Endlich zwei Wasserhähne römisch sechs

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Mein analoges Herz
Wie lang ist das her, seit ich in die langen, vollen Haare der geliebten Frau gegriffen habe? Ein Kuss, innig. Hand in Hand, Du und ich. Der Systems-Engineer Pantoufle schippt Kies in die matschigen Löcher. Die Trucks rutschen auf den Alupaletten unsteuerbar hin und her. Fluchende Fahrer. Der Manitou mit der Schaufel liefert den Kies, den ich wie Salz auf Eis verteile. Es regnet gerade einmal nicht. Einer der Trucker bringt mir einen Kaffee. Schlingernde Trailer wie bei Blitzeis. Sie kommen mit dem Hintern erst nicht an die Docks, dann aber doch. Türen auf.
Leeds, England.
Die Kollegen schlafen noch. Heute Nacht sind wir mitten in einem Unwetter angekommen. Der Regen prasselte auf das Dach, ein warmes, weiches Geräusch wie auf einem Segelboot, das fest vertäut im Hafen liegt. Kein Grund aufzustehen. Der Bus schwankt, schlingert. Ist das ein Schiff? Regen. Weiterschlafen. Jemand stolpert auf die Toilette. Noch wach oder schon wieder? Schlaf weiter. Wirre Träume von einem Garten den Kindern und einem Frühstück in der Sonne. Mit Wein. Aufwachen wegen einem Geräusch wie der Unruh einer alten Standuhr. Was ist das für ein Ton? Tick, Tick… irgend etwas, das der Bus macht.
Kies schippen.
»Kommst Du mit den CAT5-Kabeln hin oder brauchst Du die Optocores?« Kupfer reicht mir – man ist beruhigt: Die Tunnel für die Kabel sind vollständig unter Wasser und der lokale Stagemanager hat wenig Lust, seine Leute in diese Schächte zu schicken, um noch eine Linie darin zu versenken mit dem zweifelhaften Ergebnis, das im Raum steht, wenn diese hochempfindlichen Stecker durchs Wasser gezogen werden. Ein Freund mehr an diesem frühen Morgen. Ein breites, warmes Bett und den beruhigenden Duft der Frau an meiner Seite. Keinen Netzwerkstress bitte.
Der Wetterbericht sagt: Es regnet den ganzen Tag und wenn es nicht regnet, wird es gleich regnen. Das Midas-Pult wirft mit Fehlermeldungen um sich. Eines nach dem anderen. Dinge, die man jetzt am liebsten machen würde: Etwas mit Wärme. Daheim sein. Der FOH-Mann von Greenday legt sein Feuerzeug auf mein Siderack. Er hat gemerkt, daß ich meines auf dem Bus vergaß. Zigarette und die Rechner hochfahren. Noch mehr Kaffee. Es regnet wieder. Netter Mann. Seinen Assi kenne ich schon lange – wir arbeiten in der selben Firma. Kabel gerade auf den Boden tapen. Ordnung muß sein. »Du bist kein iPhone Mensch?« fragt mich der FOH-Ing. Nein. Ich lege meinen Nokia-Comunicator aufs Pult, er sein 6310. Grinsen. Seine Sideracks stecken voll mit den wunderbarsten Geräte der letzten 50 Jahre. Viel Röhren. Keine Wählscheiben an unseren Telephonen. Warum ist es nur so kalt?
Die Fehlermeldungen kanalisieren sich. Eines nach dem anderen. Jetzt blinkt es grün. Holla! Ein Traktor verteilt großzügig Holzschredder auf dem leeren Platz. Man strebt eine Mischung aus aufgeweichter Erde mit Holzanteilen an. Ein guter Teil fliegt zu uns ins FOH-Zelt. Nichts auf die Pulte und so darf gelacht werden. Wir sind in England, also ist die Technik vom Feinsten, das Personal bestens präpariert: »Wenn Du freundlicherweise einen Analogfeed zur Verfügung stellen könntest, wäre das wirklich äußerst zuvorkommend.« Oder so ähnlich. Es ist mehr eine Stilübung als ein technisches Problem.

Wo eben noch ein freies Loch für meinen 63A Drehstrom war, steckt nun der CEE von den Deftones drauf. Jungs: Tut was! Auf ein Adapter 125 auf 63A warte ich eine geschlagene halbe Stunde. Das ist als Adapter nicht nur höchst illegal, sondern kommt auch zu langsam. Die erste Band sondert Geräusche auf der Bühne ab. Brüllrock für die ersten verschlafenen Festivalbesucher, die aus ihren durchnäßten Zelten gekrochen sind. Ohne Frühstück, aber eine Dose Inspiration am Hals – die Band kanns gebrauchen. Es ist nicht die Elite, die als erstes die Bühne betritt. Die Verständigung leidet unter dem Schlagzeug und einem selig drauflosdreschenden Gitarristen.
»Willst Du den Strom checken?« Ja, ich will. Auf den 10kva Travo für den Bühnenstrom draufstecken und wenn es Euch dann nicht den FI herausreißt, wird die Leitung wohl stehen. Prüfen kann ich an meinen Abgängen. Strom geht, die örtlichen CAT5 Leitungen scheinen auch in Ordnung zu sein; jedenfalls habe ich keine roten Lampen mehr am Midas und den DSP-Units.
Die Sonne ist theoretisch aufgegangen. Zu sehen ist sie hinter den Regenwolken nicht, aber es ist schwülwarm. Feuchtigkeit auf allem, was man berührt. In der Kleidung, den Stiefeln und in der Seele. Leicht genervt. Kein Frühstück. Noch einen Kaffee. Ein Segelboot hätte jetzt unbedingt was. Und noch etwas Regen, einen Grog und dann wieder ins Bett legen.
Der Weg zum Essen gestaltet sich dornig. Die Security will meinen Pass zuerst nicht anerkennen, dann doch und zuletzt verweigert das Ross vor der Hürde Essen-Tickets. Von unserer Produktion ist weit und breit nichts zu sehen, also den ganzen Weg zurück, zur lokalen Produktion – Fressensmarken und gleich die richtige Erweiterung für unseren Tourpass. Ein Visa nach Weißrussland ist leichter zu bekommen. Pantoufle ist leicht gereizt.

Eine Umarmung würde helfen, aber da sind nur schwarze Gestalten mit Zigaretten in den Mundwinkeln und Bechern in der Hand. Fühle mich unterzuckert und unterliebt. Regen. Schon wieder oder immer noch? Es kommt noch mehr Zeug von uns auf die Bühne. Hört denn das nie auf? Es ist schon so voll, daß sich niemand mehr bewegen kann. Dafür qualifizierte Leute sorgen dafür, daß sich doch etwas bewegt. Tetris für Professionals. Blut, Gehirn und Muskeln schieben Alu, Stahl und Kupfer. »Wir brauchen Strom: Einmal Edison, 2 mal Singelphase Blau 16A.« Da könnt ihr noch so viel von unplugged reden – Strom brauchen sie immer. Und hier brauchen sie viel davon. Die Aggregate neben der Bühne liefern 1,4 Megawatt, wenn man danach verlangt. Eine Akkustikguitarre? Oder ein Dorf? Mit dieser Menge Energie kann man viele Menschen in ihren Häusern versorgen.

Mein Zeug läuft so mehr oder weniger. Ein Moment Ruhe, hinsetzen und mir eine Show ansehen.
Frank Turner and the sleeping souls spielt. Der hat ein paar schöne Stücke. Highschool-Pop vom Feinsten mit Refrains zum mitgröhlen, auch für die Mädelz. Hingerotzter Pathos – do you remember me? Während seiner Show beginnt es richtig zu regnen, ganz seriöser Regen dicht wie eine Wand. Ich mag den Kerl. Das Instrument des Gitarristen stammt aus den 60. Jahren. Das Harmonieverständnis auch. Es war nicht alles schlecht in diesen Jahren. Genau das richtige Maß an ironischem Pathos, das ich jetzt brauche.
Bin ich schon so lange wach? Es ist die dritte Band. Selbst unsere Backliner sind aus ihrem Koma erwacht und verdienen sich ihr Geld. Ich muß zurück auf die Bühne. Knöcheltiefer Schlamm und dort, wo noch Gras zu sehen ist, liegt es platt am Boden. Zweisimensional und wie ein dichter Algenteppich am Strand, wenn das Meer zurückläuft. Strand? Da war doch was. Mein analoges Herz schlägt ganz langsam. Das Funkgerät, das Werkzeug am Gürtel, Tourpass – man geht mir aus dem Weg, lässt mich passieren: »Keiner von uns.«

Sieh da: Unser Produktionsleiter; seine Assistentin dackelt brav hinterher. Mexiko. Er ist aus den USA. Wir kommen aus Korea, Armenien, Holland, England und Kanada. Klumpen uns für ein paar Wochen zusammen und fliegen wieder auseinander. Bis zum nächsten Mal. Der Prod.-Manager und ich kennen uns schon länger. Er sieht nur zu mir herüber; mein Gesicht sagt ihm, ob es sich lohnt, irgendetwas zu fragen. Er merkt schon, wenn etwas schief läuft. Zum Reden ist es ohnehin zu laut. Schilder am Bühnenaufgang. »Rockn&Roll gefährdet Ihre Gesundheit! Hohe Schalldrücke über längere Zeit können … .« Es folgt eine Aufzählung all dessen, was dabei alles passieren kann. England. Auch hier ein Speedlimit, eine Lautstärkebegrenzung. 100dB/A LEQ15. Man sorgt sich fürsorglich um die Gesundheit des Publikums. Bloß nicht zu laut, bloß keine Anarchie. Ordner, Kameras, Polizei. Ihr glaubt doch nicht im Ernst, daß ihr hier machen könnt, was ihr wollt? Die Zeiten der Sex-Pistols sind vorbei. Anarchy in the UK. Die Anarchie heißt heute CCTV und Tempora. Ganze Stadtviertel in Einflugschneisen von Flughäfen für den Rest des Lebens verurteilen: Das geht. Aber keine übermäßig laute Musik. Zäune, Crash-Barrierers, Glasflaschen verboten. Das Mitbringen eigener Lebensmittel auch. Und keine Waffen – was ist nicht alles eine Waffe? Regenschirme sind heute erlaubt. Was der Ordnung dienen soll, ist ein Geschäft. Die Preise sind horrend. Allzuviel scheint man nicht kontrolliert zu haben. Glasige Augen mit Wodkaflaschen am Mund. Mädchen. Dicke, nackte Beine, unmögliche Kleidung, die figurbetont genau das auf das Unvorteilhafteste herausstellt. Der Regen besorgt den Rest – die Schminke eine Totenmaske, ein Heavy-Metal Gruselkabinet. Zwei Jugendliche in Taucheranzügen. Konsequent.

Würdest du selber noch auf ein Festival gehen? Irgendwann hast du es ja auch mal gemacht. Flotho, Kraan, Embyo und Can. Umsonst und draußen bist du immer um die Pulte herumgeschlichen, die Lausprecher. Süchtig. Die Musik war das eine, aber wie macht man es laut? Einmal auf Tournee sein, einmal selber eine Band… Wieviele Tourneen später, wieviele Konzerte – ich habe schon lange aufgehört zu zählen. 20,30 Jahre. Jetzt gehen die eigenen Kinder dorthin. Moshen. In Berlin war mein Ältester da. Ich bin mit »System of a down« unterwegs. Wir machen Rockn&Roll. Laut. Wir verkaufen Träume. Polit-Punk. Dafür schlägt mein analoges Herz.

Regen. Hinter der Bühne herrscht Kreisverkehr. Im Uhrzeigersinn stehen Verstärker, Boxen, Instrumente auf Rollpodesten und werden vorbereitet oder wieder abgebaut. Tetris. Leichte Nervosität: Das Dach ist nicht an allen Stellen dicht und es regnet auf die teuren Schätzchen. Tetris für Fortgeschrittene. Regenplanen und nasse T-Shirts. Nach der nächsten Band, die vorbereitet auf UpStageLeft steht, sind wir dran – heute einmal nicht Headliner, sondern als Vorletzte. Zeit, um auf den Bus zu gehen und sich trockene Klamotten zu besorgen. Privilegiert. Lederjacke; jetzt kommt das gute Stück doch noch zum Einsatz nach all den Sonnentagen.

Die Show ist eine Erholung, solange nichts passiert. Heute passiert nichts, außer zwei durchdrehenden Mikros am Schlagzeug. Die Feuchtigkeit. Die knattern laut vor sich hin. Ausschalten, trockenlegen – das merkt sowieso keiner. 18 Mikros am Schlagzeug. Zwei weniger: Das hört kein Arsch – und schon gar nicht die Betrunkenen dort unten im Kessel. Ordner heben sie über die Barrieren, wenn sie sich von den anderen über deren Köpfe tragen lassen. Es riecht nach Schlamm, Urin, Erbrochenem. Masse Mensch. Eine Stunde dreißig Minuten relative Ruhe. Wie die Show war? Keine Ahnung. Ich sitze vor meinen Bildschirmen und zeichne mit den Fingern auf den Bildschirm, was ich gerne hören würde, helfe meinem FOH-Ing. , daß er sich auf seinen Job konzentrieren kann. Die Soundpolizei kommt mit weinerlichem Gesicht vorbei und fragt, ob wir nicht ein klein wenig leiser…? Er wüsste ja, daß es eine dumme Frage wäre, aber.. . Warum stellt er sie dann? »Wenn sie mich jetzt verhaften wollen, brauche ich nicht mehr nach Paris!« Nobby sieht das pragmatisch. Wird nicht verhaftet. Soweit sind wir dann doch noch nicht. Noch nicht.

Das Zeug ist dank der Hilfe der anderen Techniker in FOH schnell zusammengepackt. Festivals sind Klatsch- , Informationsbörse und Stellensuche in einem. Alte Freunde oder neue finden. »Was machst Du? Wie war Dein Jahr?« Man hilft sich. Jetzt müssen wir nur noch aus diesem Hexenkessel raus. Die Manitous kommen nicht durch diese Menschenmenge, kein Gabelstapler aber knöcheltiefer Schlamm. Der Produktionsleiter besteht darauf, das vor Ende der letzten Show auch das Pult in den LKW kommt. Ich trage versuchsweise das vergleichsweise leichte Siderack mit 5 anderen Helfern durch den Dreck. Es ist eine brutale Schinderei. Das Pult mit seinen weit über 200kg? Undenkbar. Frage über das Funkgerät: »Geht das?« Nein. Kein Chance. Es gibt Grenzen des menschlichen Handelns. Das hier ist eine. Meine Stiefel sind ein nasser Klumpen Leder, die Hose bis zu den Knien braun vor Schlamm. Klitschnass. Die Produktion sieht mich, zuckt die Schultern und beordert mich auf den Bus. Feierabend. Geht nicht. Soll der Stagemanager und die Trucker zusehen, wie sie den Brocken später in den Trailer bekommen. Wir müssen los. Nach Paris.

Die Crew ist bereits vollzählig da. Man hat nur noch auf mich gewartet. »Wie war es?« Brutal. Zitternd, stinkend, nass. Mein analoges Herz schlägt rasend. Es ist dunkel und von draußen hört man Greenday spielen. Es wummert und das Schreien der Meute an den Gittern. Ein Bier; noch eines und eine Zigarette. Der Fahrer gibt mir eine Tüte für die triefenden Plünnen. Trockenes Zeug und ins Bett. Vorher muß der Bus noch wieder auf eine befestigte Straße, kommt kurz vorher ins schliddern, knallt mit dem Unterboden hart auf Steine, daß es jeder hört. Die verschlammten Reifen bieten keinen Halt, die anderen Fahrzeuge bleiben vorsichtshalber stehen. Vorfahrt durch bewegte, unbremsbare Massen. Auf den Tischen rutschten die Pizzas und das andere Zeug. Alle halten irgend etwas in ihrer Reichweite fest. Jetzt aber endgültig unter die Bettdecke. Ich will träumen: Von einer Sommerwiese, einem Glas Wein, den vollen Haaren der geliebten Frau. Ein Waldspaziergang mit meinem verrückten Hund.

Wir haben Leeds-Festival verlassen. Der Regen prasselt wie aus einem Wasserfall aufs Dach. Ein warmes, weiches Geräusch wie auf einem Segelboot, das fest vertäut im Hafen liegt. Kein Grund aufzustehen. Der Bus schwankt, schlingert. Ist das ein Schiff? Mein analoges Herz schlägt ganz leise.

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