Gedicht am Dienstag (30)

Ha! Nachdem das Gedicht am Dienstag der letzten Woche sich eines relativ befriedigenden Zuspruchs erfreute, gleich einen hinterher. Einer meiner Lieblinge; für einen heißen Tee – vielleicht mit einem Schluck guten Rum – am Abend, um den Kindern die Schönheit der Lyrik nahezubringen.

Arm Kräutchen

Ein Sauerampfer auf dem Damm
stand zwischen Bahngeleisen,
machte vor jedem D-Zug stramm,
sah viele Menschen reisen.

Und stand verstaubt und schluckte Qualm,
schwindsüchtig und verloren,
ein armes Kraut, ein schwacher Halm,
mit Augen, Herz und Ohren.

Sah Züge schwinden, Züge nahn.
Der arme Sauerampfer
sah Eisenbahn um Eisenbahn,
sah niemals einen Dampfer.

Joachim Ringelnatz

Ja, so schön kann Dichtung sein! Und für die Kinder hat Kuddeldaddeldu auch gerne gedichtet. Natürlich mit diplomsozialpädagogisch richtigem Ansatz.

Sich interessant machen
(Für einen großen Backfisch.)

Du kannst doch schweigen? Du bist doch kein Kind
Mehr! – Die Lederbände im Bücherspind
Haben, wenn du die umgeschlagenen Deckel hältst
Hinten eine kleine Höhlung im Rücken.
Dort hinein mußt du weichen Käse drücken.
Außerdem kannst du Käsepfropfen
Tief zwischen die Sofapolster stopfen.

Lasse ruhig eine Woche verstreichen.
Dann mußt du immer traurig herumschleichen.
Bis die Eltern nach der Ursache fragen.
Dann tu erst, als wolltest du ausweichen,
Und zuletzt mußt du so stammeln und sagen:
„Ich weiß nicht, – ich rieche überall Leichen –.“

Deine Eltern werden furchtbar erschrecken
Und überall rumschnüffeln nach Leichengestank,
Und dich mit Schokolade ins Bett stecken.
Und zum Arzt sage dann: „Ich bin seelenkrank.“

Nur laß dich ja nicht zum Lachen verleiten.
Deine Eltern – wie Eltern so sind –
Werden bald überall verbreiten:
Du wärst so ein merkwürdiges, interessantes Kind.

Joachim Ringelnatz

Da lernt man fürs Leben und das aufgeweckte Kind wird das genau so sehen. Stichwort kindisch: Die schöne Sitte, amerikanischen Präsidentschaftsanwärtern ihr Gesundheitszeugnis in aller Öffentlichkeit zu präsentieren, gibt Donald Trump mustergültige Noten. 110 zu 65 – nein, nicht Gewicht zu IQ, sondern der Blutdruck. »I am proud to share this report, written by the highly respected Dr. Harold Bornstein of Lenox Hill Hospital, stating…« Da stehen noch viele andere erstaunliche Dinge darin, nur leider nichts über seine geistige Zurechnungsfähigkeit. Man kann eben nicht alles haben!

Der Athlet

Mein Name ist Murxis, der Kraftmensch genannt.
Meine Nahrung ist Goulasch vom Elefant
In einer Sauce des Stärkemehles.
Meine Heimat ist das Zentrum Südwales
Upsala!

Ich wurde durch einen Kaiserschnitt
Geboren, mit Hilfe von Dynamit.
Daß ich noch lebte, war reines Glück.
Von meiner Mutter blieb wenig zurück.
20 kg mit dem kleinen Finger.

Man baute um mich eine Art von Dock.
Mit Strebestützen im 16. Stock
Eines Wolkenkratzers von Rockefeller.
Das Stockwerk brach, man fand mich im Keller
Mit verschränkten Armen.

Ich war in allen Städten der Welt
Als Muster von Herkules ausgestellt.
Wer das bezweifelt — 5 Groschen —, der fordre
An der Kasse die Wachskabinettsordre.
Ich nenne mich selbst den Venus von Milo.
Bruttogewicht: 200 Kilo!

Es haben mich Königinnen betastet.
Ich habe einmal drei Wochen gefastet
Und unternehme auch heute noch Schritte
Zu meiner Endastung. Und deshalb bitte
Ich die Herrschaften um ein kleines Douceur.

Joachim Ringelnatz

Na los! Einen haben wir noch, weil doch Weihnachten ist – jedenfalls bald. Bald, wenn sich all die endgeisterten und endhirnten Weihnachtseinkauf-Autofahrer totgefahren haben – kling, Glöckchen klingelingeling – und vorher noch die lallenden Idioten überrollen, die der Weihnachtsmarkt ausspie. Der Rest möge in der Plörre des Glühweines ersaufen, von Geschenkpaketen erschlagen werden, vom Teufel geholt und dem Ekel der Bratwürste gepeitscht, lebkuchenvergiftet, totgesungen, die Blockflöten bis zum hohen G in den Hals gestopft…
Es weihnachtet!

Weihnacht zur See

Weihnacht war es auf tosender See.
Haushohe Wellen an Luv und an Lee.
Am Ruder stand Jürgens Claus;
Sah bald auf den Kompaß und bald voraus.
Die eisernen Speichen lenkte er fest
Und führte verwegen
Durch Sturm und Regen
Das ächzende Schiff nach West-Nord-West.
Wuchtige Seen mit schäumender Gischt
Fegten das Deck,
Doch er wich nicht vom Fleck,
Er rührte sich nicht,
Ob auch vom Südwester übers Gesicht,
Ob von der Stirn in den struppigen Bart
Das salzige, eisige Wasser ihm rann. –
So etwas bleibt keinem Seemann erspart.
Jürgens Claus stand seinen Mann. —
West-Nord-West lag an.
Und er sah auf den Kompaß, vom Wetter umtost,
Wehrte behende dem tückischen Schwanken
Der kleinen Nadel. Doch in Gedanken
Flog er gen Ost-Süd-Ost;
Flog in ein fernes Fischerhaus.
Dort war er daheim, Jürgens Claus.
Es war ein armer,
Doch traulich warmer
Und freundlicher Raum.

Die Kuckucksuhr war eben verklungen.
Still malte der Feuerschein an den Wänden.
Im Lehnstuhl unter dem Weihnachtsbaum
Saß Mutter und hielt wie im Traum
In ihren alten, zitternden Händen
Den letzten Brief von ihrem Jungen. –
Er wußte, er war ja ihr einziges Glück. —

‚Was ist der Kurs?‘ erklang es von oben.
‚Recht West-Nord-West!‘ gab Claus zurück.
Die eisernen Speichen lenkte er fest
Und führte voll Kraft und kühnem Mut
Das ächzende Schiff gen West-Nord-West.
Claus Jürgens stand seinen Mann.
War es wohl salzige Meeresflut,
Was heiß ihm über die Wangen rann?

Joachim Ringelnatz

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6 Kommentare zu Gedicht am Dienstag (30)

  1. pantoufle sagt:

    Emil! Mit was für einem Avatar läufst Du denn herum??

    0

  2. Joachim sagt:

    Sehr schön. Wirklich ein guter Hinweis.

    Ringelnatz kenne ich sonst nur aus Kindertagen. So wie bei „In Hamburg lebten zwei Ameisen…“. Seine Kinderbücher wurden mir jedoch vorenthalten.

    Das hat offensichtlich gar nichts genutzt. 😉

    0

  3. waswegmuss sagt:

    Den Wurzener meide ich seit einem großräumigen Umfahrungszwang eben jener Geburtstadt anlässlich des Tages der Sachsen. (Bachmann war nicht anwesend. Die Bratwürste teurer als auf dem Frankfurter Weihnachtsmarkt und das will was heißen.)

    Kontergedicht von Johannes Theodor Baargeld

    Bimmelresonnanz II

    Bergamotten flotten im Petroleumhimmel
    Schwademasten asten Schwanenkerzen
    Teleplastisch starrt das Cherimbien Gewimmel
    In die überöffneten Portierenherzen
    Inhastiert die Himmelbimmel

    Feldpostbrief recochettiert aus Krisenhimmel
    Blinder Schläger sternbepitzt sein Queerverlangen
    Juste Berling rückt noch jrad die Mutterzangen
    Fummelmond und ferngefimmel
    Barchenthose flaggt die Kaktusstangen

    Lämmergeiger zieht die Wäscheleine
    Wäschelenden losen hupf und falten
    Zigarrinden sudeln auf den Alten
    Wettermännchen kratzt an ihrem Beine
    Bis alle Bimmeln angehalten

    0

  4. Vogel sagt:

    Weihnachten zur See, besonders schön. Hier ‚was von ’nem Freund:

    Geschenke

    Wenn Dich die
    Bäume umarmen wollen
    -lass es zu.

    Wenn Dir die
    Blumen ihre Vielfalt schenken
    -nehme sie an.

    Wenn Dir die
    Vögel ihre Freundschaft anbieten
    -wisse diese zu schätzen.

    Wenn Dir Mutter Erde
    ungefragt Obdach gibt
    -verneige Dich in Demut

    und beginne zu ahnen,
    dass auch Du
    ein Geschenk
    sein kannst.

    Peter von Finckenstein
    01.08.2013

    0

  5. pantoufle sagt:

    Also ich muß ja gestehen, ziemlich gerührt zu sein, wenn zum Gedicht am Dienstag die Leser mit eigenen Vorschlägen von Gedichten ankommen (sonst allerdings auch!) Vor allem, wenn sie mir auch noch selber gefallen.

    Wegen Ringelnatzen noch mal: Das scheint ja keine große Kunst zu sein, was der Dichter da reimt. Aber wenn man sich einmal seine Lebensgeschichte ansieht, die seine und die Muschelkalks – das ist dann eben doch echte Arbeiterliteratur. Zille mit der Schreibmaschine. Was wäre wohl, man würde heute so einen in einer Kneipe sitzen sehen, wie er seine Gedichte vorträgt, gegen eine kleine Spende; das hat er getan, immer in Geldnot.

    Ehrgeiz

    Ich habe meinen Soldaten aus Blei
    Als Kind Verdienstkreuzchen eingeritzt.
    Mir selber ging alle Ehre vorbei,
    Bis auf zwei Orden, die jeder besitzt.

    Und ich pfeife durchaus nicht auf Ehre.
    Im Gegenteil. Mein Ideal wäre,
    Daß man nach meinem Tod (grano salis)
    Ein Gäßchen nach mir benennt, ein ganz schmales
    Und krummes Gäßchen, mit niedrigen Türchen,
    Mit steilen Treppchen und feilen Hürchen,
    Mit Schatten und schiefen Fensterluken.

    Dort würde ich spuken.

    Ja, ich mag ihn sehr! Und nicht nur, daß man eine Gasse nach ihm benannt hat – seine Bücher haben die Banditen auch verbrannt. Die höchste Auszeichnung, die Deutschland jemals vergeben hat.

    0

    • Joachim sagt:

      Es freut mich, dir vollkommen ungerührt widersprechen zu können.

      „Das scheint ja keine große Kunst zu sein, was der Dichter da reimt“.

      Wirklich ich gäbe alles darum, mich auch nur zu einem Bruchteil mit diesem Mann messen zu können. Worauf spielst du da an? Das die Sprache immer auch „akonische, ungekünstelte Alltagssprache“ (Wikipedia, pha) nutzte? Wenn dies ein Maß wäre, wer das meint, der sollte ihn vielleicht in seiner Blase nicht lesen. Denn der Versuch wäre sinnfrei, die Mühe und sogar die Druckerschwärze für so jemanden verschwendet. Kuttel Daddeldu.

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