Flötenspiele

»Nein Papi: Es gibt keine Blockflöten! Bestimmt nicht! Schwöreschwöre bei allem was mir heilig ist!« Was ist Tochter 2 heilig?

Das Kapitel Realschule geht zu Ende, das des erweiterten Realabschlusses beginnt. Und es gibt tatsächlich keine Blockflöten. Dafür hängen große, frischgeschlachtete Schweinehälften vor den Hochtönern der Lautsprecher, über die das zweistündige Programm an den Endabnehmer gebracht werden soll. Das Sprechermikrophon am Bühnenrand ist sorgfältig auf die kleinste vorkommende Sprecherin (ca. 1,35m) eingestellt. Unzählige gelangweilte Lehrkörper haben es vollgerotzt, der Schaumstoff-Filter wabert als Gußmasse vor dem Korb – hier dringt kein Laut oberhalb von 1kHz mehr an die Membran. Manisch engagierte Schüler haben an den Knöpfen des dazugehörigen Pultes solange gedreht, bis sich irgend ein Signal fühlbar oberhalb des Rauschens abzeichnete. Bedauernswerte Generation MP3!

Zur Einstimmung ein Musik-Vortrag der Brut. Es ist zum…

»Ein wichtiger Lebensabschnitt dieser Erbarmungswürdigen geht nun seinem Ende entgegen!« Nur noch zwei Dutzend Reden und es ist vollbracht. Dazwischen ein Diavortrag und musikalische Darbietungen. Pantoufle freut sich besonders auf die Bilderschau. Da gibt es bestimmt total lustige Bilder von der letzten Klassenfahrt – aus dem iPhone direkt auf die hakende und wackelige Leinwand.
»An dieser Stelle begrüße ich die stellvertretende Bürgermeisterin, die Leiterin der Stadtsparkasse mit ihrem greinenden Baby, den…«. Das Stimmchen wispert leise. Nicht nur der viel zu große Abstand, sondern auch der Blätterwald der zu haltenden Rede vor ihrer Brust machen das Mikrophon zu Makulatur.

Gelegentlich ertappt man sich dabei, Nachrichten danach zu sortieren, ob man von den Folgen des darin versprochenen Fortschritts noch selber betroffen ist. »Bis 2040 ein Verbot diesel- und benzinbetriebener Fahrzeuge!« Dem Himmel sei Dank, daß ich das nicht mehr erleben muß. Rückwärtsgewandt, reaktionär? Ja, vermutlich. Keine Autoschrauber mehr im Hinterhof, keine Schrottplätze, auf denen man sich dringend benötigte Ersatzteile besorgen kann, keine Notreparatur mit Draht, Schraubenzieher und Iso-Band auf einer verregneten Raststätte. Zum Ausgleich ruft das defekte Fahrzeug selber bei der nächsten Werkstatt an und beschreibt, woran es leidet. Und wo es steht, warum der Besitzer zu schnell fuhr und den Inhalt seines letzten Telephongesprächs. Kein gebrauchter Golf III für 500€ (oder wie die Einheit dann heißen wird), den man mit List und Tücke doch noch mal durch den TÜV bekommt. Eine Rücksitzbank zum Knutschen und fummeln – es soll ausdrücklich niemand wissen, wo das passierte.
Ja, ihr Kinderlein da vorne in Euren zu kurzen Konfirmandenanzügen, den viel zu hohen Absätzen und den dazu passenden gequälten Gesichtern. Ihr werdet Euch schon daran gewöhnen; auch die Absätze. Machtlose Wischgesten, wenn der Kühlschrank oder die Waschmaschine streikt; die Kneifzange ist das Werkzeug einer unterprivilegierten Schicht .

»… und mein besonderer Dank gilt an dieser Stelle…« der beinahe kompletten Bewohnerschaft des kleinen Städtchens, alle namentlich erwähnt. Das Papier für diese endlose, einschläfernde Liste wurde gespendet von der Fahrschule Ottmarsch – Fahren lernen in 18 Tagen! Bis auf weiteres mit diesel- und benzingetriebenen Fahrzeugen.

Was zum Teufel treiben die da eigentlich auf der Bühne? Sind das Schüler eines Musikunterrichts, die dort unbegabt Karaoke betreiben? Das Playback kommt vom Band – Verzeihung: iPhone – und von den Background-Vocals ist noch genug zu hören, daß die da vorne nicht allzu falsch einsetzen können. Na ja: Man soll nicht undankbar sein. Keine Geige oder Blockflöte foltert. Leistungskurs Geige: Das Instrument mußte zwecks Übungen mit nach Hause genommen werden. In Werks-Stimmung! Wie sich nach nur kurzer Zeit herausstellte, fiedelte man im Unterricht zwar klassisches Rohmaterial, vergaß aber den Knechten der Klassik das Stimmen der Instrumente beizubringen. Kein Witz! Gymnasium nennt sich das (das war eine andere Tochter).
Ungestimmt oder kaputt, weil sich wieder mal jemand auf die Fiedel gesetzt hatte. Warum liegt die auch verborgen unter einer Decke auf dem Sofa?
Was singen die da vorne? Irgend etwas mit Freude, Spaß und wirklich fetzigen Sachen. Der Chor der Verdammten spult das Stück ab, als würden sie anschließend aufs Rad geflochten. Dann doch lieber noch eine Rede. Oder ein Bier.
»Ein wichtiger Lebensabschnitt dieser Erbarmungswürdigen geht nun seinem Ende entgegen!« Die selbe Rede nochmal? Oder teilt man sich das Manuskript? Zeit zum vorsichhindämmern.

Wer türkischer Staatspräsident werden will, muß wenigstens 40 Jahre alt sein und mindestens 4 Jahre mit Abschluß studiert haben. Erdogan ist über 40 und sein Abschluß ist sogar noch ein Jahr älter als die Universität, die er zwei Jahre lang besucht haben will. Macht nichts: Dann wird dieser nebensächlich Passus eben aus der türkischen Verfassung gestrichen. Zukünftig muß man nur noch am 26.2.1954 geboren sein und irgend eine Schule besucht haben.
Abschlußzeugnis? Womit die da vorne sich wohl beschäftigen werden? Das Wesen in dem unpassend kurzen Kleid und den hohen Schuhen: »Ich schmeiß alles hin und werde Prinzessin!« Die Karikatur eines Bank-Angestellten in seinem sowohl geschmacklosen wie engem Anzug – eine Lehre bei der örtlichen Nord-LB? Moralisch durchaus vergleichbar mit dem türkischen Präsidenten. Nur nicht so laut, aber genau so systemrelevant.
»Junger Mann: Ihr Notendurchschnitt reicht nicht für eine Karriere irgend einer unteren Laufbahn – kommen Sie zu uns, wir produzieren Sicherheit! Gerade im Moment haben wir eine vielversprechende Osterweiterung der Nato im Sonderangebot.«

Oder irgendwas mit Medien. Am besten Internet-Neuland. Als Selbstständiger natürlich und mit ins groteske gepimpten Lebensläufen. Pickelige 22jährige mit einer Vita wie Otto von Bismarck, die nicht der Dümmste glaubt. Instantfutter für den Arbeitsmarkt und für 4,75€ pro Stunde vor Steuern. Verhandlungsbasis der selbsternannten Kreativen.
Einzelhandelskaufmann – eine spannende Ausbildung bei Netto. Auch der Niedrigstlohnsektor ist mittlerweile ein Ausbildungsberuf. Mit viel Glück den väterlichen Betrieb erben. Fenster und Türen aus Polen mit einer Klinikpackung Bauschaum bis zur Bahre. Oder zum Verbot von Bauschaum; rettet das Weltklima.
Ihr tut mir leid. Jetzt schon und alle die Ihr da steht.

Jetzt aber darf ich mir selbst wieder leid tun – die nächste Musikaliennummer steht auf dem Programm. Wann kommt endlich die Diaschau? Ich liebe kaputte Dinge, für die ich keinerlei Verantwortung trage. So einen richtig alten Schul-Diaprojektor mit einer blitzeneuen Halogenlampe, die ca. 250° wärmer ist als die Originalbestückung. Rauchwolken will ich sehen, den Physiklehrer am funktionslosen Feuerlöscher und die schwitzende Direkteuse, die den Weg zum verschlossenen Notausgang erklärt. Wer hat den Schlüssel? Erste Flammen haben bereits den Tisch mit den Zeugnissen erreicht. Die zwei Klassenclowns schieben unauffällig ihre Einwegfeuerzeuge zwischen die kokelnden Blätter. Draußen beginnt es aus Kübeln zu regnen, als endlich der Schlüssel gefunden wird. »Wir müssen Sie bitten, das Gebäude bis zum Ende der Löscharbeiten zu verlassen!«
»Also ich geh keinesfalls raus!« Die entsetzlich dicke Frau und ihr Nachmittag beim Friseur – hinausgeschmissenes Geld, wenn das jetzt alles verkohlt. Abgang unter sanftem Drängeln.
»Ein Königreich für einen Schirm!« Die abgehärtete Sportlehrerin verteilt selbstgebackene Zimtschnecken und Käsestücke, ihre zurechnungsfähigsten Schüler Sektgläser. Blitz und Donner folgen nunmehr eine Sekunde aufeinander. Frau Malmström, Religion und Physik in den sechsten Klassen, erklärt die Erscheinung, während das Gebäck unter dem Wasserfall seinen Aggregatzustand wechselt. Für dieses Phänomen übernimmt Herr Chemie aus der 9b.
Der Vater von »Brand-Dennis« hebt den Finger: »Frau Malmström! Ich muß mal…«.
Das nachdrückliche »wuffff!« sollte das erste der Feuerzeuge gewesen sein.
»Jetzt leider nicht! Können Sie noch einen Moment aushalten?«

Endlich wieder eine Rede. Es wird mit jeder künstlerischen Darstellung schwieriger sich abzulenken ohne laut loszulachen.

Um die Suchmaschine Google zu betreiben verwendet man Strom aus Kohlekraftwerken. Das ist bemerkenswert. Nicht nur dann, wenn man ein Faible für Steampunk hat. Wie lange würde die allgemeine Abneigung gegen den Tagebau Garzweiler wohl halten, wenn Google und Wikipedia nicht mehr funktionieren? »Mein Internet ist kaputt«. Selbst in diesem heiligen Moment der Abschlußzeugnisverteilung huschen ein paar von ihnen mit patentierten Gesten über ihre Smartphones. Smartphone: Die heimliche Rückkehr des »ph« anstelle von »f«. »Bin jetzt gleich fertig!« auf Twitter oder Facebook. Jemand mag das und wieder hat sich ein Brikett in Rauch aufgelöst. Ich muß endlich aufhören, mir vorzustellen, wie man das hier alles abfackeln könnte.

In dem Film »Er ist wieder da« macht Adolf Hitler eine bemerkenswert genaue Analyse über den von Ehrgeiz besoffenen Möchtegern-Intendanten Sensenbrink:
»Gestalten wie diesen Sensenbrink kenne ich zur Genüge. Sensenbrink hofft, er wäre ein Erfolgsmensch. Doch er ist nur ein Erfolgsbegleiter. Und weil er das ahnt, fürchtet er den Augenblick, in dem deutlich wird, daß der Erfolg nicht nur nicht der seine ist, sondern nicht einmal von seiner Begleitung abhängt.«
Da laufen seit Anfang der Veranstaltung zwei Figuren von Schülern umher, die für genau diese Rolle prädestiniert erscheinen. Warum glaube ich das zu beobachten? Und hoffentlich bin ich der Einzige, der das so sieht. Nicht auszudenken, wenn… Das erste Bewerbungsgespräch wird kommen, unausweichlich. Gesucht: Der laute Schleimscheißer, dessen Instinkte, dessen Gene genau wissen, wann es gilt sich zu ducken. Heinrich Manns Diederich Heßling in zeitgemäßer Verpackung. Heßling aber hatte wenigstens noch an etwas geglaubt und wenn es noch so erbärmlich war.

…uuuund noch eine Gesangsdarbietung! Die letzte, wenn man dem gelb kopierten Programmzettel trauen darf. Dafür war also das Kopiergeld! Ein Hochrechnung von mir vor ein paar Jahren ergab einen Betrag, nach dem man in jedem Klassenzimmer einen eigenen Laserdrucker hätte aufstellen können. Die zighunderte von Euros, die eine dieser lächerlichen Klassenfahrten kostete, können nicht von allen Eltern gestemmt werden. Willkommen im 21. Jahrhundert: Sie nannten es Reform nach einer Agenda. Man kann einen Antrag einreichen und um eine Unterstützung bitten. Offenbarungseide. Ich kenne Eltern, die sich eher kollektiv mit Kind in der Garage mit laufendem Motor vergiftet hätten, als auch nur eine Silbe gegenüber dem Lehrkörper…

Nun hat auch das Töchterchen endlich den Laufzettel für den »Erweiterten« bekommen und als Trost gibt es Sekt, Zimtschnecken und Käsestückchen. Weil es leider nicht gebrannt hat. Und auch der Notausgang wurde geöffnet. Für die Raucher. Ein kleines Stück Restverstand.

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12 Kommentare zu Flötenspiele

  1. Stony sagt:

    Was mag wohl schlimmer sein für die lieben Kleinen: wenn sie ihre Altvorderen zu solch erbarmenswürdigen Ereignissen einladen (müssen), diese dort auftauchen oder dem Spektakel fernbleiben?
    Als -kindloser- Empathiekrüppel vermute ich ja, daß Du, Pantoufle, nur dazu überredet wurdest, damit dieser Text entstehen konnte.
    Meinen Dank also (auch) an Tochter 2.

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    • pantoufle sagt:

      Eine bange Frage, die sich meine Kinder sicherlich immer wieder stellen. Sohn 1 bezweifelte neulich genau das – nämlich meine Anwesenheit bei seiner eigenen Verabschiedung. Wunsch als Vater des Gedankens; statt dessen der eigene Vater. Interessanterweise äußerte er jenes Mißtrauen genau auf dieser beschriebenen Veranstaltung. e
      Empathielos… das wünsche ich mir auch gelegentlich. Auf der anderen Seite: Ein unerschöpfliche Quelle an Geschichten und die Erkenntnis, daß unsere eigenen Ideen ohne den Widerpart der unserer Kinder vollkommen nutzlos sind.

      Ich werde den Gruß weitergeben

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  2. Fluchtwagenfahrer sagt:

    Moin Pantoufle,
    zu deiner Einlassung :
    »Junger Mann: Ihr Notendurchschnitt reicht nicht für eine Karriere irgend einer unteren Laufbahn – kommen Sie zu uns, wir produzieren Sicherheit! Gerade im Moment haben wir eine vielversprechende Osterweiterung der Nato im Sonderangebot.«
    Diese Angebot richtet sich auch an junge Mädchen/Frauen!!!!
    Also seid gewarnt, wenn ich eine(n) von euch hier erwische wird der Spieß von Neptun in eurem Poppo eure geringste Sorge sein. Macht was vernünftiges.
    LG

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    • pantoufle sagt:

      Gerade hat mir meine Frau erklärt, was ein Termomix ist! Meine Leser sind sich ja zu fein dazu und lassen mich lieber verblödet sterben. Wer war das neulich? Der Altautonome, glaub ich.

      Was wollte ich sagen? Ach Ja: Männlein/Weiblein! Das ist doch echte Emanzipation, wenn die jetzt auch Leute abknallen dürfen. Ganz nebenbei: Der durchaus geschätzte Thomas Wiegold von »Augen Geradeaus« überhört ja gelegentlich auch einen oder mehrere Schüsse. »Prominente SPD-Politiker stellen sich gegen NATO-Verhalten gegenüber Russland.« Außenminister Frank-Walter Steinmeier zum Beispiel. Der findet, daß der 75. Jahrestag des deutschen Einmarsches in Russland ein schlecht gewähltes Datum für ein Manöver vor der Haustür Putins wäre. Was fällt dem bloß ein? Der scheint doch tatsächlich dem Irrglauben verfallen zu sein, die NATO unterstände irgend einer politischen Kontrolle!

      Man sollte es nicht für möglich halten.

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  3. lattjamilln sagt:

    Grandios beobachtet.

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    • pantoufle sagt:

      Dein Lob freut mich besonders! So differenziert. Ich liebe es geliebt zu werden.

      Ach miiiie! Das war jetzt echt gemein! Aber ich lasse es jetzt mal so stehen, damit alle sehen, wie mies ich wirklich bin.

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  4. da)v(ax sagt:

    🙂 gemein, aber unterhaltsam. Aber gemein.

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  5. Publicviewer sagt:

    Ich weiß jetzt auch wiedermal wie das ist, wenn der Regen auf das Visier klatscht.
    Meine Endurowoche im Elsass hatte außer 2 Platten lediglich zur folge, das ich meine DRZ schon nach 2 Minuten nicht mehr erkennnen konnte und das die ganze Woche auch so weiterging… 🙁
    ….und mein Golf III hat eben genau so viel auch gekostet…

    Gruß

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  6. Tochter 1 sagt:

    Entschuldige mal… Dafür, dass du so leidgeplagt warst, bist du überraschend schnell eingeschlafen. Ich weiß ja nicht ob das zum Verarbeitungsprozess gehört.
    Die Diashow hast du auch verschlafen! Nicht, das man etwas gesehen hätte, aber deine im Bericht beschriebenen Flammen hätten die unterbelichteten Bilder mit grotesk verzogenen Fratzen vielleicht deutlicher erscheinen lassen.

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    • pantoufle sagt:

      Ich soll was??? Da wird ja wohl die Katze in der Pfanne verrückt! Außerdem konnte ich während Diaschau nicht schlafen, weil da immer dieses gequälte Lachen der Eltern war, wenn zufällig die eigene Brut auf der gelblichen Leinwand dunkel erschien.
      Ganz davon abgesehen werde ich ja wohl kein Nickerchen machen, wenn Tochter 2 endlich ihren wohlverdienten Abschluß bekommt – trotz Mathe.

      Aber während Ihr Euch in dieser endlos langen Zeit – nur um das mal festzuhalten – zu Tode gelangweilt habt, träumt ich mir die Veranstaltung, wie sie richtig lustig und fetzig hätte sein können.
      Schlafen! Ich!

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