Gedicht am Dienstag (7)

Karl Kraus. Man kann getrost davon ausgehen, daß jeder weiß, wer das war.
Sein Kampf gegen die Presse, die Journaile, ist legendär, ebenso der gegen die Phrase: »…es ist meine tiefste Überzeugung, daß die Phrase und die Sache eins sind«. Ging es gegen die, so wurde geholzt. Keine Gnade, kein Pardon mit dem Schwert der hohen Kunst eines phänomenalen Sprachverständnisses. Ausdrücklich Schwert, kein Florett.
Sein Sprachrohr gegen die Verwahrlosung der Sprache war das Blatt »die Fackel«. Gegründet 1899 und in ihrer Anfangszeit vergleichbar mit der Schaubühne (später: Weltbühne) blieb ab 1912 Kraus alleiniger Autor; die Zeitung als biographisches Konstrukt.

Karl Kraus gehörte keiner Partei an – er war Partei. Seine Philosophie hieß Karl Kraus, seine Gegner Legion. Kraus konnte auf eine illustre Liste von von Feinden blicken, deren hasserfüllte Kämpfe so total waren wie die Verehrung, die ihm seine Anhänger entgegenbrachten. Dazwischen war nichts. Nichts laues, kompromissbehaftetes. Eine stimmige Figur in dieser Zeit der sterbenden österreichischen Monarchie und der folgenden Zeit zwischen den Kriegen, wenn auch keine, auf die man etwas aufbauen konnte. Kommentar statt Fundament. Diese Kommentare aber sind zeitlos geblieben, haben die Jahre überdauert, weil sie dort angreifen, wo Mächte versuchen, ihr unheiliges Tun zu verschleiern: Bei der Sprache. Solange es diese Sprache noch gab. Als die menschliche Kultur zu Grabe getragen wurde, man einem Adolf Hitler die Macht übergab, kommentierte Kraus ein letztes Mal:

Man frage nicht, was all die Zeit ich machte.
Ich bleibe stumm;
und sage nicht, warum.
Und Stille gibt es, da die Erde krachte.
Kein Wort, das traf;
man spricht nur aus dem Schlaf.
Und träumt von einer Sonne, welche lachte.
Es geht vorbei;
nachher war’s einerlei.
Das Wort entschlief, als jene Welt erwachte.

Karl Kraus starb nach einem Herzinfarkt in einem Wiener Cafe (wo sonst?) am 12.Juni 1936.

Auf einen Kaffeehaus-Buddisten

Wer dränge zum Ziel dieses mystischen Dranges?
Ein Joghi am Ufer des Müßigganges.

Das gute Gewissen

Ganz resolut, als ob’s in Ordnung wäre,
verübt der Zeitungslump die Lumperei.
Kein Wertbestand, der ihm nicht einerlei,
das Schänden, scheint es, schafft die wahre Ehre.
Den ehrlichen Mann erfaßt ein Neid
vor dem guten Gewissen der Schlechtigkeit.

Der sterbende Soldat
Hauptmann, hol her das Standgericht!
Ich sterb‘ für keinen Kaiser nicht!
Hauptmann, du bist des Kaisers Wicht!
Bin tot ich, salutier‘ ich nicht!

Wenn ich bei meinem Herren wohn‘,
ist unter mir des Kaisers Thron,
und hab‘ für sein Geheiß nur Hohn!
Wo ist mein Dorf? Dort spielt mein Sohn.

Wenn ich in meinem Herrn entschlief,
kommt an mein letzter Feldpostbrief.
Es rief, es rief, es rief, es rief!
Oh, wie ist meine Liebe tief!

Hauptmann, du bist nicht bei Verstand,
daß du mich hast hierher gesandt.
Im Feuer ist mein Herz verbrannt.
Ich sterbe für kein Vaterland!

Ihr zwingt mich nicht, ihr zwingt mich nicht!
Seht, wie der Tod die Fessel bricht!
So stellt den Tod vors Standgericht!
Ich sterb‘, doch für den Kaiser nicht.

Der Journalist
Die Zeitung ein Mittel,
um etwas zu künden?
Es gilt, zum passenden Titel
das Ereignis zu finden!

Der sterbende Mensch
Der Mensch
Nun ists genug. Es hat mich nicht gefreut,
Und Neues wird es auch wohl nicht mehr geben.

Das Gewissen
In einer Stunde endet sich dein Leben,
Und du hast nichts gesühnt und nichts bereut.

Der Mensch
Bereuen kann man nur, was man getan.
Ich habe nichts erfüllt und nichts versprochen.

Die Erinnerung
Ich war dein Zeitvertreib. So wurden Wochen
Aus Jahren. Denkst du noch? Sieh mich nur an!

Der Mensch
Ich sah stets hinter mich, und du warst da.
Warst du nicht da, so schloß ich gern die Augen.

Die Welt
Ich schien dir nicht in deine Welt zu taugen.
Du sahst nur alles Ferne immer nah.

Der Mensch
Und alles Nahe fern. Bleib mir vom Geist!
Stell dich nicht vor, ich stell‘ dich besser vor.

Der Geist
Wenn sie dich plagt, was leihst du ihr dein Ohr?
Von mir hast du, von ihr nicht, was du weißt!

Der Mensch
Was weiß ich, was ich weiß! Ich weiß es nicht.
Ich glaube, zweifle, hoffe, fürchte, schwebe.

Der Zweifel
Du fällst nicht, Freund, wenn ich dich höher hebe.
Verlaß dich auf mein ehrliches Gesicht.

Der Mensch
Ich kenne dich. Du hast durch manche Nacht
Mir eingeheizt und manches Wort gespalten.

Der Glaube
Ich aber, glaub mir, hab‘ es dir gehalten,
Mit meinem Atem dir die Glut entfacht.

Der Mensch
Zu viel, ich hab‘ die Seele mir verbrannt.
Oft wars wie Hölle, oft wars wie der Blitz –

Der Witz
Da bin ich schon. Im Ernst, ich bin der Witz.
Ich bins im Ernst, und doch als Spaß verkannt.

Der Mensch
Wer wäre, was er ist, wo Trug und Wesen
Die Welt vertauscht in jämmerlicher Wahl!

Der Hund
Ich bin ein Hund und kann nicht Zeitung lesen.

Der Bürger
Ich bin der Herr und wähle liberal.

Die Hure
Ich, weil ich Weib bin, von der Welt verachtet.

Der Bürger
Weil ich kein Mann bin, von der Welt geehrt.

Der Mensch
Nach ihrer Ehre hab‘ ich nicht geschmachtet.
Und ihre Liebe hat mich nicht verzehrt.

Gott
Im Dunkel gehend, wußtest du ums Licht.
Nun bist du da und siehst mir ins Gesicht.
Sahst hinter dich und suchtest meinen Garten.
Du bliebst am Ursprung. Ursprung ist das Ziel.
Du, unverloren an das Lebensspiel,
Nun mußt, mein Mensch, du länger nicht mehr warten.


Eine sehr persönliche und keineswegs repräsentative Auswahl.
Gruß
das Pantoufle

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0 Kommentare zu Gedicht am Dienstag (7)

  1. pantoufle sagt:

    Hihi: Ein Freudentag! Mehrere Links von Google nach »Gedicht am Dienstag«, erfreuliche Seitenzugriffe und 2 Likes. Ich wußte es doch, daß es noch Leser für so etwas gibt!
    Hihi

    0

  2. shenmuefan sagt:

    Hallo Pantoufle,

    obwohl es nicht meine Passion ist,Kommentare zu schreiben, hat mich dein heutiger Freudenausbruch doch so angerührt, dass ich einfach meinen Senf dazugeben muß. Ich bin seit zwei Jahren begeisterte Leserin deiner Seite und freue mich immer besonders auf das Gedicht am Dienstag. Du lässt im Alltag verschwundene Gedichte von für viele Leute vergessenen,großen Geistern wieder aufleben und dafür von mir ein großes DANKE….auch im Namen der „heimlichen“ Leser deiner Seite. Qualität ist keine Massenware, daß du das Projekt Gedicht am Dienstag trotz weniger Zuspruch als gewöhnlich weiter verfolgst, zeugt von Charakter und dafür hast du meinen Respekt!

    0

  3. piet sagt:

    Was heißt weniger Zuspruch ? Feine Sache ist das. Und ich bin meinen Alten ewig dankbar, daß sie ihre wenigen Pennunzen in Bücher steckten, die mir schon früh zumindest eine Ahnung gaben, daß nicht alles golden, was glänzt und Worte mächtig und noch viel mehr sein können. Und Karl Kraus liest man sicherlich in jedem Altersabschnitt nochmal anders und dann auch zunehmend bedrückt – leider.

    0

  4. pantoufle sagt:

    Ach, vielen Dank Ihr beiden! Nur ganz kurz – diese Internetverbindung ist ziemlich modemartig 🙂
    Es beruhigt mich wirklich, wenn das jemand liest. Es ist nämlich wichtig…finde ich.
    Und an die stillen Leser: Ich sehe Euch ja und freue mich, das es doch recht viele von Euch gibt. Das ist schon in Ordnung, wenn Ihr nur lest und nicht kommentiert – aber freuen tut es mich natürlich schon.
    So auch diemal. Danke
    Einen schönen Tag noch
    wünscht das Pantoufle

    0

  5. altautonomer sagt:

    Im vergangenen Jahr sah ich einen Fernsehfilm, der eine bleibende Erinnerung bei mir hinterlassen hat: „Der letzte schöne Tag“ mit Wotan Wilke Möhring, der für seine Hauptrolle den Deutschen Fernsehpreis 2012 als bester Schauspieler und den Grimme-Preis 2013.bekam. Der Film endet mit dem folgenden Gedicht von Mascha Kaleko:

    Ich werde fortgehn, Kind. Doch Du sollst leben
    Und heiter sein. In meinem jungen Herzen
    Brannte das goldne Licht. Das hab ich Dir gegeben,
    Und nun verlöschen meine Abendkerzen.

    Das Fest ist aus, der Geigenton verklungen,
    Gesprochen ist das allerletzte Wort.
    Bald schweigt auch sie, die dieses Lied gesungen
    Sing Du es weiter, Kind, denn ich muss fort.

    Den Becher trank ich leer, in raschem Zug
    Und weiß, wer davon kostete, muss sterben …
    Du aber, Kind, sollst nur das Leuchten erben
    Und all den Segen, den es in sich trug:

    Mir war das Leben wie ein Wunderbaum,
    von dem in Sommernächten Psalmen tönen.
    – Nun sind die Tage wie geträumter Traum;
    Und alle meine Nächte, alle – Tränen.

    Ich war so froh. Mein Herz war so bereit.
    Und Gott war gut. Nun nimmt er alle Gaben.
    In Deiner Seele, Kind, kommt einst die Zeit,
    soll, was ich nicht gelebt, Erfüllung haben.

    Ich werde still sein; doch mein Lied geht weiter.
    Gib Du ihm deinen klaren, reinen Ton.
    Du sei ein großer Mann, mein kleiner Sohn.
    Ich bin so müde – aber Du sei heiter.

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