelt und gesprengt, schon gar nicht an massenpaniktauglichen Orten. Potentiell militanten Demo-Teilnehmern wurde auf diese Weise einiges an Anlaß und Feindbild genommen.

    Die Bilder aus der Schanze erinnern mich sehr an den 1. Mai 1989, als sich die Militanten die Sympathien der Kreuzberger Bürger verscherzten, indem sie zahllose inhabergeführte Läden zerstörten und die Feuerwehr/Rettung blockierten. Der 1. Mai in Kreuzberg hätte 1990 schon Geschichte sein können, hätte man im Senat nicht auf die “Hamburger Linie” bestanden, sondern die Polizei damals schon zur Deeskalierung ermutigt. In Hamburg wird man die gleichnamige Linie vermutlich fortführen und weiterhin auf eng verwandte Feindschaft mit den Militanten bestehen. Die Ära Schill ist noch lange nicht vorbei.

    Erklärungbedürftiger ist das mit der Revolution, die ich nicht will. Damit zielte ich auf die spürbare Angst mancher alter Linker, die Weltrevolution könne vielleicht nicht mehr zu ihren Lebzeiten stattfinden und die aber nicht ihre Knochen hinhalten, sondern andere in Militanz quatschen. Den Unterschied zu alten Militärs, die junge Männer in den Krieg schicken, kann ich nicht sehen. Ich habe einen Mädchenstandpunkt: Gewalt ist keine Lösung!

    Das Gewaltmonopol liegt beim Staat, fertig. Ich kann Mißbrauch des Gewaltmonopols auch weit besser anprangern, wenn mir gewaltgeile Idioten nicht die Argumente nehmen. (Haben Sie übrigens gelesen, daß die entzogenen G20-Akkreditierungen von insgesamt 32 Journalisten womöglich auf BKA-Übernahme türkischer Geheimdienstinformationen zurückgehen?)

    Die Eliten machen keine Revolution, das hatten die noch nie nötig. Die Eliten tun, was sie immer schon tun und ja, sie gewinnen immer noch. Eine Revolution in Europa könnte von rechtsaußen kommen, die “Neue Rechte” hat jedenfalls und im Gegensatz zu Autonomen und Anti-Imps ihre Hausaufgaben gemacht, vielmehr x Taktiken von den Linken erfolgreich kopiert. Das macht mir Angst, denn die Linke ist zerstritten und gespalten wie noch nie.

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    • DasKleineTeilchen sagt:

      “Eine Revolution in Europa könnte von rechtsaußen kommen, die „Neue Rechte“ hat jedenfalls und im Gegensatz zu Autonomen und Anti-Imps ihre Hausaufgaben gemacht”

      hm. also so n bischen klingt das für mich schon nach weimarer republik. n “verlorener weltkrieg” scheint gar nicht nötig, krieg alleine reicht doch. alles ist subjektiv, right?

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      • Pantoufle sagt:

        Moin kleines Teilchen

        Ich tue mich bekanntlich ein wenig schwer mit Vergleichen Weimarer Republik vs. Bundesrepublik. Da gibt es allein technische Gründe, die einen zur Vorsicht mahnen sollten. Historisch gesehen handelt es sich bei Weimar um einen abgeschlossenen Vorgang, im Gegensatz zu dem noch dynamisch sich verändernden heutigen. Vergleichen könnte man also, wenn überhaupt, erst in ein paar Jahrzehnten. Auch die Ausgangslage ist so grundverschieden, daß Vergleiche nur mit äußerster Zurückhaltung angebracht wären.
        Aber das sind Differenzierungen, die in Zeiten in denen ein deutscher Schäferhund ein Migrantenkind beißt (»wie Hitler!«) wohl nebensächlich sind.

        Ein anderes Ding, mit dem ich mich schwertue: Ich will überhaupt nicht bestreiten, daß es weltweit einen nicht zu leugnenden Rechtsschwenk gibt. Keine Frage! Ich kann ihn ehrlich gesagt nur nicht einordnen. Andere können das – Glückwunsch! -, ich nicht. Was die BRD betrifft, so sitzt die durchaus faschistische AFD in ein paar Länderparlamenten, ist aber in Bezug auf ihre politischer Aktivitäten nahezu unhörbar. Darin unterschiedet sie sich in nichts von der NPD der sechziger Jahre.
        Die wahrnehmbare Rechts-Radikalisierung der Politik (in der BRD) nahm nach meiner Wahrnehmung doch in den etablierten Parteien ihren Anfang, weit vor der der »Flüchtlingskrise« und dem hochschwappen von AFD und anderen. Der intellektuelle Bankrott der SPD, die groteske Debatte bei den Grünen zwischen »Fundis« und »Realos«, die damit endete, daß man sich die ethisch-philosophische Grundlage vom Körper abschnitt u.s.w.
        Nach meinem Gefühl (und ich spreche ausdrücklich über ein Gefühl) verzerrt die Debatte um die »neue« Rechte die tatsächlich nötige Diskussion über den eigentlichen Gegner, den Kapitalismus. Der geht aus dem ganzen Hick-Hack nämlich ziemlich unbeschadet hervor und agiert ungestörter denn je.

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  2. Pantoufle sagt:

    Moin, Dame von Welt

    Ja, ich hatte Dich dann auch mit leichter Verspätung gelesen und fand es ausnehmend gut. So gut, daß ich, hätte ich es vorher gelesen, vielleicht über etwas anderes geschrieben hätte. So ist das manchmal im Leben.

    Dann will ich mich auch mal ein wenig erklären. »Die Revolution ist bereits in vollem Gange. Es ist Revolution der Eliten«. Es ist natürlich vollkommen richtig, daß sich jene immer schon genommen haben, was ihnen in den Kram paßt.
    Aber.
    Ich will auch gar nicht auf einer Revolution der Eliten herumreiten, aber diese Revolution findet trotzdem statt. Das beziehe ich darauf, daß sich herausstellt, daß der technische Fortschritt des sogenannten Informationszeitalters ein massives Ungleichgewicht zugunsten der Eliten mit sich gebracht hat und daß diese Entwicklung noch lange nicht abgeschlossen ist. Der Wegfall jeglicher Art von Privatheit hat ungeahnte Konsequenzen für jedes denkbare politische System. Eine Revolution mit einem festen Plan und Zielsetzung ist es selbstverständlich nicht – man bewegt sich momentan noch in der Experimentierphase, wenn auch die Richtung mit jedem Monat klarer wird. Ein Staatsgebilde und seine Wirtschaft, daß »alles weiß«, agiert selbstverständlich anders als eines, daß mit Unwägbarkeiten aufgrund mangelnder Information leben muß. Dazu kommt, daß die Systeme des Westens keinen Feind mehr haben. Es findet kein Wettbewerb statt und die philosophischen Schwächen des Systems sind mangels Alternativen kein Grund mehr für intellektuelle Auseinandersetzungen. Eine unheilige Konstellation: Einerseits begünstigt es einen unseligen Nationalismus, der hauptsächlich darauf fußt, daß es keine internationalistischen Gemeinsamkeiten mehr bestehen und seien sie noch so bescheiden (NATO, westliche Werte, traditionelle Verbindungen). Zum anderen verhindern die genannten Technologien die traute Abgeschiedenheit eines Wir-Gefühls – wenn alles öffentlich ist, gibt es eben auch keinen »Untergrund« (sei der politisch oder künstlerisch) oder auch nur eine lokale, provinzielle Eigenheit. Die »Geheimtipps« stehen in jedem Reiseführer.

    Das alles macht schwach. »Ich habe nichts zu verbergen!« steht für die stille Erkenntnis, nun wirklich nichts mehr verbergen zu können und der Hoffnung, daß das, was heute heute den legalen Bürger ausmacht, nicht beim Aufwachen der sicher Weg ins Gefängnis ist. Der Führer weiß, daß seine Kraft auf der Schwäche der Massen beruht und zu allem Überfluß hat er das Gewaltmonopol inne. Wo es unter normalen Umständen bestens aufgehoben wäre, gäbe es ein nachvollziehbares Feindbild des Staates. Die Frage, ob es dort noch gut aufgehoben ist, beantwortet ein Zitat des ehemaligen Präsidenten des Bundesverfassungsgerichtes Ernst Bendas auf der rechten Seite meines Blogs.

    [Meine Gedanken kleben die ganze Zeit an der Feststellung, daß es keinen Untergrund mehr gibt, geben kann. Alle Informationswege in der Hand des »Feindes«, überwachende Straßen, Fahrzeuge, Kommunikation, Innenstädte und Wohnungen. Wenn das keine Revolution ist!]

    »Erklärungsbedürftiger ist das mit der Revolution, die ich nicht will.«
    Da mußt Du gar nichts erklären. In dem Punkt sind wir vollkommen einer Meinung. Vielleicht bis auf die Tatsache, daß ich »Gewalt ist keine Lösung!« nicht für einen exklusiven Mädchenstandpunkt halte. Aber man muß ja nicht immer hundertprozentig einer Meinung sein.

    Tja, Demos heute und gestern. Ich gehöre eher der Brockdorf- und Wendlandgeneration an und wünsche mir vor dem Einschlafen gelegentlich, daß mich noch einmal jemand auffordert »geh doch nach drüben!« ; am besten gleich mit einer genauen Wegbeschreibung, optional Fahrkarte. Ich wäre dann soweit!

    Ich kaue unzufrieden über mich an den Unterschieden. Früher war alles… ich denke, wir wollten einen anderen Staat, eine andere Form von Gesellschaft. Heute sind sie durchaus dagegen und wollen das Bestehende in 3D mit USB-Anschluß. Das ist eine andere Kraft die dahintersteckt. Jenes Bild auf Deinem Blog mit dem sich selbstportraitierenden Hipster sagt im Grunde alles: Ich war dabei – wobei auch immer. So wie sich damit die Demonstranten unterscheiden, unterscheidet sich »der Staat« in seiner Reaktion, der medialen Aufbereitung des »Events«. Man hat nichts gegen Demos, wenn sie den Schein einer lokalen, bunten Tradition haben, eine Art Gartenfest mit schilderhochhalten. Ein klares JA zur Demokratie, solange es nicht wehtut. Die Flughafenerweiterung, der Tunnel oder die Autobahn wird sowieso gebaut – das scheue Damwild Kapital… sie verstehen schon!
    Der Übergang von der folkloristischen Darstellung zum politischen Ereignis ist ohne fließenden Übergang. Werden die gesetzlich vorgeschriebenen Spielregeln, Brandschutzverordnungen und Jugendfreigaben nicht bis aufs Komma erfüllt, fliegt der Knüppel. Deeskalationsstrategie der Polizei hin oder her: Wenn ein politischer Nutzen in Sicht ist (und Du schreibst ja selber vom Vorwahlkampf) geht man notfalls auch über Leichen.

    Art. 20 GG
    In Artikel 20 Absatz 4 der Verfassung heißt es: »Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.«

    Muß das eigentlich behördlich angemeldet werden?

    »Sie sind das letzte Aufgebot zum Schutz der Verfassung. Wenn nichts anderes mehr hilft, drückt diese ihnen die Waffe des Widerstandsrechts in die Hand, um ihr eigenes Überleben zu sichern«, schreibt der Staatsrechtler Josef Isensee in seinem Aufsatz »Widerstandsrecht im Grundgesetz«

    Harter Tobak! Jetzt mal ganz abgesehen von Krawalltourismus und Saison-Terroristen: Wenn sich alle prima fühlen würden, ginge keiner auf eine Demo. Die Probleme sind ja tatsächlich da und werden immer ärger. Die Linke hat keine griffigen Antworten oder Konzepte (die Rechte auch nicht, nur fragt sie auch niemand danach – das sind keine gemachten Hausaufgaben, sondern eine üble Tradition). Geschaffen haben die Mißstände aber weder die einen noch die anderen. Ach ja!

    Dass es so leicht ist, sie hervorzurufen, steigert ihre Beliebtheit, alles schreit mit einem und den anderen mit (…) Ein besonderes Bedürfnis nach dieser Art des Lärms scheint zu Beginn der Ereignisse zu bestehen, da man sich noch nicht aus allzu vielen zusammensetzt und wenig oder gar nichts geschehen ist. Der Lärm verheißt die Verstärkung, auf die man hofft, und er ist ein glückliches Omen für die kommenden Taten.

    Elias Canetti, Masse und Macht

    Ein schönes Zitat hast Du Dir da ausgesucht!

    P.S. Ja, das mit den Journalisten habe ich mit Schaudern gelesen. Aber es gibt nichts, was man nicht noch unterbieten könnte (wenn auch etwas OT): Das hier (schade, daß es in Deutschland keine Diamanten und nennenswert Erdöl gibt)

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  3. Die Eliten-Revolution, lieber Pantoufle, ist keine. Revolution ist nach meinem Verständnis der Umsturz bestehender Verhältnisse. Mit der Informationstechnik haben die Eliten “nur” eine Innovation, um die bestehenden Verhältnisse weiter zu ihrem Nutzen zu zementieren, mit in der Tat noch kaum zu erahnenden Konsequenzen. Es ist systemimmanent, daß aus großartigen Erfindungen im Kapitalismus immer das Beschissenstmögliche gemacht wird.

    Nachdem Sie wie ich auch die Brokdorf-/Wendland-Generation sind – ist es nicht irre, daß wir uns mal mit Händen und Füßen gegen eine Volkszählung gewehrt haben – angesichts des Umstands, mit welcher Freiwilligkeit Payback-Karten und 15-Minuten-Facebook-Berühmtheit mit Daten bezahlt wird? Weil sind die Leute blöd – ist ja nicht so, daß eine erwähnenswert große Zahl der Bürger den im Windschatten des G20 durchgewinkten Staatstrojaner für ein Thema hielten. Anders gesagt: der Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit ist alles andere als eine abgeschlossene historische Epoche, die wir im Sack hätten. Den muß schon jede/r für sich selbst finden, er ist nicht vererbbar und es gibt auch keine Abkürzung.

    Ich möchte auch in Abrede stellen, daß die westlichen Systeme keinen Feind mehr haben. Nach der Implosion des Kommunismus suchte man sich ruckzuck einen Ersatzfeind: der Islam (ist unser Unglück). Der Islam sitzt nicht nur auf “unserem Öl”, er hat auch Zuwachsraten, er scheint in unserer (vermeintlich) rationalen und individualistischen Welt für viele eine Antwort zu bieten, nicht nur in armen Ländern. Die Wirkmächtigkeit von Glauben und Gemeinschaft würde ich nicht unterschätzen, die feiert ja auch in der Politik fröhliche Urständ – die ganze braune Scheiße wäre ohne Glauben und Gemeinschaft nicht möglich.

    Was eine elegante Überleitung zu Artikel 20 GG ist, genauer – zu den gemachten Hausaufgaben der “Neuen Rechten” – Liane Bednarz hat anläßlich Clausnitz mal einen lesenswerten Artikel zur Widerstandsrethorik aus dem Hause Schnellroda geschrieben. DIY, in 8 Schritten, mit Glauben und Gemeinschaft.

    Ich weiß nicht, ob ich in der DDR leben wollte – die war mir immer zu grau. Ich gäbe aber den kleinen Finger meiner linken Hand, könnte ich die Uhr auf ’89 zurückdrehen und die Wiedervereinigung ab da für mindestens 25 Jahre in die Zukunft schieben.

    Die Diskussionen am runden Tisch, die nur vermeintlich naiven Nachfragen längs der Sollbruchstellen der BRD-Demokratie in dem knappen Jahr bis zur Währungsunion fanden bei den Westlinken schändlicherweise kaum Beachtung, so paralysiert war man von der Kommunismusimplosion, vom Wegfall der Utopie und ist es im Grunde bis heute. Wir hätten so viel lernen und partizipieren können! Umso so besserwisserischer und herrischer wurde den mutigen Dissidenten aus dem Osten begegnet – die interessanteren Protagonisten haben sich weitgehend aus Politik und Öffentlichkeit zurückgezogen, auch wegen West-Großfressigkeit (hat nicht jeder “mehr zu bieten” wie die unerträgliche Vera Lengsfeld).

    Ich habe vorhin einen schönen Satz gelesen – zur einzigen großartigen Demonstration in Hamburg: 1000 Gestalten (die brauchen btw. noch 7.000€ bis zur Kostendeckung).

    Diese Kunstaktion hat zu Glauben, Gemeinschaft, Utopie eine völlig andere Demonstrations-und Wahrnehmungs-Saite angeschlagen und ich glaube, da geht’s auch mit dem Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit lang.

    Kunst vermittelt sich nicht allein, indem man darüber nachdenkt. Kunst kommt erst zur Entfaltung, wenn sie ein Gefühl dorthin schickt, wohin Gedanken nicht gelangen

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    • Pantoufle sagt:

      Ahem – *kluscheißmodus an* Die Meiji-Restauration in Japan ab 1868 kann man sehr wohl als Revolution der Elite bezeichnen. Es ist nicht so, daß es nicht ginge. */klugscheißmodus*
      Vielleicht unterscheiden wir uns in der Bewertung von Informationstechnik. Die ist für mich gar nicht so unabsehbar. Vergleichbar mit der Erfindung des Schwarzpulvers in einer Gesellschaft, in der der Staat das Gewaltmonopol innehat.

      Der »Feind«, der für die westliche Zivilisation mühsam aufgebaut wurde, existiert natürlich in der von Dir beschriebenen Form. Eventuell habe ich es nicht deutlich genug zum Ausdruck gebracht, aber mir ging es in diesem Zusammenhang um eine Intellektuelle Auseinandersetzung im Gegensatz zum früheren »Kommunismus« findet mit diesem Feind eben nicht statt. Mehr noch: Man bestreitet geradezu, das es auf der Gegenseite so etwas wie einen philosophischen Hintergrund überhaupt gibt und bricht alle Konfrontationen auf die Formel »verabscheuungswürdige Verbrechen« herunter. Diese intellektuelle Situation unterscheidet sich fundamental zu der des kalten Krieges.

      Nö, die DDR würde mir ebenfalls nicht gefallen. Aber ich bin nun einmal ein hoffnungsloser Romantiker. »Nach drüben« hat so einen verheißungsvollen Klang, das andere Ufer, über eine Brücke. Da muß irgend etwas anderes sein, das Fremde. Das reizt mich.

      Unbestritten: Die Abwicklung der Bürgerrechtsbewegung der DDR ist das finsterste Kapitel des Mauerfalls. Die provinziell – patriarchalische Art des H. Kohl, verbunden mit der unverhohlenen Gier des sonst so scheuen Kapitals… eine ziemlich widerwärtige Mischung.

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      • Hm, Klugscheißen ist mein zweiter Vorname: der Vergleich mit der Meiji-Revolution – in einer konfuzianisch organisierten Gesellschaft, in der jeder genau seinen Platz kannte – hinkt m.M.n. Die könnte man vielleicht mit den absolutistischen Gesellschaften in Europa vergleichen, die aber eher nicht von Eliten gestürzt wurden.

        Dem Schwarzpulver voran ging die Erfindung des Langbogens – deswegen halte ich die Informationstechnik “nur” für eine Innovation, ohne jedoch deren Konsequenzen als Herrschaftsinstrument auch nur irgendwie schmälern zu wollen.

        Die DDR-Bürgerrechtsbewegung wurde nicht nur von Kohl abgewickelt, sondern auch von der Arroganz und der fehlenden (Vorsicht, altmodisches Wort->) Solidarität der Westlinken. Es ist allerhöchste Zeit, sich vom Schock über den Wegfall der verheißungsvollen Fremde zu erholen.

        Aus dem Rest der immer länglicher werdenden Antwort habe ich lieber schnell einen Blog gestrickt.

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