Fratemitas Sacerdotalis Sancti Pii X

… Und wen der liebe Gott besonders lieb hat, den läßt er hundert Jahre alt werden. Andere werden vom Gott des Abendlandes weniger geliebt; das ist bekannt. Am 24. März 1944 standen in den Ardeantischen Höhlen 335 Menschen vor den Gewehren eines SS-Erschießungskommandos, die in irgend einer Form den Zorn Gottes auf sich gezogen haben müssen. Oder auch nicht: Der Sprachschatz der katholischen Kirche beinhaltet die verschiedensten Spielarten des Wortes „unvermeidlich“.

SS-Obersturmbannführer Herbert Kappler, Kommandeur der Sicherheitspolizei des Sicherheitsdienstes der SS (SD) in Rom stellte die Liste der zu Erschießenden zusammen. Das jüngste Opfer ist 14, das älteste 74. Kappler ist zu dieser Zeit auch der Vorgesetzte von Erich Priebke. Die SS-Offiziere, die das Erschießungskommando befehligen, geben die ersten Schüsse ab. Um als gutes Beispiel voranzugehen, aus Lust am Morden oder weil auch der einfache Soldat eventuell beginnt, am Endsieg zu zweifeln. Man steht ja nicht in Italien zur Sommerfrische, sondern um den gelandeten Amerikanern „hinhaltenden Widerstand“ entgegenzusetzen. Da hilft ein gutes Beispiel.

335 Mordopfer. 33 Opfer forderte ein Anschlag der Partisanen auf ein Polizeiregiment am 23.März 44, darunter zwei unbeteiligte Zivilisten – zehnfach soll die Vergeltung ausfallen. Die Zahl der von der SS Getöteten stimmt nicht. „Leider Gottes, das ist schiefgelaufen“. Das sagt Erich Priebke 69 Jahre später in einem Interview. „Das war ja furchtbar“ […] Leider Gottes sind fünfe zuviel erschossen worden. Deswegen hat man den Kappler verurteilen können. Weil der nicht darauf geachtet hat, daß da fünfe zuviel dabei waren.“ Wegen einem Rechenfehler ist es wohl ein Kriegsverbrechen geworden. Hätte man nur richtig nachgezählt. Das Wort Gott fällt erstaunlich oft.

1948 wird Priebkes Vorgesetzter Kappler von einem italienischen Militärgericht zu lebenslanger Haft verurteilt. Gnadengesuche des deutschen Bundespräsidenten, der Bischofskonferenz und des Rates der evangelischen Kirche bleiben erfolglos. Erst 1977 gelingt dem Mörder die Flucht nach Deutschland, das ihn nicht wieder ausliefert. Ein anderer beteiligter Offizier an dem Massaker, Carl-Theodor Schütz, wird 1950 entnazifiziert und beginnt eine Karriere beim Bundesnachrichtendienst.

Priebke kann nach 20 Monaten Haft fliehen. Der Bischof Alois Hudal verschafft ihm neue Papiere (er nennt sich nun Otto Pape) und versteckt ihn einem Franziskanerkloster. „Ich bin ein gläubiger Christ und in manchen Situationen habe ich gemerkt, daß der Herrgott mir weitergeholfen hat.“ Der Herrgott versorgte ihn mit gefälschten Papieren und einem Schiffs-Ticket nach Argentinien. Als einer unter Tausenden von Nazis lebt Priebke 50 Jahre unbehelligt unter seinem richtigen Namen in Südamerika.

1994 wird er aufgespürt und nach Italien ausgeliefert. Prozess, Befehlsnotstand. Politische Überzeugungen habe er nicht. Aber seinen Herrgott. „Ich bin der Überzeugung, daß der Herrgott, wenn es ihn gibt, jeden Menschen so führt, wie er halt lebt.“

Mit einhundert Jahren auf der Lebensuhr stirbt Priebke. Und auch jetzt lässt ihn der Herrgott nicht im Stich: Es reicht sogar für ein christliches Begräbnis. Wo der Tote schon ein wenig anrüchig ist, ist es die Kirche, welche die Totenfeier ausrichten mag, ebenso. Warum es der faschistoide Haufen der Piusbruderschaft ist, die Priebke nun unbedingt unter die Erde bringen wollten, ist unklar. Ob sich andere Departements der katholischen Kirche weigerten, die Piusbruderschaft besonders preisgünstig war…? Die Kirche der Holocaus-Leugner, Homo- und Islamophoben, deren Ziel die Gründung eines katholischen Gottesstaates ist, jedenfalls hat noch Platz auf dem Gotteacker. Sanft geborgen in den Armen einer fürsorglichen Kirche, die schon Augusto Pinochet eine vorbildliche Herrschaft bescheinigte, die beste Beziehungen zu den Kreisen um Jean-Marie Le Pen pflegt.

Für einige Politiker und den Politikwissenschaftler Langguth ist der Verein ein Fall für den Verfassungsschutz (was in Anbetracht des desolaten Zustandes auch dieser Vereinigung als nutzlose Metapher betrachtet werden muß).

Rattenlinie: So nannte der amerikanische Geheimdienst und Militärkreise die katholische Fluchtorganisation, zu der auch besagter österreichische Bischof Alois Hudal gehörte. Man besorgte falsche Papiere, zum Teil sogar solche, die die Träger als Überlebende von Konzentrationslagern auswies. Verschaffte Passagen nach Argentinien, Spanien, jedem Land, das bereitwillig Naziverbrecher aufnahm. Die Liste der Geflüchteten ist lang und prominent: Unter anderem verhalf diese Organisation Klaus Barbie, Adolf Eichmann, Josef Mengele, Erich Priebke, Gustav Wagner und Franz Stangl zur Flucht.

Die Piusbruderschaft sorgt sich  70 Jahre nach dem Jahrhundertverbrechen rührend um die verlorenen Schäflein. Bleibt man in der Syntax, böte sich „Rattenentsorgung“ an. Eine eigenartige Kontinuität.

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0 Kommentare zu Fratemitas Sacerdotalis Sancti Pii X

  1. Ich finde ja immer, dass man den armen Ratten, die hoch entwickelte, intelligente, soziale und verträgliche Wesen sind, mit so einem Vergleich sehr, sehr übel tut …

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  2. pantoufle sagt:

    Das allerdings ist vollkommen richtig! Unverzeihlich, altes Nazi-Gesocks mit dieser wunderbaren Spezies in Verbindung bringe. An dieser Stelle meine aufrichtige Entschuldigung.

    Beim Anfang von Klaus Mann habe ich schön weit danebengelegen – dieses mit jeder Zeile zu gefallen am Anfang: Das ist der Höfgen selber… unerträglich zu lesen, aber das soll so. Im Übrigen geht das runter wie englischer Tee. In den Pausen bei der Arbeit „Jakob, der Lügner“ – abends im Hotel „Mephisto“. Auf meinem Nachttisch… Lust zu schreiben habe ich immer noch nicht so richtig. DIe Arbeit verblödet ein wenig.Immer, wenn das Hirn gerade wieder frei wird, muß ich auch schon los
    Hoffentlich ist dieser Unsinn bald vorbei 🙂

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  3. piet sagt:

    Die „Wieauchimmer“-Linie war ja mal ein Joint Venture von Vatikan u. Amigeheimdienst (hieß der früher Osd ? Weiß grad nicht ). Die haben für die Bastarde ja noch eine Anschlußverwendung im kalten Krieg gehabt, gerade in Lateinamerika, der gar nicht so kalt war. Nochmal schön dokumentiert hier, keine Ahnung, wie lang Arte das online läßt : http://www.arte.tv/guide/de/048058-000/dienstbereit

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