Europäische 2-Klassengesellschaft & Blinddarm

Der EU-Gipfel ist vorbei, das leergefressene Buffet abgeräumt – man fährt nach Hause. Die „Märkte“ können bis auf weiteres aufatmen. Kein Investmentbanker oder ein anderer Spekulant muß sich die nächsten Monate darüber sorgen, daß seine Boni nicht knüppeldick weiterfließen; die Geschäfte gehen weiter. Die großen Gangster dieses Geschäftes konnten sich darauf verlassen, daß ihre Angestellten Merkel, Sarkozy und letztlich auch David Cameron in ihrem Sinne handeln würden: Darin wurden sie auch diesmal Mal nicht enttäuscht.

Die Qualität der Heimreise aller Beteiligten könnte unterschiedlicher allerdings nicht sein. Während Frau Merkel in diesem Moment ihren „Hosianna“ singenden Jubelperserchor vorschickt, der die frohe Botschaft verkündet, daß die nächste Krise auf die kommende Sommerpause verlegt wurde, trat der englische Premier zusammen mit Ungarn die Reise im Zweier ohne Steuermann an. Dabei ging ihm wahrscheinlich durch den Kopf, daß die Bulldogge, als die er antreten wollte, zwar einen miesen Charakter, aber nur eine begrenzte Stehhöhe hat. Zu mehr als der Augenhöhe zu anderen Hinterteilen hat es diesmal nicht gereicht. Der Finanzplatz London ist gerettet, wenn man sich in Zukunft endgültig damit abfindet, der 51. Staat der USA zu sein; der Ärmelkanal ist einige hundert Kilometer breiter geworden. Als Cameron sich in der Mitte der Wasserscheide noch einmal umdrehte und ein „ich wünsche den Europäern noch viel Glück“ nachrief, verlies auch schon Ungarn das Boot, um sich die ganze Sache noch einmal in Ruhe zu überlegen.

Ob diese Neuauflage der historischen „splendid isolation“ vor der Geschichte Bestand haben wird, erscheint äußerst fragwürdig. Die Gründe, die Cameron nachgesagt werden, warum er todesmutig seine unhaltbare Position vertrat, sind unterschiedlich. Die Schrottpresse erkennt jedenfalls rückhaltlos an, das keiner die Interessen aller Parasiten und Blutsauger an den Kapitalmärkten so nachdrücklich vertrat wie der tapfere Brite. Sein hoffnungsloses Rückzugsgefecht endete damit, daß es in Zukunft nicht dazu reicht, im europäischen Mächtespiel auch nur einen Pantoffel in die Tür zu schieben. Auf dem Weg zum Parlament, vorbei am Denkmal eines fassungslos kopfschüttelnden Winston Spencer Churchills, konnte er sich nur einer Sache sicher sein: Der Kollateralschaden war unübersehbar groß geraten.

Da tröstet es nur wenig, daß die anderen Beteiligten auch nicht gerade die dicksten Bretter im Regal sind. Als Meisterstück des neu abzuschließenden Vertrages gilt eine Schuldenbremse, in die glücklicherweise gleich passende Hintertüren eingebaut sind: Sollten die verankerten 0,5% Neuverschuldung wegen schlechter Konjunktur oder unvorhergesehenen Umständen nicht einzuhalten sein, darf`s auch ein wenig mehr sein – nämlich der alte Satz von 3%.

Die zukünftig angeblich automatisch einsetzenden Verfahren gegen Schuldensünder können mit einer Mehrheit von mehr als 50% der 17 Stimmen jederzeit gestoppt werden. Das klingt sehr nach einem deutschen Wunsch, der 2003 die damalige Regierung schon einmal vor einem Verfahren wegen Schuldenüberschreitung gerettet hat. Von Automatismus also weit und breit keine Spur.

Im März 2012 soll erstmalig überprüft werden, ob die 500 Mrd € Kreditsumme für EFSF und ESM ausreicht oder ob nachgebessert werden muß – ein rein hypothetisches Szenario natürlich! Dabei stellt sich allerdings die Frage, was eigentlich aus der postulierten Höchstgrenze von 211 Mrd € geworden ist, die die Bundesregierung vor nicht allzu langer Zeit als maximale Garantie Deutschlands versprach: Es wird wohl doch erheblich mehr – Bankenrettungsfont und Bundesbank machens möglich. Diese Zusage blieb genau so auf der Strecke wie das vereinigte Europa.

Was bleibt also von diesem Gipfel außer dem Feld von Bombenkratern? Solange man dem geneigten Publikum weiterhin erfolgreich verkaufen kann, daß die am Boden liegenden Länder wie Italien, Griechenland oder Spanien aufgrund ihrer „mediterranen Arbeitsauffassung” selber Schuld an ihrem Schicksal sind, laufen die Geschäfte in die gewünschte Richtung. Verkündet wurde die Mobilisierung des ultimativen Spar-Potentials, um die Gier der Märkte weiter befriedigen zu können. Alternativlose Realpolitik – nachhaltig bestenfalls bis zur nächsten Wahl. Keinerlei Kritik an den Strukturen, die zum Ist-Zustand führten; ein demütiger Kotau vor den Investmentfonts und ein perfider Tanz an den Fäden der Finanzmärkte. Während ein weiterer Theaterauftritt des sattsam bekannten Personals stattfand, wird weiter gegen den Euro gewettet.

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0 Kommentare zu Europäische 2-Klassengesellschaft & Blinddarm

  1. FF sagt:

    Kurzweilige Lektüre!

    Ich seh’s so: solange die “Krise” nicht ihren Verursachern auf die Füße fällt – verrückte Banker und entrückte Politiker – wird sich nullkommanix zum Besseren wenden. Unsere “Eliten” sind rundum dreifach abgesichert und notfalls ruckzuck auf den Bahamas oder im “wohlverdienten (und -dotierten) Ruhestand”.

    Ich schätze, da werden wohl erst öffentliche Steinigungen stattfinden und jede Menge lächerliche Protzarchitektur in Mainhattan und anderswo abgefackelt werden müssen (Privatvillen inklusive), ehe vielleicht etwas Schwung in die Sache kommt.

    Bis dahin bluten die, die nix mit der Entstehung dieser “Krise” zu tun haben. Also wir.

    PS.: Wir werden ja selbst zur Ader gelassen, wenn wir z. B. auf Rhodos 140 Euronen für ein mittelschönes Hotelzimmer auf den Tisch legen und uns vor lauter Schreck ein schales Bier für 4,50 gönnen. (Kaufkraftbereinigt dürften unsere griechischen Freunde wohl kaum die Hälfte dafür nehmen.) Italien, Portugal etc. dito…

    Bizarr.

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    • pantoufle sagt:

      Artigen dank auch. Es war eher eine Zusammenfassung für mich, ob ich`s denn auch selber ganz verstanden hatte. Kampfhund Oskar meinte dazu, man sollte es ruhig auf den Blog schreiben – es wäre ganz possierlich. Das habe ich dann getan, weil Hunde bekanntlich eine gute Nase haben. Man hätte es auch kürzer sagen können:

      Der sprechende Hosenanzug
      gab, wovon sie soviel hatte
      Heiße Luft und schalen Nachgeschmack

      lächelnd
      in der Gewissheit
      unverantwortlich zu sein

      Das wäre dann ein sogenanntes Industrie-Haiku gewesen. Oder auch Überraschungsei-Lyrik. Je nach Gusto. Von flambierten Villen wollte ich auch schreiben. Allein hielt mich ein Blick in die dafür zuständige Gesetzgebung davon ab. Man ist bei aller kriminellen Energie ja doch sehr pingelig, wenn es um den Begriff „Hilfe zur Selbstentzündung“ geht.
      Gedankenbegrifflich habe ich ohnehin gerade das Schild „niemand zu Hause“ an die Tür gehängt – ich stecke noch in dem letzten Kommentar von Herrn Jefferson. Der Begriff „Okkultismus“ verbirgt eine Antwort, die ich herausarbeiten wollte… den ersten Entwurf allerdings zerrissen – ein eigenartiges Geräusch, wenn man einen TFT zerreißt. Wann ist eigentlich der beste Augenblick zum Kommentare schreiben? 4:00 Uhr morgens?
      Das ist, was ich an Harald Martenstein so liebe. Das klingt immer nach frühem Morgen/tiefer Nacht. Kurze Sätze, bleischwere Gedanken, die am sonnigen Vormittag in der Sonne verdunsten. Wie Kloßbrühe. Werde Martenstein lesen und dann ins Bett gehen.
      Guten Morgen
      Herzlichst
      Ihr Pantoufle

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  2. derek jefferson sagt:

    O roe, thou art sick

    O rose, thou art sick!
    The invisible worm,
    That flies in the night,
    In the howling storm.

    Has found out thy bed
    Of crimson joy,
    And his dark secret love
    Does thy life destroy.

    Alles Gute und Beste of zu Ihr Geburtstag,never forget 50. and half .nd hour.

    Lancelot Derek Jefferson

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  3. pantoufle sagt:

    Ach, Mr. Jefferson: Da danke ich aber ganz artig und bin gerührt! Wie haben Sie denn das herausbekommen? Und dann Glückwünsche auf der Schrottpresse… Sie sehen mich glücklich und geschmeichelt! Es ist doch immer wieder schön, wenn jemand an einen denkt…schnüff…
    Ich hab nur kurz auf den Rechner gesehen – eigentlich war ich in der Dunkelkammer und der Küche. Entwicklerdose drehen und Lammkeule begießen. Ich bin untröstlich, daß ich vergaß, Sie einzuladen! Das passiert mir garantiert nicht wieder! Das nächste Mal müssen Sie kommen! Rotwein, Lamm und einen guten Cognac. Ein Glas auf Ihr Wohl, Danke und auch Ihnen eine schöne Zeit.
    ergebenst
    Wolf Daniel Taake

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  4. Fanny sagt:

    Geburtstagsgruß – Joachim Ringelnatz

    Ach wie schön, daß Du geboren bist !
    Gratuliere uns, daß wir Dich haben,
    Daß wir Deines Herzens gute Gaben
    Oft genießen dürfen ohne List.

    Deine Mängel, Deine Fehler sind
    Gegen das gewogen harmlos klein.
    Heut nach XXX Jahren wirst Du sein:
    Immer noch ein Geburtstagskind.

    Möchtest Du: nie lange traurig oder krank
    Sein. Und: wenig Häßliches erfahren.-
    Deinen Eltern sagen wir unseren fröhlichen Dank
    Dafür, daß sie Dich gebaren.

    Gott bewinke Dir
    Alle Deine Schritte;
    Ja, das wünschen wir,
    Deine Freunde und darunter
    Dein(e)

    Fanny

    Cheers ! Santé !

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  5. pantoufle sagt:

    Danke, Du liebreizenste aller Lieblingsfranzösinin! Bis auf das “xxx” ist es allerliebenswürdigst – aber dreistellig ist es zum Glück noch nicht. Willst Du heute Abend nicht vorbeikommen, wenn ich schon unendschuldbarerweise vergaß, Herrn Jefferson einzuladen? Das wäre doch mal was… wir drei bei einem gemütlichen Essen. Ich suche den Wein aus, Du die Speisen… ja: Keinen französischen Wein. Irgend etwas gebührend schweres aus Italien. Wenn die im la Vigna wieder den Sirica haben. Gegen den Reblauseinfall immunes schweres Herzblut aus Rebstöcken so hoch wie Bäume. Ach…
    …und nach 2,3 Gläsern bereut Mr.Jefferson alles, was er jemals an Dir auszusetzen hatte. Bitter!
    Ihr Lieben: Ich kümmere mich jetzt mal um meine Gäste und die Lammkeule.
    Vielen Dank Euch und noch einen schönen Abend!
    Ach, und wenn ich im Moment überhaupt nichts geschrieben habe… erstens ist da noch eine Antwort für Herrn Jefferson offen und zum anderen will ich etwas über Frankreich und Belgien schreiben; das scheint ein wenig länger zu werden.

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