Evangelii Gaudium

Daß die Schrottpresse sich genötigt fühlt, über die katholische Kirche zu schreiben, ist immer dann der Fall gewesen, wenn sich diese Institution zum wiederholten Male mit Schwung in die Nesseln setzte. Nicht jedesmal muß man sich dazu äußern – ich verstehe mich nicht als antiklerikales Kampfblatt; dazu gebricht es an Wissen und Willen, aber gelegentlich gehen einem doch die Pferde durch.
Nun gibt es seit einiger Zeit einen neuen Papst: Franziskus, ein Argentinier mit dem bürgerlichen Namen Jorge Mario Bergoglio. Dieser Mann hat nun verhältnismäßig kurz nach seinem Amtsantritt im März 2013 gestern eine Denkschrift herausgegeben, im katholischen Sprachgebrauch ein apostolisches Schreiben, das man hier (in deutscher Sprache) herunterladen kann.

Das Schreiben ist in einigen Teilen atemberaubend, es lohnt die Lektüre.
War die Kritik an den kapitalistischen Verhältnissen dieser Kirche in der Vergangenheit im allerbesten Fall leise verhalten, so fällt hier Franziskus Kritik aus wie vergleichsweise das kommunistische Manifest. Im Kapitel »Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung« heißt es unter anderem:

53.Ebenso wie das Gebot „du sollst nicht töten“ eine deutliche Grenze setzt, um den Wert des menschlichen Lebens zu sichern, müssen wir heute ein „Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung und der Disparität der Einkommen“ sagen. Diese Wirtschaft tötet. Es ist unglaublich, dass es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der Straße zu leben, erfriert, während eine Baisse um zwei Punkte in der Börse Schlagzeilen macht. Das ist Ausschließung. Es ist nicht mehr zu tolerieren, dass Nahrungsmittel weggeworfen werden, während es Menschen gibt, die Hunger leiden. Das ist soziale Ungleichheit. Heute spielt sich alles nach den Kriterien der Konkurrenzfähigkeit und nach dem Gesetz des Stärkeren ab, wo der Mächtigere den Schwächeren zunichte macht. Als Folge dieser Situation sehen sich große Massen der Bevölkerung ausgeschlossen und an den Rand gedrängt: ohne Arbeit, ohne Aussichten, ohne Ausweg. Der Mensch an sich wird wie ein Konsumgut betrachtet, das man gebrauchen und dann wegwerfen kann. Wir haben die „Wegwerfkultur“ eingeführt, die sogar gefördert wird. Es geht nicht mehr einfach um das Phänomen der Ausbeutung und der Unterdrückung, sondern um etwas Neues: Mit der Ausschließung ist die Zugehörigkeit zu der Gesellschaft, in der man lebt, an ihrer Wurzel getroffen, denn durch sie befindet man sich nicht in der Unterschicht, am Rande oder gehört zu den Machtlosen, sondern man steht draußen. Die Ausgeschlossenen sind nicht „Ausgebeutete“, sondern Müll, „Abfall“.

Na, wer hat aufgepasst? Franziskus setzt das Gebot »Du sollst nicht töten« in die selbe Position wie »dieses Wirtschaftssystem tötet«. Bemerkenswert. Gebot 5.5. (BTW: Warum kommt dieses Gebot eigentlich erst auf Platz 5?) Und des Weiteren im nächsten Absatz:

»54. In diesem Zusammenhang verteidigen einige noch die „Überlauf“-Theorien (trickle-down Theorie), die davon ausgehen, dass jedes vom freien Markt begünstigte Wirtschaftswachstum von sich aus eine größere Gleichheit und soziale Einbindung in der Welt hervorzurufen vermag. Diese Ansicht, die nie von den Fakten bestätigt wurde, drückt ein undifferenziertes, naives Vertrauen auf die Güte derer aus, die die wirtschaftliche Macht in Händen halten, wie auch auf die vergötterten Mechanismen des herrschenden Wirtschaftssystems. Inzwischen warten die Ausgeschlossenen weiter. Um einen Lebensstil vertreten zu können, der die anderen ausschließt, oder um sich für dieses egoistische Ideal begeistern zu können, hat sich eine Globalisierung der Gleichgültigkeit entwickelt. Fast ohne es zu merken, werden wir unfähig, Mitleid zu empfinden gegenüber dem schmerzvollen Aufschrei der anderen, wir weinen nicht mehr angesichts des Dramas der anderen, noch sind wir daran interessiert, uns um sie zu kümmern, als sei all das eine uns fern liegende Verantwortung, die uns nichts angeht. Die Kultur des Wohlstands betäubt uns, und wir verlieren die Ruhe, wenn der Markt etwas anbietet, was wir noch nicht gekauft haben, während alle diese wegen fehlender Möglichkeiten unterdrückten Leben uns wie ein bloßes Schauspiel erscheinen, das uns in keiner Weise erschüttert.«

Das könnte ohne Streichungen ebensogut aus dem Parteiprogramm der Linken kommen – bedauerlicherweise hat das Wort eines Papstes ein größeres Gewicht als das Sahra Wagenknechts. Der Kernsatz dieses Teils seiner Schrift lautet: Diese Wirtschaft tötet. Wäre es nur dieser Satz – das Schriftstück hätte seinen Sinn erfüllt. Auch die Variation der Aussage John Maynard Keynes »Der Kapitalismus basiert auf der merkwürdigen Überzeugung, dass widerwärtige Menschen aus widerwärtigen Motiven irgendwie für das allgemeine Wohl sorgen werden.« überführt in die Form: »Diese Ansicht (der Überlauftheorie), die nie von den Fakten bestätigt wurde, drückt ein undifferenziertes, naives Vertrauen auf die Güte derer aus, die die wirtschaftliche Macht in Händen halten, wie auch auf die vergötterten Mechanismen des herrschenden Wirtschaftssystems.« ist in seiner Unbedingtheit allerdings hervorstechend. Man sollte ihn bei jeder sich bietenden Gelegenheit zitieren. Gelegenheit gäbe es genügend.

»56. Während die Einkommen einiger weniger exponentiell steigen, sind die der Mehrheit immer weiter entfernt vom Wohlstand dieser glücklichen Minderheit. Dieses Ungleichgewicht geht auf Ideologien zurück, die die absolute Autonomie der Märkte und die Finanzspekulation verteidigen. Darum bestreiten sie das Kontrollrecht der Staaten, die beauftragt sind, über den Schutz des Gemeinwohls zu wachen. Es entsteht eine neue, unsichtbare, manchmal virtuelle Tyrannei, die einseitig und unerbittlich ihre Gesetze und ihre Regeln aufzwingt. Außerdem entfernen die Schulden und ihre Zinsen die Länder von den praktikablen Möglichkeiten ihrer Wirtschaft und die Bürger von ihrer realen Kaufkraft. Zu all dem kommt eine verzweigte Korruption und eine egoistische Steuerhinterziehung hinzu, die weltweite Dimensionen angenommen haben. Die Gier nach Macht und Besitz kennt keine Grenzen. In diesem System, das dazu neigt, alles aufzusaugen, um den Nutzen zu steigern, ist alles Schwache wie die Umwelt wehrlos gegenüber den Interessen des vergötterten Marktes, die zur absoluten Regel werden.«

»58. Eine Finanzreform, welche die Ethik nicht ignoriert, würde einen energischen Wechsel der Grundeinstellung der politischen Führungskräfte erfordern, die ich aufrufe, diese Herausforderung mit Entschiedenheit und Weitblick anzunehmen, natürlich ohne die Besonderheit eines jeden Kontextes zu übersehen. Das Geld muss dienen und nicht regieren! Der Papst liebt alle, Reiche und Arme, doch im Namen Christi hat er die Pflicht daran zu erinnern, dass die Reichen den Armen helfen, sie achten und fördern müssen. Ich ermahne euch zur uneigennützigen Solidarität und zu einer Rückkehr von Wirtschaft und Finanzleben zu einer Ethik zugunsten des Menschen.«

Dem ist wenig hinzuzufügen. Seitenweise kann man aus dieser Schrift zitieren, sich bei Bedarf ohne Widersprüche einen anarchistisch/sozialistischen Aufruf daraus zurechtzitieren.
Wäre da nicht…
Leider finden sich die selben uneinsichtigen Vorstellungen zum Schutz menschlichen Lebens in Bezug auf die Abtreibung wie in der Vergangenheit. Nichts dazugelernt oder ist es noch nicht an der Zeit?
Es sei »nicht fortschrittlich sich einzubilden, Probleme zu lösen, indem man ein menschliches Leben vernichtet«
Immerhin scheint Franziskus bei der Rolle der Frau innerhalb der katholischen Kirche Fortschritte zu machen

»
103. Die Kirche erkennt den unentbehrlichen Beitrag an, den die Frau in der Gesellschaft leistet, mit einem Feingefühl, einer Intuition und gewissen charakteristischen Fähigkeiten, die gewöhnlich typischer für die Frauen sind als für die Männer. Zum Beispiel die besondere weibliche Aufmerksamkeit gegenüber den anderen, die sich speziell, wenn auch nicht ausschließlich, in der Mutterschaft ausdrückt. Ich sehe mit Freude, wie viele Frauen pastorale Verantwortungen gemeinsam mit den Priestern ausüben, ihren Beitrag zur Begleitung von Einzelnen, von Familien oder Gruppen leisten und neue Anstöße zur theologischen Reflexion geben. Doch müssen die Räume für eine wirksamere weibliche Gegenwart in der Kirche noch erweitert werden. Denn »das weibliche Talent ist unentbehrlich in allen Ausdrucksformen des Gesellschaftslebens; aus diesem Grund muss die Gegenwart der Frauen auch im Bereich der Arbeit garantiert werden« und an den verschiedenen Stellen, wo die wichtigen Entscheidungen getroffen werden, in der Kirche ebenso wie in den sozialen Strukturen.
104 […] Tatsächlich ist eine Frau, Maria, bedeutender als die Bischöfe. Auch wenn die Funktion des Amtspriestertums sich als „hierarchisch“ versteht, muss man berücksichtigen, dass sie »ganz für die Heiligkeit der Glieder Christi bestimmt« ist. Ihr Dreh- und Angelpunkt ist nicht ihre als Herrschaft verstandene Macht, sondern ihre Vollmacht, das Sakrament der Eucharistie zu spenden; darauf beruht ihre Autorität, die immer ein Dienst am Volk ist. Hier erscheint eine große Herausforderung für die Hirten und für die Theologen, die helfen könnten, besser zu erkennen, was das dort, wo in den verschiedenen Bereichen der Kirche wichtige Entscheidungen getroffen werden, in Bezug auf die mögliche Rolle der Frau mit sich bringt.«

Nicht gerade der Durchbruch, aber ein Anfang.

Eines ist Evangelii gaudium in jedem Falle: Die weitgehende Rehabilitierung der Befreiungskirchen in Südamerika. Nicht explitzit, nicht im Wortlaut, aber sehr wohl dem Sinn gemäß. Auch dieses zu spät und mancher – vor allem die Betroffenen – hätten sich deutlichere Worte gewünscht. Man muß aber die entschiedene Kapitalismuskritik Franziskus hoch anrechnen, sei man nun Freund oder Feind dieser Kirche. Sie kommt nicht zur rechten Zeit, aber sie kam und ist nicht interpretierbar, ist von entschiedener Ablehnung geprägt. In der Praxis wird sie sich nicht auswirken: Mache man sich nichts vor – die Kraft der Kirche, ethische Werte zu vermitteln – gar durchzusetzen -, ist gleich Null.
Was der Papst allerdings mit diesem Schreiben im Sinn hat, ist eine radikale Neuordnung wichtiger Strukturen seiner Kirche, sein eigenes Amt eingeschlossen. Das sollte man anerkennen – kommen diese Reformen vielleicht auch Jahrhunderte zu spät. Ob sie dazu geeignet sind, die katholische Kirche in die Neuzeit zu retten, wird sich zeigen.Daß sie einen Einfluß wiedererlangt, der aus dem Evangelii gaudium mehr macht als eine – wenn auch starke – Absichtserklärung, darf bezweifelt werden und wäre im Sinne eines positiven Fortschritts der Menschheit sicher nicht wünschenswert. Die christlichen Kirchen ist eine von verschiedenen Religionen in einer säkulären Welt; niemand wird an einer Änderung dieses Zustandes ernsthaft rütteln wollen.
Es bleibt, wie es war: Franziskus bestätigt das, wenn er betont:

»[…] Dies ist kein Dokument über soziale Fragen, und um über jene verschiedenen Themenkreise nachzudenken, verfügen wir mit dem Kompendium der Soziallehre der Kirche über ein sehr geeignetes Instrument, dessen Gebrauch und Studium ich nachdrücklich empfehle. Außerdem besitzen weder der Papst noch die Kirche das Monopol für die Interpretation der sozialen Wirklichkeit oder für einen Vorschlag zur Lösung der gegenwärtigen Probleme. Ich kann hier wiederholen, was Paul VI. in aller Klarheit betonte: »Angesichts so verschiedener Situationen ist es für uns schwierig, uns mit einem einzigen Wort zu äußern bzw. eine Lösung von universaler Geltung vorzuschlagen. Das ist nicht unsere Absicht und auch nicht unsere Aufgabe. Es obliegt den christlichen Gemeinden, die Situation eines jeden Landes objektiv zu analysieren.«

Es bleibt das klammheimliche Vergnügen, Parteien mit einem »C« im Namen oder dem Anspruch auf christliche Werte gelegentlich an die die Existenz dieser Schrift zu erinnern. Auch ist es ein Trost zu wissen, daß selbst der weltanschauliche Gegner mittlerweile wichtige Teile der eigenen Weltsicht teilt. Das er als Kampfgenosse nicht taugt, ist bedauerlich, aber systemimmanent.
Amen.

P.S. Beim Lesen des Namens Evangelii Gaudium habe ich auch im ersten Moment geschmunzelt. Es heißt steht aber für »Evangelium der Freude«. Und die habe ich beim Lesen großer Teile davon empfunden. »Der Sohn Gottes hat uns in seiner Inkarnation zur Revolution der zärtlichen Liebe eingeladen«.

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0 Kommentare zu Evangelii Gaudium

  1. Der Emil sagt:

    Öhm. Das ist ein Hinweis. Auf ein wirklich starkes Stück (Ha! Ein ziemlicher Brocken!) Text. Danke.

    Bin jetzt beim Lesen – und das kann dauern.

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  2. pantoufle sagt:

    …und das kann dauern.

    Yep! Etwa 200 Seiten.

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    • Der Emil sagt:

      Ja. bin schonmal bis Artikel 202 vorgedrungen (ja, überflogen, nur überflogen) und werde Dich nachher zitieren.

      (Von diesem Schreiben stand nichts in den Zeitungen, oder? Kam dazu was bei Sat1? Oder irgendwas aus der Kirchenredaktion von RTL? Na? Ich kann mich nicht dran erinnern. Unbequemes wird mal wieder totgeschwiegen …)

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  3. pantoufle sagt:

    @Emil
    Doch, da steht durchaus etwas. Witzigerweise beim Handelsblatt, wenn auch mit gebremsten Schaum vor dem Mund, SpOn lieferte wahrscheinlich die Steilvorlage für Fleischhauers nächsten Artikel und die Frankfurter Rundschau spendiert sogar etwas Fleisch neben den Knochen.
    Naturgemäß werfen sich die Kuh-Federn auf die Teile, die sich mit Ökumene und den vollkommen bewegungslosen Strukturen der katholischen Kirche beschäftigen. Sieht man sich das Dokument aber an, so stehen die brisanten Artikel am Anfang; eine Reihenfolge, die sich in der Berichterstattung nicht wiederfindet.
    Auf den Aufmacher der Bildzeitung, der da lautet: »Papst sagt: Kapitalismus ist tödlich!« werden wir wohl noch etwas warten müssen.

    Besonders schön die Tagesschau: »Franziskus will weniger Zentralismus«. So kann man es auch formulieren.

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    • Der Emil sagt:

      Hm, ich hab nur schnell gesucht mi duckduckgo, nicht viel in meine Suchbegriffe investiert, und nichts gesehen, was da interessant aussah. Danke für die Tips.

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      • pantoufle sagt:

        Wenn ich noch kurz den Spiegel zitieren darf:

        „Ein Christ, der kein Revolutionär ist, ist kein Christ“, soll Franziskus einmal gesagt haben. Die Kirche hat einen Papst bekommen, der in der Tradition von Befreiungstheologen spricht, von theologischen Vordenkern, auf deren Nachttischen neben der Bibel „Das Kapital“ von Karl Marx lag.
        Kardinal Bergoglio hatte der Kardinalsversammlung als Bewerbungsrede eine schonungslose Analyse zum Zustand der katholischen Kirche gehalten. Die Kardinäle wussten, wen sie da zum Papst wählten. Nun nimmt die Revolution Formen an.«

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  4. Pingback: Zitat um Zitat (Nº 331) | Gedacht | Geschrieben | Erlebt | Gesehen

  5. Hoffentlich überlebt er das!

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  6. pantoufle sagt:

    @Tabul A. Raza
    War auch mein erster Gedanke.
    Auf der anderen Seite: Was hat die katholische Kirche noch zu verlieren? Nehmen wir einfach mal an, es ist die Flucht nach vorne. Angesichts der realen Machtlosigkeit dieser Kirche ein zu nichts verpflichtendes Dokument.
    Nur für den Fall, es kracht irgendwo: Man steht auf Seiten der Unterdrückten. Hosianna! Man muß ja nicht gleich die Schweizergarde ins Unruhegebiet schicken.
    Diese Welt ist derart beschaffen, das erhobene Zeigefinger keine Angstreflexe auslösen.

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  7. Meine begeisterung hält sich stark in grenzen, um nicht sagen zu müssen, bei diesem »gaudium« fällt mir die frühstücksstulle aus dem gesicht.

    Dieser glaubensverein hat in den vergangenen 2000 jahren stets gemeinsame sache mit der obrigkeit gemacht, hat dafür gesorgt, daß die armen nicht aufmüpfig werden und da bleiben, wo sie sind: unten. Die haben dermaßen viele verbrechen begangen, sich in die intimsten angelegenheiten der mitglieder eingemischt, menschenleben gebrochen und zerstört, daß es ratsam ist, denen überhaupt nichts zu glauben, egal was sie sagen.

    Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, weshalb ich aus dieser sekte ausgetreten bin.

    Denen laufen die gläubigen »schäfchen« zurecht scharenweise weg, weshalb der papst ein bißchen gegensteuern muß. Der Wojtyla ging mit aller härte gegen das nicht kapitalistische wirtschaftssystem vor. Der Bergoglio hat nun keine »soziale konkurrenz« mehr, es kostet ihn nichts, die moralischen verfehlungen des kapitalismus anzuprangern.

    http://1-euro-blog.blogspot.de/2013/03/mit-gott-und-den-faschisten.html

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  8. pantoufle sagt:

    Moin, Mechthild

    Begeisterung? Soweit würde ich nicht gehen. Aber Anerkennung – das unbedingt.
    Die katholische Kirche ist nämlich bedauerlicherweise keine Sekte im neuzeitlichen Sinne, sondern ein globales Netzwerk von reaktionären Bürokraten.
    Die geschichtlichen Hintergründe möchte ich dabei erst einmal beiseite lassen. Wir kennen sie – es erscheint mir wenig zielführend, sie alle zu wiederholen.
    Auch ich habe meine Gründe, kein Mitglied irgend einer Kirche zu sein, keiner Sekte oder ähnlich mystischen Vereinen.

    Was ich an dem Schriftstück für bemerkenswert halte, habe ich versucht innerhalb des Textes unterzubringen.
    Dabei möchte ich aber noch einmal auf einen Aspekt hinweisen, der mir besonders wichtig ist: Der Papst (oder die Garde der Kirchenbonzen) sind die eine Sache – es gibt aber auch andere wie Ronaldo Muñoz, Luis Espinal, Leonardo Boff, Jon Sobrino und viele andere der sogenannten Befreiungstheologen. Katholische Kirche hin-oder her: Unter anderem sie haben sich sehr wohl für die Armen eingesetzt. Gegen den Widerstand der Herrschenden und den der eigenen Kirche. Nur ein paar Namen – es gab und gibt sie in Afrika, Asien, Südamerika und sie arbeiten vor Ort unter schlimmsten Bedingungen. Für die Armen.
    Ja, ich weiß: Es ist eine falsche Philosophie, die dahintersteckt, aber sie tun etwas. Und sind aus diesen Gründen oft genug ermordet, gefoltert oder selbst von den eigenen Kirchenbonzen drangsaliert worden. Ich habe Achtung vor ihnen. Da ist entsetzlich viel Unrecht geschehen und es ist mir vollkommen gleichgültig, ob jemand einen Kittel, eine Soutane oder Hosen in den Folter-Kellern der Diktatoren trägt.

    Franziskus hat in seiner Evangelii Gaudium einen Weg beschritten, der ihnen (zu) späte Gerechtigkeit widerfahren läßt. Er sagt darin auch, daß dies einer der Wege ist, auf denen sich die katholische Kirche in Zukunft bewegen muß. Das war allerhöchste Zeit, sich hinter diejenigen zu stellen, die in dieser Organisation überhaupt noch vorzeigbar
    sind.

    Was die von Franziskus in meinem Text am Anfang zitierten Anschauungen betrifft – Sie decken sich mit meiner Lebenseinstellung. Laß den Hokus-Pokus mit dem lieben Gott für einen Moment beiseite wie das Wissen, daß es ein Papst geschrieben hat. Was bleibt inhaltlich?

    Was nun die Wirkung des Dokuments anbetrifft, so glauben wir beide nicht, daß es in einem quantitativen Zusammenhang zu den letzten 2000 Jahren steht. Das wäre auch etwas viel verlangt. Aber nur für eine Sekunde angenommen, der meint das ernst, was er da schreibt: Wahrscheinlich bin ich ein unverbesserlicher Optimist – soll er doch seine Chance haben! Was hätten wir dabei zu verlieren? Nach Ratzinger kann es nur besser, muß besser werden. Und was Franziskus abgeliefert hat, ist dem Wortlaut nach ein Anfang.

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    • @pantoufle

      In meiner kindheit hatte ich eine zeit lang mit einem katholischen priester aus Lateinamerika zu tun, es war der einzige pfarrer, dem ich je begegnet bin, der mir nicht als verlogen vorkam. Es hieß, er sei in Deutschland, weil er befreiungstheologe sei und in seinem heimatland vom tode bedroht, wahrscheinlich von den konservativen »glaubensbrüdern«. Der erzählte uns kindern, was die menschen anderer weltreligionen glauben, daß das wichtige am christsein jedoch die barmherzigkeit und die nächstenliebe sei. Soweit ich weiß, ging er nach Afrika, weil er mit den konservativen hierzulande ebenfalls probleme bekam.

      Gegen ein weltlich ausgerichtetes, »christliches« (wenn man das so nennen mag) miteinander, wäre kaum etwas einzuwenden – das ist allerdings mit einer totalitären organisation, wie die katholische kirche eine ist, unmöglich. Überdies ist papst Franz alles andere als ein befreiungstheologe.

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  9. @Mechthild:
    Also, wenn solche schwarz-weiß-malerische (um nicht zu sagen: haßerfüllte) Polemik und böswilligen Unterstellungen die positive Alternative zum Verhalten der Kirchenvertreter sein sollen, dann werde ich doch lieber Katholik als Marxist.

    @pantoufle:
    Was Du schreibst finde ich im Wesentlichen gut und richtig. Etwas schade finde ich nur, daß man auch bei Dir streckenweise den Eindruck hat, Du fühltest Dich als Linker verpflichtet, Dich immer gleich demonstrativ (und polemisch) von der Kirche zu distanzieren, wenn Du mal etwas Positives über sie schreiben willst (oder „mußt“).
    Ja, ich weiß: Es ist eine falsche Philosophie…
    Woher „weißt“ Du das? Gibt es das überhaupt, eine „falsche Philosophie“? Und geht es nicht bei den Kirchen eher um Glauben als um Philosophie? Auf mich wirken solche Urteile immer ein bißchen arrogant und überheblich. Mir sind oft Leute, die einfach nur glauben, lieber als Leute, die glauben zu wissen.

    Ich war nie Mitglied einer Kirche, aber ich habe gute und üble Kirchenleute kennengelernt, genauso wie ich gute und üble Lokführer, Metzger, Standesbeamte und Marxisten/Leninisten kennengelernt habe. Und die Äußerungen von „dem Bergoglio“ nehme ich bis auf Weiteres einfach mal so, wie sie gesagt wurden. 2000 Jahre Kirchengeschichte sind für mich dabei völlig irrelevant, zumal ich nicht zu jenen gesalbten Linken gehöre, die jeden einzelnen Tag dieser 2000 Jahre in ihrer ganzen Grausamkeit, die jegliche Differenzierung offenbar verbietet, persönlich erlebt zu haben scheinen und den jetzigen Papst dafür in Sippenhaft nehmen.

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  10. pantoufle sagt:

    @Tabul A. Raza

    *kopfeinzieh – Großvater war Pastor/Konvertit: Bin kindheitsgeschädigt!*

    Ja, also gut: Ich schreibe nicht gerne über die Kirche. Es ist, auch aus einigen von Dir genannten Gründen, immer ein unsicheres Fahrwasser. Mein Inneres folgt aus Neigung und Erziehung dem abendländischen Paradigma der Wissenschaften. Zum Glauben habe ich nie einen Zugang gefunden – aus der Kirche ausgetreten bin ich aus sehr konkreten Gründen, nicht mit Aufgrund von Unlust, Kirchensteuer zu zahlen .

    Eine falsche Philosophie? Ja. Genau das. Mag sein, daß sie zu irgend einem Zeitpunkt oder Gelegenheit ihre Berechtigung hatte. Sie hat sich aber wenigstens in meiner Lebensspanne nicht der Realität gestellt. Und richtet mit dieser Philosophie in dieser Realität Schäden an, deren Motive sie nicht zur Diskussion stellt. Das halte ich – in aller Bescheidenheit – für falsch. Mehr noch: Für empörend. (wir wollen die Vergangenheit an dieser Stelle ruhen lassen: Das böte noch tonnenweise Munition)

    Ob ich die Lehre der katholischen Kirchengeschichte nun als Glauben oder Philosophie bezeichne: Aus dem für-wahr-halten, der daraus resultierenden Glaubenshaltung im Alltag, die zur Tradition wird und einer stringenten Kirchengeschichte 2000 Jahre später folgert selbstverständlich eine Philosophie. Sonst könnte man das Ganze ebensogut als Volksbrauchtum ad acta legen. Aber das Glaubensbekenntnis ist eben mehr als das Singspiel zu einem Trachtentanz und das kulturelle Fundament der katholischen Kirche erheblich mehr als schlichter Glaube.
    Diesen »schlichten Glauben« allerdings kann und darf man nicht angreifen – da stimme ich Dir zu. Mystische Erfahrungen entziehen sich einer irdischen Kritik; das ist aber nicht der Punkt.

    Die katholische Kirche ist vor allem eines: Ein politische Organisation. Wenn ich sie kritisiere, produziere ich mich nicht als Linker, sondern als Nichtkatholik. So wenig wie in der Auseinandersetzung mit Nazis – man ist kein Nazi, was nicht automatisch links bedeutet. Auch ein Konservativer hat gute Gründe, sie abzulehnen.

    Falsche Philosophie: Das ist natürlich eine gewagte Formulierung; da gebe ich Dir recht. Auf der anderen Seite sind da eben die von mir hervorgehobenen Priester der Befreiungskirche. Wenn man (und jetzt muß man doch wieder die Geschichte berücksichtigen) sich diese Menschen und ihren Kampf ansieht: Im tieferen Sinne kämpfen sie doch gegen Kollateralschäden an, die ihre eigene Organisation auch, wenn nicht zum großen Teil, mitverschuldet hat. Was für ein Irrsinn! Das allerdings nenne ich falsch.
    Und das ist bei weitem nicht der einzige Punkt, wo man sich mit Entschiedenheit (nicht nur als Linker) von dieser Kirche distanzieren muß. Die Philosophie dieser Kirche – ich benutze dieses Postulat jetzt einmal – hat politsche Auswirkungen. Das ist nicht R.D. Precht oder Peter Sloterdijk, über die man sich 45min lang amüsiert und dann den Fernseher abschaltet: Die Sendezeit der katholischen Kirche dauert 24 Stunden an 365 Tagen im Jahr. Abschalten geht nicht.
    Arrogant und überheblich finde ich diese Kirche: Wenn zum Beispiel eine vergewaltigte Atheistin in ein katholisches Krankenhaus kommst und man ihr dort die nötige Hilfe verweigert. Das empfinde ich als arrogant und überheblich.
    Was Du in Deiner Argumentation nicht nennst, ist die Tatsache, daß diese Organisation ethische Maßstäbe diktiert, der nicht nur ihre Mitglieder unterliegen. Ja, davon distanziere ich mich demonstrativ.

    Der Papst und sein Hokus-Pokus mit dem lieben Gott. Das sollte man nicht sagen? Es ist nicht der Punkt. Der große Vorsitzende Franziskus hat ein paar Vorschläge in eine vernünftige Richtung gemacht. Im Grunde besteht seine ganze Botschaft aus der Bitte, man sollte doch mal wieder miteinander reden. Das wenigstens glaube ich daraus zu lesen. Die Vorurteile sitzen tief, die Wunden, die diese Kirche schlug, sind immer noch offen. Ich wollte mit meinem Text doch nur sagen: Lass uns doch mal anhören, was er zu sagen hat. Schaden kann´s nicht und kosten tut es auch nichts. Ein gesundes Mißtrauen ist berechtigt – das aber hat nichts mit Glauben, sondern mit Erfahrung zu tun.

    So, und nun will ich aber wirklich ins Bett… seit gestern Magenkrämpfe, die nicht weggehen wollen 🙁

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    • Hallo Pantoufle,

      ich weiß zwar nicht, was Dein Großvater mit Dir gemacht hat, aber wenn Du meine frühkindliche Vita kennen würdest, würdest Du Dich sicher erst recht wundern, daß ich die katholische Kirche trotzdem nicht hasse.

      Du hast sehr viel geschrieben, auf das ich sehr viel erwidern könnte, aber offen gestanden fehlt mir dazu momentan die Lust und auch der Glaube (nämlich daran, gegen den heute vorherrschenden Meinungs-Mainstream etwas bewegen zu können). Deshalb nur ein paar ganz kurze Stichpunkte:

      1. Wenn ich vom „abendländischen Paradigma der Wissenschaften“ lese, dann bekomme ich angesichts des Zustands unserer Welt nach einigen Jahrhunderten naiven Wissenschafts- und Fortschrittsglaubens sowas von Magenkrämpfe …

      2. Ich weiß nicht genau, worin sich für Dich die katholische „Philosophie“ manifestiert. Wenn ich nach einer christlichen „Philosophie“ suchen würde, dann würde ich vor allem in der Bergpredigt suchen, und in deren Tradition steht offensichtlich der jetzige Papst mit seinen Äußerungen. Ich glaube nicht, daß zu dieser Philosophie etwa das Gebot gehört, einer vergewaltigten Atheistin die Hilfe zu verweigern. Die das tun, sind verblendete Einzelne, und es kann gut sein, daß solche Menschen in der katholischen Kirche die Mehrheit ausmachen, genau so, wie sie in jeder anderen gesellschaftlichen Gruppierung die Mehrheit ausmachen.
      Bezeichnend finde ich übrigens, daß jedem modernen Kirchenkritiker sofort die abgewiesene Atheistin als Beispiel für die menschenverachtende Haltung der katholischen Kirche einfällt, aber niemand sich mal darüber wundert, daß diese menschenverachtende Kirche überhaupt Krankenhäuser betreibt, in denen Kranke geheilt und Menschenleben gerettet werden. Das große Geld wird sie damit sicherlich nicht machen.

      3. Die modernen Kirchenkritiker verstehen es immer, den Eindruck zu erwecken, als habe die katholische Kirche die Menschen jahrtausendelang nur unterdrückt, ausgebeutet und eine Schreckensherrschaft über sie ausgeübt. Wenn das so wäre, hätte sie wohl kaum so lange existiert. Warum gehen denn selbst heute noch Menschen freiwillig in die Kirche? Vielleicht doch, weil sie dort – und oftmals nur dort – Trost und Hilfe finden? Ich habe mich häufig in katholischen Ländern aufgehalten, und es hat mich immer beeindruckt, wieviel fröhlicher, offener, herzlicher und unbeschwerter die Menschen dort waren.
      Und, ja, das Argument, das auch Mechthild immer wieder anführt, nämlich, daß das Vergehen der Kirchen u. a. gerade darin bestünde, dafür zu sorgen, „daß die armen nicht aufmüpfig werden“, kenne ich zur Genüge. Mein Herz schlägt aber für die Schwachen und nicht für die Revolutionäre. Wären alle Menschen Revolutionäre, hätten sie sich längst alle gegenseitig ausradiert.

      4. Falls mich mal jemand fragen sollte, was ich nun eigentlich mit dem Christentum verbinde: ich verbinde mit ihm vor allem einen unermeßlichen Reichtum an Kunst und Kultur. Schätzungsweise 70 Prozent unserer abendländischen Kunst – und damit unserer kulturellen Identität, obwohl heute vielfach nicht mehr viel von der vorhanden ist – ist christliche Kunst, und diese Kunstwerke sind deshalb so bedeutend, weil sie das tiefste Innere ihrer Schöpfer widerspiegeln, also ihren tiefen Glauben, und eben gerade nicht das volle Portemonnaie ihrer Auftraggeber. Ich würde jedenfalls ungern unter Verhältnissen leben wollen, wo Leute wie Erich Mühsam den kulturellen Zenit markieren (Entschuldigung!). Der sagenhafte Reichtum der Kirchen besteht sicherlich zu einem nicht unerheblichen Teil aus Kunstwerken und Immobilien, die keinerlei Profit erwirtschaften, sondern nur immense Instandhaltungskosten verursachen. Jedes gewinnorientierte Unternehmen hätte sie längst abgestoßen oder verfallen lassen. Ich bin der Kirche dankbar dafür, daß sie das i. d. R. nicht gemacht hat.
      Zweitens verbinde ich mit dem christlichen Glauben gewisse menschliche Eigenschaften wie z. B. „Demut“ (muß man ein solches Wort eigentlich heute schon übersetzen?). Deren Abhandenkommen ist für mich mitverantwortlich für die unappetitlichen Zustände, gegen die sich der jetzige Papst dankenswerterweise mit ziemlich klaren Worten wendet. Wohin es führt, wenn jeder, statt demütig-naiv an einen Gott zu glauben, einfältig daran glaubt, selbst das höchste, größte, schönste und mächtigste Wesen des Universums zu sein, sehen wir ja heute überdeutlich.

      P.S.: Ich hoffe, Du hast Deine Magenkrämpfe inzwischen überwunden!

      Gruß,
      TAR

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  11. @ Tabul A. Raza

    Als katholik wird man im normalfall geboren. In dem fall bekommt man in einem alter, in dem man nicht wesentlich mehr kann, als windeln voll zu scheißen und milch zu trinken, eine tasse kaltes wasser über den kopf geschüttet und damit ist dann klar, wie man später einmal die welt sehen soll.

    Marxist werden kann man nur aus eigener überlegung. Man liest bücher und wenn man das nicht einleuchtend findet, zwingt einen niemand marxist zu sein. Wenn Du anstatt in einen marxlesekreis in einen bibellesekreis gehst, ist das nicht so einfach, daß Du das, was da drinsteht, blöd findest.

    »Gesalbt« bin ich übrigens nicht als linke oder marxist, das wäre blödsinn, sondern ausschließlich als katholik.

    Bevor ich religionsmündig wurde, wurde ich zur »salbung« genötigt, weil man danach aus dem »verein der heiligen« nicht mehr austreten darf, weil man in diesem ritual das versprechen geben muß, einen gefestigten glauben zu haben, den ich jedoch nie hatte.

    Du schreibst einerseits davon, nie mitglied einer kirche warst und andererseits, daß Du einen haß auf die kirche haben müßtest. Wie kommt das zusammen?

    Was die kultur betrifft, stimme ich Dir weitgehend zu, sakralbauten und christliche kunst (und dort, wo es in Deutschland erhalten geblieben ist, selbstredend auch die kunst anderer religionen), sollten erhalten werden.

    Auf revolutionäre gedanken kommt man nicht, weil man im hinterkopf »massenmord« hätte, es toll fände, wenn die menschheit sich gegenseitig umbrächte.

    Ohne demut und unterwürfigkeit tät das leben weniger unappetitlich aussehen.

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    • @Mechthild:

      Als katholik wird man im normalfall geboren. In dem fall bekommt man in einem alter, in dem man nicht wesentlich mehr kann, als windeln voll zu scheißen und milch zu trinken, eine tasse kaltes wasser über den kopf geschüttet und damit ist dann klar, wie man später einmal die welt sehen soll.

      Ob man getauft wird oder nicht, darüber entscheiden die Eltern und nicht die Kirche. Daß die Taufe tatsächlich bestimmt, wie jemand später die Welt sieht, glaubst Du sicherlich nicht wirklich. Jeder kann aus der Kirche austreten.

      Du schreibst einerseits davon, nie mitglied einer kirche warst und andererseits, daß Du einen haß auf die kirche haben müßtest. Wie kommt das zusammen?

      Man kann auch ungetauft seine Erfahrungen mit Kirchenvertretern und kirchlichen Einrichtungen gemacht und Erkenntnisse über sie gewonnen haben. Das sind aber private Dinge, die nicht in die Hände von Geheimdiensten und diesem ganzen Gesindel gehören, für das das Internet ein gefundenes Fressen ist. Daß ich die Kirche nicht generell verdamme, liegt eben daran, daß ich nicht von Verfehlungen von Teilen auf das Ganze schließe, sondern versuche, die Dinge differenziert zu sehen, und daß ich auch das Positive sehe, das die Kirche vielen Menschen gebracht hat. Ein grundlegender Unterschied zwischen unseren Ansichten ist vermutlich, daß für mich Organisationen nie schuldig sein können. Schuldig sind immer nur einzelne Menschen sein. Ich entlasse den Einzelnen nicht aus seiner Verantwortung.

      Ohne demut und unterwürfigkeit tät das leben weniger unappetitlich aussehen.

      Demut ist nicht gleich Unterwürfigkeit.

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  12. @ Tabul A. Raza,

    wenn die eltern oder zumindest ein elternteil mitglied einer katholischen gemeinde ist und halbwegs religiös, dann gibt es keine diskussion um die taufe der kinder. Daß die kinder erstmal ungetauft bleiben und später selbst entscheiden, ob sie das möchten oder nicht, gibt es gelegentlich bei evangelischen christen.

    Mir ist nicht bekannt, ob das von einzelnen katholen ähnlich praktiziert wird. Das würde jedoch schlecht zusammenpassen, denn als katholischer christ sollst Du von anfang an in Deinen glauben hineinwachsen und Deinen glauben leben und praktizieren. Ich habe geschrieben, daß mit der taufe klar ist wie man die welt sehen soll, und nicht wie man sie am ende sehen wird. Genau so wenig habe ich behauptet, daß »demut« und unterwürfigkeit das gleiche wären.

    Die katholische kirche ist leider kein hort der christlichen nächstenliebe, wo dem »armen sünderlein« seine noch so kleinen »verfehlungen« vergeben werden, es wird darauf geachtet, daß Du von anfang an nichts »sündiges« tust. So hat mich meine oma verdroschen, wenn ich als kind sonntags nicht zur kirche wollte. Einige jahre später hörte ich wie eine frau zum gemeindepfarrer sagte, daß sie nichts tun könne, wenn ihr sohn nicht zur kirche wolle, schließlich könne sie ihn nun wirklich nicht zum gottesdienst prügeln. Der pfaffe antwortete, daß sie ihn nicht nur prügeln könne, sondern sogar müsse, weil das fernbleiben vom sonntäglichen gottesdienst eine schwere sünde sei. Und davor müsse man kinder schützen. Das beruhigt ungemein: meine oma hat mich nicht aus purer bosheit mißhandelt, sondern allein für mein seelenheil. Die hat den quatsch tatsächlich geglaubt.

    Im grunde hast Du recht, eine organisastion kann eigentlich kaum schuld an den taten einzelner menschen sein, bei dingen die nicht rational erklärbar sind, wird es meines erachtens schwierig. Es ist dogma der katholischen kirche, daß das fernbleiben von der sonntäglichen eucharistie eine sünde ist. Wer ist denn dann schuld, wenn dafür kinder mißhandelt werden? Die organisation, die das verlangt oder die leute, die nichts anderes gelernt haben, als daß sie sich an diese regeln halten müssen?

    Du darfst nicht vergessen, daß einem gläubigen katholik bei fehlverhalten nicht bloß ein schlechtes leben droht, sondern, was viel schlimmer ist, ewige verdamnis nach dem tod. Wenn man nicht glaubt, klingt das völlig absurd. Aber derartige dinge vertritt diese kirche. Die schuld liegt nicht allein bei den einzelnen menschen, die den regeln der kirche folgen, sondern auch bei der kirche, die die regeln bestimmt.

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    • Zur Taufe: ich habe nicht behauptet, daß es in katholischen Familien Diskussionen um die Taufe gibt. Ich bezweifle lediglich, daß Katholiken ihren Kindern „eine tasse kaltes wasser über den kopf schütten“, weil sie glauben, damit bestimmt zu haben, wie ihre Kinder „später einmal die welt sehen sollen“.

      Zur Demut: nein, Du hast nicht behauptet, daß „»demut« und unterwürfigkeit das gleiche wären“, aber Du hast beide in einem Atemzug genannt, was ungefähr auf dasselbe hinausläuft. Demut bedeutet u. a. Respekt vor dem, was manche die „Schöpfung“ nennen (während es anderen – den meisten heute – total am Arsch vorbeigeht). Sie drückt sich z. B. darin aus, daß man darauf verzichtet, manche Dinge zu tun, obwohl man die Macht und die Mittel dazu hätte, weil man anderen Lebewesen – auch zukünftigen Generationen – nicht schaden möchte. Demut hat etwas mit Rücksichtnahme, Bescheidenheit, dem Erkennen und Respektieren der eigenen Grenzen und – ja, auch mit Intelligenz zu tun.

      Die Erlebnisse, die Du schilderst, sind natürlich übel. Du scheinst ja da in ein etwas unangenehmes Umfeld hineingeboren worden zu sein. Ich kenne solche Berichte eigentlich nur aus schlechten Fernsehkrimis. Eine gute Bekannte aus streng katholischer Gegend und Familie, die zu Wojtylas Zeiten aus der Kirche ausgetreten ist, erzählt mir z. B. statt dessen, daß sie ohne die Kirche als Kind nie hätte in Urlaub fahren können. Ich kann deshalb nur um Verständnis bitten, wenn es mir etwas schwer fällt, Deine Erfahrungen als repräsentativ für katholische Familien anzunehmen. Davon abgesehen waren früher natürlich generell die Erziehungsmethoden völlig andere. Da wurde man in manchen Familien auch schon mal vertrimmt, wenn man seinen Spinat nicht essen wollte.

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      • @ Tabul A. Raza

        Demut ist die ist keine unterwürfigkeit, sondern die »tugend des dieners«. Tut mir leid, dem sollte man ohne not nichts abgewinnen.

        Mißhandlung im umfeld »schlechter fernsehkrimis« anzusiedeln, ist absurd. Die kommt bis heute leider nicht nur bei katholen, sondern in allen gesellschaftsschichten vor. Aber auch ohne prügel ist katholische erziehung normalerweise nicht gewaltfrei. Zusätzlich bekommt man die gute hoffnung auf ewige höllenqualen serviert. Da wundert es mich nicht, daß manch einer »freiwillig« zur kirche rennt.

        Daß sich gutwillige menschen im namen der kirche dafür engagieren, anderen zu helfen oder ihnen dinge zu ermöglichen, die sie sonst nicht könnten, weiß ich. Denen würde ich es nicht vorwerfen, daß sie christen sind und im rahmen ihres glaubens etwas für andere tun möchten. Allerdings würde ich zu bedenken geben, daß die kirch dafür ein schlechter ort ist. Mir sind mehrere frauen bekannt, die als fleißige gemeindehelferinnen bei der kirche arbeiteten, als sie dann aber geheiratet hatten und schwanger wurden aus ihren bezahlten stellen rausgeekelt wurden. Beim geld hört die christliche nächstenliebe schließlich auf.

        Frauen dürfen in der kirche hauptsächlich zweierlei: putzen und schweigen.

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  13. Demut ist die ist keine unterwürfigkeit, sondern die »tugend des dieners«. Tut mir leid, dem sollte man ohne not nichts abgewinnen.

    Das tut nun wiederum mir leid, aber für mich sind weder „Diener“ noch „Tugend“ Schimpfwörter. Als jemand, der in einer Gesellschaft von 80 Millionen auftrumpfenden Besserwissern lebt, die alle die Weisheit mit Löffeln gefressen haben, schon mal gar nicht.

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