Endlich zwei Wasserhähne römisch eins

»Sie wurden gerade von einer neuen S-Klasse überholt!« Toll! Sieht aus wie falsch verstandener Mazda und hat eine Null mehr auf dem Preisschild. Die neue S-Klasse geht gar nicht! Die Jungs bei Lexus müssen sich scheckig gelacht haben, als sie das Unglück zum ersten Mal sahen.
Es ist Sonntag und so fahren sie auch – nach rechts blinken und verschreckt auf die linke Fahrspur, weil da gerade einer schnell näherkommt. »Mutti! Hast Du gesehen? Der Klaus hat gerade sein Eis in die Polster geschmiert!« Keine Angst, gute Frau – das geht mit Rotwein wieder heraus. Der BMW, der den Schritt von 230km/h auf 70 mit Hilfe sämtlich auf dem Markt verfügbaren Brems -Assistenten geschafft hat, wäre ärgerlicher gewesen. Hätte man auch vorher sehen können, wäre nicht der Rückspiegel zu Beaufsichtigung der Brut nach unten rechts gedreht. Ach, und da ist noch der linke Außenspiegel. Das ist derjenige, den ich Ihnen gleich abtreten werde, wenn Sie nicht aufhören, auf der Ideallinie zu parken.
Einer der Vorteile von Motorrädern ist die Möglichkeit von gut erkennbarer Körpersprache des Fahrers. Jetzt haben wir abgrundtiefe Verachtung. Ich hätte da noch maßlosen Hass anzubieten, aber den spar ich mir für den nächsten Vollpfosten auf – die Fahrt ist noch lang.

Vor Jahren sah ich einmal einen Kabarettisten, der sehr anschaulich einen LKW-Fahrer beschrieb, der auf einer Brücke einen Urlaubstrottel mit Wohnwagen langsam, aber sicher auf den Standstreifen drückte. »Das ist Sex« war das Fazit der Geschichte, das mir bis heute in guter, weil logischer Erinnerung blieb. Trucks gibt es heute wegen Sonntag aber nur sehr vereinzelt und so müssen sich die Urlaubstrottel eben gegenseitig umbringen. Auch das geht, hat aber nicht soviel Sex. Schon gar nicht für einen Motorradfahrer. Außerdem habe ich gerade die holländische Grenze überschritten und wie durch Zauberhand beruhigt sich der Verkehr. Das wird auch so bleiben, bis man zurück ins Land der Premiumfahrzeuge und ihrer allmächtigen Hersteller gelangt.

Laute Motorräder gibt es eigentlich nicht. Nur leise Helme. Leider habe ich keinen. Der viel zu alte Schubert pfeift und gurgelt, daß man ab 100km/h nichts außer dieser Geräuschkulisse hat. Nach einer Zeit wird es hypnotisch. Sind das Melodien oder ein Rhythmus? Irgendwie einschläfernd. Holland ist nur kurz und dann empfängt mich Belgien mit dem schlechtesten Autobahnstück der Strecke. Seit Jahren heißen die ihre Besucher mit dieser Zumutung willkommen – ich will ja nicht sagen, daß es unbedingt die Qualität polierte Platte haben muß, aber diese Wüstenpiste nervt. Auf einem Parkplatz steht ein Trailer mit der Aufschrift »Jupiler«, Werbung für eine bierähnliche Substanz. Jetzt bin ich mir endgültig sicher, Deutschland verlassen zu haben.

Antwerpen großräumig umfahren. Noch mal: Großräumig. Ganz weiten Bogen! Diese Stadt ist mit Hässlichkeit und stockendem Verkehr mit autistischen Autofahrern geschlagen. Wie gesagt einen ganz großen Bogen. Hinter Antwerpen eine Horde englischer Motorräder, an die ich mich dranklemme. Jetzt ist die Bahn langsam besser und die Jungs schütten noch ein paar Schaufeln Kohlen unter den Kessel…die wollen es aber wirklich wissen! Hoffentlich wissen die wo die bösen Automaten stehen. Unfairerweise mit Kameras von hinten und gleich dreimal. Echt unfreundlich und ich fahre lieber bezahlbar weiter. Macht nichts. An der nächsten Tanke sehe ich sie wieder, wie sie sich ihre benzinfeuerzeuggroßen Tanks nachfüllen. Strohfeuer nennt man das wohl. Viel mehr Belgien gibt’s dann auch nicht mehr… Brugge, Gent und dann ist auch schon Frankreich. Dann sitze ich doch schon ein paar Stunden auf dem Bock.

An einem Parkplatz vorbei, den ich nie wieder anfahren werde. Irgend wann, vor Jahren, hab ich mich da mal in die Regenkombi gepellt für die letzten Kilometer bis zur Fähre. Kein Schwein da, kein Auto, kein Truck – rein gar nichts. Eine Wüste von Parkplatz. Die Karre steht wie ein Leuchtturm in der Tiefe des Feldes und und ich bin am wühlen, als ein Auto aus dem Nichts kommt und die Yamaha umfährt; ich spring gerade so noch zu Seite. Eine fürchterliche Dame entsteigt, ihr debiler Kerl auch und fangen an, irgend was von Polizei und Versicherung zu faseln. Auf französisch, aber soviel verstehe selbst ich, der ich alle meine englischen Flüche auspacke, als die ausgehen, die italienischen und dann den Rest. Passiert ist nichts weiter außer einem kaputten Blinkerglas. Vom Restaurant kommen ein paar Leute gerannt: Oh, der Deutsche will die arme unschuldige Französin umbringen… zur Hilfe, zur Hilfe! Umbringen würde ich sie gerne -recht langsam mit nutzlosen Fahrstunden, vor allem aber meine Fähre erreichen. Alles quatschte, irgendjemand auch auf Englisch: »Sie hätte Sie nicht gesehen. Was sollen wir denn jetzt machen?« »Ganz einfach, guter Mann. Gebt mir ein paar Minute Vorsprung, bis ihr sie auf die Bahn zurück lasst!« … hat mich nicht gesehen! Nie wieder diesen Parkplatz! Die lauert da immer noch – ganz sicher!

Und der Tante aus dem Reisebüro hab ich eindringlich gesagt: Keine französische Fähre. Englisch! Die können das. Die Franzosen sind seit Trafalgar klar auf der Verliererstraße. Außerdem gibt das Trouble mit dem Ticket in der englischen Firma. »Kannste ja gleich schwimmen. Deine Karre bindest Du einfach auf ein paar Trümmer, die am Ufer liegen. Die von den abgesoffenen Frosch-Booten…« Und so weiter. Kann ich ahnen, daß die Frogs sich umbenannt haben – irgend was, das englisch klingt, aber full english Breakfast bekommst da nicht mal, wenn Du die Kinder des Kapitäns als Geisel nimmst. Milchbrötchen mit Gurkenschleim oder was die so essen. Und alles spricht französisch. Warum tun die das nur?

Nur so nebenbei: Sollte das so klingen, als würde ich irgend etwas gegen die Franzosen haben, so täuscht das gewaltig. Ich habe sogar zwei Freunde, die von dort kommen. Eine ganz besonders hübsche, Nette und dann noch einen.
Ich bin da einfach nur sehr selten. Irgendwie ergibt sich das nicht. Sie sprechen ihre eigene Sprache . Ich verstehe diese Sprache nicht und auch nicht die Gebräuche der Eingeborenen. In Paris bin ich gezwungen, des Öfteren zu arbeiten und habe da mal mehr als 12 Euro für ein Getränk bezahlt, das als Bier auf der Karte stand. Das Glas war nicht sehr groß. Normalerweise trinke ich Cognac aus sowas. Nun ja. Ich bin da eben nicht so oft.

Wie auch immer: Nach der Zwangfesselung meiner Karre auf der Fähre war ein Halter der Munitionskoffer gebrochen. Er war nicht unterdimensioniert. Die Konkurrenz von P&O hat uns um wenigstens 20 Minuten geschlagen; außerdem wären wir fast mit dem Hafen kollidiert, als der Kapitän und sein unfähiges Personal versuchte, das Schiff im Hafen zu wenden. Glaub ich. Außerdem war alles völlig verrostet. Ein Wunder, daß wir nicht unterwegs gesunken sind. Der Rauch aus den Schornsteinen roch verdächtig nach fritiertem Gemüse. Das war ein Unglücksschiff – Marie Celeste oder wie der Seelenverkäufer hieß. Bestimmt haben sie mich bei Geldwechseln gnadenlos betrogen… ich muß mal nachzählen.

Wie diese Strandräuber nun hießen, habe ich jetzt irgendwie vergessen. Wer aber mit einem sicheren Gefühle den Kanal überqueren will, sollte auf die bewährte Reederei P&O zurückgreifen. Nicht, daß die anderen zwangsläufig einem Todesurteil gleichkommen, aber nur die bewährte Reederei P&O bietet kompetentes Personal und die bewährten Highlights der englischen Küche. Angefangen von Sandwiches wie Chedar with Pickles bis zu unbekannten Fischarten mit Weißbrot erschlagen und irgendwas. Nur bei der bewährten Reederei P&O kann man sicher sein, das sich unter dem Rost noch Eisen befindet, was das Ganze zusammenhält.

Nun ja, sicher bin ich gelegentlich etwas voreingenommen und nicht immer absolut fair. Aber ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern, jemals so lausig über den Kanal gekommen zu…
Jetzt ist aber wirklich gut!

Das mit dem Linksverkehr wird maßlos überbewertet. Man fährt einfach auf der anderen Seite. Fertig. Meine vornehme Zurückhaltung (man ist schließlich Gast in diesem schönen Land) dauert etwa 15 Minuten. Dann überholen mich 2 einheimische Hondas und sehen mich total verächtlich an, weil ich so schleiche. Das berührt meinen Stolz! Eine unerträgliche Provokation! Und als mich dann auch noch ein Dritter ganz links außen überholt, kann ich nicht anders. Da ist es wieder, das Motorradparadies England. Mach was Du willst, aber blockier nicht die Straße. Die Autobahn hat vier Spuren, also benutze sie. Alles, was dich schneller als den anderen vorwärts bringt, ist gottgefällig. Stell dich nicht so dusselig an und gib Gas.
Geht doch.

Noch ein Satz dazu: Deutschland hat das beste Autobahnsystem in Europa? Völliger Unsinn – das ist ein Gerücht und es stammt aus Deutschland. Die Engländer beherrschen den Trick, die verfügbaren Spuren dem erwarteten Verkehrsaufkommen anzupassen. Man hält es nicht für möglich, aber das geht. Oder es wird wenigstens versucht. German Autobahn sucks!

Ganz, ganz tolle Idee, um 18:00 herum um London herumzuschippern. Ich bin im Süden und muß in den Norden auf die M1. Es gibt Navis, die einem den kürzesten Weg zeigen. Das muß man ignorieren. Es gibt das Gerücht unter Navi-Programmierern, welches besagt, daß es eine Straße durch London gibt. Das ist von denselben Blindschleichen in die Welt gesetzt worden, die auch der Meinung sind, es gäbe einen Tunnel unter dem Atlantik. Oder eine Seilbahn über den Nanga Parbat. Für diese Menschen liegen die Quellen des Nils ca. 20km östlich von Kairo. Jetzt mal unter uns ehemaligen Klosterschwestern: Vergesst einfach alles, was ihr in Geographie gelernt habt: Macht einfach einen Riesenbogen und wundert Euch nicht, wenn dann 200km mehr auf der Uhr stehen. Das war die Abkürzung.
London ist gefühlt so groß wie Schleswig Holstein. Ihr glaubt das nicht? Dann nehmt die kürzeste Strecke. Und ordert ein Hotelzimmer irgendwo bei Picadilly Circus.
Und dann sucht einen Parkplatz! (wieherndes Gelächter)

Der Rest ist eigentlich nur noch Absitzen auf einer Arschbacke. Da kann ich abbiegen, dort abkürzen. Unverschämterweise ist der Rest, den ich immer so gerne als Rennstrecke benutzt habe, mit Rollsplitt verschandelt. All die ganzen Löcher, die ich jahrelang auswendig gelernt habe: Verschwunden! Schon etwas geplättet von der Reise rutsche ich mehr als rase die letzten Kilometer, die jetzt Meilen heißen.
Mein Pub, mein Zimmer, mein… ach, was für ein Wiedersehen, was für eine Begrüßung. Gorry und Sahra und Collin… wie bestellt und… Was soll ich sagen?
Steakpie with Chips please!

Da wart Ihr alle nicht dabei und jetzt liege ich in diesem kleinen, lausigen Zimmer, was ein guter Schritt zum Paradies ist, sehe noch einmal aus dem Fenster, das genau hinter dem Kopfkissen ist und da sieht es so aus:

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P.S. Die Jungs mit ihren Hochleistungsrennern auf dem Kontinent habe ich irgendwo auf der M24 wieder überholt. Beim Tanken. Ich mußte nur mal nach Öl sehen. War aber ok.

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