Gedicht am Dienstag (13)

Ja: Dienstag! Das Gedicht am Dienstag! Luftgetrommelte Semmelwurst vom Terra-Markt schräg gegenüber, ein Gläslein leicht fuselig – sodigem Riesling. Die Lust am Leben pfeift mir aus dem letzen Loch, »i« und »n« der Tastatur melden Vitalschwäche – Zeit für einen Trost. Rainer Maria Rilke. Kein Vollkornbrot vom Biobauern: Manna. Kein Wein: Äther. Nicht von dieser Erde.

P.S. Ja, ich hatte Rilke schon angekündigt, wollte aber eben schnell auf Else Lasker-Schüler umschwenken. Offenbar ist sie aber noch nicht tot genug. Im Hotel wäre ich auf das sogenannte Internet angewiesen, das nur Bruchstücke ausspuckt; muß also bis zu Hause warten. Schnödes Raubkopieren in eins zu eins vom Papiere. Sie werden mich häschen, verhaften, in Ketten zu unsäglichen Geständnissen zwingen und mit zeitgenössischer Prosa foltern. Ohne zu wissen, daß Else dichtete wie keine Zweite. Aber es ist gegen das GESETZ sie zu zitieren, die Else. Werde ich aber trotzdem und sie werden mich häschen, verhaften, in Ketten zu unsäglichen Geständnissen zwingen…
Nächste Woche.

Rainer Maria Rilke:

Ein Händeineinanderlegen

Ein Händeineinanderlegen,
ein langer Kuß auf kühlen Mund,
und dann: auf schimmerweißen Wegen
durchwandern wir den Wiesengrund.

Durch leisen, weißen Blütenregen
schickt uns der Tag den ersten Kuß, –
mir ist: wir wandeln Gott entgegen,
der durchs Gebreite kommen muß.

Ich liebe vergessene Flurmadonnen

Ich liebe vergessene Flurmadonnen,
die ratlos warten auf irgendwen,
und Mädchen, die an einsame Bronnen,
Blumen im Blondhaar, träumen gehn.

Und Kinder, die in die Sonne singen
und staunend groß zu den Sternen sehn,
und die Tage, wenn sie mir Lieder bringen,
und die Nächte, wenn sie in Blüten stehn.

Kannst du die alten Lieder noch spielen

Kannst du die alten Lieder noch spielen?
Spiele, Liebling. Sie wehn durch mein Weh
wie die Schiffe mit silbernen Kielen,
die nach heimlichen Inselzielen
treiben im leisen Abendsee.

Und sie landen am Blütengestade,
und der Frühling ist dort so jung.
Und da findet an einsamem Pfade
vergessene Götter in wartender Gnade
meine müde Erinnerung.

Und als letztes Gedicht mein liebstes von ihm. Das ist so… daß einem der Atem stockt und man gar nicht…

Liebesgeständnis

Leise hör ich Dich rufen
In jedem Flüstern und Wehn
auf lauter weißen Stufen,
die meine Wünsche sich schufen,
hör ich Dein zu-mir-gehn.

Jetzt weißt Du von dem Gefährten
und daß er Dich liebt… das macht:
Es blühen in seinen Gärten
die lang vom Licht gekehrten
Blüten, blühn über Nacht…

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0 Kommentare zu Gedicht am Dienstag (13)

  1. tikerscherk sagt:

    Ach, ach und ach! Rilke. Wunderbar.
    Mir scheint, du gehörst wahrhaftig nicht in diese Zeit.

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    • Joachim sagt:

      Ja, wunderbar und für mich tatsächlich eine Reise, die ich sonst kaum anträte.

      Aber er gehöre nicht in diese Zeit?
      Ich bin nicht so sicher, ob man aus dem Vorhandensein von Sachkenntnis und Liebe zu einer Zeit darauf schließen kann nicht in diese Zeit zu gehören. Sei’s drum, was Kunst und Philosophie betrifft hat diese Zeit etwas. Etwas, das uns heute, aus meiner Sicht, verloren gegangen ist. Und weil das mir heute fehlt, gehört das in unsere Zeit. Also brechen wir notfalls das Gesetz – gerade bevor droht, dass die Haltbarkeitsschwelle in (oder von?) so manchen Köpfen doch überschritten wird.

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  2. tikerscherk sagt:

    Die Zeit in der wir leben erscheint mir so leer und arm im Vergleich zu Rilkes Zeit.
    Deine Liebe zu ihr, eine Liebe, die ich übrigens teile, brachte mich zu dieser Bemerkung.
    Ich kenne wenige Menschen, die heute noch Rilke lesen. Wenige, die sich überhaupt um Lyrik scheren.
    Schön, ihm bei dir wieder zu begegnen.

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    • pantoufle sagt:

      .. mal einen ganz züchtigen Kuss auf Deine Stirn – Du wirst schon wissen, wie ich`s meine.

      Ganz genau. Es ist eine leere und hohle Zeit, in der Ideen nach der Zeit bewertet werden, in der man sie versilbern kann – auch das eine Plattitüde. Es fehlt das Staunen und die Erschütterung. Es fehlt der reine Traum, das Saubere, das im besten Falle naiv genannt wird. Es fehlt der Mut zum Widerspruch – nicht nur dem gegen den Herrschenden; auch gegenüber dem, was man gegen den eigenen Ideen verwenden müsste. Widerspruchsfreiheit als Zeichen von Makellosigkeit. Ein bis zum Horizont polierter Boden, auf dem keine Idee oder Vision mehr gedeiht. Es ist das, was mich an dieser vergangenen Zeit reizt, was die Sehnsucht ausmacht. Erde, Fleisch, Blut, Erregung, Staunen, Tod, Hingabe – ein wüstes Konglomerat an widerstreitenden Gefühlen, Gerüchen. Keine Sicherheit, keine Gewissheit und nichts,was dem Wort »Lebensversicherung« gerecht wird.
      Jede Zeit hat ja angeblich ihre eigenen Wunder – diese Neue scheint keine wahrnehmbaren mehr zu haben. Eine Feststellung, die jede Zeit für sich in Anspruch nahm.

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  3. tikerscherk sagt:

    ” Es fehlt der reine Traum, das Saubere, das im besten Falle naiv genannt wird.”
    Es fehlt das, was die Sehnsucht ausmacht. Offenbar vermissen das wenige, zum Glück aber doch noch ein paar.
    Die meisten tragen ein riesiges, aufgeblasenes Ego mit sich herum, gefüllt mit flüchtigen Eitelkeiten und materiellem Verlangen. Berechnend.
    Du hast das sehr schön in Worte gefasst.

    Ja, ich weiß schon, wie du es meinst.

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  4. Joachim sagt:

    Da hier ja eitel Einigkeit herrscht, bei alle meiner Zustimmung zu jedem einzelnem Wort, muss ich jetzt eine Lanze für die Jugend brechen. Es gibt die positive Naivität der Jugend, das herantasten und das Weltfinden. Dagegen werden Dinge, etwa Technik, einfach genutzt. Ja, sicher auch unreflektiert, ganz wie wir das taten. Es ist das Vorrecht der Jugend die Dinge leicht zu nehmen.

    Jede Zeit hat ihren Rhythmus. Die Zeit über die wir sprechen war geprägt durch Strenge, Gehorsam, Entfremdung, oft genug Entbehrung und Pflicht und gerade deshalb von Romantik und Sehnsucht. Existenzialismus zum Beispiel war kein Zufall, entstand nicht aus dem Nichts, hatte einen kulturellen Hintergrund. Etwas später musste mein Schwiegervater seinen Vater noch mit Sie ansprechen. Der Krieg hat ihn schon mit 16 geprägt. Vielleicht hatte er deshalb das Wohnzimmer voll mit Büchern. Da wo der Geist gefesselt ist, da geben Bücher Freiheit. Und da wo die Sehnsucht ist, weil man es nicht hat, da schreibt man ein Gedicht.

    Heute sind Dinge oft leichter. Sie sind berechenbarer und uns geht es gut – so sagt man jedenfalls. Das sieht dann aber so aus: Der Willkür der Behörden ist einem unüberschaubarem und deshalb inkonsistentem Regelwerk gewichen. Doch willkürlich oder unüberschaubar, wo ist da der Unterschied wenn die Dinge zum Selbstzweck werden? Technik ist dermaßen komplex, so unsichtbar in kleinen Chips, das selbst kluge Köpfe mit den Schultern zucken, wenn der Rechner, das Smartphone irgend einen Unsinn ausspuckt, abstürzt, versagt. Das ist dann vielleicht der ACCU – sagen wir ohne die Technik selbst infrage zu stellen. Alles hat einen deterministischen Grund und so glauben wir an einen Determinismus der Datenbanken, der Netze, der Technik. Ohne Navigationsgerät oder Handy sind wir verloren. Selbst den Kampf um Recht und gegen Terror stützen wir darauf. Wir definieren und hinterfragen Terror nicht, weil die Daten, die Nachrichten ein augenscheinlich hinreichendes Bild liefern. Es geht um das System statt um Ursachen. System kann der Computer, Ursachen sehen oder begreifen aber nicht. Computer und Systeme die wir jedoch kaum verstehen. Wundert es, dass wir die Ursachen und Menschlichkeit übersehen? Es ist ein sich selbst erhaltendes System. Computer sind komplex und Komplexität ist ohne Computer kaum mehr beherrschbar.

    Hier fangen wir an zu glauben und Technik wird zur Religion. Um etwas Aktuelles zu bringen, da sagt schon einmal ein Gericht vollkommen logisch, der Fingerabdruck im Reisepass sei rechtmäßig, weil es im Sinn der Gemeinschaft sei uns vor illegaler Einwanderung, wie von der Statistik belegt, zu schützen – niemand fragt, wer uns denn ist, was Menschen sind und ob ihr illegales Wollen sich so sehr von uns unterscheidet. Ob ihr illegales Wollen vielleicht nur Leben wollen ist? Ihr Leben, dass wir gegen unseren Wohlstand, Technik und Konsum tauschen? Denn dies ist unser fast religiöses Streben. Gesetz ist das, was schriftlich fixiert und von Richtern interpretiert wurde. Würde man wirklich logisch vorgehen, die Scheuklappen entfernen, so müsste man dagegen oft genug vorgehen. In solchen Fällen ist das Gesetz zu missachten und die Pseudologik zu brechen. Es ist ein Grund zur Anklage. Das ist auch Aufgabe der Kunst. Es ist ihre auch Aufgabe ihre Bestürzung über den neuen Kreationismus auszudrücken.

    Ich schätze aber, die ignorante Technikreligion wird zunehmen, alles überschatten und so wird auch die Kunst darauf reagieren. Sie wird Technik kritisch hinterfragen und gleichzeitig kreativ nutzen. Sie wird Gegenpole erstellen, vielleicht eine anti serielle Musik schaffen. Oder gerade die Künstlichkeit ins absurde übersteigern. Möglicherweise wird ein Schriftsteller das Schreiben mit dem Computer geradezu rekursiv thematisieren, die Isolation sehen, in der er sich selbst begibt, die Konflikte ausmalen. Es gibt keine andere Option. Denn die Reduktion der Welt auf einen scheinbaren Determinismus würde Menschlichkeit so lange reduzieren, bis sie verschwunden ist.

    Kunst und kluge Gedanken spiegeln immer den Geist der Zeit. Else Lasker-Schüler, Rilke sind unerreicht und werden es bleiben. Genau so aber wird Neues geschaffen werden. Vielleicht wird die Sehnsucht, die Grundlage für Gedichte, genau deshalb in Worte gefasst werden, weil ein nicht reflektierender Glaube an nicht verstandene Logik eisig kalt ist. Möglicherweise ist das ein guter Grund sich mit der anderen Zeit zu beschäftigen. Doch das Jetzt und die Zukunft darf nicht vergessen werden. Denn sich den Maschinen nach Gutdünken unterzuordnen ist höchstens für schwache Geister eine reichlich miese Option.

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  5. pantoufle sagt:

    @Joachim

    Kleine Sternenfahrt, weg aus diesem Jahrhundert, rückwärts. Die Zeitzeichen huschen gebeugt vorbei wie Bäume aus einem fahrenden Zug betrachte. Adenauer, Hitler… Göring schrumpft zusammen und wird wieder Fliegerheld, Tucholsky, Karl Kraus; das Bremsmanöver wird eingeleitet. Zeit hat viel Masse und so sehen wir Friedrich Ebert noch so eben in der Badehose, die Kieler Matrosen mit ihren Frauen verhindern den letzten Wahnsinn des großen Krieges, noch ein letzter Schuss aus der dicken Berta, die fast Paris – aber eben nur fast und schon langsamer werdend gleiten wir an den Zügen der Lachenden vorbei: Auf Wiedersehen in Paris, ein Mädchen steckt ihm eine Blume in den Gewehrlauf des Geliebten… man bedenke: Eine Blume!
    Die wilde Fahrt strandet irgendwo in Southampton, wo über den Dächern der Docks vier Schornsteine hervorragen. Die Frauen tragen so ganz andere Kleider und große Hüte. Ungewaschene Kinder, dürftig ernährt und ihre Eltern, die zum Hafen eilen. Das Schiff bewundern, in denen auch viele Proletarier den Sprung in die neue Welt wagen. Weg vom Gestank, der Enge. Heute ist ein großer Tag in den Docks. Ein neues Schiff läuft aus, über den Ozean in die neue Welt, gefertigt auf der Werft von Harland und Wolff Ldt in Belfast. Es sind schon 67 Jahre vergangen, daß Friedrich Engels mit Hilfe seiner Jenny »die Lage der arbeitenden Klasse in England« schrieb und es hat sich so bitterlich wenig verändert.
    Das technokratische Zeitalter, das der Maschinen und der Denker, der Erfinder und Ingenieure. Der menschliche Geist kann – nein: Muß die Natur überwinden, sich untertan machen. Wenn es sein muß mit Pulver, Stahlplatten und Radiowellen; unsichtbare Strahlen durchdringen Materie und selbst das Fliegen hat man gelernt. Besser: Lernt von den taumelnden Versuchen den Schritt zum Fahrplan. Und all das hat kein König befohlen, eher geduldet – es ist ein zutiefst bürgerliche industrielle Revolution. Eine nichtlineare Fortsetzung der historischen industriellen Revolution der Kohle und der Anbetung der Dampfmaschinen. Linear nur in sofern, als daß die Klasse, die das leistet, sich als neuer Machtfaktor in der europäischen Geschichte darstellt. Auch ein kultureller Befreiungsschlag nach einer dunklen Nachachtundvierziger-Zeit. Nie wieder ein Metternich – oder auch: Nie wieder Bismarck, obschon aus anderen Gründen und verbrämt durch seine durchaus vorzeigbaren politischen Erfolge. Sie passen so wenig in die neue Zeit. Die alten Monarchien haben einstweilen überlebt, aber es gibt schon die ersten bösartigen Karikaturen – selbst Bomben wurden gegen die Gekrönten geworfen; gelegentlich sogar mit Erfolg. Ein Erfolg allein dadurch, als daß auch die Attentäter Teil dieses Bürgertums sind. Die Deutungshoheit wird grundsätzlich in Frage gestellt: Im wilhelminischen Deutschland wird die Institution Literatur gesamtgesellschaftlich relevant. Trakl, Hesse, Stefan George, Gottfried Benn: Nie wieder ist Literatur in Deutschland stilistisch und formal so vielgestaltig wie in dieser Zeit, Manns »der Untertan« wird die Generalabrechnung mit dem Wilhelminismus. Der Expressionismus dieser Zeit richtet sich gegen die Machtverhältnisse, das Kapital und das, was sich als Staat versteht, ist durch und durch revolutionär.
    Es ist ja nicht nur Stefan George, der sein Schaffen als als pädagogischen und prophetischen Auftrag sieht. Die Kluft zwischen Politik und Kunst ist klein. Der Formung eines neuen Menschen haben sich viele verschrieben. Karl Marx neben Gerhard Hauptmann, August Bebel und Georg Heym. Weniger Parteien sondern eher Clubs, Vereinigungen oder Zirkel. Ihre Bedeutung liegt nicht in imaginären Mehrheiten, sondern allein in ihrer alleinigen Existenz und der erstmaligen Möglichkeit, sich selber eine Öffentlichkeit zu schaffen.
    Wie die Welt im Zeitalter des wissenschaftlichen Positivismus und seiner Zweckehe mit der Kunst aussehen soll, ist völlig unklar, weiße Flecken gibt es nicht nur auf den Landkarten. Neben nebulösen Völkischen tumeln sich Anarchisten, der Jugendstil verschönert Menschen und Maschinen, Bünde naturalistischen Charakters neben Freikörperkultur und dann auch noch die – in diesem Zusammenhang – recht farblose SPD (aber erwähnt werden soll sie natürlich, solange sie noch das Wort sozialistisch im Wappen führt). Aufregend ist er jedenfalls, dieser dieser Straßenkampf von Philosophie, Kunst und Wissenschaft.

    Bekanntlich geht es nicht gut aus mit dieser Zeit des Aufbruchs. Nicht nur, daß das Schiff mit den vier Schornsteinen niemals die neue Welt erreicht; vermutlich ist es auch nicht in Belfast gebaut worden. Es kam wohl vom Meeresgrund, schüttelte die Korallen und Algen beim Auftauchen ab; ein paar Fische sprangen noch schnell zurück in die See. Die Sonne trocknete den eisernen Rumpf, die Farbe strahlte wie nach dem ersten Anstrich und die leere Hülle legte sich ganz unbemerkt an die Pier in Southampton. Ein Kapitän fand sich und auch Passagiere, die das Schiff mitnahm, um dahin zu zurückzukehren, woher es kam. Nicht von Menschenhand gebaut; es kam zur Lehre, die, wie sich wenig später zeigte, nicht verstanden wurde. Der Schüler hatte nicht begriffen: Nicht die Anzahl der Rettungsboote war die eigentliche Aufgabe.
    Man zerhackte, vergaste, verkrüppelte sich wenig später auf den Schlachtfeldern einer Ehre, die man bereits zuvor ad absurdum geführt hatte. Sie war Makulatur, als man sich auf sie berief, ihre Verkünder alsbald geflüchtet und ihre Verteidiger tot. Man nannte es Frieden. Der grausige Abschluss dieser Epoche vollzog einer, der eigentlich aussah wie Charly Chaplin und auch ebenso komisch war, wenn er den Mund öffnete, aber niemand lachte, wenn er sprach. Im Übrigen aber tat etwas, das man ihm erst einmal hoch anrechnete: Er beendete endgültig die wilden Phantasien, die Unruhe. Keine verstörende Kunst mehr, keine Umstürzler, keine nervösen Bücher. Unter Hitler begann das, was ausgezeichnet durch das Wort Präventivstaat ausgedrückt wird. Hitlers überlebende Schergen wurden in Nürnberg für den Millionenfachen Massenmord gehenkt, nicht für den Mord an einer Kultur. Ein eigenartiges Missverständnis: Kulturmord ist bis zum heutigen Tage kein Vergehen – eine blässliche Sünde, bestenfalls.
    Der weltanschauliche Alleinvertretungsanspruch des Totalitarismus an das, was von Geist übrig blieb in direkter Nachfolge zu einem „keine Experimente“ Adenauers. So total wie das tausendjährige Reich ist die Zeit danach ausgerichtet auf die Wünsche der Sieger. Die Sieger? Ein herrenloser Kapitalismus, nun endgültig ohne Zügel und seine Alternativen aufs Blut bekämpfend.
    Etwas, das man im besten Sinne als Bildungsbürgertum bezeichnen darf, lacht aus den Gräbern.
    Die Substanz der neuen Zeit, nach denen Ideen bewertet werden, heißt Mehrheitsfähigkeit, nicht Vision. Die Mehrheit – vorzugsweise eine schweigende – bestätigt alle paar Jahre den Weg, nicht die Richtung. Vom vom gelegentlich herrlich naiven Positivismus ist wenig geblieben, von einem, der händchenhaltend mit den Wissenschaften durch den Park der Ideen geht. Maschinen dienen der Bequemlichkeit und nicht der Zukunft – schon gar nicht als Religionsersatz. Religionen gibt es hin und wieder noch. Kaum wiederzuerkennen kommen sie daher… um eine Technologie abzuschaffen wie im Falles der Grünen, der ausschließliche Verzehr von angeblich gesunden Nahrungsmitteln, der Hinwendung zu irgend einer dem eigenen Kulturkreis möglichst fernen. Ob es ein altehrwürdige Buddhismus oder ein bunter Scharlatan ist, spielt letztlich keine große Rolle.

    Besonders perfide der Zwang zum gesunden, sauberen Leben, die Drangsalierung zum Wohlverhalten. Es soll die reine Vernunft sein und ist doch ein Diktat einer selbsternannten Elite der Guten und gar so Vernünftigen. Da darf jeder mittun: Leicht regierbare Blockwartmentalität paart sich mit den Wünschen der Herrschenden. „Das Recht, sich belästigt zu fühlen, sei das einzige, was die Individuen vom öffentlichen Raum noch zu erwarten hätten“ (Robert Pfaller). Der Präventivstaat ist grenzenlos: Rauchen in den eigenen vier Wänden oder Küssen in der Öffentlichkeit; reicht schon bald ein „beschäftigungsloses Herumsitzen“, um ins Fadenkreuz der Ordnungsliebenden zu geraten? Das Zeitalter der Hausmeister.

    Eine Technik, die vom Monstrum aus Eisen zu einem Pfennigartikel mutierte, macht es leicht, das jederzeit und überall zu kontrollieren. Die Unterschiede sind verschwommen, ob eine Technologie zur Bequemlichkeit oder als Herrschaftsinstrument dient. Oft tut sie beides im selben Augenblick – in ihrer Gesamtheit allerdings ist sie es schon lange. Ob sie dadurch wirkt, daß man soziologische Zwänge erfindet, den Kauf unverzichtbar zu machen oder sie unzweideutig als Waffe gegen den Geist einsetzt, ist als Differenzierung unwichtig. Die Allgegenwärtigkeit verbietet ein Erstaunen, Gleichgültigkeit anstelle von Anbetung oder Abscheu. Man muß es nicht mehr verstehen: Die Komplexität hat ein Maß erreicht, bei dem eine neue Realität geschaffen wird. Welcher Kaufmann auf der Titanic hätte verstanden, das mit Volksvermögen in Sekundenbruchteilen Waren gehandelt werden, die nicht existieren und deren Produktion eventuell sogar vollkommen unerwünscht ist?
    Niemand setzt sich mehr damit auseinander; im schönsten Falle verzettelt man sich krampfhaft auf ein besonders widerwärtiges Detail und feiert den Sieg, wenn es aus den Schlagzeilen verschwindet – nota bene nicht „aus der Welt“.

    Es ist viel verloren gegangen. Vor allem die Lust, sich mit anderen möglichen Welten zu beschäftigen. Die selbstauferlegte Artigkeit, ein unseliger Neopuritanismus und ein Totalitätsanspruch an Visionen haben sich als zweckmäßiger erwiesen als jede noch so strickte Zensur. Das System Metternich wurde „outgesourced“ und in die willigen Hände der Überwachten selber gelegt. Vergnügliche Momente, in denen an die Vision eines Weltbildes die selben Maßstäbe angelegt werden wie an ein Waschmittel: Das weißeste Weiß, das es jemals gab. Kein Grauschleier, der zum Zweifel auffordert. Zweifel ist ein Zeichen der Schwäche wie Diskussion und Auseinandersetzung. Die Lösung: Nur etwas Wasser hinzufügen und aufkochen lassen. Fertig.
    Was blieb? Die Badehose Friedrich Eberts im Museum der deutschen Geschichte? Ich weiß nicht, ob sie tatsächlich liegt. Sie würde dort hinpassen. Deutsche Geschichte: Das sind Badehosen, kein Ebert, der einen Noske auf Arbeiter schießen lies. Es waren wohl unvernünftige Arbeiter, die da sterben mußten.

    Die Jugend oder wenigstens einen unrepräsentativen Teil davon darf ich mir in den eigenen vier Wänden betrachten. Mal belustigt und immer öfter voll Sorge, aber immer wieder voller Staunen. Sie werden sicherlich ihren Weg machen, der nicht der meine ist, nicht sein kann. Hoffentlich werden sie das Trennen des Mülls nicht als etwas „vernünftiges“ empfinden, so wenig wie das Vermeiden von Risiken, gleich, ob körperlichen oder weltanschaulichen. Sie sollen Teufel auf freiem Feld fangen – aber auch diese Art von Poesie wird nicht mehr die ihre sein.

    Um so erstaunlicher, daß es gelegentlich doch zu Momenten eitler Einigkeit kommt (ein schönes Wort übrigens). Hätte Tikerscherk eine gültige E-Mailadresse angegeben, so hätte darin der Satz gestanden: „Was bist Du denn für eine Pflanze?“

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  6. Joachim sagt:

    Trotz meiner Meinung, die heutige Sicht auf Technik sei viel zu viel von Politik und Wirtschaft generierter nahezu religiöser Glaube, etwa wie in der Werbung oder im Wahlkampf, trotz einer so missbrauchten Logik und damit dem Missbrauch des Menschen durch nicht verstandene oder gar manipulierte Technikgläubigkeit oder meinetwegen, um Glaube mit Pfallers Worten zu übersetzen, Interpassivität oder Illusion ohne Eigentümer, trotz der darin enthaltenen erheblichen Kritik an die Umstände halte ich meine Antwort wohl verschlüsselt zurück. Denn die hat mit den Gedichten nur insofern zu tun, als dass dieser Glaube ein gewichtiger Grund für den Verlust der Poesie ist. Das aber sagtest Du mit einem etwas anderem Spin und gut begründet besser.

    Jedenfalls sehe ich Deine Hoffnung, dass Deine Kinder nicht jeden pseudo technischem Argument hinterher laufen und die Sicherheit, dass sie – vollkommen gegen jede scheinbare Logik und entgegen der kostenreduzierten Schreckensvisionen der privaten und immer mehr auch nicht privaten TV-Medien – Teufel auf freiem Felde fangen. Oh, ich hoffe, das Weib wird nicht zu böse… und wenn doch, dann hoffentlich wenigstens nicht langweilig. Wer weiß, vielleicht generiert das ja eine neue Poesie. Ganz so, wie eine Art von Poesie sie selbst generiert hat.

    Nun aber frage ich mich, ob ich neidisch bin auf Deine Fähigkeit zu schreiben oder darauf, dass ich es lange nicht mehr nötig habe noch Teufel zu jagen. Jedenfalls wird es gleich Mecker geben, wenn ich hier noch länger verweile…

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