Gedicht am Dienstag (20)

Der Kunstsammler Cornelius Gurlitt ist gesundheitlich so schwer angeschlagen, daß er vorläufig unter Betreuung gestellt werden muß. Man habe den 80-jährigen in ein Klinikum einweisen lassen, erklärte der Präsident des Münchener Amtsgerichts Gerhard Zierl. Die behandelnden Ärzte haben aus gesundheitlichen Gründen ein Betreuungsverfahren eingeleitet. Es sei ein erfahrener Betreuer für Gurlitt bestellt worden.

Hmmm. Ich hab doch sonst nicht solche Schwierigkeiten, eine einfache Meldung zu schreiben. Irgend wie klingt das hohl und langweilig. Na ja – macht ja nichts. Papier ist noch genug da und wartet geduldig, also noch einen Versuch:

Die Münchener Staatsanwaltschaft mußte dem Kunstsammler Cornelius Gurlitt rund 300 von etwa 1000 der bei Gurlitt beschlagnahmten Werke zurückgeben. Der Schock über diese Zwangsenteignung ohne Gerichtsverfahren oder auch nur Gesetzesgrundlage verschlimmerte das Herzleiden des 80-jährigen so stark, daß man sich gezwungen sieht, ihn vorläufig unter Betreuung zu stellen. Die vom Präsidenten des Amtsgerichts Gerhard Zierl handverlesenen Ärzte haben dem Kunstsammler einen erfahrenen Betreuer zur Seite gestellt.

Sach ma: Bin ich völlig bescheuert heute? Ich werde doch noch diesen dürren Dreizeiler auf die Reihe bekommen! Ganz ruhig, Pantoufle. Ommmm – du bist sowas von in-dir-ruhend, den Redaktionskampfhund gekrault und auf ein Neues:

Bayern jubelt! Durch die Beschlagnahme von mehr als tausend Kunstwerken, darunter viele bedeutende Werke der klassischen Moderne, ist das Bundesland mit einem Schlag um ca. eine Milliarde Euro reicher. Durch die schlampige Arbeit der Staatsanwaltschaft, die es auch nach zwei Jahren nicht fertigbrachte, diese Enteignung auf juristisch sichere Füße zu stellen, war man gezwungen, etwa 300 weniger bedeutende Werke an den ehemaligen Besitzer zurückzugeben. Der Präsident des Münchener Amtsgerichts Gerhard Zierl teilte mit, daß man Cornelius vorsichtshalber einweisen ließ. Ein Betreuer des BKA steht dem Kunstsammler in dieser schweren Zeit zur Seite, die Kunstwerke verbleiben solange im Besitz der bayrischen Kunstsammlungen.

Geht doch!

Was wollte ich sagen? Gedicht am Dienstag!

Feuerpause

Weihnachten
das ist Feuerpause
um danach
pausenlos zu feuern.

Uwe Wandrey

Nun ja. Als Einstieg mag das genügen, aber so richtig weihnachtlich ist es irgendwie auch nicht. Oder nur eingeschränkt. Aber auch die Kunstmeldung brauchte ja drei Anläufe.

Weihnachten

So steh ich nun vor deutschen Trümmern
und sing mir still mein Weihnachtslied.
Ich brauch mich nicht mehr drum zu kümmern,
was weit in aller Welt geschieht.
Die ist den andern. Uns die Klage.
Ich summe leis, ich merk es kaum,
die Weise meiner Jugendtage:
O Tannebaum!

Wenn ich so der Knecht Ruprecht wäre
und käm in dies Brimborium
– bei Deutschen fruchtet keine Lehre –
weiß Gott! ich kehrte wieder um.
Das letzte Brotkorn geht zur Neige.
Die Gasse grölt. Sie schlagen Schaum.
Ich hing sie gern in deine Zweige,
O Tannebaum!

Ich starre in die Knisterkerzen:
Wer ist an all dem Jammer schuld?
Wer warf uns so in Blut und Schmerzen?
uns Deutsche mit der Lammsgeduld?
Noch leben die Kanonenbrüder.
Ich träume meinen alten Traum:
Schlag, Volk, die Kriegsbrandstifter nieder!
Glaub diesen Burschen niemals wieder!
Dann sing du frei die Weihnachtslieder:
O Tannebaum! O Tannebaum!
Und alle Jahre wieder.

Kurt Tucholsky (1918)

Für alle, die meine unfassbar erfolgreiche Kolumne Gedicht am Dienstag nicht mögen, sei die Predigt des Bundespräsidenten empfohlen. Sie wird kommen. Ganz sicher! Vermutlich beginnt sie mit: »Kürzlich hat mir eine syrische Mutter in einem Flüchtlingswohnheim ihr Kind in den Arm gelegt.« Und auch diesmal wird er wieder sichtlich bewegt sein. Öffnet die Türen – der Präsident kommt! Er will eine Rede halten. Er hält immer Reden. Der Präsident ist eine Rede. Gauckiaden!

Weihnachten

Vor dem Baum
fragt sein Sohn:
Wer war Jesus?
Ein Revolutionär,
sagte B.
Was ist aus ihm
geworden?
Er predigte die Liebe,
antwortete B., und
nach einer Pause:
zu allen.
Auch zu seinen Feinden?
Ja.
Was geschah?
Sie legten ihn aufs Kreuz.

Peter Maiwald

Weihnachtsquiz

Quizmaster: Wer oder was ist Bethlehem?

Kandidat 1:
Dort wurde Christus geboren
von einer Jungfrau auserkoren
In einem Stall mit Ochs und Eselein.

Quizmaster: 8 Punkte!

Kandidat 2 :
Bethlehem ist die alte hebräische Stadt Beth Lam, etwa 8km südlich von Jerusalem. Die Stadt ist bekannt wegen der im Jahre 326 unter Konstantin über der Grotte erbauten fünfschiffigen Kirche und dem armenischen Kloster.

Quizmaster: 4 Punkte!

Kandidat 3:
Bethlehem ist ein zu Jordanien gehöriges Dorf, das von Israel gegen das bestehende Völkerrecht widersetzlich besetzt wird.

Quizmaster: Danke, das reicht!

(Studentenkabarett »schwarze Katze«, Hamburg 1969)

Gibt es etwas dümmeres als Studien in den USA? Ja: Die Antworten. 45 von 7870 Amerikanerinnen behaupten, trotz Schwangerschaft niemals Geschlechtsverkehr gehabt zu haben. Die Biostatistikerin Amy H. Herring, Initatorin der Studie, überlegt nun, ob einige der Frauen eventuell die Unwahrheit gesagt haben.

Maria

Die Nacht ihrer ersten Geburt war
Kalt gewesen. In späteren Jahren aber
Vergaß sie gänzlich
Den Frost in den Kummerbalken und rauchenden Ofen
Und das Würgen der Nachgeburt gegen Morgen zu.
Aber vor allem vergaß sie die bittere Scham
Nicht allein zu sein
Die dem Armen eigen ist.
Hauptsächlich deshalb
Ward in späteren Jahren zum Fest, bei dem
Alles dabei war.
Das rohe Geschwätz der Hirten verstummte.
Später wurden aus ihnen Könige in der Geschichte.
Der Wind, der sehr kalt war
Wurde zu Engelsgesang.
Ja, und von dem Loch im Dach, das den Frost einließ, blieb nur
Der Stern, der Hineinsah.
Alles dies
Kam vom Gesicht ihres Sohnes, der leicht war
Gesang liebte
Arme zu sich lud
Und die Gewohnheit hatte, unter Königen zu leben
Und einen Stern über sich zu sehen zur Nachtzeit.

Berthold Brecht

Na, wieder zu viel Geld fürs Fest der Liebe ausgegeben? Macht nichts! Besser arm an Kohle denn an Geist. Das soll´s für diesen Dienstag auch gewesen sein, bis auf eine kleine Geschichte, vorzugsweise vorzutragen in Anwesenheit der lieben Kleinen anstelle der üblichen Stall&Myrrhe-Schmonzette.

Ratenzahlung

Hört mal zu Kinder. Neues von Karlchen.
Dieter hat mir seinen Schwester verkauft.
Ich zahle es in Monatsraten zu 20 Pfennig ab.
Wenn ich 25 bin, gehört mir Dieters Schwesterchen.
Dann werde ich es heiraten oder gebraucht
weiterverkaufen.
Außerdem stottere ich einen Fußball, einen Roller
und einen Dauerlutscher ab.
Manchmal gehe ich sorgenvoll zu Bett.
Aber Vati hat es bis jetzt auch immer geschafft.

Robert Gernhardt

Und allen, die im Nadelregen des BAUMES das jährlich schlechte Gewissen packt, sei auf den Weg gegeben:

Es gibt bereits alle guten Vorsätze,
wir brauchen sie nur noch anzuwenden.

Blaise Pascal

Ach: Einen noch! Ist auch ganz kuarz!!

Stille Nacht

Eine trockene Angelegenheit
dieses Weihnachtsfest.
Krümel vom Christstollen,
Tannenadeln auf dem Teppich.
Aus lauter Langeweile singen wir falsch,
vögeln aus Verzweiflung.
Wir besaufen uns. Es ist zum Heulen.

Arnfried Astel

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0 Kommentare zu Gedicht am Dienstag (20)

  1. pantoufle sagt:

    Kaum legt man erschöpft die Tastatur aus den Händen, kommt SpOn mit dem Wortlaut der Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten. Also: Es war keine syrische Mutter!!

    »Wir denken an das schreckliche Schicksal der Familien aus Syrien«

    Die haben es also noch nicht in ein hiesiges Flüchtlingsheim geschafft! Die sitzen da weiter im Bombenhagel.

    »Wir denken auch an die Menschen, die kommen, weil sie bei uns die Freiheit, das Recht und die Sicherheit finden, die ihnen in ihren Ländern verwehrt werden.«

    Meint er nun Michail Chodorkowski oder Edward Snowden? Was für ein …[Zensur]

    »Wir wissen: Ein friedliches, glanzvolles Weihnachten ist vielen Menschen nicht beschert. Das war so, seit es Weihnachten gibt.«

    Und das soll auch so bleiben, Pfaffe? Dieser Dorfprediger ist so nützlich wie Fußpilz!
    Was reg ich mich auf. Es weihnachtet wie blöde und ich reg mich über so eine [Zensur] auf, deren [Zensur] nicht [Zensur] ebenfalls unter [Zensur] und █████████████████████████████████████████ Fröhliche Weihnacht Herr██████████████████████████████████████████

    0

  2. Stony sagt:

    Ahhh… endlich mal Gedichte die sich nicht reimen.
    Find ich gut!
    😛

    Die Geschichte mit der US-Studie ist echt mal wieder typisch Pipi Langstrumpf.
    Man lege irgendein dämliches Gelübde ab und schwuppdiwupp ist man wieder Jungfrau. Naja, der lieben Pipi tue ich hier Unrecht an, gaaanz so dämlich wie diese religiös verbrämten war kam die Kleene nicht rüber. Als ich die Tage davon hörte fiel mir die Kinnlade runter. Hat in gewisser Weise was von Ablaßhandel, dacht ich kurz.

    Ach ja, das letzte Gedicht gefiel mir am besten.
    Danke

    0

  3. altautonomer sagt:

    pantoufle: Hätteste mal weitergelesen. Da steht nämlich auch:
    „Machen wir unser Herz nicht eng mit der Feststellung, dass wir nicht jeden, der kommt, in unserem Land aufnehmen können. Ich weiß ja, dass dieser Satz sehr, sehr richtig ist.“

    Es muss wohl nicht näher erläutert werden, welche nationalistischen und rassistischen Ressentiment er mit diesem letzten Satz bestatigt. Er hätte ihn auch weglassen können. Dann hätte der erste ein andere, humanitäre Bedeutung.

    Dabei hätte Deutschlands Chefkardiologe auch sagen können: „Machen wir unser Herz nicht eng mit der Feststellung, dass jeder, der keine Arbeit hat, faul ist.
    Ich weiß ja, dass dieser Satz sehr, sehr richtig ist.“

    Er wird auch sagen: „Wir denken auch an die Menschen, die kommen, weil sie bei uns die Freiheit, das Recht und die Sicherheit finden, die ihnen in ihren Ländern verwehrt werden.“
    Da sag ich mal nur: Den Flüchtlingen wird in Deutschland alles hinterhergeschmissen, Steine, Flüche, Knüppel und Brandsätze.

    Und dann diese Behauptung in Richtung des rechten Kampfbegriffs „Wirtschaftsflüchtlinge“: „Seit Menschengedenken sind alle Flüchtlinge erfüllt von der Sehnsucht nach dem besseren Leben.“

    Da wünscht man sich doch Köhlers Horst und den Integrations-Wulff zurück.

    0

  4. pantoufle sagt:

    Moin Altautonomer
    Hättest Du mal unter den schwarzen Balken gesehen, was da noch alles steht.
    Ich hatte einfach keine Lust, den jährlich gleichen Aufguß eines unbegabten Dorfpfaffen schriftlich durchzukauen – eigentlich wollte ich die Anmerkung sogar heute Morgen wieder löschen.
    Die Frage, warum die Rede auf SpOn 24 Stunden vorher erscheint, ist eigentlich interessanter – oder auch nicht: Damit niemand das verlogene Gesicht dazu sehen muß.
    Ob ich mir deswegen allerdings gleich Wulff zurückwünsche… Richard v. Weizäcker oder Bruder Rau ja, aber den?

    Außerdem ist Michail Kalaschnikow gestorben. Da wollte ich eigentlich noch ein kleines Trauerständchen bringen

    0

  5. lattjamilln sagt:

    Herrlich, besonders der Versuch am Anfang! Ich danke Dir, dass Du so wunderbar schreibst.

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