Gedicht am Dienstag (11)

Diese Woche ganz kurz. Nur eines und schon wieder von Erich Mühsam. Und ein Video, das fast nichts damit zu tun hat außer einem Tanz.
Mein Gedicht am Dienstag:

Ich bin ein Pilger, der sein Ziel nicht kennt;
der Feuer sieht, und weiß nicht, wo es brennt;
vor dem die Welt in fremde Sonnen rennt.

Ich bin ein Träumer, den ein Lichtschein narrt;
der in dem Sonnenstrahl nach Golde scharrt;
der das Erwachen flieht, auf das er harrt.

Ich bin ein Stern, der seinen Gott erhellt;
der seinen Glanz in dunkle Seelen stellt;
der einst in fahle Ewigkeiten fällt.

Ich bin ein Wasser, das nie mündend fließt;
das tauentströmt in Wolken sich ergießt;
das küßt und fortschwemmt, – weint und froh genießt.

Wo ist, der meines Wesens Namen nennt?
Der meine Welt von meiner Sehnsucht trennt?
Ich bin ein Pilger, der sein Ziel nicht kennt.

Erich Mühsam

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0 Kommentare zu Gedicht am Dienstag (11)

  1. Joachim sagt:

    Fein, ein Rätsel ganz im Stil der für Kinder und für Helden. Nun, Interpretation kann Überheblichkeit bedeuten und so unterlasse die Vermutung und besonders die Spekulation warum und wozu.

    Nur so viel: der Versuch einer Lösung hat einiges an Kratzen im Kopf bewirkt, führte wohl ziemlich weit vom Wege ab. Kein Wunder wenn man das Ziel nicht kennt und sogar die Bedeutung des Wortes “Sehnsucht” total vergessen hat. Ich bin nicht sicher, ob man dieses Wort heute überhaupt noch braucht, ob die Trennung nicht lange vollzogen ist. Schon gar nicht bin ich mir sicher, ob das denn gut so ist.

    Ja, weit vom Wege ab sind wir. Und damit habe ich erfolgreich der Versuchung widerstanden zu interpretieren – oder soll ich sagen zu zerstören?

    Ein sehr schönes einfaches und gerade deshalb nicht so einfaches Gedicht. Dank dafür.

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  2. tikerscherk sagt:

    Ja. Ein sehr schönes Gedicht! Dank auch von meiner Seite!

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  3. Der Emil sagt:

    Und noch dreimel: Gefällt mir! Gefällt mir! Gefällt mir!

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  4. pantoufle sagt:

    Ahhh: Meine Gedicht am Dienstag Leser! Die Lautbringenden jeden falls. Ja, es ist ein schönes Gedicht – ja, (für alle, die es nicht gemerkt haben) es ist ein Liebesgedicht! Und Sehnsucht ist ein einfaches Wort, das niemals seine Haltbarkeitsschwelle erreichen wird .

    Tikerscherk: Dein Loop ist Dir ganz wunderbar gelungen – von den Schuhen dagegen würde ich Abstand nehmen.

    Ach, hätte ich doch mehr Zeit im Moment. Aber der Broterwerb, der Broterwerb…

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    • Joachim sagt:

      Vielleicht ist die Haltbarkeitsschwelle von Worten wie Sehnsucht jedoch schon längst überschritten. Schlecht geworden weil oft genug für pathologisch gehalten, verraten, verkauft und für Konsum oder Manipulation missbraucht. Sicher bin ich nicht. Aber die Frage danach kann man gut begründet stellen und sei es nur um dem entgegenzuwirken (…)

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  5. tikerscherk sagt:

    “Ich bin ein Stern, der seinen Gott erhellt!”
    Natürlich ist es ein Liebesgedicht. Sehnsucht. Saudage. Schmerzjubel.
    Mein Loop. So sehr ich mich bemüht habe, mir lief die Zeit davon. Schön, dass es dir gefallen hat.
    Und die Schuhe? Erstens niemals weiße, und zweitens niemals Schnallen. Zum Anschauen taugen sie aber.

    Der Broterwerb, der elende.
    Zum Glück findet sich immer noch ein kleines Fitzelchen Zeit zwischen Tür und Angel.

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