Eine Lanze für Philip Rösler

»Rösler ist ein Arschloch«. Mit diesem Zwischenruf machte sich ein Zuhörer Luft, der die Rede oder die Person an sich des Noch-Parteivorsitzenden der FDP Philip Rösler anscheinend ebensowenig erbaulich fand wie die Mehrzahl der anderen Zuhörer. Nur daß die ihre Kritik etwas differenzierter formulierten. Wie zum Beispiel Kamerad Bundesentwicklungsminister Niebel (diesmal ohne Kampfanzug oder ähnliche Accesoirs), der es mit den Worten formulierte »Es zerreißt mich innerlich, wenn ich den Zustand der FDP sehe«. So kann man es auch formulieren.

Ähnliche Lanzen, die auf den Vorsitzenden der FDP geschleudert wurden, gab es zuhauf. Daß der kleine Vorsitzende der vormals liberalen Partei trotzdem nicht eines der angebotenen Messer nahm, um sich auf offener Bühne zu entleiben, enttäuschte viele. Da stand er nun, hielt seine mit Spannung erwartete Rede; stockend, nichtssagend. Unbehindert von Applaus oder ähnlichen Störungen – abgesehen von dem Eingangs erwähnten Zwischenruf – gab es nichts Erwähnenswertes.
Was hätte da auch Neues kommen können?
Die FDP ist am Ende.

Am Ende eines Kreuzzuges, an dessen Ziel eine plutokratische Zweiklassengesellschaft stand.
Am Ende eines Weges, der als Ergebnis einen Hochverrat am Begriff des Liberalismus darstellt.
Am Ende eines Weges, bei dem man sich fragt, ob es für eine liberale Partei überhaupt noch einen Platz in dieser Gesellschaft gibt.

Die letztgenannte Feststellung zeigt indirekt den verheerenden Schaden an, den die FDP anrichtete. Man verwechselt bereits diese Partei mit dem Begriff Liberalismus im allgemeinen und vergrößert damit ungewollt den Kahlschlag an liberalen Ideen, den Politiker wie Otto Graf Lambsdorf, Rainer Brüderle, Guido Westerwelle und andere dieser Idee zugefügt haben. Liberalismus war niemals die Idee eines Wahlvereins für die Klasse der Besitzenden. Diese Idee – geboren in der Zeit der Aufklärung – ist so viel mächtiger, ist für die Demokratie so unverzichtbar, hat so viele bedeutende Köpfe geboren, daß die inflationäre Umdeutung des Begriffes durch diese Partei um so verbrecherischer ist.
Ja, es ist ein Verbrechen, was dadurch nicht relativiert wird, daß es von Figuren wie Rösler, Bahr, Döring – kurz: Einer geschichtsvergessenen Clique von Halbwüchsigen begangen wurde. Man überlässt die Interpretation der Quantentheorie keinem Sonderschüler.

Niebel bemerkte auf dem Dreikönigstreffen, daß es ihn zerreiße, wenn er sich den Zustand der FDP ansehe. Dieses Gefühl hätten liberale Persönlichkeiten wie John Maynard Keynes, Immanuel Kant, John Locke, Martha Nussbaum, Hildegard Hamm-Brücher oder Karl Hermann Flach sicher geteilt – daß jene nicht im Publikum saßen, hat weniger damit zu tun, daß sie bereits verstorben sind als vielmehr damit, daß man schon lange nicht mehr in deren Tradition steht. Man stelle sich nur einmal ein TV-Duell zwischen Patrick Döring und Friedrich August von Hayek vor … was für ein Desaster: Bitte, Herr Döring: Wiederholen Sie doch bitte noch einmal ihre originellen Gedanken über die »Tyrannei der Masse«!

Die FDP suchte auf ihrem Parteitag nach einer Neupositionierung und verwechselte dabei konsequent Personalfragen mit Aussage. Wenn man als Interimslösung nach dem unausweichlichen Rauswurf von Rösler einen Hans Dietrich Genscher aus dem Zylinder ziehen möchte – und sei es nur, um Rainer Brüderle zu verhindern – so ist das ein Beweis für diese These. Die Neuausrichtung einer Partei, die das Wort »Liberal« auf ihrer Fahne tragen will, sieht anders aus. Warum fiel während der nutzlosen Gedankenspiele auf der Beerdigungszeremonie in Stuttgart nicht der Name »Sabine Leuthäusser-Schnarrenberger«? Lag es daran, daß sie die letzte in dieser Riege ist, die wenigstens gelegentlich in homöopathischen Dosen den Gedanken eines historischen Liberalismus vertritt?

Brauchen wir eine (links)liberale Partei mit einem nenneswerten Wählervotum? Ja, unbedingt. Nur wird sie nicht FDP heißen. Dieser Markenname ist für alle Zeiten diskreditiert.

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