Geschichtsbücher

Bradley Manning, Julian Assange oder Edward Snowden. Was wird in den Geschichtsbüchern eigentlich über diese Menschen stehen? Wenn sie es überhaupt zu einem Kapitelchen, einer Fußnote bringen. Oder in der Wikipedia, wenn es die dann noch gibt? Oder wird so etwas wie dieses Online-Lexikon die Geschichtsbücher verdrängt haben, weil es sich fließender und unbürokratisch den politischen Erfordernissen, der gesellschaftlichen gewünschten Wahrheit anpassen lässt?

»Nun schlagen wir alle mal die URL „http://de.wikipedia.org/wiki/Assange“ auf und das Karlchen liest vor!« Ein gelangweilter Lehrer (in ferner Zukunft) hinter einer bruchsicheren Glasscheibe zeigt auf einen kleinen Jungen auf der letzten Bank. Karlchen ist den Tränen nahe. Er leidet unter Lese- und Schreibschwäche – alle wissen das – und deswegen muß er jetzt auch vorlesen. »Der Cyber-Terrorist Julian Assange …« Dann kommen so schwere Worte wie »Vergewaltigung«, »Verräter« und »bedauerlicher Flugzeugabsturz«. Karlchen hasst es vorzulesen. Aber ein paar Reizworte bleiben doch in seinem kleinen Gehirn hängen. Terrorist und Verräter versteht selbst er und wenn es jetzt nicht zur großen Pause geklingelt hätte, würde er noch freudestrahlend verkünden, daß es toll wäre, daß alle Cyber – und andere Terroristen ihrer gerechten Strafe nicht entkommen können. Karlchen ist zwar doof, aber auch sehr, sehr staatstragend.

Was über die anderen dort wohl noch steht und ob es noch mehr Namen geworden sind? Zu hoffen wäre es, aber der Propagandaapperat wird die selbe Qualität bekommen haben wie die Überwachung der Gedanken. Sie gehen Hand in Hand und so wird man dafür sorgen, daß es sich um bedauerliche Verwirrte handelte, Einzelfälle.

Edward Snowden hat dieser Tage das Ausmaß der Schnüffelei des amerikanischen NSA offengelegt. Die Veröffentlichungen seien wegen des »enormen Schadens« für die Geheimdienstarbeit »geradezu herzzerreißend«, sagte der Geheimdienstkoordinator James Clapper dem Sender NBC News. Prism sei »kein geheimes Programm zum Sammeln oder Aufsaugen von Daten, sondern ein internes Computersystem der Regierung.«
Das Adjektiv »herzzerreißend« ist geschickt gewählt, unterstellt es doch ehrlichen Glauben, wo die Fakten eine andere Sprache sprechen. Und wenn es nicht geheim ist, sollte sich der Schade ja auch in Grenzen halten. Aber nach der Vielzahl der Mordaufrufe gegen Julian Assange ist wahrscheinlich eine weitere Eskalation der der Drohungen zu befürchten. Der Whistleblower flüchtete nach Hongkong.

Snowden will »in jedem Land, das an die Meinungsfreiheit glaubt« um Asyl bitten. Namentlich nannte er Island. Es ist eine große Welt und Island ist bemerkenswert klein. Weitere Vorschläge werden vermutlich gerne entgegengenommen.
Edward Snowden hat aus dem Schicksal Bradley Mannings gelernt: Sein Gesicht und seine Geschichte erscheinen vor den regierungsseitigen Unterstellungen und Verleumdungen. Es ist seine Version der Geschichte, seine Weltsicht, die die Schlagzeilen bestimmt. Die Propaganda-Maschine muß hinterherarbeiten, kann nicht präventiv tätig werden. Das gibt ihm einen hauchdünnen Vorsprung, aber er sollte selbst am besten wissen, welche ungeheuren Möglichkeiten in diesem Apparat stecken, jedes noch so unglaubliche Gerücht in die Welt zu setzen, beliebig mit gefälschten »Beweisen« die Öffentlichkeit zu beeindrucken. Der US-Geheimdienst steht vor einem Informationsdesaster: Man wird sich zu wehren wissen.

Was wird in den Geschichtsbüchern stehen? So etwas wie von der roten Kapelle? Dem kommunistischen Widerstand gegen den Faschismus? In der ehemaligen DDR erinnerte man wenigstens mit einer Briefmarke daran. Island bevorzugt Vulkanausbrüche und heimatverbundene Motive auf ihren Postwertzeichen – schlechte Aussichten für Widerstandskämpfer, die dort um Asyl bitten. Und als Widerstandskämpfer einer neuen Generation muß man die drei wohl betrachten. Diese Sorte Menschen hat es niemals zu posthumen Ehren gebracht, wenn sie allein für ethische Werte und nicht für eine gesellschaftlich relevante Gruppe auftraten. Stauffenberg starb für die verlorene Ehre des deutschen Offizierscorps, nicht für den missglückten Tyrannenmord. Wer kennt Maurice Bavaud?

Morgen (in ferner Zukunft) muß Karlchen wieder vorlesen. Das kann er, wie wir erfahren haben, nur sehr schlecht. Er wird auch nicht die komplizierten Zusammenhänge verstehen, sich nicht die Jahreszahlen merken und miteinander in Verbindung bringen. Nur Worte »Terroristen«, »Al-Qaida«, »Staatsnotwehr«, »9/11« und »gerechte Strafe« werden in seinem kleinen Hirn etwas bewirken, daß Karl auch übermorgen (in ferner Zukunft) gut funktioniert.

»Diese Welt wird letztendlich nur dann irgendwann wirklich demokratisch und freiheitlich werden, wenn wir es weltweit schaffen, Phänomene wie (nationale) Geheimdienste zu überwinden. […] Solange Nationalstaaten Geheimdienste unterhalten, die mit weitreichenden Befugnissen ausgestattet werden, im Verborgenen agieren dürfen und keiner effektiven Kontrolle unterliegen, solange wird man auch diejenigen hart bestrafen, die sich dieser Logik widersetzen, indem sie solche Informationen und Vorgänge öffentlich machen, die dieser merkwürdigen Geheimhaltungslogik unterliegen.«

Thomas Stadler auf seinem Internet-Lawblog

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0 Kommentare zu Geschichtsbücher

  1. Pingback: Whistleblowing · Geschichtsbücher der Zukunft — Carta

  2. Tabul A. Raza sagt:

    Gute Überlegungen, und gut geschrieben! Ich bewundere Leute wie Assange, Manning und Snowden und wünsche ihnen von ganzem Herzen, daß sie überleben. Daß heute enormer Mut dazu gehört, anständig zu sein, sagt natürlich schon alles über unsere desolate(n) Gesellschaft(en).

    Allerdings möchte ich kurz darauf hinweisen, daß die Tatsache, daß die Geheimdienste der USA und anderer Länder die totale Überwachung der gesamten Kommunikation der gesamten Erdbevölkerung anstreben (Telefon, Fax, E-Mail, Internet – Brief geht natürlich nur mit Beteiligung lokaler Behörden) und dieses Ziel auch weitgehend erreicht haben, seit Jahrzehnten bekannt ist (siehe z. B. “Echelon”). (Durch diese Feststellung wird die Leistung von Edward Snowden, das Thema erneut an die Öffentlichkeit gebracht zu haben, kein bißchen geschmälert.)

    Ich kenne einen harmlosen Blogger, bei dem die bloße Nennung des Namens “Hugo Chávez” in seinem Blog zu merkwürdigen Vorkommnissen mit seinem Webspace und in der Folge zu abstrusen Stellungnahmen seitens seines (deutschen) Providers geführt hat, der keine plausible Erklärung dazu abgeben wollte. Wenn man mit anderen über so etwas spricht, wird man postwendend in die Ecke des “Verschwörungstheoretikers” gestellt. Die breite Masse will diese Dinge nicht sehen, denn dann würde ihr das Leben weniger Spaß machen. Handy, Internet, Google, Twitter, Facebook, wordpress.com – all das könnte nicht mehr unbefangen benutzt werden, die “Social Media” verlören ihre Aura als Beförderer von Widerstand, und vielleicht würde man sich sogar irgendwann blöd vorkommen, wenn man seine Sprache immer weiter mit dämlichen Anglizismen spickt. Warum auch sollte ein Land, das schließlich auch keine Menschen irgendwo auf der Welt ferngesteuert ermordet oder Unschuldige ohne Gerichtsverhandlung jahrelang einsperrt und foltert, die Möglichkeiten des technischen “Fortschritts” nutzen, die gesamte Kommunikation auf der Erde automatisch zu scannen?

    Auf jeden Fall dürfte es besser sein, über manche Fragen gar nicht erst nachzudenken. Z. B. darüber, wem 9/11 eigentlich genützt hat. Und apropos Möglichkeiten: demnächst rennt die breite Masse wahrscheinlich mit Google-Brille auf der Nase herum. Dann wird jeder Doofie Bürger zum “IM”, und unsere Beschützer vor dem Terrorismus können endlich auch diejenigen, die kein Handy bei sich tragen, jederzeit per Gesichtserkennung orten.

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  3. pantoufle sagt:

    Moin AK
    Puhh…viel Input. Aber erst mal Danke dafür.
    Da sprichst Du im Grunde indirekt noch ein anderes Thema an. Ob das Prism, Echelon, Gladio oder auch »nur« ein Watergate ist: Im Falle von Prism und Wikileaks kennen wir die Namen Manning, Assange und Snowden. Man darf getrost von einer bestimmten Dunkelziffer ausgehen, bei der »das Imperium« schneller war, die Namen – respektive die Menschen dahinter – hat verschwinden lassen; sie auf irgend eine Weise zum Schweigen gebracht hat. Das fällt vordergründig in den Bereich Verschwörungstheorie, ist aber allein statistisch nicht von der Hand zu weisen. Im Klartext: Da liegen noch mehrere Leichen im Keller – der Begriff VT ist einer gewissen Erosion unterworfen.
    [Hier stand jetzt ein langer Text, in dem aber nichts stand, was Du nicht schon weißt – also gestrichen]
    Was wollte ich eigentlich sagen? Eher ein Gefühl beschreiben: Prism als globales Spionageunternehmen ist in meiner Wahrnehmung nicht die Tatsache, daß »die totale Überwachung« angestrebt wird. Es ist vielmehr das Gefühl, daß sie es können und genau das ist es wohl, was damit erreicht werden soll. Was macht eigentlich die Bedrohung aus? Die alleinige Existenz von Prism? Oder hat die »Enttarnung« nicht einen weit größeren Effekt? Die Gefährlichkeit einer Waffe besteht zum Gutteil darin, daß der Gegner sie kennt und fürchtet. Eine »Geheimwaffe« ist vergleichsweise nutzlos. Seit geraumer Zeit schwirren die Gerüchte um einen »Cyberkrieg« von Seiten Chinas oder des Irans durch die Medien… »Wir können das auch…«?
    Die ganz reale Gefahr: Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft Rainer Wendt lobt im Handelsblatt ausdrücklich die Existenz dieses Spionageapperates. Das »wertvollste Bürgerrecht sei immer noch der Schutz vor Terror und Kriminalität«. Der Freudenschrei eines Protagonisten der Unverhältnismäßigkeit und nebenbei die logische Widerlegung des Satzes »wer nichts zu verbergen hat, braucht nichts zu befürchten«. Diesen Satz braucht man in Zukunft nicht mehr; er wurde soeben entsorgt. Es soll Furcht herrschen. Buchstabiere: Bürgerrechte.

    Daß die großen Netzdienste, die sich im Moment in Dementis gegenseitig übertreffen, Backdoors für die Geheimdienste in ihre Plattformen eingebaut zu haben, überrascht nur die vollkommen Naiven. Daß sie dementieren, ist aber in sofern interessant, als es wohl doch einen Bedarf wenigstens am Schein eines freien Netzes bedarf. Nicht nur die Benutzer, nein: Auch die großen der Branche müssen diese Chimäre so lange wie möglich aufrecht erhalten. Da beißen sich im Moment noch die Interessen des Kapitals mit denen der Geheimdienste; respektive den Regierungen dahinter. Ein interessanter Machtkampf um die Lufthoheit über den Benutzerdaten.

    Die eigenartigen Vorkommnisse bei der Nennung unbeliebter Namen nimmt natürlich zu: Warum nur die Großen, wenn es den Sockenpuppen jeder Bananenrepublik ebenfalls möglich ist, das Netz als privates Schlachtfeld zu missbrauchen. Ungarn ist seit der Ära Orbán dafür bekannt, auf allen möglichen Kanälen unerwünschte Berichterstattung im Ausland zu beeinflussen. Hierzulande versucht man es ja noch vergleichsweise zivil mit Gesetzen wie dem bedingungslosen Grundeinkommen für Verleger die Hoheit über Informationen zu behalten – es geht natürlich auch weit unter diesem Niveau. Ob das privat betriebene Denunziationsseiten sind, sogenanntes Astroturfing oder aus dem Hintergrund finanzierte Kolumnen in Tageszeitungen (siehe »Klimakritiker«). Dem Missbrauch stehen da alle Tore offen.

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