Gedicht am Dienstag 32

Das Gedicht am Dienstag, Gedichte aus einer besseren Zeit, Gedichte, erschienen am Vorabend der Hölle.
Erschienen (oder wenigstens gedruckt) sind sie in der Zeitschrift

In diesem Falle in der Sondernummer »lyrische Anthologie« 1913 und das Quartheftchen kostete 50 Pfg.

Nachtcafe

Ein Medaillon des Mittelstandes staunt
Von Fett umträumt das Kinn: da bist du ja.
Dem Manne rutscht das Auge hin und her.

Ein Schnäuzchen schmiert ein lachen in die Luft:
Ick habe schon gehabt. Ob du noch kommst,
Ick kann mir doch mein Brot mit Schinken kofen.

Besambar sitzt an jedem Tisch mit Federn
Am Hut und steIlt das Bein, saugt die Hüften
Samenschwers immer heißer in den Schoß.

Ein Lied wölbt eine Kuppel in die Decke
Aus Glas: Die kalte Nacht verwölkt die Sterne.
Der Mond verirrt sein Gold in diesen Gram.

Gottfried Benn

Die letzte Toilette der Comtesse de Dumajec

Toinette, Comtesse de Dumajec,
Hält sich den Henker etwas weg:

„Genug, genug, Ihr schlieft bei mir
Und seid dadurch fast Kavalier.
Ich habe Euch heut‘ nacht beglückt –
Und Ihr den Puder mir geschickt.
Jetzt seid mein Spiegel, ob korrekt
Die Coiffüre aufgesteckt.
Das wird mir die Marquise neiden
Und ihr den ganzen Tod verleiden.
Ihr seht, selbst Eure Guillotine
Steht, daß sie unsrer Schönheit diene!“

Ihr Köpfchen fiel – jedoch gepudert!
Die andern starben ganz verludert.

Alexander Bessmertny

Der Frauentod

Der Tod umarmt mich in den warmen Frauen.
Beischlaf erregt, zersetzt die Moleküle.
Ich wandre durch Provinzen der Gefühle
Der Freude ab und komme in das Grauen.

Dich, Dirne, macht die Nackheit antlitzschön.
Heiliges Fleisch steht auf den Knien Im Haar.
Ich liege bei dir, Iächelnd, am Altar,
Dem Tod entrückt auf deiner Brüste Höhen.

Aber nach den Umarmungen, nach allem
Durchscheinen jedes Fleisch die hellen Knochen.
Die Muskeln schimmern am Skelett, zerfallen.

Ich sterbe. Niemand hat zu mir gesprochen.
Irrsinnig lasse ich mich sagen, lallen,
Und fühle dich vor Blut und Brüsten kochen.

Paul Bold

Der Heimatlose

Ich fahre in eine Stadt,
Wo niemand auf mich wartet.
Niemand liebt mich dort
Und niemand hat mich satt.

Entsteige ich der Bahn,
Geht niemand mir entgegen.
Und käm ich gar nicht an,
Ich würde keinem fehlen.

Man hat mich nicht geladen,
Und auch nicht ausgelassen.
Ich werde allen Gassen
Nicht nützen und nicht schaden.

Und werde Menschen sehn
Mit unerforschten Mienen,
Vielleicht bedeuten Freude,
Die mir unfreudig schienen.

Wohleingefahrne Bahn.
Ihr fremden Menschen alle.
Wie ich euch überfalle.
Was seht ihr mich nicht an?

Ich werde sie überraschen
Bei ihren Abendessen.
Ich dringe ein
Und trinke ihre Flaschen.

Ich atme Luft und Pracht,
Beschlafe ihre Betten.
Am Denkmal in der Nacht
Berühr ich Eisenketten

Und drehe mich verlegen.
Weil ich nur einmal gehe.
Wo alle in der Nähe
Bei Tag sich täglich regen.

Ist alles rätselhaft.
So ist’s mein Herz nicht minder:
Es schlägt in eigner Kraft.
Dröhnt oder klingt gelinder.

Schon will es mich. gebannt
Von leiser Pulse Schlagen.
Aus fremder Häuserwand
In tiefste Heimat tragen.

Max Brod

Die Frau

Als sie mit endlichem Entschluß
das Fenster aufriß
und ihren Leib auf die Straße warf,
geschah dies so,
daß niemand es sah.
Das Schreien verhielt sie
im Bewußtsein der Tat.
Nur das erschreckte Gewein eines Kindes
erfüllte ihr Ohr in dem Augenblick,
der zwischen Sturz und Sterben ihr blieb.
Und sie glaubte,
zuletzt erschauernd,
es weine um sie.

Hugo Hing

Gave St. Lazare

D-Züge schwirren, die wie schlanke Pfeile
in einem Herzen zuckend stecken bleiben.
Und Menschen quellen. die in scheuer Eile
die heißen Leiber aneinander reiben.

Ein bleiches Mädchen geht verhetzt und still
mit einem Fremden weg, der es verführt.
Und Straßenbahnen singen hoh und schrill,
vom Schrei’n der Autobusse sekundiert.

Und rings drängt aus dem aufgewühlten Meer
der Straßen drohend sich die Stadt hervor,
und glotzt wie ein in Stein gehau’nes Heer
von Sphinxen in die trübe Nacht empor.

Friedrich Eisenlohr

Bordell

Der Fünfzehnmarktsekt ist nicht zu genießen.·
Der Raum sprießt bunt und wie ein Korbgeflecht
Mit Spiegeln, die Blitze von Licht verschießen.
Die Mädchen sind zwar lebhaft. aber schlecht.

Wie Hirsche stark, lautlos und voll Geschrei –
Sie tragen Netze, welche maschig fließen
Um Glieder, die sie uns gern überließen:
Nur eine reizt; auch sie nicht einwandsfrei.

Schlimm stehts, wenn Fraun stören statt zu
betören.
o großer Hund, der an dem Eingang schlief!
o bunter Raum, der mitternächtig rief!
Uns ist, als ob wir einem Schiff gehören –

Das wippend uns führe, mit Licht am Bug hin-
aussteuernd durch die Nacht unverwandt,
Ganz schräg über das wolkigblaue, noch dunkel
liegende Süddeutschland.

Ernst Blase

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5 Kommentare zu Gedicht am Dienstag 32

  1. tiktak sagt:

    Die Frauen sterben samenschwer, oder sie stören. Wo kommt dies Sentiment bloß her?

    1+

  2. GrooveX sagt:

    noch’n gedicht (nicht zum ersten)

    oh herr lass mich an diesem kelch
    niemals vorüber gehn
    ich will ihn doch nur einmal noch
    zur neige gehen sehn
    lass mich noch einmal an ihm schnuppern
    den bittern trank den düstern rausch genießen

    immerhin ist es nicht abgeschrieben sondern frei aus dem gedächtnis gecopypastet – ist ja auch kurz genug für defätistische ambitionen.

    0

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