Eine Scheindebatte

Dürfen Journalisten das? Über Skype meldete sich Glenn Greenwald beim Hackerkongress 30C3 des Chaos Computer Clubs. In seiner Keynote stellte Greenwald klar, daß man sich erst am Anfang einer globalen, allumfassenden Überwachung stünde und keine Regierung der Welt bereit wäre, daran etwas zu ändern. Er appellierte ebenfalls an die moralische Verpflichtung der europäischen Regierungen, Edward Snowden zu helfen.

Von allen nicht regierungsgebundenen Personen dürfte Greenwald im Moment zu den bestinformierten Menschen zu diesem Thema gehören. Sein Auftritt und sein Engagement lassen einige seiner Berufskollegen kritisch nachfragen, ob sich diese Art der journalistischen Selbstdarstellung mit dem konventionellen Berufsbild in Einklang befindet. Dieses Berufsbild, das gerne mit der Aussage Hanns Joachim Friedrichs beschrieben wird:

»Einen guten Journalisten erkennt man daran, daß er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache; daß er überall dabei ist, aber nirgendwo dazugehört.«

So mutiert Greewald in den Kommentaren der Zeit in einem Aufsatz von Kai Biermann und Patrick Beuth zum Freiheitskämpfer, bei Spiegel Online reicht es wenigstens noch für das Prädikat Enthüllungsjournalist. »Der Journalist Glenn Greenwald schreibt wichtige Texte und sagt wichtige Dinge. Und doch hat er dabei eine Grenze überschritten und sich mit Aktivisten gemein gemacht.«, so die Zeit. Er benutze das Wort »wir«, wo das Berufsethos nach einem »ihr« verlangte.
Gegen die Diskussion um dieses einschränkende Berufsbild des klassischen Journalismus ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Ein paar naheliegende Details fehlen aber eigenartigerweise in dieser Auseinandersetzung. Die Frage zum Beispiel, warum Greenwald seine Keynote via Skype hielt und nicht von Brasilien nach Deutschland flog. Eine einfach Frage mit einer einfachen Antwort: Seine Anwälte hatten ihm dringend davon abgeraten nach Deutschland zu fliegen. Offenbar ist man dort der Meinung, daß Deutschland kein sicheres Territorium für investigativen Journalismus sei – von einer Zwischenlandung in Großbritannien ganz zu schweigen. Das konterkariert wenigstens den Teilsatz H.J. Friedrichs Credo, »[…] daß er überall dabei ist, aber nirgendwo dazugehört.« Der gilt nämlich nur, wenn es sich um eine tatsächlich freie Presse handeln würde.

Die Kritik von Biermann und Beuth müßte sich in diesem Zusammenhang auch gegen den Embedded Journalist richten, der seit dem Irakkrieg 2003 mehr und mehr zu einer festen Einrichtung geworden ist. Es wird das berichtet, was berichtet werden soll. Das war im Irak nichts anderes als nun in Mali oder aus dem Sudan. Neutrale Berichterstattung oder Ausverkauf eines Berufsethos?

Wo wird Widerspruch laut, wenn sich Journalisten endlos in Artikeln über die Vorzüge von monströsen SUV´s ergehen; kein Wort der Kritik gegen diese verkehrstechnische und ökologische Unvernunft. Von Energiekonzernen wörtlich gedruckten Verlautbarungen oder notdürftig kommentierte Statements von Regierungsstellen. Als jüngstes Beispiel die kritiklos übernommene Darstellung der Hamburger Polizei bei der zusammengeknüppelten Demonstration für den Erhalt der roten Flora – die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Die freie Presse, von der in der Zeit die Rede ist, ist eine Illusion.

»Anschließend aber zeigt Greenwald umso mehr, was er ist: ein Mann, der sein Feindbild gefunden hat. Die NSA, die US-Regierung, die amerikanische und britische Presse – sie alle sind inzwischen seine erklärten Gegner.[…] Dies ist keine Kritik an seiner journalistischen Arbeit. Die ist beschreibend, sachlich und gründlich. In seinen Texten beruft er sich nicht allein auf die Dokumente von Edward Snowden. Er versucht, die Informationen darin zu überprüfen und die Betroffenen zu Wort kommen zu lassen.«

die Zeit

Daraus spricht die Angst vor der erforderlichen eigenen Courage. Wer glaubt, in Zeiten der NSA oder seinem britischen Äquivalent unbeteiligt bleiben zu können, befördert sich selbst ins Abseits. Statt sich mit der Unmöglichkeit Greenwalds nach den für sich selbst geltenden Regeln zu arbeiten, beschwert man sich über sein persönliches Engagement. Glenn Greenwald steht als Paradebeispiel dafür, wie man einer freien Presse den Hals umdreht. Es ist ja nicht nur er oder Edward Snowden, denen es unmöglich geworden ist, sich wohlig in der Illusion einer freien Welt zu sonnen – jeder ist betroffen und das gilt auch für Kai Biermann und Patrick Beuth. Für die Erkenntnis, sich damit solidarisch zu zeigen, reicht es nicht. Statt dessen ein kleinliches Hickhack über Wertbegriffe einer untergegangenen Epoche. Um diese – durchaus wünschenswerten – Begriffe wieder zu etablieren, müssen sich erst wieder die Rahmenbedingungen ändern. Das geht offensichtlich nur, in dem man sich mit der Sache von Demokratie und Meinungsfreiheit persönlich gemein macht.

Es erscheint fraglich, ob die Debatte um die Funktion des Journalismus unter klinischen Bedingungen wirklich zielführend ist. Das Berufsbild des Journalisten stellt sich nicht nur durch Greenwald zu Diskussion, sonder auch durch die veränderte Wahrnehmung in Zeiten des Internets und der Tatsache, das gesellschaftlich relevante Veränderungen mehr und mehr von der Initiative engagierter Menschen abhängen – außerhalb der Politik, die sich dafür als unfähig erweist.
Das muß auch und gerade für den Journalismus gelten: Die NSA-Affäre hat gezeigt, daß es für diese Art von Problem kein ausreichend öffentliches Interesse gibt. Es wäre Aufgabe des Journalismus, diese zu schaffen. Einer der Wege dahin könnte sein, das der Journalist aus seiner Rolle als neutraler Beobachter heraustritt (der er ohnehin nie war) und als Marke sichtbar ist, als jemand, der nicht nur polarisiert, sondern mit dem man sich auch identifiziert. Die platte Ironie der Kapitelüberschrift bei Biermann und Beuth »Predigt an seine Jünger« fällt auf die Autoren zurück. Offenbar aber hat Greenwald damit etwas erreicht, wovon nicht nur die beiden Autoren Lichtjahre entfernt sind.

»Kann jemand gleichzeitig Journalist und Aktivist sein? […] Die NSA-Enthüllungen sind für ihn nicht mehr nur Storys, sie sind sein Freiheitskampf.« stellen die Welt-Autoren fest. Nicht nur sein Freiheitskampf. Offenbar hat da jemand den Ernst der Lage nicht begriffen.

Eine sehr interessante Diskussion über dieses Thema auch auf Carta. Das Video ist lang, aber kurzweilig.

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0 Kommentare zu Eine Scheindebatte

  1. R@iner sagt:

    Das ist nur der Beißreflex genau dieser obrigkeitshörigen Lutscher, die er kritisiert. Ich glaube, sie fühlen sich ertappt.

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  2. der Doctor sagt:

    Man könnte auch sagen,sie schießen gegen Greenwald,um ihre eigen Feigheit gegenüber der Obrigkeit zu verbergen,die sie daran hindert ,wirklich kritischen Journalismus zu betreiben.

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  3. pantoufle sagt:

    @Doctor
    Das ist die eine (wahre) Hälfte der Wahrheit. Die andere wird in dem Carta-Beitrag recht gut deutlich: Es ist das durchaus ehrenwerte Verharren auch der besseren und engagierten Journalisten in eingefahrene Denkmuster und Verhaltensweisen. Sie denken in »Absatzmärkten«, was beim zeitgemäßen Zustand der Presselandschaft naheliegend ist. Sie denken nicht – oder weniger – über ihre Rolle als gesellschaftliches Korrektiv.

    Man sollte sich vor voreiligen Verurteilungen hüten: Schließlich war auch Greenwald »einer von denen«. Aber er hat sein Rollenverständnis einer Korrektur unterworfen. Daß sich nicht jeder mit fliegenden Fahnen dem anschließt, ist zutiefst verständlich – es ist menschlich. Alles braucht seine Zeit.

    Die NSA-Enthüllungen sind für ihn nicht mehr nur Storys […]

    Der Satz verät viel darüber, als was diese Zunft die Enthüllungen Snowdens sieht. Es ist eine Story! Daß es ein Umbruch in der abendländischen Zivilisation darstellt, muß sich nicht nur in den Köpfen dieser Journalisten erst bemerkbar machen. Da sind wir alle angesprochen.

    Oder wie Atari-Frosch es auf Carta formuliert: Link

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    • der Doctor sagt:

      Hallo,Pantoufle,strimme dir zu.man könnte ergänzend noch sagen,das man in den Systemmedien wohl auch nur karriere machen,kann,wenn man systemtreu ist.Abweichungen und zu große Neutralität werden nicht geduldet,siehe Nikolaus Brender.
      Guten Rutsch und ein schönes neues Jahr.

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  4. Stony sagt:

    Was ich bei dem Biermann nicht verstehe: zusammen mit Maha betreibt er doch neusprech.org. Dort nehmen sie immer wieder (recht) gekonnt auseinander, wie Wirtschaft, Politik und Journalismus mit Neubesetzung von Begriffen die Wirklichkeit beeinflussen (um das mal zu verkürzen). Zu dem Thema halten sie auch Vorträge – nicht zuletzt beim CC Congress und schreiben Bücher. Auf der anderen Seite ergeht sich Psychologe Biermann, bei seiner Lohnschreiberei für die Zeit, der obig verlinkte Artikel ist ja nicht der erste, in einer Art und Weise gegen das, was bei neusprech.org (wenigsten implizit) eingefordert wird, daß es einen erschaudern läßt. Ist das jetzt nur Inkonsequenz, oder liegen da tiefere Probleme vergraben? Schreibt da nur Maha die klugen Sachen und Biermann liest/versteht die nicht mal? Was er Greenwald jetzt vorwirft kann man ihm ja (bei besagten Vorträgen) ebenso anheften. Kurz: Ist diese Dämlichkeit wirklich so in ihm drin, oder zerreißt er sich für seine Lohnschreibselei quasi selbst und haßt sich heimlich dafür? Ich raff es echt nicht!^^

    Das wir (wohl so ziemlich alle Menschen) nicht in letzter Konsequenz Idealisten sind ist klar und unbestritten, für jeden kleinen “Luxus” den wir uns gönnen darben irgendwo anders Menschen und den meisten ist das nicht mal bewußt. Einen Journalisten, der öffentlich inkonsequent ist obwohl er Konsequenz einfordert, muß ich aber nochmal anders bewerten.

    ps: Über die Meßlatte bzw. Basis dieses Urteils könnte man bei Gelegenheit mal noch diskutieren…

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  5. gnaddrig sagt:

    Gerade Biermann schreibt oft sehr gute Sachen zu Themen wie Datenschutz und Sicherheit. Dem würde ich jetzt nicht unbedingt Feigheit unterstellen. Das Nachdenken darüber, wie Journalismus integer zu betreiben sei, ist durchaus sinnvoll. Dass es sich bei der Zeit jetzt auf so ein eher kleinkariertes Gezicke über “wir” statt “sie” reduziert, ist bedauerlich.

    Jeder Journalist hat eine eigene Meinung (hofft man), und wenn die durchscheint ist das nichts per se Schlimmes. Auch kann ein Journalist gleichzeitig Aktivist sein und für oder gegen etwas kämpfen. Solange bekannt ist, wofür derjenige steht, und solange er nach bestem Wissen und Gewissen fair berichtet, sehe ich darin kein Problem Ich kann deshalb keinen grundsätzlichen Sündenfall in Greenwalds “wir” erkennen. Schlimmer sind die Quasi-Lobbyisten in den Redaktionen, die auch ihre (u.U. gekaufte) Meinung haben und ihren Texten einen bestimmten Spin geben, die Tatsache aber verschweigen.

    Man muss halt aufmerksam und sorgfältig lesen, auch zwischen den Zeilen, und sich vielleicht gelegentlich umschauen, was Journalisten sonst so treiben, um solche Voreingenommenheiten und Befangenheiten zu erkennen und die Texte der Leute entsprechen werten zu können.

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  6. Dürfen Journalisten das? Mein lieber Schwan! Wieder so eine Frage, und wieder sagen die einen so, die anderen so.

    Und noch mehr Fragen über Fragen: “Braucht es mehr Meinung, mehr Position? Braucht es Journalisten, die auch jenseits ihrer Artikel und Berichte für etwas eintreten? Oder sollen Medien eher versuchen, so neutral wie möglich zu sein und anderen den Aktivismus überlassen?” (Das sind die Fragen, die Biermann und Beuth in der ZEIT stellen.) Und eine schlichte Antwort Glenn Greenwalds: “Nicht alle Aktivisten sind Journalisten, aber alle richtigen Journalisten sind Aktivisten”

    Ole Reißmann auf SPIEGEL-ONLINE stellt dazu (ambivalent) fest:”Im Prinzip sagt Greenwald nur, was heute jeder Journalistenschüler lernt: “Niemand ist völlig neutral, immer spielt der eigene Hintergrund und die eigenen Erfahrungen eine Rolle bei den Entscheidungen darüber, was in welcher Form berichtet wird.”

    Unterm Strich bleibt bei mir hängen: Es liegt eine Vermischung von subjektivem Erleben – Der Journalist ist auch nur ein Mensch (?) – und “professionellem” Berufs-Ethos (gibt es das bei Journalisten überhaupt?) vor. Das Subjektive ist mit der Erfindung der digitalen Berichterstattung nicht gestorben, scheinbar aber das ethische Bewusstsein (embedding). “Richtige” Journalisten im digitalen Zeitalter müssen sich IMHO auch jenseits der “Kolumne Sex and the War” “einbetten”, selbst wenn Deutschland kein sicheres Territorium für investigativen Journalismus ist. Okay, Snowden ist “auf der Flucht” andere “unprofessionelle” Kritikerinnen gehen in den Knast.

    Also jeder wie er kann / will? Oder begibt man sich ab einem gewissen Grad von professioneller Öffentlichkeit in die Pflicht? Das wären meine Fragen.

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  7. pantoufle sagt:

    Mich haben Biermann und Beuth auch ziemlich ratlos zurückgelassen, eben auch aus den Gründen, die Ihr (@Stony & @gnaddrig) beschreibt. Ich kapiere die Intension der beiden einfach nicht. Was nicht viel zu bedeuten hat – ich kapiere vieles nicht.
    Vermutlich ist das eine berufsimmanente Fehlfunktion, vergleichbar mit der Porno-Abmahnnummer vor Kurzem: Hört man den Anwälten zu, die sich darüber äußern, stellt sich der sogenannte Strafbestand, über den Diskutiert wird, ebenfalls als etwas dar, was mit der Realität einer technisch bedingten, unvermeidlichen Kurzzeitpufferung eines Streams nichts mehr zu tun hat. Irrwitzigerweise auch auch ohne die unvermeidliche Konsequenz, daß der Gebrauch »des Internets« dadurch per se zum Strafbestand wird.

    Ganz aufschlußreich in diesem Zusammenhang fand ich in dem Carta-Video einen Beitrag Juliane Leopolds von Zeit Online, die, angesprochen auf mangelndes Öffentlichkeitsinteresse auf die NSA, sinngemäß sagte: Um das Problem dem Leser nahezubringen, brauchte man eine überwachte Aldiverkäuferin anstelle der Kanzlerin. Was da im ersten Moment populistisch klingt (oder nach Marketing), verrät aber viel darüber, wie man die Botschaft unters Volk, das doofe, bringen will. Beziehungsweise glaubt, bringen zu müssen: Total kleinkarriert! Wäre ich Mitglied dieser Berufsgruppe, würde ich mal ernsthaft über einen Generalstreik nachdenken. Eine Woche Funkstille – danach werden die aber zuhören; da bin ich mir aber ganz, ganz sicher.

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