Gedicht am Dienstag

Ja, ich mach das mal wieder. Aus alter Tradition: Aber garantiert nicht regelmäßig! Verlaßt Euch drauf! Ich nicht! Und das sich keiner hinterher beschwert, ich hätte ja… nichts hab ich und schon gar nicht versprochen das regelmäßig zu machen. Es gibt viele Dienstage und davon waren im Verlaufe der letzten 2 Millionen Jahre ein Haufen ohne Gedicht dabei. Wer bin ich, die Geschichte zu ändern?

Einer dieser Drachentöter, der meint, er könne das nicht nur, sondern hätte es bereits gemacht (das mit der Geschichte), hat gerade meine Nerven strapaziert. Dem sei folgendes Gedicht ins Stammbuch geschrieben – ach… das interessiert ihn ja nicht.

An einen Bonzen

Einmal waren wir beide gleich.
Beide: Proleten im deutschen Kaiserreich.
Beide in derselben Luft,
beide in gleicher verschwitzter Kluft;
dieselbe Werkstatt – derselbe Lohn –
derselbe Meister – dieselbe Fron –
beide dasselbe elende Küchenloch …
Genosse, erinnerst du dich noch?

Aber du, Genosse, warst flinker als ich.
Dich drehen – das konntest du meisterlich.
Wir mußten leiden, ohne zu klagen,
aber du – du konntest es sagen.
Kanntest die Bücher und die Broschüren,
wußtest besser die Feder zu führen.
Treue um Treue – wir glaubten dir doch!
Genosse, erinnerst du dich noch?

Heute ist das alles vergangen.
Man kann nur durchs Vorzimmer zu dir gelangen.
Du rauchst nach Tisch die dicken Zigarren,
du lachst über Straßenhetzer und Narren.
Weißt nichts mehr von alten Kameraden,
wirst aber überall eingeladen.
Du zuckst die Achseln beim Hennessy
und vertrittst die deutsche Sozialdemokratie.
Du hast mit der Welt deinen Frieden gemacht.

Hörst du nicht manchmal in dunkler Nacht
eine leise Stimme, die mahnend spricht:
»Genosse, schämst du dich nicht –?«

Kurt Tucholsky, 1923, die Weltbühne

Bei Faschistens läßt man`s krachen: »Hat der es aber dem linken Gesocks gezeigt. Und jetzt meldet sich auch noch Schorlemmer, der Knilch!« Schwarz-braun läuft es ihnen aus dem Hals, dem Pack. Kein Gedicht – übel könnte einem werden. Sie werfen ihre Weisheiten wie leere Bierdosen unters Volk, die zerknüllten. Nicht einmal Pfand bekommt man dafür, aber ihren schlechten Atem. Wo man auch hinsieht – sie sind schon da.
Sie wissen, der eine oder andere ahnt, ein paar der Alten erinnert sich. Die waren doch schon mal da. Wie nennen sie sich heute?

Kinder und Linke

Wer Kindern sagt
Ihr habt rechts zu denken
der ist ein Rechter
Wer Kindern sagt
Ihr habt links zu denken
der ist ein Rechter

Wer Kindern sagt
Ihr habt gar nichts zu denken
der ist ein Rechter
Wer Kindern sagt
Es ist ganz gleich was ihr denkt
der ist ein Rechter

Wer Kindern sagt
was er selbst denkt
und ihnen auch sagt
daß daran etwas falsch sein könnte
der ist vielleicht
ein Linker

Erich Fried

Ja, die Kinderlein, die lieben. Jetzt laufen sie in die Welt, mit großen Augen und Ohren. In der einen Hand noch das Kätzchen, in der anderen eine Flasche Bier. Oder ein Geldbündel – wer wills wissen? Glaubt man, sie wären die Hoffnung, die uns selber so fehlt, glaubt man, daß sie so glücklich werden wie man selbst immer sein wollte? An die Freiheit, die der Jugend?

Die Wahlesel

Die Freiheit hat man satt am End‘,
Und die Republik der Tiere
Begehrte, daß ein einz’ger Regent
Sie absolut regiere.

Jedwede Tiergattung versammelte sich,
Wahlzettel wurden geschrieben;
Parteisucht wütete fürchterlich,
Intrigen wurden getrieben.

Das Komitee der Esel ward
Von Alt-Langohren regieret;
Sie hatten die Köpfe mit einer Kokard‘,
Die schwarz-rot-gold, verzieret.

Es gab eine kleine Pferdepartei,
Doch wagte sie nicht zu stimmen;
Sie hatte Angst vor dem Geschrei
Der Alt-Langohren, der grimmen.

Als einer jedoch die Kandidatur
Des Rosses empfahl, mit Zeter
Ein Alt-Langohr in die Rede ihm fuhr,
Und schrie: »Du bist ein Verräter!

Du bist ein Verräter, es fließt in dir
Kein Tropfen vom Eselsblute;
Du bist kein Esel, ich glaube schier,
Dich warf eine welsche Stute.

Du stammst vom Zebra vielleicht, die Haut,
Sie ist gestreift zebräisch;
Auch deiner Stimme näselnder Laut
Klingt ziemlich ägyptisch-hebräisch.

Und wärst du kein Fremdling, so bist du doch nur
Verstandesesel, ein kalter;
Du kennst nicht die Tiefen der Eselsnatur,
Dir klingt nicht ihr mystischer Psalter.

Ich aber versenkte die Seele ganz
In jenes süße Gedösel;
Ich bin ein Esel, in meinem Schwanz
Ist jedes Haar ein Esel.

Ich bin kein Römling, ich bin kein Slaw‘;
Ein deutscher Esel bin ich,
Gleich meinen Vätern. Sie waren so brav,
So pflanzenwüchsig, so sinnig.

Sie spielten nicht mit Galanterei
Frivole Lasterspiele;
Sie trabten täglich, frisch-fromm-fröhlich-frei,
Mit ihren Säcken zur Mühle.

Die Väter sind nicht tot! Im Grab
Nur ihre Häute liegen,
Die sterblichen Hüllen. Vom Himmel herab
Schaun sie auf uns mit Vergnügen.

Verklärte Esel im Glorialicht!
Wir wollen euch immer gleichen
Und niemals von dem Pfad der Pflicht
Nur einen Fingerbreit weichen.

O welche Wonne, ein Esel zu sein
Ein Enkel von solchen Langohren!
Ich möcht es von allen Dächern schrein:
Ich bin als ein Esel geboren.

Der große Esel, der mich erzeugt,
Er war von deutschem Stamme;
Mit deutscher Eselsmilch gesäugt
Hat mich die Mutter, die Mamme.

Ich bin ein Esel, und will getreu,
Wie meine Väter, die Alten,
An der alten, lieben Eselei,
Am Eseltume halten.

Und weil ich ein Esel, so rat ich euch,
Den Esel zum König zu wählen;
Wir stiften das große Eselreich,
Wo nur die Esel befehlen.

Wir alle sind Esel! I-A! I-A!
Wir sind keine Pferdeknechte.
Fort mit den Rossen! Es lebe, hurra!
Der König vom Eselsgeschlechte!«

So sprach der Patriot. Im Saal
Die Esel Beifall rufen.
Sie waren alle national,
Und stampften mit den Hufen.

Sie haben des Redners Haupt geschmückt
Mit einem Eichenkranze.
Er dankte stumm, und hochbeglückt
Wedelt‘ er mit dem Schwanze.

Heinrich Heine

Genug der Trübsal! Zum Schluß noch etwas fröhliches, bei dem das Herz aufgeht, aufgehen muß! Was bleibt einem sonst? Es ist das letzte Gedicht mit dem Schwanze.
Jedenfalls für diesen Dienstag.

Der Coitus im Dreimäderlhaus

(Mein neuestes Gedicht mit einer Einlage: Die neue Nationalhymne)

Peitsch Dir den Hintern lila, mein süßer Fratz
Mondschein die kahle Platte (und ich lausche dem Graswuchs)
Wo einst das Halali der Hofjagd – –
(Läuse sind phänomenalstes Dammwild)
Du Staatskokotte Germania
Mir krabbelt grad eine die Heerstraße lang
Wie einst im Mai nach Potsdam
Da kann kein Kaiser und kein König
Nur graue Salbe
1,25 garantiert rein
Aus den ehemaligen Beständen der Schloßapotheke.
Hab Dir nich Kleene
Immer feste druff
(Sprach Prinz Eugen der edle Ritter
Pour le merite vom Gardekorps)
Und Zieten aus dem Busch
Auch die Republik braucht Soldaten
(Noske lächelt verschämt
Wenn der Deutschnationale schwarz-weiß flaggt)
Cäcilie mein Engel,
Lüfte das Hemd, Heut ist Kaisers Geburtstag
Wir machen ’ne Extratour
Nach Amerongen
Hintenrum
Alte 175er
Ich rechne auf Euch!
Regiment Reinhard wohldiszipliniert mit fünf Mark täglicher Löhnung
(Nicht zu verwechseln mit Arthur Kahane vom Deutschen Theater)
Und die Büchse der Pandora
Oder Allzeit
. . . . .Schußbereit
Ja der Deutsche Soldat trifft immer ins Schwarze
Wo es am blondsten ist.
Sei gegrüßt Du mein schönes Sorrent
Ach kitzle mir mal am Hosenlatz
Mensch Ebert in Weimar!
Na Dickerchen willste mal
Letzte Liebe von Joethe
Kinder und Volksbeauftragte die Hälfte
Ohne Trinkgeldzwang
Ober ’ne Schale Jungfernhaut
Und tüchtig Melange drüber
Der Herr ist noch neu
Und denn rin ins Vergnügen!
Familienbad die Nationalversammlung.

Es braust ein Ruf wie Donnerhall
Wie Schwertgeklirr und Wogenprall:
Ein deutsches Weib, ein deutscher Suff,
Ach Männe hak mir mal die Taille uff!

Walter Mehring

P.S. Was haben wir eigentlich für einen Wochentag?

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0 Kommentare zu Gedicht am Dienstag

  1. piet sagt:

    Vielleicht ist jeder Tag mit Gedicht ein Dienstag. Du wirst also, egal was, wer, wo du bist, frei sein das Schatzkästchen zu lüpfen, um den Wörtern Hofgang zu verschaffen. Aus Geburtstagsgründen heute mit Enzensberger beschäftigt. Einiges gefällt, anderes fragwürdig. Morgen ist ein Tag. Aber gewiß ist das auch nicht.

    0

  2. tikerscherk sagt:

    Da isser ja, der Fried!
    Und das Gedicht am Dienstag ist auch zurück, und die Schrottpresse erst! ich freu mich!
    Eine feine Auswahl mal wieder, nur der Mehring, der sagt mir nix.
    Aber der weitsichtige und kluge Heine, Fried sowieso, und nicht zuletzt der wunderbare Tucholsky.
    Danke!

    0

    • pantoufle sagt:

      Deswegen mußte ich ja so grienen: Wir haben das mit Fried ungefähr zur selben Zeit veröffentlicht… sach gips!
      Ja, und die Schrottpresse gibts auch erst mal wieder. Redaktionskampfhund Oskar fand es auch ganz gut. Chefredakteur schreibt und krault gelegentlich hinter den Ohren.
      Schön, Dich mal wieder hier zu haben. Ich hoffe, es geht Dir wieder halbwegs.

      Lieben Gruß

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      • tikerscherk sagt:

        Hab mich wirklich gefreut, als ich die Edelfeda in meiner Statistik sah. Was meinst Du mit erstmal? Nur auf Probe?

        (Geht mir immer besser. Noch ganz schön müde, aber auch ebenso glücklich)

        0

        • pantoufle sagt:

          Erst mal soll heißen… ach, ich weiß auch nicht. Es kommt mit Sicherheit der Tag, wo ich mal wieder keine Lust habe. Aber wer will schon ernsthaft wissen, was morgen ist.
          Schrottpresse war irgendwie alle .org, .com ect war schon vergeben und edelfeda fand ich süß 😀 Aber es ist eben doch wieder die Schrottpresse. Und selbst ein paar Trolle haben sich schon im Spamfilter verfangen – wie früher.

          0

  3. LOB sagt:

    Hat dies auf LOB's Metier rebloggt und kommentierte:
    Gedichte von Tucholsky, Heine, Fried und Mehring – wohltuend und empfehlenswert!

    0

  4. oblomow sagt:

    Na, einen troll wirst du doch wohl durch den spamfilter kommen lassen, den Atta Troll:

    Jetzt sind freilich aufgeklärter
    Diese Menschen, und sie töten
    Nicht einander mehr aus Eifer
    Für die himmlischen Intressen; –

    Nein, nicht mehr der fromme Wahn,
    Nicht die Schwärmerei, nicht Tollheit,
    Sondern Eigennutz und Selbstsucht
    Treibt sie jetzt zu Mord und Totschlag.

    Nach den Gütern dieser Erde
    Greifen alle um die Wette,
    Und das ist ein ew’ges Raufen,
    Und ein jeder stiehlt für sich!

    Ja, das Erbe der Gesamtheit
    Wird dem einzelnen zur Beute,
    Und von Rechten des Besitzes
    Spricht er dann, von Eigentum!

    Eigentum! Recht des Besitzes!
    O des Diebstahls! O der Lüge!
    Solch Gemisch von List und Unsinn
    Konnte nur der Mensch erfinden.

    Keine Eigentümer schuf
    Die Natur, denn taschenlos,
    Ohne Taschen in den Pelzen,
    Kommen wir zur Welt, wir alle.

    Keinem von uns allen wurden
    Angeboren solche Säckchen
    In dem äußern Leibesfelle,
    Um den Diebstahl zu verbergen.

    Nur der Mensch, das glatte Wesen,
    Das mit fremder Wolle künstlich
    Sich bekleidet, wußt auch künstlich
    Sich mit Taschen zu versorgen.

    Eine Tasche! Unnatürlich
    Ist sie wie das Eigentum,
    Wie die Rechte des Besitzes –
    Taschendiebe sind die Menschen!

    Von Harry, dem alten Hein(i)e, nur noch diesen hier, verbunden mit einem dankeschön für den technikgeschichtlichen beitrag zum 9. november, den ich mit großem vergnügen und „gewinn“ gelesen habe:

    Und ich machte den Vernunftschluß:
    Ja, ich küsse, also leb ich!

    0

  5. AnneS sagt:

    Wie schön, dass Du wieder schreibst! Danke.

    0

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