Gedicht am Dienstag (23)

Dieses Gedicht am Dienstag kommt diesmal mit der der Bahn. Auf dem Fahrschein war ein Spottgedicht angedacht… es hatte etwas mit Pünktlichkeit, Reinlichkeit und Heizung an sich. Das Billett wurde für ungültig erklärt, der Fahrgast mitten auf freier Strecke vor die Türe gesetzt und hat den Rest des Weges zu Fuß zurückgelegt.
Aber jetzt: Das Gedicht an diesem Dienstag!
Heute geht’s ans Eingemachte, keine Gnade, keine Gefangenen. Puschkin! Kennt Ihr nicht? Selber schuld. Wir kommen damit zu einer literarischen Gattung, besser: Zu einer Unterabteilung, die ich über alles schätze. Die der russischen des 19. und dem Anfang des 20. Jahrhunderts. So sehr ich Fontane schätze: Da gibt es immer noch Gogol und Lermontow. Josef Roth? Der muß Nicolai Leskow gelesen haben! An den russischen Erzählern kommt niemand vorbei, der sich ins Fach Literatur verliebt hat.
Und derjenige, der den Stein in der Moderne ins rollen brachte, ist Alexander Sergejewitsch Puschkin.

Ex ungue leonem

Ein paar von meinen Liedern wurden neulich
Gedruckt, doch stand mein Name nicht darunter;
Ein Kritikaster findet sie abscheulich,
Und reißt sie — gleichfalls namenlos — herunter.
Doch die Vermummung hielt nicht lange Stich,
Es ging mir wunderlich mit jenem Thoren:
An meinen Krallen bald erkannt’ er mich,
Und ich erkannte ihn an seinen Ohren.

Alexander Sergejewitsch Puschkin

Detailtiere Abhandlungen über seinen Einfluß auf die moderne russische Literatur kann man an erhabenerer Stelle nachlesen: Sein Einfluß ist [groß, überwältigend, massiv, öhhh]; soviel darf aber auch hier gesagt werden.
Puschkin, das ist der russische Heinrich Heine. Die Ähnlichkeiten sind nicht zu übersehen: Die Spottlust, die Lust am Leben, an den Damen und den schönen Mädchen, der Hass, der Kampf und die überwiegende Erfolglosigkeit.

O sing’ Du Schöne

O sing’ Du Schöne, sing’ mir nicht
Georgiens wehmutvolle Lieder, –
Sie wecken wie ein Traumgesicht
Mir fernes Land und Leben wieder.

Auf mich herein in wilder Pein
Aus Deinen Liedern klingend bricht es;
Die Steppennacht, der Mondenschein,
Der Schmerz des kindlichen Gesichtes –

Das liebliche Gespenst, bei Dir
Vergess’ ich es, und ach! wie gerne, –
Doch wenn Du singst, erscheint es mir
Und ruft mich grausam in die Ferne.

O sing’ Du Schöne, sing’ mir nicht
Georgiens wehmutvolle Lieder, –
Sie wecken wie ein Traumgesicht
Mir fernes Land und Leben wieder.

Alexander Sergejewitsch Puschkin

Puschkin war Patriot. Jeder aufgeklärte Mensch zu seiner Zeit in Russland war das; es war die Zeit direkt nach dem großen vaterländischen Krieges gegen Napoleon. Als Lyzeumsschüler sah man neidisch auf die ausrückenden Soldaten, die unter Barcley de Tolly und Kutusow die Franzosen aus dem Land warfen.
Am Ende stand Despotismus, Unterdrückung, Freiheits- und Heimatliebe. Ein ähnlich explosives Gemisch wie auch im deutschsprachigen Raum. Hier Metternich – dort Alexander I (und – noch schlimmer – seinem Nachfolger Nikolaus I). Die Zeit der Dekabristen begann. Puschkin liebte und dichtete.

An eine tabakschnupfende Schöne

Wie? Anstatt Rosen, die dem Gott der Liebe eigen,
Statt Tulpen, die sich vornehm neigen,
Statt Lilien, Jasmin und Blütenreis,
Die deinen Sinnen so gefallen,
Die du getragen hast vor allen
An deines Busens Marmorweiß –
Was seh ich, reizende Climene?!
Wie seltsam wechselt den Geschmack das Schöne!
Du riechst nicht mehr entzückt am frischen Blütenblatt,
Nein, – an dem Kraut, dem duftlos schlaffen,
Das Afterkunst geschaffen
Zu feuchtem Pulver hat!
Mag Göttingens Professor, dürr und zopfen,
Auf dem Katheder krumm und lahm, verrannt
Ins schimmlige Latein mit tüftelndem Verstand,
Sich braunen Knaster hüstelnd stopfen
Ins lange Riechorgan mit blutlos siecher Hand;
Mag ein Dragoner schnurrbartzwirbelnd,
Matt nach durchschlemmter Nacht und blaß,
Frühmorgens sonder Unterlaß
Hinunterspülen Glas auf Glas,
Der Meerschaumpfeife Rauch verwirbelnd;
Mag eine Jungfrau sechzig Jahre alt,
Verabschiedet vom Amor und der Venus,
Ein Kunstgestell von unbestimmten Genus,
Verhutzelt, runzlicht, mißgestalt,
Klatschsüchtig, muckerisch – beim theegefüllten Glase,
Am Zucker knabbernd, in Ekstase
Sich Tabak reiben unter ihre Nase –
Doch du, o Liebliche! … O Phantasiegebild!
Wie, wenn ich Tabak wär? Aus deiner Dose
Nähmst mit zwei Fingern du hervor mich zart und mild
Und röchst an mir, als wär ich eine Rose,
Ich aber dankte meinem Götterlose
Und fiele, glitte – o der Himmelslust! –
Dir hinter’s Busentuch, an deine Atlasbrust,
Vielleicht sogar … o schweige, falsche Stimme:
Das Schwärmen bringt mir nicht Gewinn!
Das Schicksal haßt mich, blind im Grimme, –
Weh mir, daß ich nicht Tabak bin!

Alexander Sergejewitsch Puschkin

Ein paar seiner Spottgedichte brachten Puschkin beinahe nach Sibirien – andere wurden für weit weniger verbannt. Seine einflussreichen Freunde retteten ihn davor, adlige Revolutionäre mit Beziehungen. Lenin ließ später kein gute Haar an ihnen, aber auf der anderen Seite waren sie gewissermaßen alternativlos. Es ist die Zeit der Dekabristen, die der Anarchisten und Nihilisten. Und die der »Dritte Abteilung Seiner Majestät höchsteigenen Kanzlei«, worunter man sich eine gewalttätige Geheimpolizei vorstellen mag, die gegen alles vorging, was auch nur entfernt Reformbestrebungen vertrat und waren sie noch so bescheiden.

Ein lieber Mensch

Ich geb’ dir Recht, kaum zu ertragen
der schlaue Friedrich, ohne Fragen –
er spricht zu viel, ist immer sicher,
der aufgeblasene Pedant.
Dich mag ich gerne, Nachbar Michel,-
du bist bloß dumm, und Gott sei Dank.

Alexander Sergejewitsch Puschkin

Puschkin sympathisiert mit den Dekabristen, ohne einer von ihnen zu sein. Einige kennt er aus seiner Zeit auf dem Lyzeum, andere aus dem Literatur und Theaterbetrieb. Überhaupt sieht man ihn gern im Theater. In seinem bekanntesten Werk Eugen Onegin (Jewgeni Onegin) sitzt dann auch jedes Detail, wenn er seinen Helden im Theater beschreibt:

(Szene aus dem Onegin)

Applaus rauscht auf. Da kommt Onegin,
Stelzt über Beine durch die Reihn
Und stellt sein Opernglas verwegen
Auf fremder Damen Logen ein;
Sein Blick streift alle Ränge oben;
Sowohl Gesichter wie Garderoben,
So stellt er fest, sind ihm ein Graus,
Er tauscht mit Herren Grüße aus,
Um auf die Bühne dann zu blicken
Eher zerstreut als konzentriert,
Schaut weg und gähnt – konstatiert:
“Man sollte sie nach Hause schicken;
Dedelots Ballett war niemals toll,
Doch jetzt hab ich die Nase voll.”

Man kann sehr wohl die Nägel pflegen
Und dennoch stehen seinen Mann:
Lohnt’s, mit der Zeit sich anzulegen?
Die Mode ist der Welt Tyrann.
In seiner Kleidung war Onegin
Der neidischen Rivalen wegen,
Ganz wie Tschadajew, ein Pedant;
Wir nannten so was damals Fant.
Drei Stunden konnten ihm kaum reichen,
Wenn er vor Spiegeln tätig war,
Und kam er aus dem Boudoir,
War er der Venus zu vergleichen,
Die Flatterhaft, in Männertracht,
Zum Maskenball sich aufgemacht.

So frei, so jung und so verwöhnt,
So oft von leichtem Sieg bekrönt
Im täglichen Genusses spielen?
War er bei alledem im Grund
Zwar unvorsichtig, doch gesund?
Nein: früh schon sein Gefühl vereiste;
Der Lärm der Welt war ihm zuviel;
Nicht lang um junge Schönen kreiste
Sein Sinnen als gewohntes Ziel;
Treubrüche wurden ihm verdrießlich,
Auch Freunde und die Freundschaft schließlich,
Denn wirklich konnt er ja nicht stets
Straßburgs Pasteten und Koteletts
Mit Strömen Sektes übergießen
Und geistreich sein auf Schritt und Tritt,
Auch wenn er unter Kopfweh litt;
Obzwar nicht zögernd, sich zu schießen,
Zuletzt ging auch die Lust vorbei
Am Gang auf Säbel oder Blei.

Alexander Sergejewitsch Puschkin

»Zuletzt ging auch die Lust vorbei / Am Gang auf Säbel oder Blei.« Diese Lust verlässt den Dichter bedauerlicherweise niemals. Bevor er sein vierzigstes Jahr erreicht, ist er tot. Etwas überraschend hatte er 1831 die wunderschöne Natalja Gontscharowa geheiratet, wegen der er sich am 8.2. 1837 schießt. Er stirbt an der dabei erlittenen Verletzung am 10. Februar.

Die längst verschollne Lust vergangner Tage

Die längst verschollne Lust vergangner Tage
Drückt wie ein Kopfweh mich nach einem Trinkgelage.
Doch meines Herzens Gram dem Weine gleicht,
Der, wie er altert, auch an Stärke steigt.
Mein Pfad ist trüb. Vom grauenvollen Meer
Der Zukunft dröhn Gefahr und Leiden her.

Doch ich will, Freunde, von der Welt nicht scheiden!
Will leben, um zu denken und zu leiden.
Ich weiß, daß zwischen Sorgen, Sturm und Wehen
Auch Lust und Freude mir noch auferstehen.
Ich werde Kunst und Leben neu genießen,
Noch Thränen der Begeisterung vergießen,
Und einst auf meines Grabes trüber Nacht
Vielleicht der Liebe Lebewohl mir lacht.

Alexander Sergejewitsch Puschkin
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0 Kommentare zu Gedicht am Dienstag (23)

  1. Stony sagt:

    Dieser Beitrag wurde unter Bildungsauftrag abgelegt…

    Bester Pantoufle,
    wenn man einen Menschen damit erreicht, war es zumindest nicht umsonst! sagt man wohl, oder so ähnlich. Mission geglückt. Ich muß mich, leicht verschämt, als absoluter Puschkin-Noob outen. Bis gestern Nachmittag hätte ich aus einem Stapel Photographien wohl einen dicklichen End-60er mit Tolstoi-Rauschebart gezogen, dies zur Illustration. Aus mir durchaus verständlichen Gründen (die Basis dafür liefert die hiesige Auswahl der Gedichte) war er, zumindest zu meiner Zeit in der ‘sozialistischen Schule’, eher kein Thema der Betrachtung. Schade eigentlich. Nach dem Systemwechsel genossen die russischen Klassiker auch nicht gerade hohes Ansehen, roch den meisten wahrscheinlich zu sehr nach Nostalgie und gerade der Lehrkörper wollte sich, in Hoffnung auf Verbeamtung, nicht ‘verdächtig’ machen. So freut es mich hier nun mal mit der Nase auf in gestupst zu werden.

    Eine Frage die sich mir stellt ist, wie wohl der Sound dieser Gedichte sein mag, abgesehen von dem, welchen ich mir einbilde. Ohne einiges an Kenntnis der Texte und ihrer Kontexte vermag ich da kein echtes Gefühl entwickeln. Was ich z.B. auf youtube dazu fand ist von Lutz Görner und begeistert mich nicht gerade (wobei seine kleinen Geschichten zwischendurch einen guten Rahmen bilden).
    Erfreulicher Weise findet sich dort aber einiges an Erzählungen in Hörbuchform, hervorragend vorgetragen (‘Pique Dame’, willkürlich ausgewählt, bspw. ist sehr professionell), welche ich mir als Einstieg vornehmen werde. Zum Glück kann ich beim malochen lauschen, gelesen wird zu Hause.

    Wohlan!

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    • pantoufle sagt:

      Völlig OT: Ich lach mich gerade schlapp! Ein Schrei nach Liebe staut sich in meiner Statistik, ein Winseln um Zuneigung und Verständnis. Wäre ich der Humanist, der ich immer vorgebe zu sein, so würde ich jetzt ein Köppfchen zum streicheln suchen… finde aber keines.. 😀

      Herr Karl 20. Februar 2014 10:00

      Beide – Pantoufle und comrade Kim Il Sun – hassen mich wie die Pest.
      Beide reagieren auf Kritik hochaggressiv und unterirdisch.
      Beide arbeiten mit “dynamischen IP-Adressen”.
      Beide sagen: Wie alt bist Du eigentlich?
      Beide hängen sich wie ein festgebissenes Frettchen an meine Spiegelfechter-Kommentare…

      Das ich das noch erleben darf! Der Herr mit der festen IP-Adresse (wasn Exot!) in der vorgezogenen Midlive Crisis vergießt bittere Tränen der Enttäuschung am Baum der Erkenntnis. Wie geil ist das denn?

      Na ja – wie gesagt: Schwerstens OT, aber ein großartiger Start ins anstehende Wochenende.
      Schnurrrrrrrr….

      Das wird von Stunde zu Stunde besser:

      “Je schriller die Dementis desto deutlicher die Übereinstimmungen”

      »Je grüner das Laub desto grimmiger die Laterne«
      »Je sabbern der Geifer desto weiter die Latrine«
      Je weniger Deutsch umso fehlender Zusammenhang.

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      • Stony sagt:

        Ach du Scheiße! 😀

        ist zwar etwas ‘unpassend’, zumindest in Teilen, aber ich mußte grad an das hier denken.

        Ich hau mich wech, geiler geht echt kaum, demnächst lädt er dich noch bettelnd zu einem Umtrunk ein, macht einen auf Enrico, du weißt schon welchen… 😀

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  2. pantoufle sagt:

    Moin Stony

    Nix Rauschebart und für endsechzig hat es leider auch nicht gereicht. Genau so wenig wie zu einem Fleißkärtchen im Schulbuch sozialistische Schule, was bei den Lebensdaten 1799 – 1837 auch nicht so einfach gewesen wäre.
    Diese Schule krankt ohnehin gelegentlich an einer gewissen Geschichtsvergessenheit. Nicht in der Betrachtung der Lehrer, sondern eher seiner Schüler. Kulturelle Errungenschaften grundsätzlich auf ihre Eignung zum Klassenkampf einzuordnen, sind letztlich nur höher qualifizierte Scheuklappen. Humboldt oder Fichte haben ihren Teil am Werden der menschlichen Kultur beigetragen, Marx und Engels einen Weiteren; der eine nicht ohne den Anderen.

    Was meine persönliche Geschichte anbetrifft, so haben die russischen Schriftsteller dabei eine herausragende Rolle gespielt; gemessen an den Gesamtausgaben im Regal tun sie es optisch bis heute. Die Schwierigkeiten mit den Namen (wie hieß die Geliebte des Helden doch gleich?) verging mit den Jahren und es blieb dieses großartige Gemälde des Landes und seiner Bewohner. Europa und doch wieder nicht, immer ein Hauch Asien und Fremde. Die Decke von Bildung und Kultur war sehr, sehr dünn – kein Wunder, das »die Revolution« gerade hier und mit dieser Vehemenz stattfand. Der Schlüssel zu dieser Gewalt und Ausschließlichkeit ist für mich Tolstoi und Turgenjew, Tschechow und Lermontow, weniger meine westliche Sozialisation.

    Apropos Lermontow: Ein Zeitgenosse und Wegbegleiter Puschkins und großer Romantiker. »Ein Held unserer Zeit« ist eine unbedingte Empfehlung. Irgendwo zwischen Fontane und E.T.A. Hoffmann, ein ganz erstaunliches Stück Literatur!

    … was wollte ich jetzt eigentlich sagen? Ach so: Gefühl! Ja, was den Puschkin und die Protagonisten der russischen Literatur betrifft, bin ich stark vorbelastet. Ihre Langsamkeit, Bedächtigkeit (die auf mich so wenig abfärbte) habe ich immer sehr geschätzt. Die Genauigkeit und … beinahe hätte ich Unbestechlichkeit geschrieben, aber das trifft es nicht. Sie haben unsterbliche Bilder ihrer Zeit gezeichnet, unübertroffen und mit so wenig »Auftrag«, im Sinne von Aufklärung. Der Spieler: Das ist eine Photographie, fast schon kein Buch mehr.
    Ja.

    Eine Herzensangelegenheit.

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  3. Joachim sagt:

    Der Bildungsauftrag ist die eine Sache. Die Andere und das finde ich interessanter, ist es meine Beschränkungen der vermeintlichen “science fiction world” zu verlassen. Science fiction? Natürlich! Denn Pushkin ist ein Krater auf dem Merkur (?wenn ich nicht irre).

    Dekabristen musste ich dagegen noch einmal nachschlagen, Puschkin? Ach ja nun, es ist lange her…

    Also doch Bildung? Nicht nur. Es geht darüber hinaus.

    Ich brauche viel Zeit das zu lesen, muss mich darauf einlassen, denke etwa bei “Will leben, um zu denken und zu leiden” an jemanden, den ich kennen durfte. Auch das generiert mir ein Bild von Puschkin. Ich erkenne, so lange das auch her ist (Puschkin starb 1837), es gibt einen Faden zum Jetzt. Menschen ändern sich wenig. Was damals galt kommt in veränderter Form wieder. In gewisser Weise spricht Puschkin mit uns aus lange vergangener Zeit. Und ich mag ihm zuhören (erwäge klar Stonys Tipp). Ich denke, das ist der Sinn.

    Nichts zum Inhalt der Gedichte, zur Form, zur Schönheit der Sprache? Also, sagte ich das nicht gerade? Außerdem, ich unterhalte mich gerade. Sprich selbst mit ihm 😉

    Das sollte man vielleicht verstehen als: ich wage es nicht, hier über diese Gedichte zu sprechen und schon gar kein Urteil abzugeben. Ich lese es eben.


    Aber was bedeutet das Ding mit der Bahn und dem Gedicht auf der Fahrkarte?

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    • pantoufle sagt:

      Ich lese es eben.

      Ja, und genau dazu ist es ja auch da. Mit »Bildungsauftrag« tagge ich andere Artikel – das hier ist reines Hobby, Passion. Oder wenn man so will auch das Ergebnis der Überlegung: Wo ist eigentlich eine Lücke im großen, weiten Netz. Natürlich ist es keine echte Lücke, aber gemessen an den Zugriffszahlen, die mittlerweile tatsächlich nennenswert sind, scheint es genügend Menschen zu interessieren. Mit Literaturbesprechungen (besser: Betrachtungen) hatte ich es auch kurzzeitig versucht, mußte allerdings feststellen, daß ich dafür nicht das geringste Talent besitze. Glücklicherweise bin ich damit nicht alleine; die meisten Bücherbesprechungen finde ich abgrundtief langweilig. Das Einzige, was mich jemals brennend interessiert hat, war Tucholskys Nachttisch.

      Aber Bildungsauftrag…? Ja, natürlich auch ein wenig. Man hat natürlich die Hoffnung, daß man etwas neues findet, daß die Leute interessiert oder altbekanntes, das die Schule verdarb und das auf eine Wiederenddeckung wartet. Und dann ist da noch der sehr wahre Satz von Stony: »wenn man einen Menschen damit erreicht, war es zumindest nicht umsonst!«

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      • Joachim sagt:

        Jaaa. Und Deine Auswahl ist vortrefflich.

        Eine kleine Anmerkung zur Lücke im großen, weiten Netz. Wir (wer?) sollten begreifen, dass dieses Netz von Menschen gemacht ist und von Menschen genutzt wird. Es ist ein Spiegel der Gesellschaft, also gewissermaßen so neu nicht, genau so böse oder gut wie wir. Deshalb – weil sie in der Gesellschaft oftmals untergehen – sind diese Gedichte für mich hier ein Ausweg aus dem Slip-Stream. Sie erinnern mich daran, was ich vergaß oder sogar niemals wusste. Sie machen es besser.

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  4. Stony sagt:

    Ich schrieb, daß es schade sei, daß Puschkin (letztlich auch andere) kein ‘Thema der Betrachtung’ waren, zu meiner Ost-Schulzeit. Ich glaube hier muß ich mich differenzierend korrigieren. So wie es damals war, der ‘größere Rahmen’ in den aber auch wirklich alles gepreßt wurde, die (zutiefst kleinbürgerliche) Betrachtungsweise: Klassenkampf, der ‘große Bruder’, das seltsame Verständnis von Humanismus etc.pp., all das hätte die russischen Dichter für mich wohl eher verbrannt. Insofern nicht schade, eher besser so. Das dieser ‘Rahmen’ so exsessiv alles sich Untertan machte, das ist die eigentliche Quelle der Betrübnis. Dazu die Perfidität: jahrelanges Russisch pauken unter Zwang, in der Gewißheit die Sprache, wenn überhaupt, dann nur als braver ‘Parteisoldat’ in engen Grenzen benützen zu können – ‘den Russen’ hielt man uns ja auch so fern wie irgend möglich (DSF, ein Feigenblatt) – dabei aber immer alles unter Fragestellungen wie: ‘Was hätte Lenin dazu gesagt? … Wie stellt sich das aus Sicht des ‘großen Bruders’ dar?. Absurdität allenthalben, unhinterfragt, weil Konsequenzen bedingend, eher auf Gefühlsebene Folgen zeitigend. Es war halt so, und an diesem “es war” habe ich noch heute zu knabbern.
    “…höher qualifizierte Scheuklappen, ja, und die gilt es zu lupfen, abzureissen gar, mitunter ein K(r)ampf und gar kein leichter.

    Lermontow ist notiert.

    Die Zeichnung ohne Auftrag, das Werk, das für sich steht – so etwas schätze ich ungemein, selbst wenn ich den Grund nicht recht kommunizieren kann (hatte ich schon erwähnt, daß ich Textanalysen haß-liebe?) – ich meine zu ahnen, was dir das gibt, weil aus deinen Zeilen etwas anklingt, das vertraut wirkt, so wie das Bild der alten Photographien, die “Löcher in die Zeit” stanzen.

    Was ich hier so schätze ist, was Joachim so wunderbar umschrieb, was sich für mich als ein sachtes Hinführen (als Kontrapunkt zu einem oft empfundenen “totinterpretieren”) darstellt – insofern bin ich dankbar für dein ‘fehlendes Talent’. Das Analyse ihren eigenen Wert hat, will ich dabei nicht bestreiten, wie angedeutet habe ich da eine Haßliebe zu, aber sie ist eben (für mich auf einer grundsätzlichen Ebene) nicht alles und darum mag der Begriff ‘Bildungsauftrag’ problematisch sein; soweit er aber meint die Lust am Entdecken zu fördern, ist mir das nur lieb und teuer.

    Einer der Wenigen die ich da überhaupt an mich heranlasse ist J.L. Borges; mitunter seitenlanges Betrachten eines einzigen Wortes, kein ‘Scheibchen schneiden’, jede Zeile pure Leidenschaft die Lust vermittelt und schafft, quasi das Aufstoßen eines Fensters durch die Zeit, das einen neuen Blick frei macht, fast kann man den Hauch eines Duftes ‘fühlen’.

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  5. tikerscherk sagt:

    Auch OT- drüben wartet ein Blökstöckchen auf dich.

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