Früher war sowieso besser

060216_1»Lina Timm ist Program Manager des Media Lab Bayern, das Innovationen und Startups … […] Ansonsten umarmt sie alles, was Digital ist.«
Und Lina Timm schreibt einen Artikel auf Vocer, auf den die Schrottpresse über BildBlog aufmerksam wurde. Und außerdem fängt man nicht ohne Not einen Satz mit »und« an.

Was schreibt sie denn so, die Lina?

»Solche Menschen leben da draußen. Menschen, die unsere Texte nicht mehr lesen, unsere Filme nicht mehr sehen und unsere Beiträge nicht mehr hören. Wir erreichen sie nicht mehr mit dem, was wir tun. Aber auch das sind unsere Nutzer.«

Man ahnt es: Die unendliche Geschichte des Journalismus im Zeichen des Internets. Überlegungen darüber sind notwendig und es stehen einige einleuchtende Dinge in dem Artikel. Wäre da nur nicht diese Wortwahl…
»Aber auch das sind unsere Nutzer.« Irgend etwas sperrt sich in mir. Nutzer.

»Solche Menschen leben da draußen. Menschen, die unsere Texte nicht mehr lesen, unsere Filme nicht mehr sehen und unsere Beiträge nicht mehr hören.«

Ihr da draußen. Wir hier drinnen. Ein Teil des Problems?

»Journalisten brauchen ein Bewusstsein dafür, dass wir nicht nur schönen Journalismus machen, sondern Produkte. Produkte, die Menschen leicht finden und dann unbedingt haben wollen.«

Wie jeder Klempner nur noch mit Team, nicht aber mehr mit der Rohrzange arbeitet und jeder Gemüsehändler »ganzheitlich« im Wappen führt. Das letzte Wort, was mir beim Thema Journalismus einfällt, ist »Produkt«, geschweige denn eines, was ich zum Preis meines Lebens unbedingt besitzen muß. Egon Kisch, Karl Kraus, Kurt Tucholsky, Woodward und Bernstein… fällt der Groschen? Das sind Namen, keine Produkte.

So geht das munter weiter:

»Startups zum Beispiel, die arbeiten anders. Sie schauen sich den Markt an, die Leute da draußen, und sehen, dass die ein Problem haben. Dann bauen sie eine Lösung für dieses Problem und die wird sich verkaufen.«

Die da draußen sind immer noch draußen und die drinnen eröffnen eine Praxis für Psychiatrie.

»Was hält eigentlich Journalisten davon ab, sich einmal anzuschauen, was die Leute da draußen denn möchten?«

Genau diese Einstellung.
Journalismus als Designer-Boutique. Dann paßt es auch mit denen da draußen, die – und sei es nur aus finanziellen Gründen – draußen sind und bleiben. Um bei den blumigen Vergleichen zu bleiben: Wie wäre es mit einem Kiosk in der Nachbarschaft? Zugegebenermaßen müffelt das verdächtig nach »Blog«, enthält aber auch das wichtige Element der Nähe. Eines, was man unter anderem dem Begriff von Lügenpresse und ähnlichen Absurditäten entgegenstellen kann. Journalismus ist in seiner ursprünglichen Bedeutung die eines Sprachrohres für eine bestimmten Gruppe von Menschen. Nicht, das man ihnen ein Produkt verkauft, sondern ihnen eine Stimme gibt.

Vielleicht unterscheidet sich das fundamental von den leicht wirren Vorstellungen derjenigen, die »irgend was mit Medien« studiert haben.

»Es gab da mal diese Geschichte, diese eine wahnsinnig gut geschriebene Geschichte, über diesen Mann, der im Himalaya … wie, kennen Sie nicht? Die hat doch JEDER …«

Nein, das hat eben nicht jeder! Das ist schon richtig beobachtet. Vielleicht war sie nicht gut geschrieben – auch das wäre eine Möglichkeit. Natürlich muß ein Journalist sein Handwerkszeug beherrschen – damals wie heute – und dazu gehört heute eine ungefähre Vorstellung von HTML und CSS. Aber vor allem muß er eine Geschichte erzählen können. Nicht für die da draußen. Die interessiert nicht die Nabelschau eines von der Wirklichkeit abgekoppelten Medienheiligen. Mehr Stammtisch und weniger Kanzel.

»Aber wenn eines heute dem Journalismus tatsächlich nicht mehr reicht, dann ist es, nur schönen Journalismus zu machen.«

Das hat noch nie gereicht. Erzählt Geschichten! Gute. Und legt Euch mit jemandem an – nicht für jemanden »da draußen«, sondern für diejenigen, die sich damit identifizieren können. Dann steht Ihr in der selben Reihe wie sie. Dazu braucht man kein Startup, sondern Augen und Ohren.

P.S. Ach ja: Und ein wenig Lebenserfahrung. Wegen der Glaubwürdigkeit.

P.P.S.  Horizontaler und vertikaler Journalismus von Kurt Tucholsky. Eine kleine Lehrstunde.

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8 Kommentare zu Früher war sowieso besser

  1. Die Katze aus dem Sack sagt:

    “Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse.”[Pressekodex: Ziffer 1, Satz 1] Hakt es da schon, verliert das Ganze, Schritt für Schritt, auch an notwendiger Glaubwürdigkeit.

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    • pantoufle sagt:

      Tja, Katze. Damit darf man eigentlich gar nicht erst kommen. Wenn man anfängt darüber nachzudenken und sich im selben Augenblick diese Huppselchen vorstellt, die sich vorgenommen haben, den Platz von Tucholsky und Kraus einzunehmen, wird einem übel.

      Menschenwürde. Lange nicht gehört.

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  2. Der Aufstand sagt:

    Bitte Rohrzange schreiben, der Klempner versteht das sonst nicht 🙂

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    • pantoufle sagt:

      Ist verbessert. Vielen Dank! Und in diesem Zusammenhang soll auch noch die tiefe Solidarität von mir gegenüber dem edlen Handwerk des Klempners betont werden.

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  3. pantoufle sagt:

    Juhu!! Hallo!! Ihr da!!

    Welche Wahnsinnigen lesen hier seit ein paar Tagen eigentlich mehr als 300 Artikel der Schrottpresse aus den vergangenen Jahren?
    Ich meine… – nicht, daß mich das nicht freuen und ehren würde, aber so viele?
    Das macht doch keinen Spaß: Das ist Arbeit!

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  4. altautonomer sagt:

    Was die Dame über Startups schreibt, ist ziemlich naiv und stellt die Realität auf dem Kopf. Tatsache ist, dass erst Konsumgüter erfunden, projeziert und produziert werden und dann erst sucht man sich die interessierten Verbraucher (Beispiel: Fitnesstracker, Medikamente für Krankheiten, die es noch nicht gibt, Twentininer- und 27,5 Zoll -Mountainbikes, Thermomix).

    Es ist schließlich der sozialistische Traum, dass das BIP sich ausschließlich an den “wahren” Bedürfnissen der Menschen orientert.

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    • pantoufle sagt:

      …ein Termomix war doch nochmal gleich…?

      Wie dem Twitter-Account der Dame zu entnehmen ist, hat sie gerade ein Startup gemacht [wie sagt man: Ist Teil davon, initiiert es?]
      Die Euphorie ist noch eine Große und der Optimismus überragt natürlich erst mal die eigenen Fähigkeiten. Auch die der Analyse. Daran ist erst einmal nichts Verwerfliches.

      Was mich an Lina interessierte, war der pastorale Ton – noch nicht wirklich im Geschäft, aber bereits das alte Testament verfasst. Wobei der Ton stellenweise unerträglich ist:

      »Ich habe eine Slack Community für digitalen Journalismus gegründet.«
      »Funfact: Neben mir liegt seit 4,5 Stunden ein Croissant.«
      »Dieser magische Anfang neuer Apps. Will it work?«
      »Leute, denkt doch mal user-first.«
      »Das nächste Medien-Startup in Deutschland ist gelauncht! So much Glückwunsch!!«
      »Mein Chef hat das Whiteboard abfotografiert und das Foto in Farbe ausgedruckt. Wir sind so crossmedial.«

      (Beispiele von ihrer Twitter-Präsenz)

      Man sehnt sich danach, die zitierte Himalaya-Geschichte einmal aus ihrer Feder zu lesen. Crossmedial natürlich (mit Bildern) und bei ZEIT.de gelauncht. So much Glückwunsch!

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