Gedicht am Dienstag (14)

gillhausen
Ha! Spät, aber nicht vergessen! Das Gedicht am Dienstag: Heute etwas für den Feinschmecker.
In meiner feinen, ausgesuchten, aber unfassbar schlampig organisierten Bibliothek war ich auf der Suche nach Lasker-Schüler, wie ich das letzte Mal bereits andeutete. Der Vorteil von heilloser Unordnung aber ist, daß einem bei solchen Gelegenheiten immer wieder Dinge unterkommen, die es eigentlich gar nicht gibt.
Daß man mit Lyrik wie auch mit allen anderen Dingen beliebig Schindluder treiben kann, wenn man denn nur will, ist bekannt. Gerade im Kriege – in diesem Fall dem Großen – wurde davon ausgiebig Gebrauch gemacht. Es war zu einer Zeit, da man noch dichtete und das Erdachte auch las.
Kriegsgedichte also und zwar der schlimmsten Sorte. Unfreiwillig komisch, solange man nicht die Gesichter der Kriegsversehrten vor Augen hat, die der Toten. Für Volk und Vaterland gefallen, verstümmelt – ich hatt` einen Kameraden, den erkennst Du nicht mehr, so haben ihn die Granaten zugerichtet!
Aber der Vollständigkeit halber (und weil ich die Lasker-Schüler immer noch nicht fand) und weil der Joachim geradezu unanständig drängelt…
Am heutigen Dienstag also 1a Kriegsverherrlichung von einem gewissen Guido von Gillhausen, Major im dritten Garderegiment zu Fuß. Erschienen 1915 in der Hofbuchhandlung Heinrich Staadt zu Wiesbaden.

Gillhausen überlebte das Schlachten nicht. Er erlag einer schweren Verwundung, die er bei der Somme-Schlacht erlitt. Er starb am 24. April 1918.
Ein hervorragendes Zeitzeugnis, es reimt sich sogar und ein kalter Schauer jagt den nächsten bei der Lektüre.

Und Italien!

Pfingsten läuteten die Glocken
Über Hain und Flur und Feld
Zart mit Birkenzweigen schmückte
Haus und Herd die deutsche Welt

Jubel klang aus tausend Herzen
Ob der Siege da und dort;
Trotz der tausend Kriegesschmerzen
Pfingsteshoffnung allerort.

Deutschlands Freunde jeder Zone
Nehmen teil an Sieg und Glück –
Ein verbriefter Freund doch hält sich
Lauernd und vermummt zurück. –

England wirkt auch in Italien
Als ein Gift, das jäh zersetzt;
Ungeheuerlich schon hat es
Zu Verrat dort aufgehetzt

+

Hört! Italien, uns verbündet,
Uns verdankend, was es ist,
Hat, von Raubgier sinnverblendet,
Unsr´rer Feinde Fuß geküsst!

Treulos! In der Weltgeschichte
Einzig treulos steht es da.
Tief´re Schuld als die von Japan,
England und Amerika.

Mehr noch! Uns´re Gabend schmähend,
Lacht es seiner Freunde Not,
Schnöd´ verachtend Treu´ und Ehre
Feindes feilen Angebot!

Ehrlos! In der Weltgeschichte
Einzig ehrlos steht es da
Bis zum jüngsten der Gerichte,
Bis zum Endhallelujah!

+

Keine Sünde reicht auf Erden
Wie sie dieser Schuld gebührt:
In dem schwersten aller Kriege,
Welches je ein Volk geführt.

Ringen Österreich und Deutschland
Fast ein Jahr schon mit dem Feind,
Der, gleich einer Riesenhydra,
Kopf um Kopf zum Rumpf geeint.

Währenddeß in heißen Schlachten
Wir – auf Leben und auf Tod –
Fast bezwungen uns´re Gegner
Trotz der schwersten Kriegesnot, –

Fällt der Bundesfreund die Freunde
Hinterrücks so schmachvoll an
Wie verworfener auf Erden
Selbst nicht England handeln kann!

+

Wachse Wut gerechten Zornes,
Aus Verachtung aufgepflügt,
Bis der Frucht aus solchen Keimen
Ganz Italien unterliegt!

Hier ziemt Raten nicht noch Beten,
Nur die strengste Rächerhand:
Erst es schlagen, dann zertreten,
Daß kein Halm mehr sprießt im Land.

Nimmer hab´ an solcher Zukunft
Teil Italiens Mannesstamm;
Warnend wehe schwarz die Flagge
Überm Appenienkamm!

Fluch den Männern von Italien,
Die verübt solch Treuebruch!
Fluch auch England! Diese Schurken
Gottes und der Menschheit Fluch! –

+

Sei in allen deutschen Herzen
Was noch welsch nun abgetan!
Nur dem Hohen noch ergeben,
Pfleg´ des reinen Maid und Mann.

Dann wird Edelsinn und Treue,
Deren Mark die deutsche Art,
Ewig heilsam allen Völkern
Blüh´n aus deutscher Siegesfahrt.

[Die italienische Wirtschaft wäre im Falle eines Krieges an der Seite Deutschlands und Österreichs von Rohstoffen abgeschnitten gewesen.   Alleroptimistische Prognosen des italienischen Generalstabes und die Aussicht, Gebiete mit italienischen Minderheiten an Italien anschließen zu können (Das war die Nummer mit “Schnöd´ verachtend Treu´ und Ehre,
Feindes feilen Angebot!“, überzeugten das Parlament 1915 zu einem Kriegseintritt gegen die Verbündeten des Dreierbundes. Ein Stimmungswechsel, den der Dichter offensichtlich nicht goutierte]

Und weil der liebe Gott nach dem Austritt Italiens den Dreierbunde komplettieren sollte, noch ein Kriegsgebet

Kriegsgebet

Gott des Himmels und der Erden
Lass des Krieges Sieger werden
Wem das Recht zur Seite steht;
Segne dem die Todeswaffen,
Den Du selbst erkürt zu strafen,
Wer mit recht den Sieg erfleht!

Tilge Du in diesem Streite,
Wem die Lüge das Geleite,
Teufelsbrut Geselle ist;
Wem die Menschen allerorten
Mittel nur, ohn´ Maß zu morden
Wer ihm frevlen Weg verschließt.

Laß in diesen Zeiten Grauen
Selbst die Blinden hell es schauen,
Daß, wer England sich verschreibt,
Schon in seiner Ehr´ gerichtet,
Seelenreine ihm vernichtet
Eh´ es noch zur Tat ihn treibt!

Schirm´ uns Gott, vor´m Gift der Feinde,
Die als teuflische Gemeinde
Handeln wider alles Recht!
Dulde nicht, daß auf der Erden
Lumpenhunde Herren werden,
Alles Edle ihnen Knecht!

Hast Du uns zum Sieg erwählet,
Schenke, was die Seele stählet,
Läut´re unser aller Sinn,
Daß wir wahrhaft Deine Streiter,
Deines Reiches Vorbereiter!
Herr, da führ´ die Deutschen hin!

Amen

[Ähnlichkeiten mit verschiedenen Reden amerikanischer Präsidenten und Generäle im Zusammenhang mit dem weltweiten Netzwerk des Terrorismus sind rein zufällig]

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0 Kommentare zu Gedicht am Dienstag (14)

  1. tikerscherk sagt:

    Gefällt mir nicht.
    Grauenhaftes Gedicht und Gebet.
    Die Ähnlichkeit zu US-amerikanischen Präsidentenreden bemerkenswert.
    Bitte weiter nach Lasker-Schüler suchen.

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  2. pantoufle sagt:

    Meine Liebe: Das soll auch gar nicht gefallen. Das sollte da einfach auch mal stehen… obwohl –

    Hört! Italien, uns verbündet,
    Uns verdankend, was es ist,
    Hat, von Raubgier sinnverblendet,
    Unsr´rer Feinde Fuß geküsst!

    …unserer Feinde Fuß geküsst: Also, das hat schon was. Das ist so… glibberig, blutärmlich, daß es einen schütteln könnte. Na gut!

    Suche weiter.
    Nächsten Dienstag!
    Versprochen!
    LG
    Pantoufle

    0

  3. tikerscherk sagt:

    Ich warte und freue mich drauf.
    Was ganz besonders Schönes bitte. Zum Ausgleich für den Vaterlandsglibber.

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    • Joachim sagt:

      tikerscherk, irgendwo kann ich Dir folgen. Weil ich aber nicht unanständig sein wollte, habe ich mich da “durch gequält” – jedenfalls dachte ich, das würde es werden. Doch es gab Bilder vor meinen Augen, “Birkenzweigen schmückte Haus und Herd”, ein Idyll. Italien und eine Bericht von pantoufle, dem mit Grappa am Ende – wenn ich mich recht erinnere. Ein Gebet und ein Glaube, wenn auch an etwas völlig Falsches in vollständiger Verblendung. Und dann der Gedanke, das dies immer noch nicht vorbei ist, zum Krieg gegen Terror, gegen Islamisten genau so aufgerufen wird, wie in Syrien. Falsche Zeugnisse der Politik, hier wie dort.

      Es wurde klar, damals wie heute sind da Menschen. Ich will das nicht zu weit ausführen, die Zeiten sind schon ein wenig besser geworden, wenigstens da wo ich es direkt erfahren kann. Doch grundsätzlich hat sich nichts geändert. Noch immer existieren Grenzen, Nationalstaaten mit ihren Rechtfertigungen und massive Grundrechtsverletzungen, sogar bis zum Rassismus.

      Und so will ich nicht über die “Dichter” urteilen. Es gibt ein Heute und da gehören die Dinge geändert. Respekt pantoufle, wirklich meinen Respekt.

      0

  4. pantoufle sagt:

    @Joachim

    Das ist der Punkt: »Ein Gebet und ein Glaube, wenn auch an etwas völlig Falsches in vollständiger Verblendung.«
    Neben der klassischen Anti-Kriegsliteratur des ersten Weltkrieges las ich irgendwann Ernst Jüngers »In Stahlgewittern«. Interessanterweise fand ich es ästhetisch der Gegenseite näher, als ich vermutet hatte. Auch dem Hurrapatriotismus (dessen Naivität ich Jünger nicht unterstelle – dafür ist er zu komplex) liegt bisweilen ein echtes, tiefes Anliegen zugrunde. Einige Menschen sehen in heutigen Tagen mit Entsetzen, wie 1914 durchaus ernstzunehmende Intellektuelle mit Hurra den Krieg begrüßten; ihn vollkommen abgelehnt zu haben, war eine seltene und kostbare Ausnahme. Es war eben nicht so, daß der Krieg in Bausch und Bogen abgelehnt wurde: Weder in der Arbeiterschaft und – schon gar nicht – im Bürgertum, was Künstler und Intellektuelle einschließt.
    Obwohl man es besser hätte wissen können, war eigentlich niemandem klar, was ein industrialisierter Krieg im 20. Jahrhundert bedeutet. Man hätte es ahnen können, hätte man Lehren aus dem amerikanischen Bürgerkrieg gezogen, aber in Europa herrschte die Vorstellung einer Wiederholung von 1870/71 vor; wenn nicht gar die der napoleonischen Befreiungskriege. Das lag näher an Theodor Körner und der Romantik einer frisch-fromm-fröhlichen Freischar als an Krupp und Schneider.

    Mir persönlich fällt es schwer, ein Urteil über Personen und ihre Gefühle im Jahre 1914/15 zu fällen – gleich, wie sich diese nach hundert Jahren darstellen. Man weiß danach ja alles so viel besser… Entscheidend sind die Lehren, die daraus gezogen wurden und da disqualifiziert sich ein Ernst Jünger und viele andere, die in einer romantisierenden Vorstellung von Stahlgewittern verblieben (und ihr Kampf gegen die Republik), da beginnt die wirkliche Verblendung, nicht unter dem direkten Eindruck des Erlebten.

    Aus dieser Perspektive will ich Gillhausen verzeihen – nicht seine schlechte Verse, aber das Gefühl, mit dem er sie schrieb. Und sei es nur, weil ich – konfrontiert mit Vaterlandsliebe – so schwer ernst bleiben kann.

    1+

  5. tikerscherk sagt:

    Das Gefühl sei Gillhausen verziehen. Natürlich.
    Mich ekelt diese Verquickung von Gottglauben und Vaterlandsliebe an, die wir ja heuet auch noch finden, wenn auch nicht in solch blumige Worte gepackt.
    Allein das Gottesbild ist schrecklich (Nein, ich bin nicht gläubig).
    Natürlich ist dieses Gedicht ein Zeitzeugnis, und als solches verstehe ich es auch. Aber es ist eben eines, das mir als Pazifistin einen Schauer über den Rücken jagt.
    Wie ich mich vor 100 Jahren dazu gestellt hätte, was ich empfunden hätte, und ob nicht auch ich glühende Patriotin gewesen wäre, weiß ich nicht. Gut möglich.
    Allein die Diskussion darüber, und das Bezugnehmen auf heute, zeigt, dass es gut war diese Gedicht hier nieder zu schreiben.
    Über unsere Zeit wird man in der Zukunft ebenso den Kopf schütteln. Zu Recht.

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