Glückwünsche aus aller Welt

demoskopen

»You can always count on Americans to do the right thing – after they’ve tried everything else.«
Sir Winston Spencer Churchill

Es ist schon auffällig, wie wenig man sich für den Fall gewappnet hat, daß Donald Trump die Wahl tatsächlich gewinnt. Niemand und nirgendwo. Die Börsenkurse fielen, nachdem Trump gewonnen hatte – warum nicht bereits bei seiner Nominierung? Weil nicht sein kann was nicht sein darf? Bundesaußenminister Steinmeier »will nichts schönreden« und verschläft das in diesen Fällen übliche Glückwunschtelegramm zum Wahlsieg des »Präsidenten aller Amerikaner«. Um Mißverständnissen vorzubeugen: Das spricht nicht für ihn; irritierte Fassungslosigkeit ist nicht bewundernswert.

»Trumps Anhänger sind ein ekliger Mix aus Hurrapatrioten, Faschisten, Reaktionären, Religiösen, Idioten, Stammwählern und Leuten, die einfach die Schnauze voll haben. Normale Amerikaner eben […].«

Flatter

Das mag ja alles sein, aber nach der Wahl gingen auch Tausende US-Amerikaner auf die Straße um gegen die Wahl Trumps zu demonstrieren. Das unterscheidet den »normalen Amerikaner« deutlich vom Deutschen, der nach dem Wahlerfolg der AFD in Mecklenburg-Vorposten gemütlich im Fernsehsessel sitzen blieb. Immerhin ist die AFD eine faschistische Partei in Deutschland… da hätte man schon ein klein wenig mehr Aufregung erwarten können. Ob das nach der kommenden Bundestagswahl mit den zu erwartenden Gewinnen der AFD anders sein wird?

Überhaupt Personalien: Was genau unterscheidet inhaltlich einen Markus Söder, Joachim Hermann oder Horst Seehofer eigentlich von Donald Trump? Vielleicht die Tatsache, daß man bei Twitter und Facebook immer noch Neuland betritt, was man fälschlicherweise als Fingerspitzengefühl fehlinterpretieren könnte. Und natürlich die Tatsache, daß man auch in Bayern nur begrenzt über Atomwaffen verfügt, Brandstifter allemal. Cem Özdemir, Angela Merkel oder Peer Steinbrück in der Rolle Hillary Clintons – Frauke Petry oder Alexander Gauland als »Aufstand gegen das Establishment«.

»Ein Reality-TV-Star ohne jegliche politische oder militärische Erfahrung wird über die amerikanischen Atomwaffen bestimmen können. Man muss sich nur daran erinnern, dass dieser Mann während eines Militärbriefings mehrere Male gefragt haben soll, warum die USA denn keine Atomwaffen einsetzen würden, wo sie doch über welche verfügten. Dies ist der Mann, der erklärt hat er „liebe Krieg“ und dessen Strategie gegen den IS darin besteht, „sie zur Hölle zu bomben“ und sich das Öl zu sichern.«

Jonathan Freedland

In dem lesenswerten Artikel Freedlands auf freitag.de wird zusammengetragen, was bereits im Vorfeld bekannt war. Die oberflächliche Tünche »zivilisatorischer Errungenschaften« hat dem scheinbar wenig entgegenzusetzen. Da mag man sich noch so sehr um Fairtrade, Genderwahnsinn, Biogemüse oder politisch korrekte Sprachreinigung bemühen: An patriotischen Urängsten scheint das wenig zu rütteln. Der Steinwall und die kampfbereit hängende Keule am Höhleneingang wiegen schwerer als die Höhlenmalerei.

Der Präsident des Nato-Mitglieds Türkei stellt Strafantrag gegen alle Abgeordneten der oppositionellen, kemalistischen CHP-Partei. Erdoğan wirft ihnen vor… na, was schon?
Das Zeitalter der Borderliner.

Nachtrag am Abend

Anschauungen zu Trump aus einer ganz anderen Perspektive. Neu in meiner Blogroll und ganz herrlich zu lesen. Schlechter Sex&Dosenbier: Whats true, pussycat?

Noch ein kleiner Vortrag zum Thema. Link via fefe.

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13 Kommentare zu Glückwünsche aus aller Welt

  1. Wolfgang sagt:

    “Das mag ja alles sein, aber nach der Wahl gingen auch Tausende US-Amerikaner auf die Straße um gegen die Wahl Trumps zu demonstrieren.”

    Und da ist sie wieder, die Filterblase der Linken… Was heißt es, daß “tausende” (wie viele Tausende sind das denn genau?) Amerikaner gegen Trump demonstrieren? Das sagt per se erst einmal genau so viel: gar nichts.

    Der Fehler, der zu Trump führte, in der gewohnten Endlosschleife…

    Wer fragt denn bitte schön mal nach, was die Beweggründe der Demonstranten sind? Aus welcher “Ecke” kommen die? Wie haben sie sich zusammengefunden?

    Man kann Trump scheiße finden, keine Frage. Man hat aber niemals die vollständige Wahrheit gepachtet, schon gar nicht mit dem nichtssagenden Verweis auf Leute, die gegen Trump demonstrieren. Die gesammelte Medienmeute hat monatelang nichts anderes getan! Hat die Meute deswegen automatisch recht?

    Möglicherweise sind es enttäuschte Clinton-Groupies, die es nicht fassen können, daß ihr jahrzehntelanger Feldzug gegen den “alten, weißen Mann” nicht dazu führte, daß sich _alle_ Männer geschlagen geben und den Gender-Unfug auf ewig kritiklos ´runterschlucken.

    Oder es sind Leute, die den Kappes mit den “gläsernen Decken” bedingungslos (und entgegen der mit Killary deutlich sichtbaren Realität) geglaubt haben und sich nun (wieder einmal…) bestätigt sehen.

    Es könnten möglicherweise auch New York-Hipster sein, die ihre Lebensführung auf Kosten der Beinahe-Besitzlosen gefährdet sehen. Bio muß man sich halt leisten können.

    Bezahlte Demonstranten sind ebenso denkbar. Wäre gerade in Amerika ja nicht das erste Mal.

    Ich kapiere einfach nicht, wie man _immer noch_ so blind und engstirnig sein kann, die simple Nachfrage nach Beweggründen als obsolet zu betrachten.

    Nicht nach Beweggründen zu fragen und die eigene Haltung zu diesen Beweggründen zu _hinterfragen_ hat doch genau da hin geführt, wo angeblich niemand sein wollte (ganz ehrlich: ich bin heilfroh, daß es nicht Clinton wurde. Sanders wäre mir deutlich lieber gewesen, aber das hat die Demokraten-“Elite” ja erfolgreich mit dem Trump-Sieg verhindert. Hätte sie besser mal nach den Beweggründen der Sanders-Befürworter gefragt).

    Ich predige schon seit Jahrzehnten, daß es absolut nichts gegen Faschisten nützt, die Mehrheit der Wähler für “zu blöd zum Wählen” zu erklären. Das ist zwar schön einfach und man muß sich nicht mit den paar Rassisten inmitten der schweigenden “Normalos” argumentativ auseinandersetzen, Wahlergebnisse zu eigenen Gunsten beeinflußt das aber eher zum Gegenteil. Siehe `murica. Echokammer. Filterblase. Und die Realität trötet “völlig überraschend” dazwischen.

    Die meisten Leute sind nicht blöd, sie theoretisieren nur nicht gern so viel wie mancher vollversorgte Freizeitphilosoph und mögen ihre Meinung nicht verunglimpft sehen. So wie jeder andere Mensch auch, ob Links oder Liberaler oder wegen mir auch Faschistin.

    Wer die Menschen gewinnen will, muß auf sie zugehen und sie _überzeugen_. Ist sehr schwer, das weiß ich. Oft auch ziemlich schmutzig und schmuddelig. Aber notwendig. Man muß _mit_ den Menschen reden, nicht _über_ sie. Erst dann erfährt man, was Phase ist, und kann Einfluss gewinnen.

    Mit Abweisung, Herabsetzung und ebenso kruder Gegen-Ideologie gewinnt man keine Herzen und erst recht keine Wahlen. Irgendwann schlägt einem das in die Fresse und genau die, die man herabgesetzt, abgewiesen und zwangsideologisiert hat, gewinnen die Wahl. Ist dann natürlich doof, wenn man “Demokratie” als Monstranz vor sich her getragen hat. Die nützt nämlich dummerweise nicht nur dem eigenen Lager.

    Ist das wirklich so schwer zu kapieren?

    P.S.: Bei der Gelegenheit sollte man sich auch endlich mal an den Gedanken gewöhnen, daß es eine Welt, die völlig frei von z.B. rassistisch veranlagten Homo Sapiens ist, auf unabsehbare Zeit nicht geben wird. Dieser Absolutheits-Anspruch aus vielen politischen Lagern nervt inzwischen auch ungemein.

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  2. Wolfgang sagt:

    “Mit Abweisung, Herabsetzung und ebenso kruder Gegen-Ideologie gewinnt man keine Herzen und erst recht keine Wahlen.”

    Ach verdammt, da fehlt “auf Dauer” am Ende des Satzes.

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  3. Narf sagt:

    Warum die Leute auf die Straße gehen? Weil sie eine Scheissangst haben. Drumpf hat einen Wahlkampf auf Kosten diverser Minderheiten gemacht, der die Menschen aus ihren Löchern hat kriechen sehen, die diese Minderheiten hassen.

    Und Drumpf hat eine Super Majority im Rücken sowie eine Regierungsmannschaft, die von einem erzkonservativen Versager – Mike Pence – angeführt wird.

    Das bedeutet, dass in den nächsten zwei Jahren u. a. die folgenden Dinge abgeschafft werden: Klimaschutzbemühungen, das Recht auf Abtreibung, der Affordable Care Act, das Recht von Homosexuellen auf Eheschließung. Und die Reps werden mit neuer Kraft ihre Bemühungen fortsetzen, Minderheiten vom Wählen abzuhalten. Ganz zu schweigen von wenigstens einem neuen erzkonservativen Richter am Supreme Court.

    Die “alten, weißen Männer” in den USA sitzen nicht nur still, sondern versuchen aktiv, die Gesellschaft zurück in die 50er Jahre zurückzuführen.

    Deshalb gehen die Menschen auf die Straße. Ist das wirklich so schwer zu kapieren?

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  4. Pantoufle sagt:

    Moin Wolfgang

    Vielen Dank erst mal für die umfangreichen Anmerkungen. Ich sortiere das mal ein wenig so, wie ich es las.

    Mit dem »vollversorgten Freizeitphilosophen« mir gegenüber wäre ich vorsichtig. Der Freizeitphilosoph mag ja so durchgehen. Aber für den unwahrscheinlichen Fall, Du würdest meiner Frau oder den Kindern über den Weg laufen und so einen Stuß wie »vollversorgt« von Dir geben, könnte das zu häßlichen Fällen von körperlicher Gewalt führen.
    Es gibt auch Menschen, die ihre materiellen Nöte nicht aus allen vorhandenen Fenstern hängen und trotzdem ein Blog schreiben.

    »Und da ist sie wieder, die Filterblase der Linken…«
    Ja, da ist sie auch gleich! Die Tagesschau und ein Artikel in der New York Times Online. In der nytimes.com stehen dann auch ein paar Zahlen. Warum ich keine genannt habe? Einen genauen Überblick zu bekommen ist etwas schwierig – mit ein paar Tausend liegt man vermutlich nicht völlig daneben. Auch dann nicht, wenn sich das marxistisch-leninistische Kampfblatt New York Times um ein paar Nullen verrechnet hat.

    Die Unterstellung »gekaufte Demonstranten« finde ich hochinteressant! Das kannte ich jetzt nur von irgendwelchen Rechten und Truthern. So in der Lesart «Das Land Thüringen bezahlte 41.263,20€ für professionelle Gegendemonstranten!!Heinz!!«
    Ob es in den USA bei den Anti-Trump-Demos bezahlte Teilnehmer gab, entzieht sich natürlich meiner Kenntnis, aber wenn das schon mal vorgekommen ist… man hört ja so einiges.
    Was zwangsläufig zu der Frage führt, ob es eigentlich Deiner Meinung nach gute oder schlechte Demonstrationen gibt und wie der ideale Teilnehmer auszusehen hat? Clinton-Groupies oder Hipster fallen dabei ja offensichtlich schon mal heraus. Gibt es da irgend eine Einkommensobergrenze? Oder eine der Parteizugehörigkeit?

    »Ist dann natürlich doof, wenn man „Demokratie“ als Monstranz vor sich her getragen hat. Die nützt nämlich dummerweise nicht nur dem eigenen Lager.«
    Ja, das ist wohl wahr und gilt übrigens auch für Demonstrationen 🙂
    Daß die Teilnehmer einer jeden Demonstration ihre ganz persönlichen Gründe haben, mitzulatschen, ist völlig unbestritten.

    »Ich kapiere einfach nicht, wie man _immer noch_ so blind und engstirnig sein kann, die simple Nachfrage nach Beweggründen als obsolet zu betrachten.«
    Ich auch nicht, aber deswegen muß man nicht gleich jede noch so abwegige Verschwörungstheorie aus der verstaubten Schublade kramen. Man kann ja mal ganz behutsam mit »die mögen Donald Trump nicht!« oder (wie Kommentator Narf richtig anmerkt) »Weil die eine Scheißangst haben« anfangen. Wäre ja immerhin möglich. Und Menschen, die in dieses Raster passen, gibt es im Moment in den USA Tausende (eine ganz, ganz vorsichtige Schätzung!)

    »Mit Abweisung, Herabsetzung und ebenso kruder Gegen-Ideologie gewinnt man keine Herzen […]«
    Ich hab mir mein eigenes Geschreibsel jetzt noch mal gründlich durchgelesen und bin doch ziemlich erstaunt, was man da offensichtlich alles hineininterpretieren kann. Da bleibst Du ziemlich vage. Daß ich die AFD als faschistisch bezeichne als »krude Gegen-Ideologie«? Tja, die Geschmäcker sind eben verschieden.

    »Ich predige schon seit Jahrzehnten, daß es absolut nichts gegen Faschisten nützt, die Mehrheit der Wähler für „zu blöd zum Wählen“ zu erklären.«

    Wahlen sind keine Intelligenztests und werden es nie sein. Zu »blöd zum Wählen« steht deshalb auch nicht in dem Text um den es hier geht. Da steht – und das ist auch gar nicht so schwer zu verstehen – daß ich mit Flatters »normalen Amerikanern« nicht ganz übereinstimme. Ich halte sie eben nicht alle für Clinton-Groupies oder stumpfe Rednecks, sondern für ganz normale Menschen, die eine mehr als bedauerliche Wahl getroffen haben. Also ungefähr das selbe, was ich auch über die Brexit-Entscheidung denke.

    »Ist das wirklich so schwer zu kapieren?«
    Ehrlich gesagt ja. Da kommt ein neuer Gast in die renovierte Hütte und läßt erst mal ohne guten Tag die Sau frei herumlaufen. Renoviert erwähne ich deswegen, weil es dieses Blog schon etwas länger gibt. Bisher haben wir es alle geschafft, trotz gelegentlich unterschiedlicher Standpunkte einen freundlichen, höflichen Ton zu pflegen. Und dabei, glaube mir, wird es auch bleiben.

    »P.S.: Bei der Gelegenheit sollte man sich auch endlich mal an den Gedanken gewöhnen, daß es eine Welt, die völlig frei von z.B. rassistisch veranlagten Homo Sapiens ist, auf unabsehbare Zeit nicht geben wird. Dieser Absolutheits-Anspruch aus vielen politischen Lagern nervt inzwischen auch ungemein.«

    Ja, auch da geht es uns ähnlich! Dieser eigentlich völlig überbewertete Rassismus… Neger, Schlitzaugen, Fidschis, Pollaken … das wird man ja wohl noch sagen dürfen!

    Soll ich Dir mal sagen, für was ich Dich halte?

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  5. Vogel sagt:

    ” Der Steinwall und die kampfbereit hängende Keule am Höhleneingang wiegen schwerer als die Höhlenmalerei.” dieser geniale Satz geht in meine Sammlung ein.

    Unn? Was mache merr jezz? Noch mehr kluge Sprüch’?

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  6. Peinhart sagt:

    Zur Erinnerung: Bämsen…?

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  7. tikerscherk sagt:

    Ab jetzt ist die Schrottpresse hier? Oder bleibt edelfeda?

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