Er hat geredet

Nein, ich bin noch nicht fertig mit Herrn Ratzinger.
Nun hat er also seine Rede gehalten – ein großer Teil der Linken sind der Veranstaltung fern geblieben… warum eigentlich nicht alle? Argumente wie „Kleingeisterei“ oder „Unhöflichkeit“ können bei einem solchen Fauxpas wie dieser Einladung nicht als Argument gelten, an diesem diesem Tag in den Reihen der Abgeordneten zu sitzen.

Professor Ratzinger war klug genug, bei seinem Vortrag seicht an der Oberfläche zu verweilen. Der „Gott sei bei uns“ Positivismus und das heilige Naturrecht sollte die anwesenden Politiker daran erinnern, bei der nächsten Abstimmung ihre „fraktionellen“ Bauchschmerzen zu vergessen und zur Abwechslung einmal nachzuforschen, ob da noch ein Gewissen wäre, auf das es zu hören gälte.
Auch war er vorsichtig genug, zu betonen, daß er an dieser Stelle als Oberhaupt der katholischen Kirche sprechen würde und auf den Taschenspielertrick des Staatsoberhauptes des Vatikan verzichten würde – der Mann ist Diplomat und wusste, daß dieses Kaninchen aus dem Hut seinen Besuch endgültig diskreditiert hätte.

Somit waren die Weichen für diesen Auftritt gestellt. Ein Lacher hier (kleine Lobeshymne auf die „Grünen“), ein feuchtes Auge dort („[…] Gott dem jungen König Salomon bei seiner Thronbesteigung eine Bitte freistellte. Was wird sich der junge Herrscher in diesem wichtigen Augenblick erbitten? Erfolg – Reichtum – langes Leben – Vernichtung der Feinde? Nicht um diese Dinge bittet er. Er bittet: „Verleih deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er dein Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht“) und die Erkenntnis, daß es im Dritten Reich Widerstand dagegen gegeben hatte. Der große Rest kreiste um die Entwicklung und Grundlagen europäische Rechtsgeschichte aus Sicht der römisch-katholischen Kirche.

Die eigentlich große Leistung der Rede bestand aus ihren Unterschlagungen und Folgelosigkeit. Das er nicht auf die empörende Rolle der seiner Kirche während der Zeit der Nazidiktatur einging: Geschenkt! Von einer Institution, deren fast einziger Kommentar dazu in der etwas wirren „Seligsprechung“ einiger der Opfer besteht, erwarte ich nichts anderes.

Es klingt so schön – wer wollte da nicht zustimmen: „Von der Überzeugung eines Schöpfergottes her ist die Idee der Menschenrechte, die Idee der Gleichheit aller Menschen vor dem Recht, die Erkenntnis der Unantastbarkeit der Menschenwürde in jedem einzelnen Menschen und das Wissen um die Verantwortung der Menschen für ihr Handeln entwickelt worden.“ Besonders schön gerade dann, wenn es für alle gilt. Schwule, Lesben, geschiedene Ehepartner – oder als kleinstem gemeinsamen Nenner: der Gleichberechtigung von Frauen. Nichts davon; wie auch sollte dazu etwas von einer Institution kommen, die der gesellschaftliche Fortschritt schon vor Jahrhunderten abgehängt hat, die Frauen aus ihre Reihen heraushält.

Die Rede war eine Qual: Keine der aktuell gesellschaftlichen Probleme wurde auch nur angeschnitten. Krieg als Mittel der Politik, Terrorismus, Islamfeindlichkeit, eine größer werdende Kluft zwischen arm und reich oder der Kahlschlag an Sozialleistungen. Nichts davon spielte in diesem Vortrag eine Rolle. Papst Benedikt sprach über sein Lieblingsthema und alle gingen mit dem wohligen Gefühl nach Hause, das ihnen niemand auf die Zehen getreten hatte. Das nennt man wohl eine erfolgreiche Rede.

Da war es wieder, das Büro der abendländischen Kirche. Die Plattheit ihrer Gleichnisse, die Augen zum Himmel verdreht, während zu ihren Füßen jemand verhungert, die Folgelosigkeit ihrer halbherzigen Appelle – Demut vor Gott, aber nicht vor dem Menschen. Die Verdrehtheit ihrer eitlen Selbstgerechtigkeit: Gott will es so!

Einige Pressestimmen schreiben heute, es wäre klug gewesen, das Ratzinger all diese Themen nicht berührt hätte. Recht haben sie: Es schliddert sich gerade so schön bergab, eine weitere Niederlage für die politische Moral, ein großer Sieg für die Papstkirche.

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0 Kommentare zu Er hat geredet

  1. rauskucker sagt:

    Schön, werd ich gleich noch bei mir einlinken. Nur eine Ergänzung: es wurden nicht nur Nazi-Opfer seliggesprochen, auch Täter. In Spanien, letztes Jahr erst.

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    • pantoufle sagt:

      Diese Selig/Heiligsprechungsgeschichte unter anderem in Spanien wäre noch ein eigenes Kapitel. Zum Einen ist das natürlich eine sekteninterne Handlung, deren Sinn sich dem Außenstehenden nicht ohne weiteres erschließt – die politische Funktion, die sich daraus ergeben kann (Graf v. Galen, Josemaría Escrivá) stößt beim kritischen Beobachter natürlich auf Widerwillen… um das mal sehr diplomatisch auszudrücken.
      Man sollte das nicht überbewerten: Allein die „Massenseligsprechung“ von 498 Opfern des spanischen Bürgerkrieges aus dem Jahr 2007 zeigt inflationäre Tendenzen. Da die katholische Kirche das Eisernen Kreuz mit Eichenlaub und Schwertern nicht kennt, wird man eben seliggesprochen – je verzweifelter die Lage der Kirche, um so lieber scheint man sich dieser Tradition zu erinnern. Die Kirche argumentiert, es handelt sich dabei um Menschen, die aufgrund ihres Glaubens gestorben sind – unabhängig davon, wer da auf wen geschossen hat (was so nicht stimmt). Geht man von wahrscheinlich 140.000 Toten des spanischen Bürgerkriegs aus, mutiert diese Zahl ohnehin zu einer hilflosen Geste. Geht man weiter davon aus, das die Kirche immer auf der Seite der Mächtigen steht, ist klar, auf welcher Seite man diese „Martyrer“ zu suchen hat.
      Was bleibt, ist eine Institution, die sich im 21. Jahrhundert damit hinter das Franco-Regime stellt – in einer Zeit, da sich die zivilisierte Welt schon lange über die Verabscheuungswürdigkeit dieser Diktatur einig ist. Was braucht es mehr, um den Verlust an Realitätssinn zu dokumentieren.

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