Gustav Landauer: Die Abschaffung des Krieges durch die Selbstbestimmung des Volkes (1911)

 

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1. Was ist der Krieg?

Antwort: Der Krieg ist ein Unternehmen eines Staates gegen einen andern Staat. Nun zerfällt jedes Unternehmen erstens in den Zweck, um dessentwillen es begonnen wird, und zweitens in die Mittel, mit deren Hilfe es durchgeführt wird. Fragst du mich also nach dem Ziel des Krieges oder nach den Wegen, auf denen er geführt wird?

2. Du hast recht; eins nach dem ändern. Was also ist der Zweck des Krieges?

Antwort: Der Zweck des Krieges ist Plünderung, Eroberung, Ausdehnung des Machtbereichs der Staaten, Verdrängung des Einflusses anderer Staaten und Sicherung der Absatzgebiete für Industrie und Handel.

3. Hat der Arbeiter Interesse an diesen Zwecken?

Antwort: Nein; denn Plündern ist Sache des Ausbeuters, der nicht arbeiten will; und was das Erobern angeht, so kann der Arbeiter jedes Staates seinen lieben Mitmenschen in andern Staaten nur wünschen, daß ihnen die Form der Regierung, die er am eigenen Leibe kennenlernt, erspart bleibe. Mit dem Streit der Staaten untereinander um ihre Macht über Unterworfene können die Arbeiter nichts zu tun haben wollen, da sie diese Unterworfenen und Unterjochten selber sind; und was die Erweiterung der Absatzgebiete für Industrie und Handel angeht, so entsteht gerade das grenzenlose Unglück der Völker, die Not der Armen und die kritische Unsicherheit jeder Wirtschaft dadurch, daß nur für den Geldsack der Händler, Fabrikanten und Bankiers statt für die Bedürfnisse der Einwohner jedes Landes, jeder Provinz und jeder Gemeinde produziert wird. Der Krieg mag eine Sache der Exporteure sein; Arbeit und Frieden gehören zusammen.

4. Was sind nun die Mittel des Krieges?

Antwort: Bisher hast du mich gefragt, wozu der Krieg dient; jetzt willst du wissen, was der Krieg eigentlich ist. Von den Begleiterscheinungen widerwärtiger Art, die indessen nichts Zufälliges, sondern so alt sind wie der Krieg, von den aufgepeitschten Instinkten, der perversen Roheit, die sich in Niedermetzelungen von Kindern, Frauen und Greisen äußert, will ich gar nicht reden. Ich presse mein Herz zusammen und definiere kühl und mit erzwungener Ruhe: Krieg nennt man den Zustand, in dem mehrere Hunderttausende Männer einander gegenüberstehen, um sich mit Hilfe der raffiniertesten technischen Mittel nach jahrzehntelanger Vorbereitung gegenseitig zu morden.

5. Wollen die Arbeiter eines Landes unter irgendwelchen Umständen den Krieg?

Antwort: Die Arbeiter können nie einen Krieg wollen; selbst wenn ihnen ihr Gewissen erlaubte, Mord zu üben, würde ihnen ihr Verstand verbieten, Selbstmord zu üben.

6. Haben die Arbeiter ein Mittel, den Krieg zu verhindern?

Antwort: Ehe ich antworte, muß ich eine Frage zurückgeben. Warum fragst du gerade, ob die Arbeiter ein Mittel haben?

7. Aus den Antworten, die du bisher gegeben hast, erfahre ich, daß eine große, zusammengehörige Klasse, die Arbeiter der Industrie, des Handels und des Transports allesamt vom Krieg nichts wissen wollen. Sie wissen, daß er ihnen nichts nützt, daß er sie schädigt, daß er verabscheuenswert ist. Ein großer Kern also in unserm Volke, ein großer Block liegt in dem Wege, den der Krieg gehen muß. Liegt dieser Block und schläft und ist untätig, so daß der Krieg über ihn weg steigen und dennoch wüten kann? Oder kann dieser Block zur Tätigkeit erwachen?

Antwort: Und immer noch muß ich fragen: Was nennst du Tätigkeit oder Untätigkeit? Die Arbeit ist ja selbst nichts anderes als Tätigkeit. Der Block, den du nennst, das sind wir, die Arbeitenden, oder die Tätigen. Du sprichst doch nicht von unsern Privatpersonen, von unsern politischen oder moralischen Meinungen, sondern von uns als Arbeitern, gleichviel welcher Richtung oder Meinung wir sonst angehören?

8. Da hast du recht. Sage mir also: wenn ihr Arbeiter weiter arbeitet, d. h. weiter tätig seid, kann es dann zum Kriege kommen?

Antwort: Gewiß und erst recht! Wie könnten die Kriegsknechte ihr blutiges Handwerk treiben, wenn die werktätige Bevölkerung nicht weiter arbeitete, als ob Frieden wäre? So ist ja der Krieg und zugleich mit ihm der Staat und das feudale Vorrecht entstanden, daß Handwerker und Bauern ungestört im Frieden weiter tätig sein wollten und darum den Kriegshandwerkern übertrugen, sie zu schützen wobei sie den Bock zum Gärtner machten! Frieden und Arbeit ist ein und das nämliche; was ist Arbeit anderes als Vorsorge zur Erneuerung des Lebens, das zugrunde gehen muß, wenn es nicht immer neue Nahrung und Kräfte erhält? Und was ist aber Krieg anderes als eben die Vernichtung dessen, was durch die Arbeit erhalten wird, des Lebens? Jeder Krieg gründet sich auf den Frieden. Jede Verschwendung gründet sich auf die Arbeit der ändern; und der Krieg ist die ruchloseste Verschwendung. Weil so viele Arbeiter da sind, daß ein paarmal Hunderttausende, die nicht arbeiten, sondern der unproduktiven Vergeudung und dem Blutvergießen dienen, der Wirtschaft gar nicht fehlen, darum ist der Krieg allein möglich.

9. Wenn also die Arbeitenden oder Tätigen den Krieg verhindern wollen, worin muß dann ihre Tätigkeit bestehen?

Antwort: Jetzt sind wir bei der rechten Klarheit. Du merkst ja schon, wie seltsam die Antwort klingt: nicht tätig, sondern untätig müssen wir Tätigen sein, damit kein Krieg möglich sein kann.

10. Das aber mußt du noch deutlicher sagen.

Antwort: Gern; ich möchte es so deutlich sagen, daß jeder Mann und jede Frau und jedes Kind es versteht, und möchte es so laut sagen, daß alle Welt mich hört. Wenn die Arbeiter zur rechten Zeit aufhören zu arbeiten, wenn die Arbeiter zur rechten Zeit und im rechten Umfang und in der rechten Art die Arbeit einstellen, wenn die Arbeiter streiken, dann ist kein Krieg möglich.

11. Wann aber ist die rechte Zeit?

Antwort: Jeder Krieg beginnt mit der Kriegserklärung, der dann die Mobilmachung folgt. Die Kriegserklärung ist eine Kundmachung einer Regierung an die feindliche Regierung. Die Mobilmachung ist ein Befehl der Regierung an die Untertanen, die zum Kriegsdienst bestimmt sind. Bevor es aber zur Kriegserklärung und zur Mobilmachung kommen kann, muß heutigentags schon vorher durch Bearbeitung der öffentlichen Meinung die kriegerische Stimmung vorbereitet werden. Ferner muß die Regierung mehr oder weniger bestimmte Forderungen aufstellen und der Öffentlichkeit mitteilen. Es wird in den meisten Fällen schon vor der Kriegserklärung unverkennbar deutlich sein, daß eine Regierung zum Kriege treibt. Sowie es feststeht, daß eine oder mehrere Regierungen den Krieg wollen, ist der Augenblick gekommen, wo die Regierung durch den Streik, durch das letzte Mittel der Arbeit, zur Besinnung, zur Umkehr, zu friedlichen Entschlüssen gebracht werden muß.

12. Du meinst also, daß nicht erst nach Ausbruch des Krieges, sondern schon vorher der große Volksstreik ausbrechen soll?

Antwort: Allerdings; und die Einwände, die man jüngst gegen diesen Generalstreik gehört hat, haben deswegen keinen Sinn, weil sie sich alle auf den verpaßten Augenblick bezogen haben. Das ist freilich wahr: wenn infolge des Krieges schon die internationale Wirtschaftskrise und die gesteigerte Arbeitslosigkeit da sind, wenn dazu noch Niedergeschlagenheit, Hunger, Krankheit, Not und Verzweiflung gekommen sind, dann wird keine Tatkraft und keine Möglichkeit zum Eingreifen mehr dasein. Aber diese ganze schlaue Beweisführung geht ja von den Furchtsamen aus, deren Prinzip es ist, daß das Heil aus der unheilvollen Tätigkeit der Herrschenden und Bevorzugten und aus dem Abwarten der Arbeiter kommen muß. Diese ungehinderte Tätigkeit der Regierenden in Verbindung mit dem überzeugungstreuen Nichtstun der Gedrückten nennen sie die Entwicklung.

13. Bist du denn der Meinung, daß es sicher ist, daß die Arbeiter diesen Streik aushalten? Daß sie ihn gewinnen? Daß sie ihr Ziel erreichen?

Antwort: Sicher? Nein, wahrhaftig, sicher ist es nicht. Das ist das Verderben, das über die Menschen unserer Zeit gekommen ist, daß sie äußere, bewiesene, verbriefte Sicherheiten haben wollen. Gerade dadurch werden die äußere Unsicherheit ihrer Lage und das innere Schwanken ihres Gemüts und ihrer Gesinnung nur immer ärger. Wo es um das letzte Mittel zur Abwendung gräßlicher Gefahr geht, da kann uns kein Gott und kein Marx bare Sicherheit auf den Tisch zählen. Innen müssen wir die Sicherheit haben, die noch immer den Weg zum Sieg gewiesen hat, und diese Sicherheit hat den Namen Tapferkeit. Wir müssen den Willen haben, und wir müssen’s versuchen.

14. Aber selbst in der schlimmsten Zeit und vor der höchsten Gefahr wird kein Besonnener unternehmen, was aussichtslos ist. Ich frage denn also, ob es wahrscheinlich, ob es nur möglich ist, daß die Arbeiter aushalten, gewinnen, ihr Ziel erreichen?

Antwort: Ich frage zurück: aushalten, wie lange? Gewinnen, was? Und was für ein Ziel? Dieser Streik ist nicht wie ein anderer; er hat kein Ziel. Und nichts von dem, was sonst in Ausständen begehrt wird, soll da gewonnen werden. Dieser Streik muß in der rechten Art vorbereitet und organisiert sein; er hat keinen Zweck außer sich selbst; das Aufhören der Arbeit ist der einzige Zweck dieses Aufhörens der Arbeit; und wenn in einem Staate der Transport von Menschen und Gütern stockt, wenn die Fabriken stillstehen, wenn keine Elektrizität geliefert und keine Kohlen gefördert werden, wenn die Städte kein Licht und kein Wasser mehr im Hause haben, dann braucht das alles nicht lange zu dauern. Die Regierungen wissen ja gar nicht mehr, was es heißt, daß die Völker auftreten und für ihre Selbstbestimmung einstehen. Dann werden sie es lernen, und dieser Streik wird seinen Zweck erreichen. Dieser Zweck ist: Eindruck zu machen, – im Inland und Ausland; und Nachahmung zu erwecken in allen Ländern.

15. Meinst du, die Folge dieses Streiks werde im besten Falle sein, daß die Regierung feierlich verspricht, keinen Krieg zu provozieren, und daß dann die Proletarier ruhig wieder zur Arbeit zurückkehren?

Antwort: Weiß ich’s? Muß man denn alles vorher wissen? Kann sein, daß es einmal so kommt; aber ein anderes Mal kann es anders kommen. Und –

16. Halt, ehe du weitersprichst. Wird denn aber nicht der Feind erst recht über uns herfallen, wenn er sieht: das Volk will keinen Krieg und die Regierung ist geschwächt?

Antwort: Der Feind! Wir Arbeiter sind einander ja Freund und werden unsre Freundschaft noch ganz anders über die Grenzen weg betätigen, wenn nur ein einziges Volk erst tapfer fürs Rechte eingetreten ist. Haben wir vorher internationale Vereinbarungen und werden sie, wohlgemerkt, auch gehalten, gut. Aber wichtiger ist das Beispiel. Daß unser Vorgehen, wenn wir das Rechte tun, nachgeahmt wird, daß dann gar keine Regierung den Massenmord loslassen kann, das ist kein Zweifel.

17. Du sprichst von internationalen Vereinbarungen, aber du scheinst keinen großen Wert darauf zu legen. Warum?

Antwort: Weil ich keine Großspurigkeit leiden kann. Das ist bequem, wenn ein paar Bürokraten in irgendwelchen Parteiämtern unverbindliche Redensarten austauschen. Aber es hat kaum mehr Wert als das Geschwätz auf den internationalen Friedenskongressen und die Beschlüsse für den Frieden, die von den Regierungen in Haag gefaßt worden sind. Erst müssen die Arbeiter einer Nation, eines Volkes ihre Vereinbarungen, nach klarer, gründlicher, fester gegenseitiger Verständigung, treffen und halten. Kein Zweifel, und wir können es vor uns sehen, obwohl die Geschichte dafür kein Beispiel hat: zeigen die arbeitenden Massen in einem einzigen Volke mit Ernst und also überwältigend glaubhaft, daß sie die ändern Völker, die verschrieenen Feinde, achten, daß sie ihr Leben respektieren, daß sie Entscheidendes tun wollen, um das Ausbrechen eines Zustands des Mords und Brands noch rechtzeitig zu verhindern, zeigt die Arbeiterschaft eines einzigen Volkes nicht bloß durch Worte, Resolutionen, Artikel, sondern durch entscheidende Schritte auf dem Felde der Arbeit ihren unverbrüchlichen Willen, dann zündet diese Lebendigmachung des toten Buchstabens in allen anderen Völkern. Rüsten wir uns, damit wir, wenn es je dahin kommen sollte, die ersten sind, die der Wahrheit die Ehre geben. Die Wahrheit hat nur eine Ehre: daß sie zur Wirklichkeit werde. In so uranfänglichen Dingen kennen all unsre Menschen, alle Völker unsrer Kulturstufe nur eine einzige Wahrheit: Du sollst nicht töten, um selber zu leben; du sollst arbeiten, um zu leben. Tun wir die ersten Schritte und nach den ersten die zweiten und so alle weitern, um, wenn’s sein muß, durch das letzte Mittel der Arbeit entscheidend einzuwirken. Du weißt: die Kanone hat nun das letzte Mittel der Könige genannt. Nun kennst du das letzte Mittel der Arbeit: die Nichtarbeit. Wenn es einmal sein muß, laß uns nicht über die Grenze schielen, was die ändern tun. Folgen wir unserm Gewissen und unsrer Einsicht: die andern werden, wenn sie nachhinken, traurig genug sein, daß sie ihrem Gewissen erst folgen, nachdem unser Gewissen sie aufgerüttelt hat.

18. Wenn sie nachhinken! Wenn! Reicht denn die Zeit dazu? Kann es nicht so kommen, daß heute urplötzlich der Riesenstreik ausbricht und daß morgen schon der Krieg da ist? Und was dann? Kann dann nicht alles Mühen zu spät sein?

Antwort: Viel Unheil kommt von dem Geist, aus dem diese Frage geboren ist. Die Arbeiter, und keine so wie die deutschen, haben wahrhaftig irregeleitete und verwahrloste Köpfe. Weil ihre Besonnenheit und Nüchternheit so gar nicht ausgebildet sind, weil sie also gar kein eigenes, zuverlässiges Denken haben, darum erwarten sie alles von der Plötzlichkeit, vom unbekannten Augenblick, vom Wunder. Weil sie gar nicht wahrhaft daran denken, ihre Ideen Schritt für Schritt, Stein um Stein zu verwirklichen, darum gibt es nur zweierlei für sie: das wie ein träges Rinnsal fortschleichende Einerlei ihres gegenwärtigen erbärmlichen Zustands, ihre langsame Wirklichkeit, oder den fieberhaften Traum einer Augenblicksverwandlung, wo aus Nacht Licht, aus Schlamm Gold werden soll. So ist ihr ganzer Sozialismus: wie im Märchen kommt eins, zwei, drei, hast du nicht gesehn, der Knüppel aus dem Sack oder der große Kladderadatsch, und dann im Handumdrehn das Tischlein deck dich und das Zauberland des Zukunftsstaats, wo sie selber die staatlich beaufsichtigten Esel sind, denen aus allen Öffnungen eitel Gold herausfällt. Nur immer rasch, nur immer plötzlich, nur immer zauberhaft, märchenhaft, wundervoll! Und so auch hier. Gut Ding will nun aber einmal wirklich Weile haben; und die Durchsetzung sieht anders, ganz anders aus als Traumseherei und Schaumschlägerei. Wenn die Hunderttausende oder gar die Millionen Arbeiter und Arbeiterinnen erst ihren Meistern und Unternehmern und Direktoren ihre Kündigung eingereicht haben, wenn die entscheidende Wartefrist erst beginnt –

19. Darf ich unterbrechen? Da scheint mir doch eine Gefahr für die Einheitlichkeit der ungeheuren Bewegung, an die du denkst, zu stecken. Manche, und gerade solche Berufe darunter, die von großer Bedeutung sein können, arbeiten auf tägliche Kündigung, andre haben acht Tage Frist, andre, vielleicht die meisten bei uns, vierzehn, etliche wohl mehrere Wochen. Aber wenn du auch sagst, es käme gar nichts Wirkliches genau auf einen Schlag: der Beginn des Ausstands sollte doch einheitlich sein? Die Frist nach der Ankündigung oder Aufkündigung müßte doch für alle dieselbe sein?

Antwort: Zugegeben, da liegt eine Schwierigkeit, eine von vielen. Hättest du mich nur weiter gehört. Immerhin freue ich mich, daß du anfängst, mitzudenken und eine Anschauung von dem Plane zu haben. Nun sag mir einmal, da du dich nun schon in meinen Bahnen bewegst und meine Gedanken denkst, was hat dir an den großen Streiks der englischen Arbeiter in der letzten Zeit, die wohl um kleine, vergängliche Ziele gingen, die aber ein großes Mittel waren, was hat dir denn da am besten gefallen? Da du nun anfängst, mit mir zu denken, laß uns einmal die Rollen vertauschen. Du antwortest und ich frage.

20. Ja, und ich glaube, ich weiß auch schon, was du meinst. Bei uns in Rheinland-Westfalen, da haben die Bergarbeiter verblüffen und überrumpeln wollen, weil sie ihrer selbst nicht sicher waren und die Massen im Taumel fortreißen wollten; da sind sie ohne Kündigung vorgegangen und sind fast von einem Tag zum andern nicht mehr eingefahren. Sie haben eine ganz elende, jammervolle Niederlage erlitten. Die englischen aber, jawohl, das hat mir am meisten imponiert: die konnten sich auf sich und aufeinander verlassen; sie waren überlegen, weil sie überlegt hatten: sie haben einmütig gekündigt, haben sich nicht erschüttern und abbringen lassen, und als die Tage gekommen waren, hörten sie Mann für Mann auf mit der Arbeit, und so haben sie gesiegt. Ja, ich denke wie du: nicht die Hitze des Fiebers, nur die Festigkeit bedachter Männer, nur dieses von Tat erfüllte Phlegma, dessen Meister die Engländer sind, nur das kann uns helfen. Und ich gestehe, ich finde meine Frage von vorhin nicht mehr so wichtig. Aber sag, wie ist es mit der Ungleichheit der Kündigungsfristen?

Antwort: Vergiß nicht, ich bin kein Vormund und kein Stellvertreter und kein ausführender Delegierter: ich will aufrütteln, klar meine Meinung sagen und fordre von den Arbeitern in diesem Augenblick nichts als Beratung. Sie sollen denken, sie sollen sich beraten, und dann sollen sie vorzubereiten beginnen, aber nicht das, was mir unbestimmt im Kopfe herumgeht, sondern was sich ihnen aus ihrer Gemeinschaft und aus der Praxis ihres Berufslebens ergibt. Der einsame Denker, der in Liebe zum Rechten und Guten sich eine große Sache ausmalt, ist gar nicht berufen, über die Verwirklichung im einzelnen Sicherheit zu gewinnen. Die bringt die Ausführung mit sich, die bringt jeder Schritt. Die Ausführung birgt nur dann Schwierigkeiten, wenn es nicht um eine Tat der Festen und Nüchternen geht, sondern um eine Scheinaktion, die blenden und imponieren soll. Die braucht freilich als erstes Erfordernis die örtliche und zeitliche Einheitlichkeit, die Überwältigung des Augenblicks. Aber denke dir nur, es sei so weit, wie ich es wünsche: die Arbeiter wollen als ganz Mündige, durch eigene gründliche Beratung unerschütterlich Gewordene ankündigen: Hört, ihr Herren, die Arbeit stockt, der Verkehr wird unterbrochen, sowie ihr euch zur Barbarei entschließt, die wir nicht mehr wollen! Da kommt es nicht mehr auf Inszenierungskünste und verblüffende Theatermassenwirkung an. Da darf es gerade so gehen wie im Krieg, der nicht mit der Hauptschlacht, sondern mit Scharmützeln und Gefechten beginnt. O, daß die Menschen, o daß vor allem die Arbeiter so gar nicht wissen, was Wirklichkeit ist und wie sie aussieht!

21. Laß mich noch auf die andre Frage zurückkommen, die du von dir geschoben hast: was wird, wenn es zu diesem Streik der Arbeit kommt, die Regierung tun?

Antwort: Ich traue mir kaum zu gestehen, was da für . . . nicht schon Hoffnungen, aber doch Träume und Gesichte in mir leben. Denk an Ludwig XVI., der die trikolore Freiheitsmütze aufgesetzt hat, an Friedrich Wilhelm IV. mit der schwarz-rot-goldenen Schärpe. Das war kein bloßer Zwang und keine bloße verräterische Klugheit; da war die tief im Innern wurzelnde Gleichheit aller Menschen und die Erschütterung angesichts des neu erstandenen einigen Volkes hervorgebrochen. Wer weiß, was aus unsern Regierenden, die auch Menschen sind, Verschüttetes hervorgelockt wird, wenn das arbeitende Volk in seine Tiefen steigt und die Menschheit aus der verfallenen Grube hervorholt. Aber ich will nicht das Letzte, ich will nicht an die Herrlichkeit denken. Zu viel ist geträumt und geschlafen, zu wenig wach und bescheiden im kleinen fürs Große getan worden. Die Arbeiter sollen beginnen, sie sollen mit dem Ersten anfangen, sie sollen ihre Vorbereitungen treffen. Sie sollen einmal gar nicht an das denken, was allenfalls andere tun könnten. Sie sollen nur an das denken, was ihnen selber obliegt. Sie sollen das denken, was sie wirklich denken. Sie sollen das sein, was sie wirklich sind.

22. Wie redest du da so absonderlich? Sie sollen denken, was sie denken, und sein, was sie sind? Ein jeder ist doch wohl eben, was er ist, und denkt, wie er denkt. Oder nicht?

Antwort: Wenn jeder wäre, was er in Wahrheit ist, und wenn jeder das wahrhaft dächte, was wirklich in ihm lebt, dann brauchten wir nicht mehr gegen den Krieg zu kämpfen, und vieles wäre umgewälzt. Dann wäre das leibhaft da, in uns und darum um uns, was wir als Sozialismus ersehnen. Nein, die Menschen wagen nicht, ihre Gedanken zu denken. So viel verborgene Erkenntnisse und so viel geheimes Wissen haben die Menschen in sich und lassen es alles nicht hochkommen. Sind wir nicht eben davon ausgegangen: die Arbeiter wollen allesamt den Krieg nicht. Genauso, wie sie das alle miteinander wissen und doch nicht wissen, genauso wissen sie auch in Wahrheit, daß gegen den Krieg und den Kriegsbefehl nur der Streik und das Streiksignal helfen. Aber bekamen sie bisher dieses Wissen, das in ihnen so verborgen ist, als wäre es in einen tiefen Brunnen gefallen, hinauf ins klare Bewußtsein? Nein. Haben sie auch nur den kleinsten Anfang dazu gemacht, um diesen Streik, wie er sein muß, für den Notfall vorzubereiten? Nein.

23. Sage mir, wie kann dieser Streik, wie kann also der durch die Arbeit gesicherte Frieden vorbereitet werden?

Antwort: Ich will erst sagen, wie er nicht vorbereitet werden kann. Ich will erst auf Dinge antworten, die du mich nicht gefragt hast. Woher das kommt, will ich zuerst sagen, daß in dumpfer Unbewußtheit in den Arbeitern etwas lebt, was wie von dickem Schlaf umpolstert ist, was kaum mehr Leben zeigt und wie scheintot ist. Bildet euch nicht ein, ihr Apostel und Prediger und Agitatoren und Propagandisten, da sei das Volk, das nichts wisse, und dort kämet ihr mit großen Frachten dahergesegelt und brächtet den Massen neue, funkelnagelneue Botschaft. Gar nichts kann gar keiner gar keinem bringen, was der nicht schon vorher weiß, obwohl er es doch wieder nicht so recht weiß.

24. Ja, mein Lieber, das könnte schon wahr sein. So ähnlich haben auch die alten Griechen gedacht, sie sagten: Lernen ist Erinnern. Du meinst also: unsere Aufgabe sei, das Volk zu dem zu bringen, was es in Verborgenheit, in Schlaf und Scheintod schon ist, und das in ihm zu erwecken, was es wirklich denkt? Was aber ist denn schuld, daß die Völker, daß die Einzelnen alle um ihr wahres Wesen gekommen sind und daß ihnen ihr eigentliches Denken sozusagen irgendwohin hinuntergerutscht ist, wo sie es selber nicht mehr finden?

Antwort: Vieles ist schuld; das Geschehenlassen und Erdulden seit Jahrhunderten ist schuld. Und darum wird es lange dauern, bis sie für ihr Zusammenleben und ihre Gegenseitigkeit die rechten Maßnahmen ergreifen, obwohl auch die ganz leicht und ganz selbstverständlich sind. Aber die Menschen denken jetzt nur immer ans Nächste, an das, was ihnen auf den Nägeln brennt, und sie denken gar langsam und linkisch und denken nur in der Enge und nie in die Weite. Hier aber, wo es um den Krieg geht, hier ist Hoffnung. Denn da geht’s am das eigene Leben, ums Leben der Söhne und der Väter und um die unerhörtesten Greuel. Hier können die Hindernisse überwunden werden; wir müssen’s mit ganzer Kraft versuchen. Die Arbeiter denken langsam; in ihrem Elternhaus hat man auch langsam gedacht, und die Schule hat ihnen kein geläufiges Denken, keine Übung im Denken beigebracht. Darum haben sie ihr Denken so schnell gefangen gegeben und waren froh, wenn sie’s aufgeben durften und andre für sich denken ließen. Das allein ist schuld an all dem Unheil, von dem wir reden: dieses System der Vertretung!

25. Du meinst, daß die Arbeiter sich regieren und bestimmen lassen und sich nicht selbst regieren und selbst bestimmen? Freilich, wenn du die Regierung abschaffst – die Arbeiter werden einander den Krieg nicht erklären!

Antwort: Das liegt den Arbeitern schon viel zu fern; dazu wirst du heute und morgen die Massen noch nicht bringen, daß sie dem Staatswesen ein Ende machen und neue Ordnungen aufbauen. Aber ich rede auch von einer Regierung, die den Arbeitern näher liegt. Ich meine das ungeheure Hindernis der Regierung und Vertretung, die unsere Arbeiter selber eingesetzt haben und von denen sie sich frei machen müssen, wenn sie auch nur über Krieg und Frieden selbst bestimmen wollen. Was ist denn ihre Partei, was sind denn ihre Sekretariate und Zentralinstanzen anderes als Behörden, von denen sie sich das Denken, das Handeln und die Freiheit haben abnehmen lassen? Sieh mal zu, ob du den kleinsten Unterschied finden kannst. Zum Beispiel: die Regierung besteuert die Lebensmittel oder erklärt den Krieg; das Volk protestiert. Das Volk bildet sich auch ein, immer noch, trotz jahrhundertalten Erfahrungen, wenn andere Personen oder Parteien regierten, könnte es besser werden. Es wird aber nicht besser, sondern nur immer schlimmer, weil das Volk sich immer mehr das eigene Eingreifen abgewöhnt und gar nicht mehr weiß, wie die Einrichtungen der Selbstbestimmung aussehen müssen. Genauso aber steht’s mit den jungen Regierungen, die sich die Arbeiter noch zu den Staatsregierungen dazu in unserer Zeit für ihr Arbeiterleben selbst gegeben haben. Die Vertreter schließen z. B. einen Tarifvertrag mit den Prinzipalen, der über Wohl und Wehe von Zehntausenden entscheidet. Die Vertreter haben das Recht dazu; die Gehilfen haben es ihnen vorher übertragen, sie haben freiwillig abgedankt. Was tun sie nachher? Sie schreien, sie protestieren, sie lehnen die Verantwortung ab. Wenn’s hoch kommt, wählen sie einmal andere Vertreter, die sich ganz notwendig gerade so entwickeln müssen wie ihre Vorgänger. Warum? Weil die Arbeiter nicht lebendig sind und ihre Sachen nicht selber besorgen. Wo Massen da sind, aber nicht leben, da muß sich Fäulnis entwickeln. Alle Fäulnis in den oberen Regionen steigt immer von unten auf. Wo regiert wird, da stinkt es; und wie sollte es anders sein? Nur weil unten Verweste sind, darum gebieten oben Verweser.

26. Was also sollen die Arbeiter machen, um sich vorzubereiten, den Krieg zu verhindern?

Antwort: Sie sollen sich sagen: Das kann ja niemandem schaden, und damit können wir keinem und keinerlei Richtung Unrecht tun, daß wir einmal erproben, ob es wahr ist, was hier gesagt ist: daß die Arbeiter, daß eine große, zusammenhängende Masse über den Krieg gleich denkt und ebenso gleich denkt über das einzige Mittel der Arbeiter, den Ausbruch des Krieges unmöglich zu machen. Sie sollen sich sagen: Das ist nun wirklich eine Frage, bei der es auf Theorien, auf gelehrte Sachen, auf Programme und sogenannte Wissenschaft gar nicht ankommt. Da ist das arbeitende Volk, und es soll ganz einfach und volksmäßig sich auf etwas rüsten, was den Arbeitern selbstverständlich ist und im Herzen jedes rechten Arbeitsmannes lebt. Sie sollen sich sagen: Ob die Sozialdemokraten recht haben oder die Anarchisten, ob die Marxisten eine echtere Wahrheit lehren oder die Revisionisten, das können die ja untereinander ausmachen. Hier geht’s um etwas, das dringender ist, das das Allerdringendste ist und wo für uns keine Möglichkeit des Streits und kein Grund zum Warten und Geschehenlassen ist. Hier wollen wir selber zugreifen und nach dem Rechten sehen.

27. Damit die Arbeiter sich das sagen und sich dann gegenseitig durch feste Abmachungen versichern und binden, müssen sie aber zusammentreten. Wie denkst du dir die Möglichkeit dazu?

Antwort: Ich meine, die Arbeiter müssen den ersten Anfang machen, eine große Tagung vorzubereiten, wie noch gar keine gewesen ist. Bisher war immer zwischen den Arbeitern und ihrem Ziel etwas anderes eingeschoben, war’s eine Partei oder eine Gewerkschaft oder ein Reichstag, gleichviel; es war immer, wie wenn sich zwischen den Frommen und seinen Herrgott der Priester eindrängt. Da wird dann immer nicht das Interesse lebendiger Menschen gewahrt, sondern es wird vielmehr Rücksicht genommen auf die Größe und das Gedeihen der Organisation, der Kirche, des Götzen. Jetzt soll einmal alles Fremde, alles Erdachte beiseite gelassen werden. Da sind Arbeiter, wie sie in der Werkstatt, in der Fabrik, auf dem Bauplatz beisammen sind. So sollen sie sich besprechen, sollen ihre Einigkeit feststellen, die ganz ohne Zweifel vorhanden ist, sollen alle Erfordernisse des Plans erwägen, ganz bestimmte, ins einzelne gehende Fragen beantworten, sollen einander erst von Gruppe zu Gruppe, dann von Branche zu Branche, dann von Ort zu Ort Boten senden, bis die Klarheit so scharf und bestimmt hergestellt ist, daß in allen Provinzen an einem und dem nämlichen Tag in großen Versammlungen der Beauftragten festgestellt wird, was im gegebenen Fall getan werden soll.

28. Ja, das gefällt mir, und das wäre ein Anfang der Freiheit und des Zusammenschlusses. Oh, von wie großer Bedeutung wäre solch ein Anfang! Mir ist, als wehte mich frische Luft an, wenn ich mir das ausmale. Da wären ja wir Deutsche zum erstenmal nicht das deutsche Volk, als das wir verrufen sind: wir träten in Freiheit zusammen, um unser Schicksal selbst zu bestimmen. Freiheit! Freiheit! Haben wir doch fast vergessen und verlernt, welche Wonne es ist, in Freiheit einig zu sein. Aber es muß doch ein Beginn sein. Wie soll denn das nur anfangen?

Antwort: Es hat schon angefangen. Dieser Aufruf zum freien Arbeitertag ist ergangen; und die allerersten, die ihn vorbereiten und rüsten wollen, haben sich zusammengetan. Aus verschiedenen Lagern sind Männer und Frauen zusammengetreten und haben Ausschüsse gebildet. Da sind schon Maurer, Bauarbeiter, Zimmerer, Fliesenleger, Rohrer, Glaser, Tischler, Möbelpolierer, Tapezierer, Metallarbeiter, Töpfer, Bäcker, Buchbinder, Schuhmacher, Gärtner, Buchdrucker, Musikinstrumentenmacher und Handelshilfsarbeiter dabei, da sind Männer zusammengetreten, die sonst vier-, fünferlei Richtungen angehören, die einander manchmal fast feindlich entgegenstehen. Solche Ausschüsse sollen überall ins Leben kommen, in großen und kleinen Städten; Jeder soll alles tun, was zur Erweckung und Angliederung getan werden kann, und soll auf kein Kommando von keiner Zentrale warten. Und zu gemeinsamen Schritten werden sie sich verbinden. Dann werden sie bald zu groß sein, um immer im ganzen zusammenzuwirken; sie werden in Bezirke auseinandertreten. Und alle Berufe werden in jedem dieser Bezirke vertreten sein, und jeder wird in seinem Berufe wirken. Ich prophezeie nichts; ich ergehe mich nicht in phantastischen Schwärmereien und Hoffnungen. Aber ich spreche unsern Willen aus; so wollen wir tun, so soll es geschehen!

29. Weißt du, woran mich das erinnert, was ihr da begonnen habt, wie du sagst? Weißt du, was ihr da für ein Vorbild habt?

Antwort: Jawohl, ich weiß es, obwohl wir, als wir anfingen und taten, was sich ergab, weil es notwendig war, nicht daran gedacht haben. So waren die Distrikte und Sektionen in Paris und den anderen Städten in der großen Revolution gegliedert, so haben sie permanent getagt und ihre Vertreter dauernd kontrolliert und beraten, so haben sie ihre Selbstbestimmung gesichert und haben nicht nur der Zukunft ein kostbares Werk bereitet, sondern sich selbst eine Gegenwart, ein lebendiges Tun, ein freudiges öffentliches Leben beschert.

30. Ja, das meinte ich. Ich sehe, unsere Gedanken gehen zusammen. Und so, lieber Kamerad, reich mir die Hand, wir wollen zusammenhalten und miteinander ans Werk gehen. Nun aber laß mich noch eines fragen: Wenn die Arbeiter also zum erstenmal seit langer, langer Zeit erkennen, daß man, was man in der Welt haben will, selber tun muß, daß, was durchgesetzt werden soll, von denen, die es wollen, begonnen und getan werden muß, daß der große Feind alles Lebens die Regierung, die Behörde, die Schablone und also der Zentralismus ist, wenn die Arbeiter in diesem einen Falle wissen, was das heißt: frei sein und Freiheit ausüben, wird dann nicht mehr geschehen sein, als daß die Arbeiter Vorsorge treffen, um den Ausbruch des Krieges zu verhüten?

Antwort: Ja, es wird viel mehr, es wird noch ganz arideres geschehen sein. Alles, was zu einem guten Zweck das gute Mittel ist, ist in sich selbst gut. Der freie Arbeitertag ist nicht bloß das Mittel, durch das die Arbeiter ihren Willen und ihren Weg zur Sicherung des Friedens erfüllen. Haben wir nicht gesehen, daß keine Lehre von außen gebracht werden, daß sie nur innen, wo sie immer wohnte, erweckt werden kann? So ist es auch mit der Freiheit, dem Glück und Gedeihen, der Eintracht und dem Bunde der Völker. Sie sind nicht ein Ziel, das draußen irgendwo am fernen Ende der Geschichte wartet und erobert werden muß. Wenn wir uns rüsten, um die Freiheit heimzuholen, wenn wir uns in der rechten Art, der einzigen Art, die nicht neue Unfreiheit und Regierung schafft, organisieren und vorbereiten, so entstehen in dieser Vorbereitung, in dieser freien Organisation eben schon die Freiheit und die Freude und das Glück. Wer eine Braut will, muß sie draußen suchen, denn die Menschen sind in zwei Geschlechter auseinandergerissen. Aber ganz anders ist es mit der Braut der Menschheit: der Freiheit. Keiner findet die Freiheit, der sie nicht in sich hat. Und desgleichen: Nichts, was wirklich die Menschheit angeht und also die Verbrüderung und gegenseitige Gerechtigkeit, kann von Menschen durchgeführt werden, ohne daß diese Menschen in Freiheit zusammenwirken. In der rechten Art sollen Arbeit und Frieden gesichert und also geschaffen werden, und siehe da: die rechte Art heißt Freiheit im Zusammenwirken! Noch ganz andre Dinge werden damit für Arbeit und Menschheit getan sein, daß die Arbeiter tun, was an ihnen ist, um für dieses eine zu sorgen: daß sie sich nicht selber gegenseitig ermorden.

Aber werden die Arbeiter denn ihre eigene Sache tun? Werden sie einmal frei sein? Werden sie zu ihrem freien Arbeitertag zusammentreten? Werden sie einmal selber reden und selber handeln? Werden sie beschließen, ihr Geschick selbst zu bestimmen? Darauf sollen die Arbeiter die Antwort geben.

Zum Anlass des Ausschuß für den freien Arbeitertag in Berlin.

Herausgeber: Max Müller 1911, zum Ausschuß für den freien Arbeitertag zu Berlin.

Entgegen zu den damaligen sozialdemokratischen Forderungen setzte Landauer auf die Verweigerung jeglichen Kriegsdienstes und die Abschaffung aller Armeen sowie, im Kriegsfall, auf Gehorsamsverweigerung, Desertion und Generalstreik.

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0 Kommentare zu Gustav Landauer: Die Abschaffung des Krieges durch die Selbstbestimmung des Volkes (1911)

  1. Das liegt am Schocker zu Beginn des Posts. Ist das Odessa?

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  2. pantoufle sagt:

    Moin Kiezneurotiker
    Ja, ist es . Fröhliche Soldaten, die mit klingendem Spiel zum Städchen rauswetzen, waren gerade aus.
    Außerdem hatte ich Fresse von den Trollen beider Seiten gerade gestrichen voll, die meinen, einen Schuldigen suchen zu müssen. Ein Kommentar auf einem teutschen Fascho-Blog höhnt: »ja die tuhuhuen mir auch schrecklich leid, die märtyrer«(Deppendeutsch im Original). Der Kommentator würde vermutlich auch auf die Leichen pissen, wenn man ihn nur ließe.
    Ja, ich bin gerade ziemlich geladen.

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  3. lazarus09 sagt:

    Krieg wurde ja noch nie wegen Bodenschätzen Macht Geld Renditen Zerschlagung der Infrastruktur etc geführt sondern immer nur um den wahren Frieden zu bringen und zu sichern .. ein Argument was immer beide Seiten für sich in Anspruch genommen haben ..!

    wer hier Sarkasmus findet darf ihn behalten ..!

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  4. Duderich sagt:

    Die Fotos hauen mal so richtig in die Fresse! Gut so!

    Krieg ist immer noch so pervers, wie zu Zeiten des Schwertkampfes nur weitaus perfider.
    Auch die Kollateralschäden haben sich gefühlt nicht verringert. Selbst High-Teck-Drohnen, bringen unzählige Kollateralschäden hervor. Wobei sich dann natürlich auch wieder die Frage stellt, wer den jetzt gerechtfertiges Ziel ist und unschuldiges Opfer. Wie hoch ist denn heutzutage noch die Schwelle (wie groß der Verdacht und wie klein die Unschuldsvermutung) um einen Tötungsbefehl auszusprechen?

    Wie man es auch sieht: Krieg ist pervers, IMMER UNGERECHT UND CONTRAPRODUKTIV und Bilder wie dort oben, sollten Plaktatwände ‚zieren‘ (dicke Anführungszeichen). Aber nicht aus propagandistischen Zwecken um den ‚Systemfeind‘ zu bekämpfen, sondern unabhängig, von welcher ‚Wertegemeinschaft‘ die militärische Aggression ausgegangen ist, deren Opfer durch Fotos der Anonymität entrissen wurden. Einfach um zu dokumentieren, wie inhuman und pervers militärische Kriegsführung in unserer ja so aufgeklärten Gesellschaft ist.

    Stattdessen wird momentan verbal (und tatsächlich) aufgerüstet, und der relative Frieden, der uns umgibt, (einschließlich des sozialen Friedens – aber das ist ein anderes Thema) wird leichtsinnig auf’s Spiel gesetzt.

    Was zur Zeit gefordert wird, ist Vasallentreue und unreflektiertes schwarz/weiß-Denken.
    Ich persönlich bin von Schröders Umarmung von Putin genauso angeekelt, wie Merkels Umarmung von Obama.
    Damit bewege ich mich wohl bereits außerhalb der PC, aber hey: Drauf geschissen!

    Liebe Grüße vom Dude

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    • pantoufle sagt:

      Moin Duderich

      Ja, weiß Du… Hauen auf die Fresse; sicher, das auch. Mir schlagen sie massiv auf den Magen und andere haben sie sicherlich verschreckt, den Rest zu lesen. Wobei: Die WordPress-Statistik relativiert die Vermutung etwas. Das waren schon einige, die sich dadurch nicht abschrecken ließen.

      Ich halte diese Art von Schocktherapie streng genommen auch für unlauter. Aber was soll man machen? Katzencontent und Gartenbilder? Die Diskussion ist doch im Moment auf einem Level Bodensatz angelangt, daß sonst eigentlich ernst zu nehmende Menschen auf einmal nach Krieg schreien – dann sollen sie sich ansehen, was das ist, dieser Krieg. Was haben die denn erwartet? EXEL-Tabellen? Das könnte ihnen so passen.
      Aber es ist so oder so sinnlos: Diejenigen, die da am lautesten krakeelen, werden Dir erklären, daß »die da« es ja nicht besser verdient haben, weil…
      Warum reißen eigentlich so viele das Maul auf, daß sie gegen die Todesstrafe sind und befürworten auf der anderen Seite, daß für irgend ein Wertesystem jedes Opfer akzeptabel ist?
      Da sind Menschen gestorben, mehr als die kolportierten 37. Jeder einzelne… ach, lassen wir das. Es ist sinnlos, sinnlos.

      Hoffentlich kümmert sich das rote Kreuz und die Ärzte noch um die Opfer beider Seiten oder sind wir wieder schon so weit…?

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