Fragen eines Republikaners

Steve Stockman kommt aus Texas und ist republikanischer Kongress-Abgeordneter. Stockmann ist einer derjenigen, die über die Bestätigung des Kriegskurses Präsident Obamas zu entscheiden haben, eine Entscheidung des Kongresses, die bekanntlich bislang aussteht.
Stockmann macht nun sein »Ja« zum Krieg von der Beantwortung von elf Fragen abhängig – sollte der Präsident sie wahrheitsgemäß beantworten, würde Stockmann den Plänen zustimmen. Ein Fall, der, liest man die Fragen, äußert unwahrscheinlich erscheint. Nun hat dieser konservative Abgeordnete vielleicht Humor: Es ist aber auch eine kleine Seelenschau dessen, was dieses Land im Moment bewegt. Allein aus dieser Sicht betrachtet, durchaus der Lektüre wert.

1) After your intervention in NATO, Libya has become a practically failed state and four Americans were murdered by terrorists, which you refuse to fully investigate. What will be done in Syria to prevent a repeat of your failures in Libya?

Immerhin der Ansatz eines Geständnisses: Der Beginn einer langen Liste vom Scheitern militärischer Interventionen, politischer Fehleinschätzungen und Verbrechen gegen den Frieden in der Welt. Ein Anfang immerhin.

2) Why was Egypt, the largest Muslim nation in the Middle East, not asked to participate in the Syrian process or even consulted on the matter?

Gute Frage! Wahrscheinlich fand sich wieder einmal niemand, der der jeweiligen Landessprache mächtig war. Oder wußte wo Ägypten liegt. Außerdem: Warum jemanden fragen, der sich damit auskennt? Immerhin ist man Amerikaner!

3) What assurances do you have that Syria’s chemical weapons will be secured, other than trusting Bashar al-Assad, Vladimir Putin and the competence of the United Nations?

Sicherheiten? Welche Sicherheiten?

4) Should your strikes result in the likely outcome of toppling Assad, who will seize control of Syria?

Vergleiche dazu: Carl v. Clausewitz »vom Kriege«. Zitat: »Mögliche Folgen und Kalkulationen (z.B. die Aussicht auf Frieden und eine Zeit nach dem Krieg) dürfen keinen Einfluss auf die Handlungen der Parteien haben – in Wirklichkeit sind sie aber immer vorauszusetzen.«

5) Should Assad fall NATO cannot guarantee that control of Syria will not fall to al-Qaeda and affiliated extremists. Do you know something they don’t?

Jetzt könnte man wieder Clausewitz zitieren – seitenweise. Oder sich Afghanistan ansehen. Das geht schneller.

6) Are you willing to return your Nobel Peace Prize?

Tja… Buchstabiere: »Inflationär«.

7) NATO tells me any military strike on Syria will succeed only if every factor goes according to plan, which never happens in military strikes. Are you willing to risk our troops and national security on this?

Eine Frage, die man niemals einem Oberbefehlshaber stellen darf. Das wäre das Ende aller Kriege.

8) Can you guarantee with absolute certitude that no ground troops whatsoever would be needed to secure chemical weapons, battle extremists now in control of Syria or rescue hostages or captured soldiers or airmen?

Das beißt sich etwas mit Frage sieben oder ist der ungeschickte Versuch einer Stolperfalle. Natürlich werden zu irgend einem Zeitpunkt Bodentruppen Syrien betreten. Was dachten Sie denn, Mr. Stockman?

9) If the aim of military strikes is to eliminate chemical weapons capabilities without costing Assad his capability to stay in power, can you guarantee with absolute certitude that will happen?

Das brauch man wohl kaum zu kommentieren.

10) Given the fact you have already told Assad where you will strike and given him ample time to organize human shields, are you prepared to deal with the fact Assad may sacrifice women and children to inflame tensions against the U.S.?

Dazu später.

11) We are now receiving almost-daily reports of anti-Assad militants attacking Christian churches, burning Christian villages and killing Syrian Christians. Why should the United States assist these criminals against humanity?

Diese Frage klingt aus Munde eines US-Amerikaners etwas seltsam (wenn im ersten Augenblick auch verständlich). Sie ist es aber nicht: Seit wann kümmert man sich um gut und böse? Welche Verbrecher man mit welchen Mitteln an die Macht gebracht hat… Stockman sollte da vorsichtiger sein – die Frage könnte schnell auf ihn und die Geschichte der USA zurückfallen.

Menschliche Schutzschilde, vergaste Kinder, unschuldige Zivilisten: Bullshit-Bingo auf dem Rücken der Opfer. Die USA haben sich dem Verbot von Streubomben nicht angeschlossen; was von den »Präzisionsschlägen« ihrer Bomber zu halten ist, hat sich nicht nur in Bagdad gezeigt: Kollateralschäden als integraler Bestandteil der Kriegsführung. Ob man Zivilisten um die Chemiewaffenlager stellt oder sie sich in den Häusern verstecken – die Bomben werden sie zu finden wissen.

So klingt es, wenn man der eigenen Kriegspropaganda zum Opfer gefallen ist oder nennt man das Diplomatie?
Es ist eine brutale Illusion anzunehmen, der Krieg in Syrien würde auch nur um einen Hauch anders ablaufen als in irgend einer Region, in der die USA ihre Hegemonie in Gefahr sahen. Die elf Fragen Stockmans könnten als Indiz über die Fadenscheinigkeit der üblichen Kriegsrhetorik betrachtet werden. Allein: Sie sind es nicht. Sie stellen nicht den Krieg infrage, sondern dienen zur Demontage eines Präsidenten. Die Liste wäre zu erweitern, mehr Fragen, auf die es schon lange keine vernünftigen Antworten mehr gibt.

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0 Kommentare zu Fragen eines Republikaners

  1. Tante Jay sagt:

    Gut zusammengefasst. Und leider treffendes Fazit.

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  2. Pingback: Updates | Tante Jays Café

  3. Heph sagt:

    zu 11tens: Und sowieso nur Christen sind Menschen! -.-

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    • pantoufle sagt:

      Unter dem Aspekt, daß alle Menschen Brüder seien, gibt es eine etwas ältere Antwort auf Deine Frage:
      Und JeHWH sprach zu Kain: „Wo ist dein Bruder Habel? Und er sprach: „Ich weiß nicht. Bin ich’s, der meinen Bruder bewahrt?“

      Und Kain sprach zu JeHWH: „Zu groß, um es zu tragen, ist mein Unheil. Da, du vertreibst mich heute von der Fläche der Ackererde und vor deinem Gesicht werde ich mich verbergen, und ich werde ein Streuner und Stromer sein im Land, und es wird sein: Allwer mich findet, wird mich umbringen.“

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