Gedicht am Dienstag (10)

Erich Mühsam hatten wir schon. Macht aber nix – so kommt er eben noch einmal. Das wird sich wiederholen. Im Wahlkater unter dem vernichtenden Eindruck einer ratlosen SPD (Leute: Sozialdemokratisch – das meinen wir doch gar nicht so!) und der einzigen Zeitung, die sich in meinem Hotelzimmer befindet, schreit einiges nach Erich Mühsam.
Der Wirtschaftskurier (seit 1958) liegt neben meinem Bett. »Angriff auf den Mittelstand«, »Gefahr für christliche Werte« (gäbe es einen Gott: Hier wäre die Gelegenheit, daß er da mal reinschlägt) und auch sonst viel Erbauliches. Rösler, der Philip, erklärt die unbedingte Notwendigkeit, seine Partei zu wählen. Nein, das Zimmer macht einen durchaus aufgeräumten Eindruck.
»Hauptsache links!« Der leicht faschistoide Troll »der Herr Karl« hätte seine helle Freude an dem gekauften Professor, der unwiderlegbar beweist, daß der Linke an sich keine eigentliche Weltanschauung, sondern nur einen militanten Drang nach Romantik hat. Großartig, dieser Mann der Wissenschaft: »Die politische Romantik des Antikapitalismus und die Öko-Religion der Angst«. Wahlkampf im Raucherzimmer eines billigen Hotels – schwer vorstellbar, daß einer der Angesprochenen ausgerechnet hier absteigt. Das Volk, was sich hier herumtreibt, ist Mühsam wahrscheinlich näher als Olaf Henkel. Also Mühsam, damit ich ruhig schlafen kann und Ihr ein Gedicht am Dienstag habt.
(Wie aus dem Gesagten hervorgeht, bin ich wieder unterwegs. Vier Wochen im schönen Leipzig am Rande der Stadt – ich hoffe, genügend Zeit zum Schreiben zu haben.)

Freiheit in Ketten

Ich sah der Menschen Angstgehetz;
ich hört der Sklaven Frongekeuch.
Da rief ich laut: Brecht das Gesetz!
Zersprengt den Staat! Habt Mut zu euch!
Was gilt Gesetz?! Was gilt der Staat?!
Der Mensch sei frei! Frei sei das Recht!
Der freie Mensch folgt eignem Rat:
Sprengt das Gesetz! Den Staat zerbrecht! –
Da blickten Augen kühn und klar,
und viel Bedrückte liefen zu:
Die Freiheit lebe! Du sprichst wahr!
Von Staat und Zwang befrei uns du! –
Nicht ich! Ihr müßt euch selbst befrein.
Zerreißt den Gurt, der euch beengt!
Kein andrer darf euch Führer sein.
Brecht das Gesetz! Den Staat zersprengt! –
Nein, du bist klug, und wir sind dumm.
Führ uns zur Freiheit, die du schaust! –
Schon zogen sie die Rücken krumm:
O sieh, schon ballt der Staat die Faust! …
Roh griff die Faust mir ins Genick
des Staats: verletzt sei das Gesetz!
Man stieß mich fort. – Da fiel mein Blick
auf Frongekeuch und Angstgehetz.
Im Sklaventrott zog meine Schar
und schrie mir nach: Mach dein Geschwätz,
du Schwindler, an dir selber wahr!
Jetzt lehrt der Staat dich das Gesetz! —
Ihr Toren! Schlagt mir Arm und Bein
in Ketten, und im Grabverlies
bleibt doch die beste Freiheit mein:
die Freiheit, die ich euch verhieß.
Man schnürt den Leib; man quält das Blut.
Den Geist zwingt nicht Gesetz noch Staat.
Frei, sie zu brechen, bleibt mein Mut –
und freier Mut gebiert die Tat!
Erich Mühsam

Gesang der jungen Anarchisten

Freiheit! mahnt es aus den Grüften,
die der Vorzeit Kämpfer decken.
Freiheit! lockt es aus den Lüften,
die der Zukunft Stürme wecken.
Daß aus Ahnung Freiheit werde,
haltet, Künftige, euch bereit.
Reinigt die entweihte Erde –
helft ans Licht der neuen Zeit!

Freie Menschen sollen wohnen,
wo gequälte Sklaven schleichen,
Menschen, die aus allen Zonen
Gruß und Trunk einander reichen.
Von Gesetzen nicht gebunden,
ohne Herrn und ohne Staat –
frei nur kann die Welt gesunden,
Künftige, durch eure Tat!

Jugend, sammle deine Scharen,
kämpfend Zukunft zu erstreiten.
Wer das Leben will erfahren,
lasse sich vom Tod begleiten.
Künftige! Im heiligen Ahnen
lechzt die Welt nach Glück und Licht.
Mahnend wehn die schwarzen Fahnen:
Freiheit ist der Jugend Pflicht!
Erich Mühsam

Lebensregel

An allen Früchten unbedenklich lecken;
vor Gott und Teufel nie die Waffen strecken;
Künftiges mißachten, Früheres nicht bereuen;
den Augenblick nicht deuten und nicht scheuen;
dem Leben zuschaun; andrer Glück nicht neiden;
stets Spielkind sein, neugierig noch im Leiden;
am eigenen Schicksal unbeteiligt sein –
das heißt genießen und geheiligt sein.
Erich Mühsam

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0 Kommentare zu Gedicht am Dienstag (10)

  1. Joachim sagt:

    Vielen Dank – ich hatte fast vergessen, wie sehr es Zeit für Gedichte ist.

    Es gäbe viel zu sagen oder nichts. Du meintest, „gäbe es einen Gott…“ und mir ist sofort das Christus-Motiv im ersten Gedicht aufgefallen. Die Schreckensversion eines Gottes oder besser die Schreckensversion des Menschen. Fast möchte ich rufen: da, sieh hin, da ist Gott und nicht in dem Märchen was Du erfunden hast.

    Doch das widerspräche der Lebensregel. Nun warte ich darauf, dass man mir sagt ich hätte den aktuellen Bezug übersehen, würde es unterlassen die Meute anzuklagen. Diese Lebensregel des Erich Mühsams ist mit Sicherheit der schwerste Weg. Ich hätte mich gerne mit ihm einfach so mal unterhalten.

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    • pantoufle sagt:

      Das mit dem Gott… weißt Du: Ich habe es immer als einen Akt von Altruismus verstanden, einen wie auch immer genannten Gott zu verneinen. Alles andere wäre eine Anklage unerhörten Ausmaßes.

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      • Joachim sagt:

        Es ist eine Anklage unerhörten Ausmaßes, Gott hin oder her. Ich denke nicht Erich Mühsam ging es um etwas wie Gott – und in diesem Sinn geht es mir auch nicht darum. Doch er hat dieses Motiv gewählt. Alleine das ist Anklage. Da sieh hin, 2000 Jahre und es ist immer noch so. Gott muss es dazu nicht geben. Es reicht das Wissen. Das Wissen das wir immer noch ignorieren, wenn wir tun sollten und Verantwortung feige abschieben oder zu dumm, faul sind sie zu sehen. Diese Ignoranz tötet.

        Du meinst, ich ersetze nun Gott durch Moral? Platt, pseudo-interlekuelles Geschwätz, dabei den Hintern nicht hoch bekommend? Ich hatte es geahnt. Nicht das Du das nötig hättest – ich teile Dir und einer Öffentlichkeit nur etwas mit, damit Du siehst wo ich stehe. Ich erkläre einmal, warum ich keinerlei Moral habe.

        Wir sind heute in einer komfortablen Situation. Wohnblöcke von Dissidenten werden nur ganz selten angezündet, höchstens mit Hakenkreuzen beschmiert oder die vaterlandslosen Gesellen werden mit Flaschen beworfen. Und nur wenige hundert Menschen ertrinken oder verdursten jedes Jahr im Mittelmeer nur weil sie „Wirtschaftsflüchtlinge“ sind. Denn wir müssen doch unsere Grenzen, unseren Wohlstand, unsere Sicherheit, unsere Demokratie aus Brüssel schützen. In Kriege mischen wir uns am Hindukusch nur um der Freiheit des Geldes Willen ein und bedauern die verirrte Rakete auf einen Tanklastzug wirklich. Wir rüsten Freiheitskämpfer mit Waffen aus, die unliebsame Präsidenten entfernen um sie dann selbst als diktatorische Macht zu bekämpfen, das Volk zu befreien, mit westlicher Zivilisation und Kultur beglücken. Das ist ja nicht mehr so schwer. Soviel Volk ist nicht mehr da. Urangeschosse, Drohnen, peng Du bist tot – und Deine Familie gleich mit.

        So einfach ist das. Anarchisten wie Mühsam braucht es nicht mehr. Wir bringen Freiheit als Geschenk – ob sie wollen oder nicht.

        Vergessen ist, dass von deutschem Boden nie wieder ein Krieg ausgehen darf. Was wird noch vergessen? Die braunen Idioten? Schön, wenn wir die vergessen könnten. Oder unverantwortlich die zu vergessen.

        Tatsächlich, wir diskutieren heute im Internet und in der Politik über den Einsatz von Drohnen, als sei das Kinderspielzeug! In diesem Internet, mit dessen Hilfe die geammte Welt, jeder Einzelne im Namen der Sicherheit und Freiheit wie in einer totalen Diktatur überwacht wird.

        Wir sind heute wirklich in einer komfortablen Situation. Denn RTL bringt live-reality-shows, Bild vebildet und Merkel – der Chef der christlichen Partei – gewinnt fast die absolute Mehrheit. Besser noch, die Koalition mit der SPD bringt eine Mehrheit, die es erlaubt das Grundgesetz zu ändern und Normelkontrollklagen der Opposition zu verhindern. Jegliche parlametarische Opposition ist damit verhindert.

        Kannst Du Dir vorstellen, warum ich deshalb Merkel nur als minor problem sehe, sie für nicht so wichtig halte? Verstehst Du, warum mir der Begriff Postdemokratie in den Sinn kommt?

        Moral? Altruismus? Komm, hör mir auf. Die Diskussion um Gott können wir später führen. Erzähle mir lieber, was hat unser verkommener Freiheitsbegriff mit dem aus dem Gesang der jungen Anarchisten zu tun? Darüber hätte ich so gerne mit ihm geredet. Denn ihn zur Ausreise zu bewegen wäre vermutlich aussichtslos gewesen.

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  2. Stony sagt:

    der besuch deiner hoch geschätzten seite wird langsam teuer für mich.^^
    als passionierter totholzsammler will (nein muß) ich immer alles, analog raschelnd, bei mir, griffbereit, haben. traue mich demnächst hier nur noch angetüdelt her – in diesem zustand gekaufrauschtes kann ich mir leichter vergeben. das ächzen der sich biegenden regalböden macht mir allerdings schon etwas angst…

    von mühsam kannte ich (aus opas bibliothek, 80er jahre) bislang nur „Zur Psychologie der Erbtante“ … jetzt schrub der also auch noch ’nicht-gar-so-lustig-verdammt-gut‘ … arrrggg!

    hmmm… ob es wohl einen fdp-ler mit guter lesestimme gibt, der nicht zu sehr stinkt und für nen euro als vorleser bei mir anheuert? vielleicht lernt er dabei ja noch was, resozialisierung marke stony quasi. hehe^^

    ps: deine antwort an joachim hat mir heut morgen eine gute stunde vergnügliches hirnrattern beschert, danke dafür! 🙂

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  3. piet sagt:

    @stony – Wenn Du Mühsam lieber hören magst, möchte ich Dir die Scheibe „Ich lade euch zum Requiem“ ans Herz legen.Vertont und besungen von Dieter Süverkrüp / W.A. Schwarz . Selten hat mich ein Tonträger emotional so aus den Schuhen geboxt, Gänsehaut (http://www.jump-up.de/CD/Erich-Muehsam-Ich-lade-Euch-zum-Requiem.html).
    @Pantoufle – Kleine Anekdote am Rande. In München hatte sich vor dem 1. Weltkrieg ein lustiges Häuflein rund um den -Simpl- zu einem Geheimbund zusammengetan, die Hermetische Gesellschaft. Dazu gehörten u.a. C.G. von Maassen, Hoerschelmann, Roda Roda, Unold, Koester, Körting, Weisgerber, MÜHSAM u. RINGELNATZ. Ein formuliertes Ziel “ Vor allem hatten wir es auf Stümper, Banausen und Spießer abgesehen, die wir durch geheimnisvolle Zuschriften ärgerten und vor den Kopf stießen. Hunorlosigkeit und Spießertum – das waren die Todfeinde, die von der Hermetischen Gesellschaft mit Geist und Witz der Lächerlichkeit preisgegeben wurden …. “ Nett 🙂

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