Gedicht am Dienstag

(völlig neue Rubrik)

Ja, ein Gedicht. An diesem düsteren Dienstag ein düsteres Dienstagsrevolutionsgedicht des Dichterfürschten Erich Mühsam. Wegbegleiter Gustav Landauers. Für alle, die befürchten, es wird so lang wie die Landauertexte: Keine Angst; ist nur ein kurzes, damit es gelesen wird.

In diesem Sinne einen schönen Dienstag!

Der Revoluzzer
Der deutschen Sozialdemokratie gewidmet

War einmal ein Revoluzzer,
im Zivilstand Lampenputzer;
ging im Revoluzzerschritt
mit den Revoluzzern mit.

Und er schrie: »Ich revolüzze!«
Und die Revoluzzermütze
schob er auf das linke Ohr,
kam sich höchst gefährlich vor.

Doch die Revoluzzer schritten
mitten in der Straßen Mitten,
wo er sonsten unverdrutzt
alle Gaslaternen putzt.

Sie vom Boden zu entfernen,
rupfte man die Gaslaternen
aus dem Straßenpflaster aus,
zwecks des Barrikadenbaus.

Aber unser Revoluzzer
schrie: »Ich bin der Lampenputzer
dieses guten Leuchtelichts.
Bitte, bitte, tut ihm nichts!

Wenn wir ihn‘ das Licht ausdrehen,
kann kein Bürger nichts mehr sehen.
Laßt die Lampen stehn, ich bitt! –
Denn sonst spiel ich nicht mehr mit!«

Doch die Revoluzzer lachten,
und die Gaslaternen krachten,
und der Lampenputzer schlich
fort und weinte bitterlich.

Dann ist er zu Haus geblieben
und hat dort ein Buch geschrieben:
nämlich, wie man revoluzzt
und dabei doch Lampen putzt.

Erich Mühsam

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0 Kommentare zu Gedicht am Dienstag

  1. daMax sagt:

    Das hat gerade so krass aktuellen Bezug. In der Türkei schalten sie den Revoluzzern nämlich tatsächlich nachts die Lichter aus:

    http://gezipark.nadir.org/index_ger.html

    Nachrichten vom 25.6.2013 (Istanbul Time)
    01.54: [Ankara] Entlang der Straße werden die Straßenlaternen häufig an- und abgeschaltet

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  2. altautonomer sagt:

    Ich muss beim Typus des spiessigen Möchtegernrevoluzzers und besorgten Mitläufers zwangsläufig an einen ganz anderen Herrn denken. War wohl auch so zu verstehen.

    daMax: Mes nuits sont plus belles que vos jours.

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  3. pantoufle sagt:

    Kann ich zwar auch verstehen, aber das hat nur am Rande eine Rolle gespielt. Die Botschaft wäre zu hintergründig. Das muß man schon deutlicher machen, bevor er es kapiert.
    Aber schön, Euch hier zu sehen… es scheint, als würden die Leute doch gerne Gedichte lesen. Mühsam ist ein hübscher Einstieg – da wäre noch ein Matrose Kuddeldaddeldu in der Warteschlange, Bruder Heine und und und…
    Puschkin natürlich. Ach, Puschkin!

    Ich liebte Sie: Vielleicht ist dieses Feuer
    In meinem Herzen noch nicht ganz verglüht;
    Doch Ihre Ruh ist mir vor allem teuer;
    Durch nichts betrüben will ich Ihr Gemüt.
    Ich liebte Sie, stumm, hoffnungslos und schmerzlich,
    In aller Qual, die solche Liebe gibt;
    Ich liebte Sie so wahrhaft und so herzlich,
    Gott geb, daß Sie ein andrer je so liebt.

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  4. Eines meiner lieblingsgedichte. Bemerkenswert daran ist, daß Erich Mühsam es nicht erst nach bewilligung der kriegskredite oder gar erst in den späten 20er jahren verfaßt hat, als jeder besitzer von augen sehen konnte, wie die sozen drauf sind, sondern schon 1907. Manch einer begreift es bis heute nicht.

    Den text von Landauer lese ich, wenn ich etwas ruhe dafür habe, habe ihn erst mal in meine leseliste gelegt.

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  5. pantoufle sagt:

    …ach, und ich dachte schon, Du meinst den Puschkin 🙂 (Den ich ganz besonders liebe)
    Lass Dir nur Zeit mit dem Landauer. Er war ein großer Humanist, Pazifist und Schreiberling. Den »der Sozialist« hat Landauer von einer Postille des linken Flügels der damaligen SPD in eine anarchistische Zeitung verwandelt; auch Mühsam schrieb dort neben vielen andern guten Leuten. Die anarchistische Bibliothek Wien hat freundlicherweise viele Texte zu Verfügung gestellt, was das Abtippen erspart. Der »Sozialist« wartet noch auf einen Reprint.

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