Gedicht am Dienstag (12)

Das heutige Gedicht am Dienstag ist gar keines – es ist ein Text. Allerdings von einem Großmeister der deutschen Sprache, insofern darf es an dieser Stelle als Gedicht herhalten – hätte Lichtenberg es geschrieben, firmierte es unter »Aphorismen«.

Warum also Friedrich Nietzsche? Eingentlich sollte es Rilke werden, nach dem mir gerade sehr ist. Aber dann las ich heute Morgen einen Artikel von Jakob Augstein auf Spiegel-Online. Augstein stellt fest, daß man die Grünen (aus welchen Gründen auch immer) mit dem Begriff Moral in Verbindung bringt. Nun gut: Als Spätfolge der 68. Generation könnte man so folgern – daß man sich dieser personellen Hinterlassenschaft aber schon vor geraumer Zeit entledigte, ist nicht nur hier ein Thema gewesen. Wie auch immer: Ein netter Artikel, wenn auch etwas zu spät erschienen, er hätte gut in die Zeit vor die Bundestags-Wahl gepasst.

Ob der Autor erst jetzt auf die Idee kam oder er sich aus dem Wahlkampf heraushalten wollte… Wie auch immer: Jetzt ist es erschienen und glänzt mit Sätzen wie: »Es geht um nichts weniger als die Rückkehr der Kinder, die in den Wirren von 1968 verlorengingen, in den bürgerlichen Schoß.« und »Man müsste von einem Ereignis von historischer Dimension sprechen.«
Welche Grünen Augstein dabei im Auge hatte: Verlorene Kinder aus den Wirren der Spätsechziger sind der Redaktion der Schrottpresse nicht unbedingt aufgefallen. Aber man sieht ja auch nicht alles und jeden. Interessant ist Augsteins Fazit »Aber die Grünen ohne Moral? Die braucht kein Mensch.« Parteien und Moral, die Grünen als biologisch abbaubare und wiederkompostierbare FDP: Wer fragt da noch nach Moral.

Überlassen wir für den Moment F. Nietzsche das Wort, mein Gedicht zum Dienstag. Entnommen aus »die fröhliche Wissenschaft« aus dem Jahre 1882

Moral als Problem

345.
Moral als Problem. — Der Mangel an Person rächt sich überall; eine geschwächte, dünne, ausgelöschte, sich selbst leugnende und verleugnende Persönlichkeit taugt zu keinem guten Dinge mehr, — sie taugt am wenigsten zur Philosophie. Die „Selbstlosigkeit“ hat keinen Wert im Himmel und auf Erden; die großen Probleme verlangen alle die große Liebe, und dieser sind nur die starken, runden, sicheren Geister fähig, die fest auf sich selber sitzen. Es macht den erheblichsten Unterschied, ob ein Denker zu seinen Problemen persönlich steht, so dass er in ihnen sein Schicksal, seine Not und auch sein bestes Glück hat, oder aber „unpersönlich“: nämlich sie nur mit den Fühlhörnern des kalten neugierigen Gedankens anzutasten und zu fassen versteht. Im letzteren Falle kommt Nichts dabei heraus, so viel lässt sich versprechen: denn die großen Probleme, gesetzt selbst, dass sie sich fassen lassen, lassen sich von Fröschen und Schwächlingen nicht halten, das ist ihr Geschmack seit Ewigkeit, — ein Geschmack übrigens, den sie mit allen wackern Weiblein teilen. — Wie kommt es nun, dass ich noch Niemandem begegnet bin, auch in Büchern nicht, der zur Moral in dieser Stellung als Person stünde, der die Moral als Problem und dies Problem als seine persönliche Not, Qual, Wollust, Leidenschaft kennte? Ersichtlich war bisher die Moral gar kein Problem; vielmehr Das gerade, worin man, nach allem Misstrauen, Zwiespalt, Widerspruch, mit einander überein kam, der geheiligte Ort des Friedens, wo die Denker auch von sich selbst ausruhten, aufatmeten, auflebten. Ich sehe Niemanden, der eine Kritik der moralischen Werturteile gewagt hätte; ich vermisse hierfür selbst die Versuche der wissenschaftlichen Neugierde, der verwöhnten versucherischen Psychologen- und Historiker-Einbildungskraft, welche leicht ein Problem vorwegnimmt und im Fluge erhascht, ohne recht zu wissen, was da erhascht ist. Kaum dass ich einige spärliche Ansätze ausfindig gemacht habe, es zu einer Entstehungsgeschichte dieser Gefühle und Wertschätzungen zu bringen (was etwas Anderes ist als eine Kritik derselben und noch einmal etwas Anderes als die Geschichte der ethischen Systeme): in einem einzelnen Falle habe ich Alles getan, um eine Neigung und Begabung für diese Art Historie zu ermutigen — umsonst, wie mir heute scheinen will. Mit diesen Moral-Historikern (namentlich Engländern) hat es wenig auf sich: sie stehen gewöhnlich selbst noch arglos unter dem Kommando einer bestimmten Moral und geben, ohne es zu wissen, deren Schildträger und Gefolge ab; etwa mit jenem noch immer so treuherzig nachgeredeten Volks-Aberglauben des christlichen Europa, dass das Charakteristicum der moralischen Handlung im Selbstlosen, Selbstverleugnenden, Sich-Selbst-Opfernden, oder im Mitgefühle, im Mitleiden belegen sei. Ihr gewöhnlicher Fehler in der Voraussetzung ist, dass sie irgend einen consensus der Völker, mindestens der zahmen Völker über gewisse Sätze der Moral behaupten und daraus deren unbedingte Verbindlichkeit, auch für dich und mich, schließen; oder dass sie umgekehrt, nachdem ihnen die Wahrheit aufgegangen ist, dass bei verschiedenen Völkern die moralischen Schätzungen notwendig verschieden sind, einen Schluss auf Unverbindlichkeit aller Moral machen: was Beides gleich große Kindereien sind. Der Fehler der Feineren unter ihnen ist, dass sie die vielleicht törichten Meinungen eines Volkes über seine Moral oder der Menschen über alle menschliche Moral aufdecken und kritisieren, also über deren Herkunft, religiöse Sanktion, den Aberglauben des freien Willens und dergleichen, und ebendamit vermeinen, diese Moral selbst kritisiert zu haben. Aber der Wert einer Vorschrift „du sollst“ ist noch gründlich verschieden und unabhängig von solcherlei Meinungen über dieselbe und von dem Unkraut des Irrtums, mit dem sie vielleicht überwachsen ist: so gewiss der Wert eines Medikaments für den Kranken noch vollkommen unabhängig davon ist, ob der Kranke wissenschaftlich oder wie ein altes Weib über Medizin denkt. Eine Moral könnte selbst aus einem Irrtum gewachsen sein: auch mit dieser Einsicht wäre das Problem ihres Wertes noch nicht einmal berührt. — Niemand also hat bisher den Wert jener berühmtesten aller Medizinen, genannt Moral, geprüft: wozu zuallererst gehört, dass man ihn einmal — in Frage stellt. Wohlan! Dies eben ist unser Werk. —

Friedrich Nietzsche

Die Hinzu-Lügner

29.
Die Hinzu-Lügner. — Als man in Frankreich die Einheiten des Aristoteles zu bekämpfen und folglich auch zu verteidigen anfing, da war es wieder einmal zu sehen, was so oft zu sehen ist, aber so ungern gesehen wird: — man log sich Gründe vor, um derenthalben jene Gesetze bestehen sollten, blos um sich nicht einzugestehen, dass man sich an die Herrschaft dieser Gesetze gewöhnt habe und es nicht mehr anders haben wolle. Und so macht man es innerhalb jeder herrschenden Moral und Religion und hat es von jeher gemacht: die Gründe und die Absichten hinter der Gewohnheit werden immer zu ihr erst hinzugelogen, wenn Einige anfangen, die Gewohnheit zu bestreiten und nach Gründen und Absichten zu fragen. Hier steckt die große Unehrlichkeit der Konservativen aller Zeiten: — es sind die Hinzu-Lügner.

Friedrich Nietzsche

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0 Kommentare zu Gedicht am Dienstag (12)

  1. Der Emil sagt:

    Also ehrlich: „Moral als Problem“ ginge auch von Lichtenberg nicht mehr als Aphorismus durch! 😉

    Jandl, mein Lieber, Ernst Jandl solltest Du mal wieder lesen, oder Johannes R. Becher …

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  2. Joachim sagt:

    Nietzsche? Da hast Du ja einen Kerntext rausgesucht.

    Meine Meinung: Nietzsche? Mochte ich noch nie. Nicht dass der so Unrecht hätte. Viel zu oft musste ich ihm schon zustimmen. Seine Kritik ist auch heute noch sehr notwendig und ja klar, die Welt ist Chaos. Seine Hinzu-Lügner sind auch jetzt leider sehr real (und ein guter Grund für die Präsentation hier?).

    Aber ich mag ihn nicht. Ich stehe lieber ohne jegliche Moral – auch kaum der Schopenhauers – auf der Seite der Schwachen. Die Starken brauchen niemanden. Und die Umkehrung (Niemand braucht die Starken)? Sehr interessant. Beim Gedanken an den Übermenschen wird mir jedenfalls schlecht.

    Moral? Oder gar Schopenhauers Prinzip aller Moral? Moral gibst Du sehr schnell auf wenn Du der Welt in’s Auge blickst. Möglicherweise meinte Nietzsche das ja – nur ist es dennoch Moral oder schlimmer noch eine Metamoral des Nihilismus bei ihm.

    Von Placebos zum Beispiel hatte er noch nie etwas gehört. Er vergisst zu fragen, ob Werte überhaupt feststellbar ist. Er glaubt einfach daran und das ist (nicht hinterfragte) Moral.

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  3. pantoufle sagt:

    Moin Joachim
    Die Sache ist doch die: Nimm Marx, Nietzsche, Fromm, Wittgenstein oder Meister Eckehard – es geht doch nicht darum, von genannten oder ungeannten Personen ein funktionierendes Weltbild zu erhalten. Dafür ist diese Erde zu klein – meinetwegen zu lausig – als man sich nicht der Mühe unterziehen muß, aus dem zur Verfügung stehenden Material das Beste für sich zu extrahieren. Von Landauer: Das Beste, ein wenig Gesell und ein wenig Sarah Wagenknecht oder Willy Brandt, hier etwas von Nietzsche und eine Prise W.S.Churchill. Nur sehr dumme Menschen werden von einer Person erwarten, Antwort auf alle Fragen zu finden.
    Nietzsche: Das ist erst einmal eine unglaublich kraftvolle Sprache.Wer das mit »Nazi-Deutsch« verwechselt, hat kein Gehör. Der Übermensch Nietzsches ist etwas vollkommen anderes als der Übermensch eines Nazi-Schergen. Auch wenn es Einige nicht wahrhaben wollen: Es gibt eine historischen Kontext und auch einen sprachlichen, in dem man es betrachten muß. Nietzsche ist Sparta, nicht der Reichstagsbrand. Der Übermensch Nietzsches steuerte die Titanic – er löste nicht den Startknopf einer Vergeltungswaffe unter einem rasenden Diktator. Wer sich letzlich auf ihn beruft – Tote können sich nicht wehren. Der Philosoph eines technokratischen Zeitalters. Seine Aktualität gewinnt er durch den neuen Übermenschen, einen Forbes, einen Bill Gates, einen… nimm Dir irgend einen dieser machiavellischen Unantastbaren, gegen den kein Kraut und keine Justiz etwas vermag. Dadurch bekommt Nietzsche ein anderes Gesicht für die Lebenden. Man muß ihn deswegen nicht mögen, sollte ihn aber respektieren.

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    • Joachim sagt:

      Vielen Dank, dass Du das klargestellt hast. Habe ich mich so missverständlich ausgedrückt?

      Aber Bill Gates als Nietzsches Übermensch? Oder nicht doch als Hinzu-Lügner? Möglicherweise ist der Wille zur Macht nur der Versuch der Kompensation eines Minderwertigkeitskomplexes. Das wäre allerdings ein aktueller Bezug.

      Für mich liegt Nietzsches Verdienst nicht in seinen Antworten. Damit kann ich gar nichts tun. Seinen Übermenschen, den heroischen Steuermann der in unendlicher Erkenntnis die Zivilisation rettet, den sollte man in den Arsch treten ob seiner Überheblichkeit. Da könnte ich doch gleich an Zeus glauben. Deine Titanic symbolisiert Untergang oder unser Fukushima (was übrigens Glücksinsel bedeutet – welche Ironie).

      Nein, es sind seine Fragen. Sein Verdienst ist sein Widerspruch. Und der gilt bis heute.

      Respektlos? Natürlich. Um es mit Nietzsche aus dem Text oben in seiner kraftvollen Sprache zu sagen: „wozu zuallererst gehört, dass man ihn einmal — in Frage stellt. Wohlan! Dies eben ist unser Werk.“

      So ist es. Ich mag ihn trotzdem nicht. Ich mag auch Wagner nicht (übrigens fast mit Nietzsches Begründung). Doch seine Chöre liebe ich. Nicht mögen bedeutet doch nicht Ignoranz.

      (oh je, welcher Schussel hier hat meinen Nietzsche aus dem Regal geräumt…)

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  4. „Nur, wo Leben ist, da ist auch Wille: aber nicht Wille zum Leben, sondern – so lehre ich’s dich – Wille zur Macht!“

    Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra.

    Mit dem Willen zur Macht ist keinesfalls das Beherrschenwollen anderer Menschen gemeint, sondern das Beherrschenwollen der Dinge. Hier liegt der zentrale Denkfehler derer, die die Philosophie Nietzsches nicht verstehen, weil sie entweder das eigene Beherrschtwerden für eine „Tugend“ halten, oder selbst nichts anderes im Sinn haben, als andere zu beherrschen. Gerade dieses Beherrschen und Beherrschtwerden, die Fremdbestimmung, muss überwunden werden, damit der darum noch machtlose Mensch zum „von Göttern und Anbetungen erlösten Übermenschen“ wird, der über die wahre Macht, die Beherrschung der Dinge, verfügt:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2012/09/von-den-drei-verwandlungen.html

    Schon bevor die Lösung der uralten Sozialen Frage – und damit zugleich die Überwindung aller Zivilisationsprobleme, die sich überhaupt thematisieren lassen – erstmals im Jahr 1906 wissenschaftlich exakt beschrieben war, hatte sich der Philosoph Friedrich Nietzsche überlegt: Wenn die „Prediger des Todes“ sich einen Jesus erfinden konnten, der er mit Sicherheit nicht war, kann ich einen Propheten erfinden, der das Leben erklärt:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2013/10/glaube-aberglaube-unglaube.html

    Nietzsches Zarathustra ist der Prophet Jesus von Nazareth, der er wirklich war: der erste Denker in der bekannten Geschichte, der die ideale Makroökonomie als Voraussetzung für die klassenlose Zivilgesellschaft erkannt hatte, 19 Jahrhunderte vor dem Genie Silvio Gesell (1862 – 1930). Dieser konnte noch nicht wissen, dass die Natürliche Wirtschaftsordnung, auf der anfänglich die Soziale Marktwirtschaft der Bundesrepublik Deutschland nach dem 2. Weltkrieg basieren sollte,…

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2012/08/personliche-freiheit-und-sozialordnung.html

    …der tatsächliche „Himmel auf Erden“ ist, denn die Heiligen Schriften von Nag Hammadi, die das zweifelsfrei beweisen, wurden erst 1945 entdeckt. Aus den vier biblischen Evangelien, die von Anfang an nur für den Moralverkauf erdichtet wurden, ist das nicht mehr zu erkennen. Die von den „Predigern des Todes“ aufrecht erhaltene Programmierung des kollektiv Unbewussten mit dem künstlichen Archetyp Jahwe (der „liebe Gott“ für die Dummen) verhindert bis heute den eigentlichen Beginn der menschlichen Zivilisation:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2013/11/macht-oder-konkurrenz.html

    „Der Anteil des Unbewussten an unseren Handlungen ist ungeheuer und der Anteil der Vernunft sehr klein.“

    Gustave Le Bon (Psychologie der Massen)

    Ist beim „Normalbürger“ der Anteil der vernünftigen Handlungen „sehr klein“, so ist er beim „Geistlichen“ gleich Null – was wiederum bewirkt, dass beim „Normalbürger“, der den Geisteskranken für einen „Geistlichen“ hält, der Anteil der Vernunft nicht wächst:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2013/11/der-wille-zur-macht.html

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