Gedicht am Dienstag (19)

»Mein Vater war Krämer; heiter und arbeitsfroh; meine Mutter, still und fromm, schaffte fleißig in Haus und Garten. Liebe und Strenge sowohl, die mir von ihnen zu Theil geworden, hat der »Schlafittig« der Zeit aus meiner dankbaren Erinnerung nicht zu verwischen vermocht.
Was weiß ich denn noch aus meinem dritten Jahr? Knecht Heinrich macht schöne Flöten für mich und spielt selber auf der Maultrommel, und im Garten ist das Gras fast so hoch wie ich, und die Erbsen sind noch höher, und hinter dem strohgedeckten Hause, neben dem Brunnen, stand ein flacher Kübel voll Wasser, und ich sah mein Schwesterchen drin liegen, wie ein Bild unter Glas und Rahmen, und als die Mutter kam, war’s kaum noch in’s Leben zu bringen.«

Wilhelm Busch

Viel hat er von seinen Eltern nicht gehabt. Schon bald wurde seine Erziehung dem Onkel mütterlicherseits Georg Kleine anvertraut, einem Pfarrer. Von dem erhielt der Junge Privatunterricht; ein gnädiges Schicksal in einer Zeit, da, obschon Schulpflicht, gerade auf dem Land gelegentlich bis zu hundert Kindern in einer Scheune unterrichtet wurden.
Der Privatunterricht, zusammen mit einem Müllerssohn, führte zu einer lebenslangen Freundschaft und zu einer bekanntesten Geschichten im deutschen Sprachraum.
Nach dem Umzug der Familie Kleine in die Nähe von Hannover begann ein vierjähriges Studium am Polytechnikum Hannover, das er wegen seiner musischen Neigungen 1851 abbrach.
Der neunzehnjährige schrieb sich auf der Kunstakademie in Düsseldorf ein, reiste aber nach einem Jahr nach Antwerpen, um dort weiter zu studieren. Nach einer schweren Typhuserkrankung Abbruch des Studiums und ein Umzug nach München und das Einschreiben in der dortigen Kunstakademie. Dem Onkel wurde es zuviel: Das war das, was man einen Bummelstudenten nannte. Die Zahlungen wurden eingestellt, der Student der Künste überlegte, nach Brasilien als Bienenzüchter auszuwandern.

Dazu kam es zum Glück nicht. Der Verleger des Münchener Bilderbogens und den fliegenden Blättern, Kaspar Braun, bot ihm eine Stelle als freier Mitarbeiter an. Dieser Verleger leistete für die kleinen und großen Kinder einen unschätzbaren Dienst. Der Maler, Dichter, Zeichner und Liberettist Wilhelm Busch hatte zum ersten Mal ein Einkommen, mit dem er seinen Lebensunterhalt bestreiten konnte.

Nachruhm

Ob er gleich von hinnen schied,
Ist er doch geblieben,
Der so manches schöne Lied
Einst für uns geschrieben.
Unser Mund wird ihn entzückt
Lange noch erwähnen,
Und so lebt er hochbeglückt
Zwischen hohlen Zähnen.

Beständigkeit war nicht unbedingt seine Sache: Weder der Verleger Braun noch München hielten ihn. Sein bekanntestes Werk »Max und Moritz« erschien als Wiedergutmachung des Misserfolgs Bilderpossen beim Verlag Heinrich Richter, wobei Busch dabei auf sein Honorar verzichtete. Auch diese Geschichte hatte nur höchst mäßigen Erfolg und Buschs alter Verleger Braun kaufte die Rechte daran für eine Summe von tausend Talern zurück. Sowohl für Braun wie für Busch erwies sich dieser Kauf als Glücksgriff. Als der Dichter 1908 starb, erschien die 56. Auflage mit bereits mehr als 430.000 verkauften Exemplaren.

Der Narr

Er war nicht unbegabt. Die Geisteskräfte
Genügten für die laufenden Geschäfte.
Nur hatt‘ er die Marotte,
Er sei der Papst. Dies sagt‘ er oft und gern,
Für jedermann zum Ärgernis und Spotte,
Bis sie zuletzt ins Narrenhaus ihn sperrn.
Ein guter Freund, der ihn daselbst besuchte,
Fand ihn höchst aufgeregt. Er fluchte:
»Zum Kuckuck, das ist doch zu dumm.
Ich soll ein Narr sein und weiß nicht warum.«
»Ja«, sprach der Freund, »so sind die Leute.
Man hat an einem Papst genug.
Du bist der zweite.
Das eben kann man nicht vertragen.
Hör zu, ich will dir mal was sagen:
Wer schweigt, ist klug.«
Der Narr verstummt, als ob er überlege.
Der gute Freund ging leise seiner Wege.
Und schau, nach vierzehn Tagen grade,
Da traf er ihn schon auf der Promenade.
»Ei«, rief der Freund, »wo kommst du her?
Bist du denn jetzt der Papst nicht mehr?«
»Freund«, sprach der Narr und lächelt schlau,
»Du scheinst zur Neugier sehr geneigt.
Das, was wir sind, weiß ich genau.
Wir alle haben unsern Sparren,
Doch sagen tun es nur die Narren.
Der Weise schweigt.«

Buschs nächste Station war Frankfurt, wo weitere Bildergeschichte entstanden. Geprägt von seiner antiklerikalen Einstellung und der Zeit des Bismarschen Kulturkampfes erschien der heilige Antonius von Padua, mittlerweile beim Verlag Moritz Schauenburg. Dieses Werk brachten sowohl Busch wie auch den Verlag in Konflikt mit der Zensur. Die Staatsanwaltschaft zu Offenburg klagte den Verleger wegen »Herabwürdigung der Religion und Erregung öffentlichen Ärgernisses durch unzüchtige Schriften« an. Die nächste Geschichte über die fromme Helene erschien deshalb nicht mehr bei Schauenburg, sondern wurde von Otto Bassermann verlegt, den Busch aus Münchener Zeiten kannte.

Die Schändliche

Sie ist ein reizendes Geschöpfchen,
Mit allen Wassern wohl gewaschen;
Sie kennt die süßen Sündentöpfchen
Und liebt es, häufig draus zu naschen.
Da bleibt den sittlich Hochgestellten
Nichts weiter übrig, als mit Freuden
Auf diese Schandperson zu schelten
Und sie mit Schmerzen zu beneiden.

Busch verließ auch Frankfurt; die Liebe wird eine Rolle gespielt haben. Mittlerweile wohlhabend, widmete sich Busch seinen Neigungen zur Literatur. Mit mäßigem Erfolg und zunehmend behindert durch sein Alkoholproblem, das ihn bis ans Ende seiner Tage verfolgte.
Wilhelm Busch war zurück auf dem Land. Es erschien die Trilogie Knopp: Tobias Knopp, der Prototyp des wohlhabenden Spießers. Ein Erfolg – wieder einmal. Da kommen sie alle vor, die Zeitgenossen, denen man auf der Straße begegnet, da wird Heinrich Zille sanft vorweggenommen. Zille ist ja schon auf der Welt, studiert bis 1875 an der königlichen Kunstschule in Berlin; in der Zeit, als diese Trilogie erscheint. Er wird Berlin beschreiben, sein Milljöh. Busch beschreibt das seine und das ist nicht die Großstadt, sondern war immer der ländliche Raum, die Provinz.

Unglücklicher Zufall

Ich ging wohl hundert Male
Die Straße ein und aus,
Ich stand bei Sturm und Regen
Vor meiner Liebsten Haus.
Bei Sturm und kaltem Regen
Stand ich vergeblich dort,
Denn die gestrenge Mutter,
Die ließ sie ja nicht fort.
Ich selber hab‘ dem Regen,
Ich hab‘ dem Sturm getrutzt,
Nur meine neuen Stiefel,
Die sind ganz abgenutzt.
Und heute, da ich lässig
An meinem Fenster steh‘,
Trifft sich’s, daß ich mein Liebchen
Vorübergehen seh‘.
Sie nickt und winkt verstohlen,
Sie sieht mich zärtlich an,
Und ich, ich kann’s nicht sagen,
Daß ich nicht kommen kann.
Ich kann’s ihr ja nicht sagen,
Dem wunderholden Kind,
Daß meine einz’gen Stiefel
Heut grad beim Schuster sind.

Liest man seine Bildergeschichten unter diesem Blickwinkel, sieht auf die Details, so entdeckt man ein lebendiges Bild dessen, was nur noch auf alten Photographien und in Heimatmuseen durchscheint. Busch als Dichter? Eigentlich fängt alles mit ihm an. Ich bin niemandem begegnet, der nicht weiß, wie die Geschichte anfängt. So beginnt jedes Gedicht, irgendwann in der Kindheit. Man sitzt auf dem Schoß der Mutter, das Buch mit den ungezogenen Bengels und sie liest vor:

Ach, was muß man oft von bösen
Kindern hören oder lesen!
Wie zum Beispiel hier von diesen,
welche Max und Moritz hießen;

Erich Bachmann und Wilhelm Busch

Erich Bachmann und Wilhelm Busch, Freunde aus Jugendtagen

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0 Kommentare zu Gedicht am Dienstag (19)

  1. tikerscherk sagt:

    Schön! Ich mag ihn ja, den Busch. Ohne Wenn und Aber.
    Eines der ersten Gedichte, die ich auswendig konnte, war dieses, das meine Mutter mir, versehen mit einer hübschen Zeichnung, die sie eigens anfertigte, in mein Posiealbum schrieb (ja, soetwas besaß ich). Ich kann sagen, dass es mein Denken nachhaltig beeinflusst hat, und bis heute nachwirkt.

    Es sitzt ein Vogel auf dem Leim…

    Es sitzt ein Vogel auf dem Leim,
    Er flattert sehr und kann nicht heim.
    Ein schwarzer Kater schleicht herzu,
    Die Krallen scharf, die Augen gluh.
    Am Baum hinauf und immer höher
    Kommt er dem armen Vogel näher.

    Der Vogel denkt: Weil das so ist
    Und weil mich doch der Kater frißt,
    So will ich keine Zeit verlieren,
    Will noch ein wenig quinquilieren
    Und lustig pfeifen wie zuvor.
    Der Vogel, scheint mir, hat Humor..

    Schönen Abend noch!

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  2. pantoufle sagt:

    Moin Tikerscherk
    Ach, den Vogel wollte ich auch erst… eigentlich wollte ich was ganz anderes: Fritz Graßhoff. Aber der ist noch nicht tot genug, Copyright und so…
    Kennst Du den? Im Blättchen gibt es gerade einen schönen Artikel über ihn.

    Was den Busch nun betrifft, so steht er schon recht würdig da. Seine Versuche in der großen Literatur oder in epischer Dichtung – nun ja. Es wurde von den Zeitgenossen nicht wirklich gefeiert und auch die Nachgeborenen fanden´s nicht so richtig toll. Das war es wohl auch nicht. Aber ein paar Perlen sind dennoch dabei.
    Was mir aber bemerkenswert erscheint, ist, daß ihn im wahrsten Sinne des Wortes jedes Kind schon gelesen hat. Deshalb soll er hier auch gewürdigt werden; es war also keine »Notlösung«.
    Einen schönen Tag noch wünscht
    das Pantoufle
    der noch Weihnachtsgeschenke muß und Fressalien einkaufen und dann nach Berlin – die Pommesbuden abklappern, die der Kiezneurotiker so schön beschreibt 🙂

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  3. tikerscherk sagt:

    Moin Pantoufle,
    Graßhoff kannte ich nicht. Bin deinem Link gefolgt und habe mich über die Limericks gefreut.
    Die sind ja geradezu genial.

    „Seliger“, sagte in Theben
    ein Weiser, „ist Nehmen denn Geben.
    Ob Gutes, ob Schlimmes –
    oh gib es nicht, nimm es!“
    Sprach’s und nahm sich das Leben.

    Wat machsten in Balin?
    Ist grad Hochnebel- watch your steps!
    Viel Spaß!

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  4. pantoufle sagt:

    Der kann ja mitkommen. Vom 14.2 – 16.2 14 zum Nürburgring. Elefantentreffen. Autos ausdrücklich nicht erwünscht 🙂

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  5. tikerscherk sagt:

    Endlich normale Leute 🙂

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