Gedicht am Dienstag (5)

Theodor Fontane? Ja der. Einigen noch ungut in Erinnerung aus der Schulzeit, als man noch Gedichte auswendig lernen mußte (muß man heute noch? Ich weiß es gar nicht). John Maynard – oh, wie wir dich gehaßt haben! Die Schwalbe flog über den Eriesee und die Kindlein stolperten getrieben von dumpfer Verachtung den Vers zusammen. Es war nicht schön:
GischtschäumtumdenBugwieFlockenvonSchneeVonDetroitfliegtsienachBuffalo!
Bloß keine Silbe betonen und möglichst schnell fertig werden. Dafür gab es dann eine Drei, wegen keine Betonung und sich nur zwei Male vorsagen lassen. Aber man hatte es hinter sich.
Ufff!

Weil man den Namen des Dichters genau so geistlos rezitierte wie den Rest, war der eigentlich Schuldige der Lehrkörper. Draußen schien die Sonne; man hätte sonst was unternehmen können: Zu Beispiel im Feuerwehrteich vor dem Schwimmbad Stichlinge fangen oder in der Schuttkuhle nach Schätzen suchen … kennt das noch einer? Schuttkuhle? Da konnte man seinen Müll einfach hinschmeißen und hatte eine Sorge weniger. Das war ein Abenteuerspielplatz mit richtigen Abenteuern. »Entsorgen« – allein das Wort!
Ich schweife ab. Theodor Fontane also. Wenn mir die Schule ausgerechnet den verdorben hätte, wäre das Maß an Kollateralschaden am Schüler Pantoufle komplett gewesen. Dem Stumpfsinn sei Dank – Fontane blieb mir erhalten. Und was ist das für ein Schriftsteller! Schriftsteller und Journalist… ist einer der bedeutendsten Vertreter des.. und so weiter.

Ein Sommer in London. Während meiner Zeit in England lag das Buch durchgehend auf dem Nachttisch. Zeitlos 1854 geschrieben und ein guter Reiseführer in unseren Tagen. Effi Briest: Was für eine Technik, welch ein Stil! Was ich besonders liebe, sind die Gespräche in seinen Werken. Man ist Zuhörer in den Salons des 19. Jahrhunderts. Es ist wie eine alte Tonaufnahme, eine Zeitmaschine und das ungute Gefühl, in der falschen Zeit zu leben.

Gedichte hat er natürlich auch geschrieben. An dieser Stelle zwei davon; eher leicht und humorvoll – dem Wetter angemessen. Schwere Kost ist den Wintertagen vorbehalten.

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
Ein Birnbaum in seinem Garten stand,
Und kam die goldene Herbsteszeit
Und die Birnen leuchteten weit und breit,
Da stopfte, wenn’s Mittag vom Turme scholl,
Der von Ribbeck sich beide Taschen voll,
Und kam in Pantinen ein Junge daher,
So rief er: »Junge, wiste ’ne Beer?«
Und kam ein Mädel, so rief er: »Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick hebb ’ne Birn.«

So ging es viel Jahre, bis lobesam
Der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam.
Er fühlte sein Ende. ’s war Herbsteszeit,
Wieder lachten die Birnen weit und breit,
Da sagte von Ribbeck: »Ich scheide nun ab.
Legt mir eine Birne mit ins Grab.«
Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus,
Trugen von Ribbeck sie hinaus,
Alle Bauern und Büdner mit Feiergesicht
Sangen »Jesus meine Zuversicht«,
Und die Kinder klagten, das Herze schwer:
»He is dod nu. Wer giwt uns nu ’ne Beer?«

So klagten die Kinder. Das war nicht recht,
Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht,
Der neue freilich, der knausert und spart,
Hält Park und Birnbaum strenge verwahrt.
Aber der alte , vorahnend schon
Und voll Mißtrauen gegen den eigenen Sohn,
Der wußte genau, was damals er tat,
Als um eine Birn‘ ins Grab er bat,
Und im dritten Jahr, aus dem stillen Haus
Ein Birnbaumsprößling sproßt heraus.

Und die Jahre gehen wohl auf und ab,
Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,
Und in der goldenen Herbsteszeit
Leuchtet’s wieder weit und breit.
Und kommt ein Jung‘ übern Kirchhof her,
So flüstert’s im Baume: »Wist ’ne Beer?«
Und kommt ein Mädel, so flüstert’s: »Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ich gew di ’ne Birn. «

So spendet Segen noch immer die Hand
Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.
Theodor Fontane

Neueste Väterweisheit

Zieh nun also in die Welt,
Tue beharrlich, was dir gefällt,
Werde keiner Gefühle Beute,
Meide sorglich arme Leute,
Werde kein gelehrter Klauber,
Wissenschaft ist fauler Zauber,
Sei für Rothschild statt für Ranke,
Nimm den Main und laß die Panke,
Nimm den Butt und laß die Flunder,
Geld ist Glück, und Kunst ist Plunder,
Vorwärts auf der schlechtsten Kragge,
Wenn nur unter großer Flagge.
Pred’ge Tugend, pred’ge Sitte,
Millionär ist dann das dritte,
Quäl dich nicht mit »wohlerzogen«.
Vorwärts mit den Ellenbogen,
Und zeig jedem jeden Falles:
» Du bist nichts, und ich bin alles.«
Theodor Fontane

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0 Kommentare zu Gedicht am Dienstag (5)

  1. Hannah sagt:

    Ahhhh, der Herr Ribbeck: den musste ich in der Schule auswendig lernen und dann noch mit dem Platt-Akzent. Alte Erinnerung. Starkes Gedicht.
    Toller Blog. LG, Hannah

    0
  2. pantoufle sagt:

    Danke, Hannah
    Lieben Gruß zurück
    das Pantoufle

    0

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