Europas Wettbewerb der Fahrstuhlmusik

Erst einmal einen Glückwunsch an die Sieger aus Aserbaidschan! Diejenigen, bei denen es diesmal nicht gereicht hat, dürfen beim nächsten Mal die Show in ihrem Land moderieren und sich mit verkrampft-spontanen Gesangseinlagen in Erinnerung rufen.

Mein ausdrücklicher Dank geht dieses Jahr auch an die GEMA, RIAA und all die anderen Content-Mafiaverantwortlichen für ihren erfolgreichen Kampf gegen das Raubkopierer-Unwesen: „Wenn wir das Kopieren schon nicht verhindern können, lasst uns einfach den Inhalt so verändern, bis man das Zeug nicht mehr freiwillig herunter läd“.

Das kommt also dabei heraus, wenn man auf Formate wie „Deutschland sucht den Superstar“ setzt statt auf gezielter Nachwuchsförderung. Da mittlerweile nicht nur Deutschland seine „Stars“ auf diese Art sucht, sondern diese Unsitte wahrscheinlich weltweit getrieben wird, war es nur den dauerquasselnden Moderatoren zu verdanken, das man den nationalen Überblick über die Probanden behielt. Das man für die Aufzucht und Pflege von Eintagsfliegen einen solchen Aufwand betreiben muß, entzieht sich meinem Verständnis – erträgliche Ausnahme: Raphael Gualazzi.

Wie man wirkliche Pop-Musik macht, konnte dann jeder bei dem Auftritt von Jan Delay sehen: Die können das auch live und ohne ProTools-Rigg im Hintergrund. Wer das nicht glaubt, sehe sich den Kerl mit seiner großartigen Band einmal auf der Bühne an! Da steppt der Bär! Sein Titel „Wir machen das klar!“ konnte ruhig als Kampfansage verstanden werden. Das scheint den Verantwortlichen auch irgendwie klar gewesen zu sein und so versuchten sie – mithin erfolglos – durch Hilfe eines Hupfdohlen-Trupps diese geschmackliche Atempause in eine Varietènummer zu verwandeln. Aber selbst diese Las Vegas Optik konnte am virtuellen Sieg dieser Band nichts mehr ändern.
Selber schuld: Das kommt davon, wenn man Künstler auf die Bühne lässt, die weit mehr zu sagen haben als ein quiekendes „Ich freue mich so unendlich, ausgerechnet hier in … ähh… Düsseldorf zu sein“.

Wie der eine oder andere Leser vielleicht schon ahnt, kann sich der Autor dieser Zeilen nicht zur Gänze mit den Darbietungen anfreunden. Wie auch! Bands wie Jan Delay, Fanta 4, fettes Brot, In Extremo oder Beatsteaks sind nur ein paar Beispiele für Bands in Deutschland, die für die Trends stehen, denen die Musikindustrie verzweifelt hinterherhechelt. Das sind alles Namen von Bands, die von der Industrie erst dann wahrgenommen wurden, als sie es schon ohne deren Hilfe „geschafft“ hatten. Auf der Suche nach dem perfekt zu verkaufenden Produkt ist den Verantwortlichen der Riecher für Trends und Strömungen komplett abhanden gekommen. Einfluss auf Trends hat man so nicht – genau so wenig wie auf die Käufer der Produkte. DsdS und dieser gestern Abend zu Ende gegangene Eurovision Song Contest muten eher wie der Versuch an, eine Käuferschaft dort zu züchten, wo vorher Wüste war. Um „populäre Musik“ geht es dabei offensichtlich nicht, wie der Blick in die aktuellen Charts schnell verrät.

Was dort in Düsseldorf verkauft werden soll, erschließt sich nicht. International erfolgreich und dort verkäuflich ist aus Deutschland im Moment nur die Band „Rammstein“. Deutsche Urgesteine wie Grönemeyer, Maffay & Co kommen exakt bis zu Landesgrenze – keinen Meter weiter. Verdient die Industrie mit Retortenprodukten wie Lena wirklich so viel Geld, das sie allein auf dieses Format setzen kann oder ist der weltweite Kampf gegen „Raubkopierer“ nur ein sicheres Indiz, das es massiv an verkäuflichen Produkten mangelt.

Als Mitte der achtziger Jahre das Vinyl von der CD abgelöst wurde, beschäftigten sich die Verlage mehr als zehn Jahre fast ausschließlich damit, ihr vorhandenes Material auf dem neuen Tonträger neu zu veröffentlichen. Talentsuche, Förderung sowie die „Pflege“ der vorhandenen Bands wurde dabei sträflich vernachlässigt. Was dabei herauskommt, ist seit langem dramatisch klar geworden. Die Halbwertszeit der „Produkte“ hat sich dramatisch verkürzt und die Käuferschaft, die früher auch ohne große Marketing-Offensiven die Platten „ihrer“ Bands gekauft hat, gibt es folglich nicht mehr.

Das diese Art von Fan-Kult allerdings verschwunden ist, ist ein Irrglaube, wie sich an den höchst erfolgreichen Tourneen diverser Dinosaurier der Branche und auch bei neuen Bands leicht erkennen lässt. Dort wird mit Tourneen und Merchandising mittlerweile oft mehr Geld verdient als mit den klassischen Tonträgern.

Auf diesen Zug kann man mit Lena oder Pietro Lombardi aber nicht aufspringen. Den Akteuren fehlt es an Substanz, die Decke von echten Fans ist zu dünn, als das es sich lohnen würde, ein paar Jahre Arbeit und Geld in den Aufbau dieser Leute zu stecken. Da ist es erheblich lukrativer, ein Heer von Abmahnanwälten am Laufen zu halten, die auf der Suche nach der letzten Privatkopie das Geld leichter heranschaffen als mit ehrlicher Arbeit.

Und so beißt sich die Schlange an dieser Stelle selber in den Schwanz. Düsseldorf war eine groß angelegte Darbietung dafür, wie man es nicht machen sollte. Eine Industrie auf der Suche nach dem stromlinienförmigen Kunden.

Was gab es sonst noch?

Bühne, Licht, Ton? Es war groß. Sehr, sehr groß! Wer macht Lichtdesign? Jerry Apelt? Na, dann wird es noch ein wenig größer! Die Maße der Videowand sagte der Moderator zwischen jedem Liedlein erneut auf. Ich hab die Zahlen jetzt gerade vergessen, aber es war sehr groß. Zu allem Überfluß konnte man die Wand auch noch in der Mitte spalten und zur Seite fahren. Dahinter saßen dann am Schluss alle beteiligten „Künstler“ in kleinen Muscheln. Der Star-Wars Fan fühlte sich etwas an die Trick-Aufnamen vom Galaktischen Senat auf dem Planeten Coruscant erinnert – war das in „die Rache der Sith“?

Und weil die Videowand so groß war, waren die Menschen davor alle ganz, ganz klein. Damit sie noch ein wenig kleiner wurden, gab es ganz viel Licht von sehr weit oben auf eine riesige Bühne. Wenn man dann Lichtdesign noch damit verwechselt, alle Lampen gleichzeitig anzuschmeißen, werden die Vorzuführenden noch kleiner.

Die so auf ihre wirkliche Größe reduzierten Darsteller beglückwünschten sich gegenseitig zum Gelingen dieser phantastischen Show und wenn man so einer Meinung ist, will auch ich mich an dieser Stelle anschließen.
Wenn die letzte Note am Boden zerschellt ist und der letzte Pappbecher geleert, dann soll man nicht weiter meckern, sondern sich mit Freude an diesen schönen Abend erinnern!

Es war ganz, ganz toll! Die Tupperware-Bühne, die Bekleidung von Anke Engelke, der Galaktische Rat: Alles ganz, ganz groß.

Nur das mit dem Singen; das üben wir besser noch mal.

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0 Kommentare zu Europas Wettbewerb der Fahrstuhlmusik

  1. Fanny sagt:

    Da hatten wir’s gestern abend in Braunschweig doch besser – wenig Lichteffekte, wenig glitzernde Kleidung, dafür eine glanzvolle Leistung von einem bescheidenen wahren Künstler – Bobby McFerrin. Gesangsunterricht erteilt er übrigens auch.

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