Gedanken eines Idealisten

Der Weg nach Hause führte über den Flughafen Hamburg und weiter mit der deutschen Bahn. Eine schöne Sitte von mir: Da gibt es eine kleine Bahnhofskneipe mit Beck´s vom Fass und Aschenbechern. Nach längeren Englandaufenthalten eine Vorstufe zum Paradies. Da saß ich nun, das Glas in der Hand und beschränkte mich nicht aufs Passivrauchen.
Neben mir saß ein junger Mann mit einer Dame ( in meinem Alter wäre ich versucht zu sagen: einem Mädchen ), die eine eigenartige Sprachübung absolvierten. Offensichtlich gehörten beide irgend einer politischen Organisation oder Partei an und waren bemüht, jeden noch so einfachen Sachverhalt im klassischem Politiker-Bullshitbingo zu formulieren.
Man hört nicht zu, was andere Leute am Nebentisch reden – ich weiß! Es war aber zu schön! „Den Bürger in die Diskussion einbinden, den politischen Zwängen Rechnung tragen und auch mit Bauchschmerzen erfolgreiche Oppositionsarbeit leisten“. Zitternd vor Erregung wartete ich auf die Formulierung, mit denen sie sich eine neue Lage bestellten. Umsonst, wie ich an dieser Stelle zugeben muß – sie kreisten um 2 Gläser Cola und ihren Satzbaukasten, mein Zug ging zu früh und ich versagte im Fach investigativem Journalismus.

Michael Spreng beschäftigte sich in seinem letzten Artikel mit der Figur Guttenberg und dem hoffentlich endgültigen Ende seiner politischen Karriere nach dem Gutachten der Universität Bayreuth. Man kann seinen Schlussfolgerungen folgen oder auch nicht: Außer vorsätzlichem Mord gibt es wohl kein Vergehen, das es jemandem verwehrt hätte, weiter – oder nach einer gewissen Schonfrist – politisch aktiv zu bleiben. Sprengs Optimismus bezüglich der Person Guttenbergs vermag ich nicht zu teilen; F.J.Strauss, Filbinger, Schäuble oder Kohl sind nur einige Beispiele, wie man lügen und betrügen kann und trotzdem in Amt und Würden verbleibt. Sagte ich gerade „vorsätzlichem Mord?“ Gut, das wäre wenigstens im Falle Filbinger falsch!

Spreng endet in seinem Artikel mit folgendem Fazit:

„Die Lehre aus dem Fall zu Guttenberg: Die Wähler müssen mit dem uncharismatischen politischen Personal zurechtkommen, das wir haben. Es gibt in der deutschen Politik keine Lichtgestalten. Und man sollte sich hüten, welche dazu zu erklären. Lieber ein dröger, aber anständiger Politiker wie Olaf Scholz als ein zu Guttenberg.“

Ob der zweifellos dröge Olaf Scholz auch anständig ist, sei bis zum Gegenbeweis dahingestellt; das die deutsche Politik keine „Lichtgestalten“ kennt, würde ich unterschreiben. Das man sich mit dem Status Quo abzufinden hat, nicht.
Ich lehne es ab, von pickeligen Bleichgesichtern regiert zu werden, die ihre Jugend in der Kneipe damit verbracht haben, lustiges Begrifferaten zu spielen:“komplette Handlungsunfähigkeit?“ „Reformstau!!“ „Massenverelendung?“ „oooch, das ist jetzt aber schwer… Präkariatsschwemme!!“
Den Rest ihrer Zeit verbringen sie vermutlich damit, im jeweiligen Parteiapparat Analkunde zu betreiben, um dann nach 10,12 Jahren als Vorsitzender von irgend etwas auf die Menschheit losgelassen zu werden.
Lebenserfahrung null, keinen anständigen Beruf, gekaufte Titel und fest im Würgegriff einer Lobby. Nicht einmal die Sprache der Eingeborenen sprechen sie: Irgend ein unverständliches Pidschin-Gestammel aus dem sicheren Gefühl heraus, das sie eine selbsternannte Elite verkörpern, die grundsätzlich nicht mehr abwählbar ist. Das sind keine Politiker – das sind Zombies!
Alternativlosigkeit alle 4 Jahre durch Wahlen legitimiert. In den Beliebtheitsumfragen kommen Politiker gleich hinter Gebrauchtwagenhändler. Zu Recht! Handheben: Wer würde von Stefan Mappus einen gebrauchten Opel kaufen?

Es gab Zeiten, da gab es Schuster, Zimmerer, Schweißer oder Monteure im Parlament. Oder aktive Widerstandskämpfer gegen den Faschismus als Bundeskanzler. Nicht, daß das unbedingt die besseren Politiker waren – aber ein klein wenig glaubwürdiger war es schon. Was die Causa Guttenberg anzeigt, ist, daß für „Normalität“ kein Bedarf zu bestehen scheint. Unter einem Adligen tut man es nicht mehr. Oder einem FDJ Apparatschik.

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0 Kommentare zu Gedanken eines Idealisten

  1. rauskucker sagt:

    Jupp, Zombies. Roboter nenne ich die. Gecoachte Retortenwesen.

    Aber Filbinger hatte nur ein L.

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  2. opalkatze sagt:

    @rauskucker: Sei nicht so direkt. Wir regeln das intern. :] BTW, Einladung zur Redaktionskonferenz, liebes Pantoufle …
    Wie immer: Ich wünsch, ich könnt so schreiben.

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  3. adi sagt:

    endlich mal deutsch danke

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