Gedicht am Dienstag (16)

Gioconda Belli. Die kannte ich nun auch noch nicht. Da mußte erst mein Weib kommen und mir den Band »Zauber gegen die Kälte« auf den Tisch legen: »Hier! Sowas solltest Du mal in Deinem Gedichtdingsbums hinschreiben. Erotik!« (Treue Leser erinnern sich: Das ist die, die auch mit Werkzeug kann und Ersatzteile zu liegengebliebenen Pantouflen bringt.)
Gioconda Belli also: 1948 in Managua geboren, schloss sich 1970 der Sandinistischen Nationalen Befreiungsfront FSLN im Kampf gegen die Diktatur des Somoza-Clans an und zählt mittlerweile zu den bedeutendsten Schriftstellern Südamerikas (und ich kenne sie nicht – schäm Dich, Pantoufle!).
Diese Wissenslücke habe ich nun in den letzten Tagen versucht zu schließen (schäme mich immer noch ein wenig) und bin… Tja: Fasziniert will ich nicht sagen. Eher amüsiert. Und aufrichtig beeindruckt. Am auffälligsten war für mich dabei die Feststellung, daß ich nur schwer einen innerlichen Zugang zu ihrer Zeit bekomme. Es sind die siebziger Jahre, in denen ich selber doch schon ein wenig denken konnte, auch gelegentlich auf die Straße ging und mich für die Freiheit von … was weiß ich ereiferte. Vergessen? Verdrängt? Oder einfach nur müde und verbittert über diese Zeit? Tibet-orangefarbene Ford Capri und Che Guevara, Willy Brandt und Ton Steine Scherben. Dalli, Dalli und Apocalypse Now. Der Traum von einer lustvollen Revolution?
Und genau da kommt Gioconda Belli ins Spiel, das ist ihr Traum, ihr Leben. Ihre erotischen Gedichte waren eine Provokation im katholischen Nicaragua. Revolution ist der Kampf gegen Somoza und ihre angeblich vorbestimmte Rolle als Frau. Sie genießt diesen Kampf, genießt ihn bis heute, ihren Kampf gegen das Mittelalter nicht nur in Südamerika.
Genug geschwätzt. Hier ein paar ihrer Gedichte, die es mir besonders angetan haben, entnommen aus dem Band »Zauber gegen die Kälte«.

Angriff auf meine linke Schulter

Sacht gleiten deine Hände über meinen Blick,
du hältst ihn, du läßt ihn.
Du startest einen Angriff auf meine linke Schulter,
belagerst sie vom Hals her,
bestürmst sie mit den Pfeilen deines Mundes.
Du überfällst meine linke Schulter
wild und süß mit dem Biß deiner Zähne.
Langsam umhüllt uns die Liebe
auf ihre runde Art,
die Zeit zu vertreiben mit Küssen.
Wie zwei Rauchspiralen
schweben wir im Raum,
füllen ihn mit Knistern und Flüstern
oder verstummen ganz langsam und sacht,
erforschen das tiefe Geheimnis der Poren,
durchdringen sie gierig, reißen fort die Haut,
um endlich unsere Augen zu finden
und uns anzuschauen aus der Tiefe unseres Blutes.
Wir reden in Hieroglyphen,
doch um mich zu entziffern, brauchst du nichts
als die langsame Zärtlichkeit deiner Hände,
du entwirrst mich ohne Mühe,
streichst mich glatt wie ein frischgebügeltes Laken.
Dafür schenke ich dir mein Universum,
alle die Meteore und Monde,
die schon lange meine Träume umkreisen,
meine Finger voll Sehnsucht, nach den Sternen greifen
und die Sonnen, die meinen Körper bewohnen.
Ein leises Lächeln steigt aus meinen Knöcheln empor,
lacht in meinen Knien,
Kriecht höher an meiner Baumrinde entlang
und erfüllt mich mit berstenden Knospen
durchsichtiger Freude.
Die Luft meiner Lungen beschließt heiter
im Nachtwind zu wohnen.
Du überfällst noch einmal meine linke Schulter,
wild
und süß
mit dem Biß deiner Zähne.

Gestern Nacht

Gestern Nacht erst
warst Du wie ein nackter Kämpfer
der über dunkle Felsen sprang.
Ich auf meinem Beobachtungsposten
in der Ebene
sah dich eine Waffe schwingen
und heftig in mich dringen.
ich öffnete die Augen
und noch immer warst du ein Schmied
der den Funkenamboss schlug
bis mein Geschlecht explodierte wie eine Granate
und wir beide starben im Mondsplitterhagel

Und…

… und ich suchte
einen Vorwand, deinen Namen zu sprechen
in der nassen Nacht
die zart war und feucht
wie eine großäugige Blume
mit zitternden Blüten
in die ich mich hüllte auf dem Grund meiner Träume.
Und ich malte deinen Namen
in alle Ecken der Räume
in denen ich lebte und leben werde
bis der Wind mich wie Samen verweht
um fremde Länder zum Blühen zu bringen.
Und vielleicht werde ich wiedergeboren in einem Kind
das Geschichten hört
den ganzen Nachmittag
wenn die Erde in Nicaragua zu durften beginnt
und ganz heimlich das grüne Leben
der wollüstigen Tropen webt
wie ich, wie du
wie die Blätter, die uns hüllten
als man uns verscheuchte aus dem Paradies.

Liebe in zwei Tempi

I
Mein Stück Süße von der Mandelschnitte
mein Specht gefiederte Schlange
Kolibri, der meine Blume schnäbelt meinen Honig trinkt
meinen Zucker schlürft mir die Erde berührt
Antunio die Höhle das Haus der Abenddämmerungen
der Donner der Meere Segelschiff
Legion der Vögel Möwe im Tiefflug süße Mispel
Palme die meinen Beinen Strände gebiert
hoher Kokosmast, belebender Obelisk meines Untergangs
Totem meiner Tabus Lorbeer Trauerweide
Schaum an meiner Haut Regen Quelle
Kaskade in mein Bachbett Brunst meiner Umtriebe
Licht deiner Augen Brise auf meinen Brüsten
verspielter Hirsch in meinem Wald aus Geißblat und Moos
Wächter meines Lachens Schutz des Pochens
Kastagnette Schelle Jubel
meines Rosenhimmels aus Frauenfleisch
mein Mann du einziger Talisman
Zauber meiner wüstenhaften Blätter
komm noch einmal ruf mich drück mich
an deinen Hafen der heiseren Wellen
Erfüll mich mit deiner weißen Zärtlichkeit
erstille meine Schreie
lass mich aufgelöst Frau sein.

II

Glocken Geräusche Sirenengesang
los laß ich die Zügel galoppiere Gelächter
setze die Mauern aus dem Spiel
Staudämme fallen in Stücke ich springe grün
die Hoffnung blau der Himmel sonore Horizonte
die sich in Winden auftun mich hindurchzulassen:
„Gebt frei den Weg der Frau, die nicht die Strudel der
Liebe fürchtet, noch die Orkane der Verachtung“
Gesiegt hat der alte Jahrgangswein der rote der weiße
es kamen es keimten die Trauben mit ihrer weichen Haut
die Rundung deiner Figur du regnest auf mich
wäscht ab die Trauer erbaust wieder Leuchttürme Bibliotheken
alte Bücher mit wunderschönen Bildern
gibst mir den Grinsekater zurück Alice den Hasen
den verrückten Hut Schneewittchens Zwerge
den Matsch zwischen den Fingern den Hauch der Kindheit
du bist in dem Blick am Fenster aus dem der Baum entsteht,
der Kreisel, die kleine Tasse, ich liebe dich, berühre dich
entdecke in dir den Hengst Kater Glühwürmchen Libelle
nackter Mann durchscheinend Trommel Trompete ich mach Musik
tanze stampfe entkleide mich umhülle dich du umhüllst mich
Küsse Küsse Küsse Küsse Küsse Küsse Küsse Küsse
Schweigen Schlaf.

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0 Kommentare zu Gedicht am Dienstag (16)

  1. Joachim sagt:

    Hallo, es regnet, ist dunkel, ist kalt und zudem war heute keine Zeit. Nix ist kuschelig und ich fürchte, das Moped will bei dem Wetter mit ins Bett – no way!

    Unter anderen Umständen würde mir das – die Gedichte – ja gefallen. Aber ich muss ARBEITEN! Was Dein Weib sich dabei wohl gedacht hat? 😉

    Ernsthaft: Interessant, was Dein „Weib“ da vorschlägt. Bei diesen Metaphern frage ich mich, wie das auf spanisch klingt. Um mich nicht zu sehr ablenken zu lassen hatte ich mich auf 1 und 2 beschränkt und den Rest für meine Frau aufgehoben. Mal sehen, was die sagt.

    So oder so, Gioconda Belli ist ein für mich überraschender Vorschlag. Gefällt mir (der Ausdruck ist heute echt peinlich – mir egal!), mal anders, ich find’s nicht 70’er – oder warte mal, vielleicht doch? Mal sehen (…) Ich schätze, da wird wohl ein Roman von ihr in meine Queue wandern.

    So, Dein „Weib“ hat es es geschafft: ich will nach Hause… Nette Grüße.

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  2. tikerscherk sagt:

    Hab die Gedichte mit offenem Herzen gelesen, und es ist nichts angekommen bei mir.
    Ich fühle sie nicht, sie geben mir nichts. Zu holprig, zu explizit in dem was angedeutet erotischer ist. Und zu wenig explizit um den Kern zu treffen. Ausnahme: „Gestern Nacht“.
    Auch das nicht meine Welle.
    70er finde ich sie auch nicht.

    Es mag an der Übesetzung liegen, dass ich mich nicht für Frau Bellis Worte erwärmen kann.
    Danke trotzdem, es hat meinen Horiznt erweitert, der sich auf Borges, Neruda und die anderen ganz Großen beschränkte.
    Natürlich hätte ich mich gefreut, eine latein-amerikanische Lasker-Schüler zu entdecken.
    Aber man darf vielleicht nicht immer das Unerreichbare erwarten.

    Oweh, jetzt hab ich alles mies gemacht. Sollte gar nicht so negativ klingen, wie es das jetzt tut.
    Ich habe mich trotz aller Kritik unterhalten und angeregt gefühlt mal wieder Borges in die Hand zu nehmen.
    In diesem Sinne wünsche ich eine schöne Woche und freue mich auf weitere Entdeckungen!

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  3. tikerscherk sagt:

    Hallo? Ist hier jemand?
    Ich hab ne Flasche Wein dabei, zur Versöhnung für meine überaus harten Worte.
    Würd gerne ein Glas trinken und dazu Neruda lesen.

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    • Joachim sagt:

      tikerscherk, ich bin zwar nicht so sehr Deiner Meinung, finde den Vergleich mit Lasker-Schüler nicht ganz fair. Ich kann das aber nachvollziehen (behaupte ich). Deshalb war das nicht zu „hart“ und es gibt keinen Grund für einen Rückzieher. Gedichte sind eben per Definition auch etwas Subjektives. Beispiel gefällig?

      gibst mir den Grinsekater zurück Alice den Hasen
      den verrückten Hut Schneewittchens Zwerge
      den Matsch zwischen den Fingern den Hauch der Kindheit
      du bist in dem Blick am Fenster aus dem der Baum entsteht,

      Zu explizit dieser Grinsekater? Sag‘ nicht, Du kennst den nicht? Oder zu wenig explizit wenn ein Gefühl alles zu einem Märchen, naiv wie die Welt der Kinder macht und man gar nichts mehr zu verstehen braucht weil man etwas Wesentliches verstanden hat? Auch das solltest man kennen. Nein, nein, diese Gedichte haben eine außerordentliche Qualität. In vier Zeilen steht da weit mehr, als z.B. ich hier mit noch so vielen Worten präsentieren könnte.

      Es könnte sogar sein, dass Gioconda Bellis politisches Engagement genau mit dieser Sicht und den 70’ern zu tun hat. Erotisch angehauchte Gedichte als ein Zauber gegen die Kälte und der Versuch eine Einstellung zu transportieren, die letztlich Politik und Widerstand begründet, das könnte das Geheimnis dieser Qualität sein. Die 70’er waren irgendwo einfacher, ein letzter Rest von love peace und im Gegensatz eine eine manchmal brutale Realität. Mit einem Grinsen auf dem Gesicht siehst Du die Dinge anders. Wenn ein Kater Dir das erst zurück bringen muss, dann ist das auch bezeichnend. Sicher macht Widerstand keinen Spaß. Elend ist elendig und Diktatur ist elend. Der Hintergrund, den pantoufle da mit den 70’ern vermisst, der könnte da vielleicht stecken. Außerdem ist da mehr…

      Mit mehr Platz würde ich das nun begründen und sicher platt scheitern. Aber ich wollte sowieso nur die Subjektivität und die Möglichkeit der Schönheit und die Dichte dieser Gedichte aufzeigen. Auch das kann mir sicher nicht gelingen, wo ein Vergleich mit Lasker-Schüler ein unbestreitbares Ergebnis hat. Ihr habt also Recht. Doch bedenkt bitte:

      ein Grinsekater oder auch eine Grinsekatze ändert vielleicht Alles. Gedichte sind subjektiv.

      So trinke ich nun auf den Grinsekater einen spanischen Rotwein. Der Riesling – feinherb – ist für meine Katze – natürlich die auf zwei Beinen.

      (Btw: welcher Neruda war gemeint?)

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      • tikerscherk sagt:

        Joachim, ich verstehe wohl, was du meinst.
        Ich wollte kein Wort von dem, was ich geschrieben habe zurück nehemn. Ich and nur, dass ich mich wie jemand benehme, der zu einem Hauskonzert eingeladen wude, und wild ind er Luft herum stochernd jedem, der es wissen oder nicht wissen will erklärt, dass Oboe ein Scheißinstrument ist, der letzte Rotz im Vergleich zum Klavier, das aber leider, leider niemand der Anwesenden spielt.
        Drum klopfte ich an, mit dem Wein im Gepäck, ud bat um Entschuldigung.
        Aber ich mag die Oboe immer noch nicht, und finde das Klavier viel raumfüllender und schöner.
        Und genau genommen kommt mir die Oboe vor, we eine Maultrommel, oder eine Triangel. So mono.
        Mit Lasker-Schüler darf man einfach niemanden vergleichen.
        Bei gedichten, und die Diskussion hatten wir ja schon bei den Kriegsgedichten kürzlich, höre ich auf mein Gefühl.
        Belli ist mir, ganz gleich aus welchem Kontext sie kommen mag, zu holzschnittartig. Zu plump in den Worten..
        Die Möglichkeit der Schönheit, wie du es nennst, reicht mir nicht,- ich will fliegen, und nicht nur fliegen können.
        Erkläre mir bitte noch einmal, was du meinst, wenn du schreibst: “

        ein Grinsekater oder auch eine Grinsekatze ändert vielleicht Alles.“
        Denke drüber nach, und verstehe es nicht.
        Was hat die Cheshire Cat damit zu tun, bzw. welches Bild beschwörst du da?

        Ich meinet Pablo Neruda. hab ihn mir nochmal vorgenommen, und war- enttäuscht!
        Auch bei ihm, finde ich den Zauber nicht, dn ich suche.
        Oweh!

        Schönen Gruß und Prost!

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        • pantoufle sagt:

          »[…] und wild in der Luft herum stochernd jedem, der es wissen oder nicht wissen will erklärt, dass Oboe ein Scheißinstrument ist, der letzte Rotz im Vergleich zum Klavier, das aber leider, leider niemand der Anwesenden spielt.«
          Pantoufle grunzt gerade zufrieden vor sich hin. So muß das klingen – genau so!

          und abgesehen davon: In ein riesiges Stück gebogenes Holz durch einen dünnen Blechstrohalm hindurch zu blasen… das hat einfach keinen Sex.

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          • tikerscherk sagt:

            Oder? Womit wir wieder beim Thema wären. Belli schreibt über den Koitus, Lasker-Schüler über Verschmelzung (und Sex). Yeah!

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          • pantoufle sagt:

            SO MEINTE ICH DAS DOCH GAR NICHT!!
            Oder doch?
            Jedenfalls keinen grobmechanischen Koitus. Eher was süß-schwer Erschütterndes.
            Kein Oboe!

            An alle Oboistinnien und Oboisten: Das ist ein tolles Instrument, unverzichtbar, klangschön und aufregend! Nicht zu vergleichen mit der Triangel oder der Harfe. Das soll an dieser Stelle ausdrücklich gesagt sein.

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          • tikerscherk sagt:

            Auf jeden Fall. Oboe ist dufte, Belli auch.
            Klavier ist dufter, Lasker-Schüler auch.
            Und das süß-schwer Erschütternde ist am duftesten, wenn unnennbar.

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          • pantoufle sagt:

            Wir könnten uns über Harfen unterhalten °-°

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          • Joachim sagt:

            Klar, denn im Himmel gibt es wohl nichts „Grobmechanisches“ mehr. Du bist ertappt. Was für ein Glück, dass ich, so es sie gäbe, ganz sicher in die grobmechanische Hölle komme. Lieber eine Strat oder Paula um den Hals, verkabelt mit einem Mesa Boogie und dann ein sehr breites Grinsen (oh, der Grinsekater wieder) im Gesicht, wenn dem Publikum beim ersten Powercord von American Woman oder Woodo Child die Haare wegfliegen.

            He, das war aber nicht ganz Original – meinte ein guter Kumpel danach (ich: face palm). Lieber das, als Pling Pling und pseudo „Engelsgesänge“ korrigiert mit der neusten überteuerten Musiksoftware. Gut gut, ich liebe auch „Klassik“ – vielleicht sogar mehr als Alles und weiß dass Bach ein Jazzer war. Für eine „Session“ mit dem würde ich auch wieder die Trompete an die Lippen setzen. Bis dahin aber: If I don’t see you in this world, I see you in the next world. Don’t be late. (Hendix)

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        • Joachim sagt:

          Ursprünglich stand hier ein Trick, Dir ein Grinsen zu entlocken, sozusagen den Grinsekater nahezubringen. Aber das erschien mir dann aber unangemessen. Wer weiß, vielleicht musst Du nun ohne meine Absicht lächeln, siehst sogar das „Kompliment“?

          Nicht? Das wäre sowieso nur ein sehr schwacher Abklatsch von dem, was hinter dem Grinsekater steckt. Denn der ist das Lächeln am Morgen danach. Das Lächeln, das man einfach nicht mehr aus dem Gesicht bekommt und das alles Böse relativiert. Es ist das vollkommene Glücksgefühl eines Augenblicks. Ich glaube, Menschen brauchen dieses Glücksgefühl. Du meinst, die Gedichte seien zu explizit, zu kantig? „Und ich malte deinen Namen in alle Ecken der Räume…“. Ich lese ab da gerade noch einmal bis „als man uns verscheuchte aus dem Paradies.“, erkenne die Sehnsucht und frage mich, was dieses Paradies war. Ich habe da so eine Vermutung, ich kenne das und weiß um Erwartungen. Bevor mir wieder der Platz ausgeht und ich dennoch nichts sage: Es ist weit mehr und, wenn ich das als Mann überhaupt anmerken darf, sehr weiblich. Es geht um Identität und Sein und nicht um einen imaginären Prinzen aus dem Morgenland.

          Versteht mich nicht falsch. Es geht nicht darum jemanden zu überzeugen. Das muss jeder mit sich selbst ausmachen. Nein, jeder „Vorwurf“ wäre so unangemessen, wie die kritische Frage, welchen Freund sich jemand da ausgesucht habe. Das Ganze ist nur meine Meinung (die ich auch Euch verdanke).

          Noch etwas aus dem Nähkästchen zu schlechten Instrumenten – ich schätze man merkt mir hier meine wörtliche „Betroffenheit“ an. Ihr verzeiht mir ein wenig die Länge oder springt einfach nur zum letzten Absatz:

          Ich habe noch eine alte Platte (70’er?) mit den Brandenburgischen Konzerten (Bach). Die ist mit Originalinstrumenten aufgenommen. Es klingt dünn(er), nicht so mächtig. Es gibt sogar „Fehler“. Wäre man böswillig so könnte man das als Abklatsch des „Originals“, so wie wir das kennen, sehen. Statt dessen könnte man auch einfach hinhören, die Schwierigkeit spüren, die alten Instrumente zu spielen – das ist in der Tat hörbar. Nur so lässt sich eine einzigartige Transparenz spüren, Töne hören, die es heute nicht mehr gibt. Ein Meister nutzt die Unvollkommenheit seines Instruments. Wenn Du das „siehst“, dann wirst Du nie wieder moderne Interpretationen wollen. Heute ist das im Vergleich Klangmatsch und Effekthascherei. Einige heutige Interpretationen haben die Brandenburgischen Konzerte viel zu oft zu Kitsch degradiert. Bach wusste sehr genau, was er tat und welche Mittel ihm zur Verfügung standen. Unser Verhalten ist oftmals unangemessen und respektlos

          Mit Originalinstrumenten ist da eine Zeitreise und Du sitzt direkt vor Bach mit auf der Probe, hörst nicht nur, Du machst es (mit). Anders: Deine Oboe kann so wunderbar sein – es kommt darauf an, wer was wo spielt. Da ist nicht nur die Ente, die quakt und selbst da ist die Musik Prokofjews genial.

          Weiter besitze ich ein altes Kornett, ein wahres Biest von „Instrument“. Der Vorbesitzer hätte es vielleicht weggeworfen. Es ist schwer intonierbar, man hängt leicht daneben und ein Tempo macht das Teil auch nicht mit. Aber es kann weinen oder könnte es, wäre ich etwas besser damit. Kaum eine heutige Trompete oder Kornett kann das so einfach. Ein Dämpfer kann helfen (er macht das Instrument schlechter). Doch das ist nichts gegen das alte Instrument. Analoges gilt für die „Konzertgitarre“ meiner Frau. Darauf würde ich niemals Bach spielen, schon gar nichts „Modernes“ mit minimalem technischem Anspruch (auch wenn ich da einiges mechanisch an der Spielbarkeit getan habe). Aber spiel‘ darauf mal einen Blues oder einen Tango. Da „spricht“ das Teil mit mir weit mehr, als meine stolze Geliebte mit dem spanischem Herzen. Wo ich mir nun mal eine Interpretation des spanischen Herzens, dem Synonym für eine gewisse Lebendigkeit schaffende Inperfektion, diesen kleinen notwendigen Schönheitsfleck, spare. „Sie“ könnte mir das übel nehmen – Frauen sind da eigen. Analoges gilt für unser altes Klavier. Etwas übertrieben gesagt hat mein elektronisches Clavinova bei einem Ton oder einem Akkord den perfekten Klang (der ist nicht wirklich perfekt!) – ist jedoch nichts als Schrott, wenn man wirklich spielt.

          Die wahre Seele liegt nicht in der Perfektion. Sie liegt nur in dem Teil, dass der Meister von sich seinem Werk mitgegeben hat. Ob das nun ein altes Instrument ist, ein Gedicht oder die letzte Tasse des chinesischen Töpfers, das spielt keine Rolle. Zugegeben, manchmal ist das schwer zu sehen. Zucker ist eben zu süß. Nicht einen Wein, schon gar keinen Riesling, kannst Du beurteilen, wenn Dein Geschmack nicht frei (von anderen Geschmäckern, gar Süßem) ist. Ein Teil eines Werks entfaltet sich nur im und mit dem Betrachter. In unseren, durch Übersetzung sicher veränderten Gedichten hier, da ist eine Seele Nicaraguas, die Seele einer Frau und Seele eines Kämpfers auf der Suche nach sich selbst. Der Anspruch war niemals der Vergleich. Der Sinn ist nur der eigene Ausdruck der eigenen Lebenswirklichkeit der Dichterin. Da ist die Seele, die einem lebendigem und beachtenswertem Menschen gehörte und da ist ein ganzes Land. Das finde ich jedenfalls. Urteilt bitte nicht so hart. Denn diese Dichterin ist echt. Muss ich das nun noch wirklich am Text begründen? Ok, das war nur eine scherzhafte Drohung 😉

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          • tikerscherk sagt:

            Natürlich habe ich ganz viel dazu zu sagen, werde mich aber wegen des Besuchs, den ich erwarte ganz kurz fassen.
            Nur soviel: ich wollte nichts und niemanden abwerten. Auch nicht die Oboe.
            Dass du ausgerechnet selbst musizierst, konnte ich bei meinem Verglech nicht ahnen.
            Wenn ich ein Bild male, wird es vielleicht authentisch und ganz passabel, und Menschen, die mich kennen, werden darin auch meine kleine flatternde Seele erkennen, und es deswegen schön finden, ich werde aber trotzdem keine Atmosphäre einfangen können, wie ein Liebermann, oder ein Kandinsky.
            Aber zum lächeln hast du mich gebracht. Danke dafür, und Dank auch für den Vorsatz mir ein Kompliment zu machen! 🙂

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  4. pantoufle sagt:

    Moin Tikerscherk
    Ach, das finde ich aber gut: Was gips denn? Was für den Part meiner Seele, der schwere italienische Rotweine liebt oder für den bekennenden Rieslingtrinker?

    Harte Worte? Aber nicht doch: Man muß auch mal riskieren, etwas vorzutragen, was den Lesern nicht gefällt. Daran ist nichts Schlimmes.
    Im Übrigen teile ich größtenteils Deine Meinung. Bei mir war es auch »gestern Nacht«. Nicht, daß ich die anderen nicht mag: Eine Lasker-Schüler aus Nicaragua ist sie aber nicht.
    Das kam wirklich so, wie es da steht: Mein Weib brachte mir den Band in die Werkstatt, ich las und dachte »eigentlich ganz hübsch«, kann man auch mal machen – es kommt aber nicht aus meinem Stall, nicht aus meiner Zeit. Um mich ein wenig hineinzufühlen, habe ich mir ein Weniges über die Autorin angelesen. Das war mit den siebziger Jahren gemeint, daher kommt sie und ihr Werk. Ohne den Zeitgeist (schreckliches Wort) ist keine Lyrik und keine Prosa zu verstehen, also las ich alles, was ich über und von ihr in die Hände bekommen konnte.
    Die Frau hat in ihrem Leben Bemerkenswertes geleistet. Sicher bin ich mir in der Beurteilung nun genau dieser Gedichte noch nicht ganz: Vielleicht ist es die Übersetzung, vielleicht ein Mangel an Verständnis über die Umstände ihrer Entstehung. Ich möchte Belli nicht mit Lasker-Schüler vergleichen; es käme mir ein wenig vor wie ein Abwägen zwischen Jules Verne und Honoré de Balzac. Beide haben ihre Berechtigung, keinen möchte ich missen, aber sie werden mit unterschiedlichen Ellen gemessen.

    Pallas Athen´, entsand von der lilienarmigen Here,
    Die für beide zugleich in liebender Seele besorgt war.
    Hinter ihn trat sie, und faßte das bräunliche Haar des Peleiden,
    Ihm allein sich enthüllend; der anderen schaute sie keiner.
    Staunend zuckte der Held und wandte sich: plötzlich erkannt‘ er

    Pallas Athenens Gestalt, und fürchterlich strahlt‘ ihm ihr Auge.
    Und er begann zu jener, und sprach die geflügelten Worte:
    Warum, o Tochter Zeus des Ägiserschütterers, kamst du?
    Etwa den Frevel zu schaun von Atreus Sohn Agamemnon?
    Aber ich sage dir an, und das wird wahrlich vollendet:

    Sein unbändiger Stolz wird einst noch das Leben ihm kosten!
    Drauf antwortete Zeus blauäugige Tochter Athene:
    Deinen Zorn zu stillen, gehorchtest du, kam ich vom Himmel;
    Denn mich sendete Here, die lilienarmige Göttin,
    Die für beide zugleich in liebender Seele besorgt ist.

    Aber wohlan, laß fahren den Streit, und zucke das Schwert nicht.
    Magst du mit Worten ihn doch beleidigen, wie es dir einfällt.
    Denn ich sage dir an, und das wird wahrlich vollendet:
    Einst wird dir noch dreimal so herrliche Gabe geboten,
    Wegen der heutigen Schmach. Drum fasse dich nun, und gehorch‘ uns.

    Auch nicht jedermanns Sache, aber nach ein paar Tausend Jahren hat es sich durchgesetzt 🙂
    Ein Glas auf Dich, Tikerscherk: Einen schönen, harten, mineralischen Riesling.

    P.S. Die Ilias wird hier aus naheliegenden Gründen kaum erscheinen, obwohl sie eine so wichtige Bedeutung für mich hatte… es galt ein Weib zu freien – ach, das sagt man ja auch nicht mehr.

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  5. tikerscherk sagt:

    Es gibt natürlich den schweren italienischen, oder einen Grand Cru Superieur.
    Wahrscheinlich hast du recht, und ich darf nicht so unterschiedliche Talente, aus verschiedenen Zeiten, mit vollkomen verschiedenen Hintergründen mit einander vergleichen. Nicht immer alles absolut setzen.
    Andererseits mag ich meine Zeit nicht vertändeln mit Gedichten, die mich nicht berühren.
    Lieber die Ilias lesen, oder herzergreifende Prosa, und bei einem guten Glas Wein darüber sprechen.
    (Leider darf ich seit einer Weile gar keinen Alk mehr, nicht mal Rumpflaumen. Aber ich weiß noch genau, wie weich ein guter Bordeaux die Kehle hinunterläuft und den Kopf frei macht. Sobald ich wieder darf, stoße ich auf dich und die schönen Worte an.)

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