Frau Slomka zickt

Das darf sie nicht nur: Sie wird dafür bezahlt. Na ja – vielleicht nicht fürs zicken, aber doch, um unbequeme Fragen zu stellen und sich dabei nicht in die Parade fallen zu lassen. Das sollte Aufgabe der Medien sein, vor allem, wenn sie die Mächtigen vor sich haben, eine Merkel, einen Seehofer oder auch einen Gabriel.

Dieser Aufgabe, intelligente und unbequeme Fragen zu stellen, kommen die Medien in keinster Weise nach.

So, diesen Satz lassen wir mal so stehen und langsam ausrauchen.
Marietta Slomka kam dieser Pflicht insoweit nach, als sie im Interview beim Heute-Jouranl mit Herrn Gabriel wenigstens unbequem war. In wie weit alle ihre Fragen intelligent waren, ist eine andere Sache; sie waren es nicht.

Nun geht das Ding gerade durch die Gazetten, jeder hat wenigstens davon gehört, auch wenn er das Kaspertheater nicht live im Fernsehen sah. Eine Frage, die sich mir bei dem ganzen Rummel um das Interview stellt, ist, warum Sigmar Gabriel? Er gehört doch eigentlich schon zur regierenden Fraktion. Und bei denen buckeln und kratzfüßen die Medien doch normalerweise bis zur Selbstaufgabe. So respektlos geht man normalerweise nur mit Minderheiten wie den Linken oder anderen Gruppierung um. Niemand hat sich darüber aufgeregt, wenn das einem Gregor Gysi oder Sahra Wagenknecht wiederholt passierte.

Das scheint auch dem CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer aufgefallen zu sein: In einem Brief an den ZDF-Intendanten Thomas Bellut unterstellt Seehofer, Marietta Slomka hätte Gabriel wie einen »Schulbub« vorgeführt. Seehofer sitzt im ZDF-Verwaltungsrat – das ist wohl die Ouvertüre zum Köpferollen.
Der Ärger über die zum Teil wirklich etwas unterbelichteten Fragen wird es nicht gewesen sein. Eher die Angst davor, so etwas könnte Schule machen. Was nur, wenn Slomka und all die anderen ihrer Kollegen mit Politkern der Union das selbe machen würden? Unangenehme Fragen stellen und sich nicht einschüchtern lassen? Schließlich ist man nicht deswegen Volksvertreter geworden, um sich vorführen zu lassen, sondern um selber vorzuführen. Seehofers Schuß vor den Bug des Intendanten darf getrost als Warnung an alle Journalisten aufgefasst werden.

Was für eine verpasste Chance: Frau Slomka hätte ohne jede Mühe genügend Fragen zusammenbekommen, um mit Gabriel das Parkett zu feudeln. Warum sie sich so verbissen auf die angeblich grundgesetzwidrige Mitgliederbefragung zur großen Koalition verbissen hat, bleibt ihr Geheimnis. NSA, Vorratsdatenspeicherung, Energiewende, Abgeordnetenbestechung oder Freihandelsabkommen: Da verrostete tonnenweise hochbrisante Munition im Magazin, während Slomka mit der Wasserpistole Dauerfeuer schoß.
Tut mir leid, Frau Slomka: Das war handwerklich lausig gemacht.

Auch Horst Seehofer lehnt sich weit aus dem Fenster. Es ist nicht so, das derlei Fragen verboten wären; auch nicht die Art und Weise, ein Interview zu führen. Seehofers künstliche Aufregung entspricht lediglich der Gewohnheit, von devoten Pressevertretern nicht mit unangenehmen Fragen belästigt zu werden. Der schmeichelnde Hauch der Macht, das unablässige Buckeln der Umwelt, der Blick auf seinesgleichen und nicht auf die Welt. Was schon auf kommunaler Ebene beginnt, erreicht ein Sonnenkönigstum an der Spitze der Pyramide, das einem der wichtigsten Grundsätze der Demokratie diametral entgegensteht:

Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit. Ihre Gründung ist frei. Ihre innere Ordnung muß demokratischen Grundsätzen entsprechen. Sie müssen über die Herkunft und Verwendung ihrer Mittel sowie über ihr Vermögen öffentlich Rechenschaft geben.

Artikel 21 GG 1

Ob und wie sie das machen: Diese Fragen wird man wohl noch stellen dürfen. Auch laut.

Ebenfalls mit diesem Thema hat sich Tante Jay befasst. Wie immer lesenswert.

Nachtrag: ZDF-Intendant Bellut verwahrt sich gegen politsche Einflussnahme.

»Wir sind in unserer journalistischen Arbeit unabhängig, egal wer in Berlin regiert […] Marietta Slomka ist eine hervorragende Journalistin und ein Aushängeschild für das ZDF«

Ok soweit. Zwar ist der Mann dem Vernehmen nach gemäßigt schwarz, hat aber wohl Eier in der Hose.

Dieser Beitrag wurde unter Polemik abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

0 Kommentare zu Frau Slomka zickt

  1. juergengerdom sagt:

    Frau Slomka hat dieselbe (dümmliche) Frage immer wieder gestellt, ohne eine durchaus erfolgte und stimmige Antwort zur Kenntnis zu nehmen. Das ist etwas anderes als bei ausweichenden Antworten auf unangenehme Fragen hartnäckig zu insistieren. Letzteres findet in der Tat in der Hofberichterstattung nicht mehr statt. Ziemt sich nicht.

    0
  2. pantoufle sagt:

    Moin Jürgen

    Ich gestehe, daß ich etwas gespalten bin. Auf der einen Seite das verunglückte Interview, auf der anderen Seite meine Unterstellung, daß sich das Publikum schon selber eine Meinung bilden kann.
    Aber allein die Tatsache, daß man so etwas gleich zum Skandal aufbauscht, ist doch eine Unentspanntheit, die sich z.B. bei Seehofer sofort im Kasernenhofton gegenüber dem ZDF-Intendanten zeigt. Der pinkelt nicht der Slomka ans Bein – Nein: Der rennt gleich zu ihrem Boss! Wie niedrig ist das denn?
    Wie ich schon sagte: Bei Gysi wäre das nicht passiert, da trampeln unsere Politiker sogar noch in der selben Tonart hinterher.

    Wir sind uns aber darin einig, daß das Interview ein blödsinniger Verkehrsunfall war.

    0
  3. der Doctor sagt:

    Bezeichnenderweise interessierte es Slomka aber nicht,das im Koalitionsvertrag ein Fraktionszwang festgeschrieben ist(Koalitionsvertrag S. 184 legt absoluten Fraktionszwang fest)unter eindeutigem Verstoß gegen Art.38 GG(wobei:den können sie ja noch ändern).Warum fragt sie eigentlich nicht danach?
    Dieser peinliche Auftritt ist aber auch Zeichen,daß bei den neoliberalen Meinungsmachern die Nerven blank liegen und sie Angst vor einem Scheitern des Vertrages bei der Abstimmung haben.Somit auch Beleg dafür ,das dieser Koalitionsvertrag doch nicht so “sozialdemokratisch” sein kann ,wie jetzt gern behauptet wird.
    Übrigens ,wann wird eigentlich Merkel mal von Journalisten so hart angefasst?Rhetorische Frage,ich weiss.In dem Fall,gäbe es wohl statt eines bösen Briefes gleich die Kündigung.

    0
  4. pantoufle sagt:

    S.184? Da muß ich doch gleich mal nachsehen. Bei all dem Gefasel ist mit das doch glatt entgangen.

    Natürlich haben die Schiß! Allein das Intro von Gabriel in dem Interview: Es ist alles Friede, Freude, Eierkuchen – man habe gelacht und getanzt. Das war an Peinlichkeit schon schwer zu überbieten.

    0
  5. daMax sagt:

    ich habe ja das Gefühl, dass gerade aus mehreren Rohren in Richtung „jetzt sollen die paar SPD-Mitglieder über die Deutsche Regierung bestimmen dürfen, SO EINE UNGERECHTIGKEIT“ gefeuert wird. Und ich sehe dieses Slomka-Ding eher aus dieser Richtung kommen. Irgendwer ist der Meinung, man müsse die ganze Mitgliederbefragung als „undemokratisch“ (sic!) hinstellen und das ZDF ist an vorderster Front mit dabei.

    0
  6. altautonomer sagt:

    Dass Seehofer und Steinbrück den hartnäckigen journalistischen Frage-Stil von von Frau Slomka kritisieren, sollte stutzig machen. Frau Slomka war immerhin so mutig, in einer karriereschädigenden, an Impertinenz grenzenden Art und Weise gut vorbereitet, den künftigen Vizekanzler mit Fragen zu überrumpeln, auf die er nicht mit den üblichen gestanzeten Argumenten kontern konnte. Schon am Anfang des Interviews gab er inhaltlich keine Antworten, sondern verwies formal immer auf die noch weniger direktdemokratischen Zustimmungsgremien der CDU so nach der Logik „Ich bin zwar dick, aber andere sind noch dicker“!.

    Gabriels persönliche Angriffe auf Slomka wie „Quatsch“, „behandeln mich wie“ und es sei „nicht das erste Mal, dass Sie in Interviews mit Sozialdemokraten nichts anderes versuchen, als uns das Wort im Mund umzudrehen“ will er nun nachträglich nun als „Emotionen“ bagatellisieren.
    Dabei war es köstlich, mitanzusehen, wie sich seine Miene mit der Zeit von einem überheblichen Lächeln mehr und mehr verfinsterte. Leute: Der war richtig angepisst.

    Es ist von Tante Jay entweder vermessen oder naiv, zu erwarten, dass Slomka im Rahmen einer heute-Sendung mit Zwischenschalte zu einer SPD-Regionalkonferenz in Hesse bei Gabriel die Knackpunkte des Koalitionsvertrages abfragt.

    0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *