Freispruch der Mittelmäßigkeit.

Gibt es dazu noch etwas zu sagen? Wulff, Christian Wulff oder um ganz genau zu sein: Der Ex-Bundespräsident C. Wulff ist vor der 2. großen Strafkammer in Hannover freigesprochen worden.
Man hat ihn von jeglichem Verdacht der Korruption freigesprochen. Mehr noch: Man hat das mit einer seltenen Ausdrücklichkeit festgestellt, verbunden mit einer Ohrfeige für die Ermittler der Staatsanwaltschaft. Diese Ermittler waren mit einem Päckchen kleinkarierter Vorwürfe vor die Schranken des Gerichts gezogen, mit Lappalien wie »gesponsorten« Babysitter-Kosten und einer Hotelübernachtung. Selbst das war nicht beweisbar oder waren es gerade nicht wegen seiner Nichtigkeit.
Nun spricht man von seiner geretteten Ehre.

Ein Missverständnis, wie ich meine. Er wurde vom Vorwurf der Korruption, genauer der Vorteilsnahme und dem Verdacht einer Unrechtsvereinbarung freigesprochen. Das alles wird – davon gehe ich der Einfachheit halber einmal aus – alles nach Recht und Gesetz und ohne Ansehen der Person geschehen sein.
Nur: Das hat mit seiner Ehre erst einmal gar nichts zu tun. Da haben schon ganz andere Leute vor Gericht gestanden, wurden verurteilt und haben vor der Geschichte ihre Ehre niemals verloren. Rosa Luxemburg, Liebknecht, Tucholsky… eine unendliche Abfolge von Namen. Ob sie nun verurteilt wurden oder nicht, spielt in der Nachschau überhaupt keine Rolle.
Es ist ja nicht so, daß Wulff sein Amt verlor, weil er bestechlich ist oder wenigstens den Eindruck hinterließ. Er hatte nur auf eine einfache Frage, nämlich darauf, wie er seine pottenhäßliche Villa bezahlt hatte, falsche, ausweichende oder gar keine Antworten gegeben. Nicht nur auf diese Frage, sondern auch auf die folgenden, die Aufgrund der Stotterei Wulffs sofort im Raum standen. Als der Druck der Öffentlichkeit zu übermächtig wurde, er jedes Wochenende die endgültige, nunmehr finale Erklärung abgab und Wulff – sozusagen als Krönung – der Bildzeitung mit Krieg drohte: Das war der Moment, wo das Parlament in einem Anfall von Verzweiflung seine Immunität aufhob. Erst dann begannen ernstzunehmende Ermittlungen; das Lachen über den tumben Tor hatte schon viel früher begonnen. Das war der Moment, bei dem er seine Ehre verlor. Das ist dieser Moment, wo er die Würde des Amtes mit seiner eigenen verwechselte.

Nun beginnt die Stunde der Staatsanwaltschaft, der Ermittlungen – das Gericht. Die Staatsanwaltschaft ist von der ersten Sekunde an in einer unhaltbar schlechten Position. Sie muß etwas beweisen, was jeder weiß, was jede Minute passiert und was zum grauen Alltag des Geschäfts – und Politikerlebens gehört. Bestechung? Das macht die Mafia oder unerfahrene Lobbyisten. Man besticht nicht – das ist unfein. Man spricht miteinander, sitzt in trauter Runde bei einem Glas Wein, kennt sich aus Schultagen, von einer Filmpremiere, einem Kongreß. In diese Zirkel kommt kein Ermittler, kein Staatsanwalt; nur für Mitglieder.
Da passiert auch nichts direkt rechtswidriges, fließt kein Geld und da werden auch keine Geschäfte gemacht – Mann Gottes: Es ist Feierabend! Und selbst wenn da was »passieren« sollte wird keine Quittung ausgestellt. Für wie blöd hält man diese Menschen?

Christian Wulff wird Bundespräsident. Christian Wulff aus Hannover. Hannover ist die Abkürzung für Klüngel und Kuhhandel. Wenn das jemand Provinz nennt, ist man darauf auch noch stolz – immerhin fiel der Name Hannover! Man hat Strom, fließendes Wasser im Badezimmer und das Vieh parkt nicht mehr in der Garage. Es soll bereits 4-stöckige Häuser geben, die lingua franka der Hanse ist immer mehr ungebräuchlich und es gibt sogar einen Flughafen (bezahlt!)
Der ehemalige Ministerpräsident dieses schönen Landes gerät nun durch Zufall ins Amt des Bundespräsidenten. Nun haben ihn alle haben ihn gern. Sogar noch gerner als den ehemaligen Ministerpräsidenten Niedersachsens. Er bekommt Einladungen zu Partys – zum ersten Mal in seinem Leben nicht wegen seiner Frau, sondern wegen der Würde seines Amtes. Das war sicherlich ein großer Moment. Seine Frau dürfe er auch mitbringen. Er tat es, was sich im Nachherein als schlechte Idee erwies.

Viele neue Gesichter und einige alte. Maschmeyer… nicht daß man mit dieser Bekanntschaft angeben konnte, aber wenigstens mit einem ansehnlichen Weib gesegnet, immer auf der Flucht vor dem Finanzamt, ehemaligen Kunden und  – Überraschung! – aus Hannover! Was so ein Bundespräsident aber auch alles machen muß… Partys, Empfänge, Reden (bei denen im Gegensatz zur Zeit in Niedersachsen sogar jemand zuhört) und all das Zeug, von dem man eigentlich keine Ahnung hat, was sich aber erst einmal großartig anfühlt.
Der kleine, pofelige Provinzpolitiker in der großen, weiten Welt. Kai Diekmann und sein Revolverblatt schreiben jeden Tag einen Artikel über Wulffs Unentbehrlichkeit. Die Welt ist schön!

So! Nun gibt es völlig überraschend Finanzierungs-Erklärungsprobleme mit einer Tupperware von Einfamilienhaus in Hannover Großburgwedel. Nicht nur die Finanzierung dieses Architekturalbtraumes verrät den Provinz-Potentaten: Die halbe Million, die dieser Schinken kostete, wäre schon überbezahlt wenn man statt Tapete Blattgold verwendet hätte. (Lassen wir das, nicht nur ästhetisch ein trauriges Kapitel.) Christian in Erklärungsnot. Finanziert wurde der Sondermüll wie gewöhnlich. Ein wenig von hier, etwas von dem und ein sonniges Gespräch mit dem Filialleiter der Bankniederlassung im Lieblingslokal. Wie man das in Hannover eben so macht und worüber man besser nicht spricht. Nicht illegal, sondern nur provinziell. Die »Umbuchung« beim Urlaubsflug – verdammt noch mal: Wozu bin ich Bundespräsident, wenn das nicht gehen sollte! Außerdem haben sie mich so freundlich gefragt. Auf dem Rummelplatz läßt man mich schließlich auch zwei Runden mehr fahren als das Ticket hergibt; als Ministerpräsident wars nur eine! Ehrlichkeit? Ja: Immer so viel, wie gerade nötig.

Und so geht das wochenlang. Immer diese unangenehmen Fragen. Jetzt nicht mehr im vertraulichen Kreise, wo darüber nicht einmal gelächelt wird, sondern gegenüber der Presse und anderen Medien.
Das Leben ist nicht mehr schön.
Die holde Ehefrau mit dem Tattoo packt unauffällig die Koffer – die Frage, wie lange das mit diesem – nennen wir es mal »einfach gestrickten Mann« – gutgeht, beantwortet sich gerade. Sie wollte einen Swimmingpool, kein Wildwasser-Rafting im Tretboot. Und jetzt droht auch noch die Aufhebung der Immunität… weg mit Schaden und die Veröffentlichung einer Biographie. Wer weiß, wie lange das noch interessiert.

Das ist der Punkt, wo man den ehemaligen Bundespräsidenten vergessen kann. Alles was danach kommt ist nur noch Makulatur. Eine hilflose Staatsanwaltschaft, die vor der Aufgabe steht, etwas nachzuweisen, wo niemals Spuren zurückbleiben. Nicht beim Vorstand der RWE, der sich mit dem angeblichen Konkurrenten beim Essen trifft oder beim Golf. Nicht bei den Vorständen der Deutschen Bank im vertrauten Gespräch mit den Leitern der West-LB. Es gibt keine Korruption: Es gibt geschlossene Gesellschaften. Das ist ein himmelweiter Unterschied.

Man kann Wulff nicht die Vorteilsnahme eines Bobby-Cars nachweisen und nicht eine Hotelübernachtung nach einem Saufgelage. Aber darum geht es auch nicht. Wann er seine Ehre verlor? Weit, weit früher und das hat nichts mit dem voraussehbaren Ende des Prozesses zu tun.

Er war einfach zu mittelmäßig. So macht man das nicht. Wulff will eine Villa? Ja, aber dann bitte eine, bei der die Frage nach dem Preis erst gar nicht aufkommt. First Class bei der Lusthansa? Da nimmt man die Brieftasche und fragt, welche Credit-Cards nicht akzeptiert werden. Kai Diekmann? Ja, dem kann man drohen. Aber erstens nicht am Telephon und zweitens nicht selber. Dafür hat man seine Leute. Das ist ganz einfach. Sehr einfach. »Kai Diekmann war ein deutscher Journalist« steht dann in der Wikipedia.

Mittelmäßig. Die Schuhe, die er anprobierte, erwiesen sich als einige Nummern zu groß.
Was kein Verbrechen ist, wie die 2. großen Strafkammer in Hannover jetzt festgestellt hat. Kein Vergehen, wegen dem man seine Würde verliert. Ein Urteil, das zu erwarten war.

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0 Kommentare zu Freispruch der Mittelmäßigkeit.

  1. Franz B. sagt:

    Fast richtig. Nur gehörte Christian Wulff dem hannoverschen Establishment eben NICHT an. Er hat Zeit seines Lebens Osnabrück nie verlassen. Er war in Hannover eben NICHT vernetzt. Er hat seinen Klinkerbau in der Heimat seiner Frau gebaut, auch nur in der Nähe von Hannover, finanziert von einem Osnabrücker Kumpel. Wäre er in Hannover so erfolgreich eingebunden gewesen wie beispielsweise Gerhard Schröder, wäre es nie zu einer staatsanwaltlichen Ermittlung gekommen.

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    • pantoufle sagt:

      Moin Franz B.

      Ja, da ist was dran. Wenn man aber so einen Text schreibt, muß man auch an diejenigen Leser denken, die in Bayern, Hessen oder Baden-Würtemberg leben. Hannover kennt man vielleicht noch. Aber Osnabrück…? (Hätte ich schreiben sollen: Großburgwedel?)

      Wobei das natürlich nicht gegen Osnabrück gerichtet sein soll, der schönen Stadt mit den vielen Klinkerbauten und mildem Klima.

      Ob Wullfs Karriere allerdings einen anderen Verlauf genommen hätte, wäre er ein namenhafter Teil des Hannoveraner Klüngels gewesen, ist Stoff für einen anderen Artikel. Wenigstens habe ich dabei meine Zweifel: Einen so ungeschickten Umgang mit Medien und der öffentlichen Meinung traue ich Schröder nicht zu. Und ursächlich war es ja genau das, was zu dem Prozeß führte, der versuchte zu beweisen, was nicht zu beweisen ist.

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  2. Joachim sagt:

    Hmm, Hannover? Es wird „deutsch“ gesprochen. Klüngel? Wie in Köln, München, Hamburg oder sonst wo. Wulf? Ein Ministerpräsident, dessen Aussagen irgendwo seinem moralische christlichem Anspruch aus meiner Sicht nie gerecht wurden. Seine Aussagen haben mich meist geärgert. Obwohl, da kam auch: Muslime gehören zu Deutschland. Medizin wirkt manchmal unabhängig vom Gequatsche und hier wirkt sie selbst dann, wenn die Aussage vielleicht andere Hintergründe hatte.

    Wulf? Ein blindes Huhn? Dessen Frau hat doch Google verklagt. Hat sie nun? Oder nicht? Who cares. WTF, wer ist Wulf? Ach ja, ein Beispiel wie Medien Vorverurteilung generieren. Nach dem Motto: nur kräftig ausschlagen, es trifft immer den Richtigen. Logisch, aber nur wenn man annimmt, Macht korrumpiert. Dann aber sollten die Medien die Dinge anders angehen. Dann wären Fakten ausreichend. So war das nur billiges Stammtischgeplänkel. Und Wulf mitten im System. Welche Interessen der Staatsanwalt wohl hatte?

    Um Gerechtigkeit, wir hatten das Thema, ging da gar nichts und geht da gar nichts. Wer ist also nochmal Wulf?

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  3. der Doctor sagt:

    Das Wulff verurteilt wird,hatte ich sowieso nicht erwartet.
    In den meisten Medien und Kommentaren wird jetzt von einem Freispruch erster Klasse und wieder hergestellter Ehre geredet,die Urteilsbegründung spricht jedoch eine andere Sprache.So zweifeln die Richter die Wahrheit der Version Wulffs und Gronevolds durchaus an,sehen jedoch den Vorwurf einer illegalen Vorteilsnahme nicht erwiesen,somit ist es also ein Freispruch aus Mangel an Beweisen,ob eine kleine Sekretärin, die eine zu große Schachtel Pralinen angenommen hat,so davon gekommen wäre,ist eine andere Frage.Ich finde allerdings auch das Argument merkwürdig,das der Richter meint,warum hätte Wulff dies für 770 € tun sollen.Der Kassiererin Emily hat man zugetraut ,wegen 1,30€ ihren Arbeitgeber betrogen zu haben ,und die Beweislage war dort noch dürftiger,dennoch reichte es aus,ihr den Job und damit die Existenz zu nehmen,weil,im Gegensatz zum Strafrecht,das Arbeitsrecht den Grundsatz der Unschuldsvermutung nicht kennt.
    Den Vogel abgeschossen aber,hat die BILD,die den Freispruch mit den Worten feierte :“Jetzt gilt Wulff enrgültig als unbestechlich“ .Abgesehen mal davon,das niemand weiss,und nie wissen wird ,was er sich da wohl noch als niedersächsischer Ministerpräsident geleistet hat,geht es ja nicht allein um den Vorwurf der Vorteilsnahme.Er hat z.B.,das niedersächsische Parlament und die Öffentlichkeit über seinen Kredit getäuscht,und ,während er sich selbst immer als moralische Instanz inszeniert hatte ,als er den eigenen Ansprüchen,die er an andere stellte, selber nicht gerecht wurde ,das Unschuldslamm gespielt.Aber ausgerechnet die selbe BILD,die seinerzeit noch gegen ihn gehetzt hat und massgeblich an seinem Sturz beteiligt war ,aber warscheinlich weniger wegen der Rubikon-Geschichte,die man mit Recht als masslos dämlich,überheblich,bzw.,beides zugleich bezeichnen kann,sondern,weil man auch bei Springer ,die Chance erkannte,den reaktionären Pfaffen aus Rostock zu inthronisieren,der ja von Anfang an Wunschkandidat war, feiert jetzt den Freispruch Wulffs,der ohne sie warscheinlich gar nicht vor Gericht gelandet wäre.So viel Heuchelei auf einen Haufen ist schon einzigartig.

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  4. pantoufle sagt:

    Das Beispiel mit der Kassiererin ist mir noch gar nicht in den Sinn gekommen, ist in diesem Zusammenhang aber äußerst treffend. Strafrecht hin – Arbeitsrecht her: Das nennt man Klassenjustiz. Wat bin ik doch für ne unjebildete Jeck! Das mit der Unschildsvermutung war mir ebenfalls neu, genau wie die fadenscheinige Erklärung, sie würde sich lediglich an die Richter wenden. Sozusagen die Gema-Vermutung im Zivilrecht.
    Na ja, wieder mal was gelernt!

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    • der Doctor sagt:

      Diese Veredachtskündigung ist ein beliebtes Mittel,um renitente Gewerkschafter,Betriebs-und Personalräte heraus zu ekeln.Begründet wird das dann damit,so auch im Fall von Emily ,das die Vertrauensbasis zerstört ist.Es gibt mittlererweile Anwaltskanzleien und Beratungsfirmen ,die darauf spezialisiert sind,Arbeitgeber dahin zu beraten ,wie unbequeme Personalvertreter aus dem Unternehmen kriegen kann.
      Beispiele findest du hier:
      http://arbeitsunrecht.de/

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