Gedicht am Dienstag (9)

Carl_Spitzweg_-_Der_arme_Poet_(Neue_Pinakothek)

Meine ehemalig unfassbar erfolgreiche Kolumne »Gedicht am Dienstag« hat sich gewandelt; waren es am Anfang zwei, drei Leser, so sind es mittlerweile… nun ja: Wesentlich mehr. Danke dafür. Darüber freue ich mich doch sehr.
Nun verbringt man also ein wenig Zeit einmal in der Woche, um sich etwas passendes für diese Rubrik zu überlegen. Das ist vor allem erst einmal mir selber ein Vergnügen. Es liest und denkelt so vor sich hin; was haben sie nicht alles zusammengedichtet, die Altvorderen. Oder auch Lebenden: Beim Stöbern bin ich auf zwei zeitgenössische Dichter/Schriftsteller gestoßen, die überdies eine WebSite unterhalten. Man dichtet also auch heute noch. Ich will nicht sagen, daß mich das überrascht hat – oder doch: Hat es. »Der arme Poet« auf dem Gemälde Carl Spitzwegs liegt der Imagination über die Entstehung von Lyrik doch näher als die Vorstellung, ein Jemand kaut nachdenklich an der Feder am Fenster seiner Plattenbauwohnung, um einen Reim auf »Liebe Dich!« zu finden. Phantasie ist gelegentlich ein zartes Pflänzchen.
Diese Woche wollte ich mich nicht auf einen stürzen, las kreuz und quer und deshalb es an diesem Dienstag ein Konglomerat an Gedichten, die mir auffielen. Nietzsche, Mühsam, Kraus (Karl), Wedekind und zwei »Neue« (lies: Lebende): H.P. Kraus und Wersch. Die Links zu ihren Seiten findet ihr weiter unten.
Einen schönen Dienstag wünscht
das Pantoufle

Der Einsame

Verhasst ist mir das Folgen und das Führen.
Gehorchen? Nein! Und aber nein – Regieren!
Wer sich nicht schrecklich ist, macht niemand Schrecken:
Und nur wer Schrecken macht, kann andre führen.
Verhasst ist mirs schon, selber mich zu führen!
Ich liebe es, gleich Wald- und Meerestieren,
mich für ein gutes Weilchen zu verlieren,
in holder Irrnis grüblerisch zu hocken,
von ferne her mich endlich heimzulocken,
mich selber zu mir selber – zu verführen.

Friedrich Nietzsche

Erziehung

Der Vater zu dem Sohne spricht:
Zum Herz- und Seelengleichgewicht,
zur inneren Zufriedenheit
und äußeren Behaglichkeit
und zur geregelten Verdauung
bedarf es einer Weltanschauung.
Mein Sohn, du bist nun alt genug.
Das Leben macht den Menschen klug,
die Klugheit macht den Menschen reich,
der Reichtum macht uns Herrschern gleich,
und herrschen juckt uns in den Knöcheln
vom Kindesbein bis zum Verröcheln.
Und sprichst du: Vater, es ist schwer.
Wo nehm ich Geld und Reichtum her?
So merk: Sei deines Nächsten Gast!
Pump von ihm, was du nötig hast.
Sei’s selbst sein letzter Kerzenstumpen –
besinn dich nicht, auch den zu pumpen.
Vom Pumpen lebt die ganze Welt.
Glück ist und Ruhm auf Pump gestellt.
Der Reiche pumpt den Armen aus,
vom Armen pumpt auch noch die Laus,
und drängst du dich nicht früh zur Krippe,
das Fell zieht man dir vom Gerippe.
Drum pump, mein Sohn, und pumpe dreist!
Pump anderer Ehr, pump anderer Geist.
Was andere schufen, nenne dein!
Was andere haben, steck dir ein!
Greif zu, greif zu! Gott wird’s dir lohnen.
Hoch wirst du ob der Menschheit thronen!

Erich Mühsam

Kandidatenplakate
Da haben die Parteien
Dem Volke!
aber mal wieder ganz genau
aufs Maul geschaut.
Jemand hätte ihnen erklären sollen,
dass es nicht so gemeint ist,
wenn die Leute sagen:
Am besten
man hängt alle Politiker
an den Straßenlaternen auf.

Hans-Peter Kraus (geb. 1965)

Der Anarchist

Reicht mir in der Todesstunde
Nicht in Gnaden den Pokal!
Von des Weibes heißem Munde
Lasst mich trinken noch einmal!
Mögt ihr sinnlos euch berauschen,
Wenn mein Blut zerrinnt im Sand.
Meinen Kuss mag sie nicht tauschen.
Nicht für Brot aus Henkershand.
Einen Sohn wird sie gebären,
Dem mein Kreuz im Herzen steht,
Der für seiner Mutter Zähren
Eurer Kinder Häupter mäht.

Frank Wedekind

„Tag der „deutschen‘ Einheit“

Trubel-Jubel
in Kneipen und Festsälen
Fanfaren tönen
Gläserklirren gesetzliche Hymnen
aus allen Bildschirmen und Lautsprechern
Im finstren Park neben
der abgeschraubten Bank
bedeckt mit Fallaub
summt ein Penner
die Internationale

Wersch (geb. 1964)

Mein Widerspruch

Wo Leben sie der Lüge unterjochten,
war ich Revolutionär.
Wo gegen die Natur sie auf Normen pochten,
war ich Revolutionär.
Mit lebendig Leidendem hab ich gelitten.
Wo Freiheit sie für Phrase nutzten,
war ich Reaktionär.
Wo Kunst sie mit ihrem Können beschmutzten,
war ich Reaktionär.
Und bin bis zum Ursprung zurückgeschritten.

Karl Kraus

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0 Kommentare zu Gedicht am Dienstag (9)

  1. piet sagt:

    Ich vergesse leider immer wieder, daß Nietzsche auch einfühlend gedichtet hat. Sonst schreckt mich sein Werk ja eher ab, vielleicht war es mir zu absolut. Vielleicht sollte man sich aber nochmal mit ihm beschäftigen. Jede Zeit im Leben hat ihre eigenen Bücher. Manches begreift man erst später, anderes verliert seinen Reiz. In die von dir diesmal zitierte Versammlung würde auch ganz gut Walter Mehring passen (http://www.exilarchiv.de/Joomla/index.php?option=com_content&task=view&id=797&Itemid=66). Vielleicht irgendwann mal…..

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    • pantoufle sagt:

      Zu Nietzsche: Genau – einer der Gründe , warum seine gesammelten Werke bei mir nicht nur modern, sondern gelegentlich auch gelesen werden. Aber auch sonst lohnt sich die Lektüre unter dem Aspekt der deutschen Sprache. Die beherrschte er wie nur wenige. Auch seine Prosa könnte man seitenweise unter diesem Aspekt zitieren.
      Eigentlich sollte es nur um diesen Teil seines Werkes gehen, bis mir dann dieses und jenes und dann das noch… na ja: was mir so unterkam eben. Das wird aber nachgeholt.

      Als Träger des Verdienstordens »Bücherverbrennung 33« und langjährigem Mitarbeiter der Weltbühne gehört Mehring sowieso ein eigenes Kapitel. Kommt noch.

      btw: Danke für den Link. Was stand da am Rand der Seite?

      Betteln ist eine sehr unangenehme Sache, betteln aber und nichts bekommen ist noch unangenehmer. (Heinrich Heine)

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