Eine Frage hätte ich noch

Zwischen Tür und Angel, weil Zeit knapp wie Geld ist und ich eigentlich auch Besseres zu tun hätte. Aber fragen tut man sich ja doch.

48°48°13’15.0″N 12°31’14.3″E, Oberbayern, Unterflossing. Dort erscheint neuerdings pünktlich um 16:30 Uhr die heilige Jungfer Maria. Warum das ausgerechnet in Unterflossing, nie aber in Brake oder Neuharlingersiel passiert, steht in dem anschmiegsamen Artikel von Sophie Rohrmeier auf Zeit.de leider nicht.
Schade!

Eine kurze Zusammenfassung: Der Organist der örtlichen Kapelle leidet insgeheim unter der Bedeutungslosigkeit seine Kapelle, läd einen italienischen Seher ein, der verspricht, die heilige Jungfrau gleich mitzubringen und siehe da – beide erscheinen! Der Rest spielt sich dann so ab, wie solche Dinge abzulaufen pflegen. Ein nervöser örtlicher Priester, der lieber seine Ruhe haben will, Pilger*innen, denen endlich einmal etwas geboten wird und natürlich die katholische Kirche, die misstrauisch beäugt, ob das Wunder wenigstens mit dem wissenschaftlichen Stand des 19. Jahrhunderts vereinbar ist.
Bis dahin ist das alles nicht weiter bemerkenswert oder ungewöhnlich. Und auch dieses Mal wird keine mobile Kampfeinheit des psychiatrischen Dienstes gerufen, sondern die Gläubigen mit mildem Wohlwollen bedacht.

Über einen Satz in dem Artikel stolpert man aber doch: »Offenbar hat die Kirche Sorge, die angeblich erschienene Maria könne Dinge sagen, die den Lehren der katholischen Kirche zuwiderlaufen.«
Diese Bemerkung hat verborgenes Potential. Dahinter steckt die unverholene Angst, Jesus könnte sich wieder melden oder Karl Marx (was die katholische Kirche weniger interessieren würde als die SPD) oder sonstig verstorbene VIPs, die Organisationen gründeten, die heutzutage behaupten in ihren Namen zu handeln.
Es spricht einiges dafür, daß es auch dieses Mal auf einen Deal hinausläuft. Die Gläubigen werden nicht eingewiesen und dem Seher wird bedeutet, welche Sätze Maria sagen wird und welche nicht. Mit Jesus hat das ja auch ganz gut funktioniert.
»Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken, aber…«

Die FAZ fiel in der Vergangenheit nicht unbedingt durch Satire auf. Aber an diesem Zustand wird gerade heftig gerüttelt.

»Die europäische Trauerfeier zu Helmut Kohls Beerdigung hat die Erwartungen übertroffen. Und sie sorgte für einen Moment der Selbstbesinnung eines ganzen Kontinents.«

»Als der Leichenwagen mit dem Koloss darin unterwegs zur letzten Ruhestätte und Händels Trauermarsch verklungen war, …«

»Als der Sarg, an dem die Soldaten sichtlich schwer zu tragen hatten, ein letztes Mal in Bewegung gesetzt wurde und Händels Trauermarsch das Geschehen abermals ins Licht erhöhter Bedeutsamkeit tauchte…«

»Vollends obsolet wirken jetzt die vernichtenden, ja, ehrabschneiderischen Stilkritiken, die, durchdrungen von einem übertriebenen Anspruch an Weltläufigkeit, Karl Heinz Bohrer, einstiger Literaturchef dieser Zeitung, in den neunziger Jahren an Kohl vorbrachte.«

Ehrabschneiderischen Stilkritiken?
»(…) In Dr. Helmut Kohl drückte sich die Unfähigkeit der ganzen Gesellschaft zur Infragestellung überkommener Glaubensinhalte aus«
Karl Heinz Bohrer

Das ist keine Stilkritik. Das könnte auch eine Kritik zur epochalen Beerdigung des Kolosses sein.

»Kohl war ein Politiker der deutschen Provinz und ihres Vereinswesens, das beherrscht ist von Loyalitäten, mündlichen Absprachen, Bargeld, Telephonbeziehungen, Kameraderien, Hinterzimmern.«
Klaus Hartung

Das ist eine Stilkritik! »Die europäische Trauerfeier zu Helmut Kohls Beerdigung…« ging vielleicht etwas gegenüber dem Gewinn der Europameisterschaft unter, oder? Vom Kernobstgewächs zum Titan – da wankt der graubekittelte Sargträger. Ein anderer Koloss sagte bezüglich der Kanzlerschaft Kohls einmal:
»Er ist total unfähig, ihm fehlen die charakterlichen, die geistigen und die politischen Voraussetzungen. Ihm fehlt alles dafür.«
F.J. Strauss, CSU

»Man könnte sagen, daß Geschmack und Nerven an Hubert Kah und der Neuen Deutschen Welle schon genug hätten und dieser da da da so unnötig war wie ein Ohrwurm. Man könnte fragen, ob die Bundesrepublik am Beginn der letzten Vorkriegskrise der kapitalistischen Ordnung wirklich dem geistigen und moralischen Führungsanspruch der Frau Strubbelich unterworfen werden musste. Man könnte, aber man sollte nicht. Helmut Kohl ist kein Objekt der Satire. Er ist Satire.«
Hermann L. Gremliza, Konkret

Seltene Einigkeit der Zeitzeugen. War dieses Begräbnis seine größte Stunde, größer und einiger als der Mauerfall?

P.S. Bei Mattheus steht das »Aber« bereits vor der eigentlichen Einladung zur Erquickung:

»Da fing er an, die Städte zu schelten, in denen die meisten seiner Wundertaten geschehen waren, weil sie nicht Buße getan hatten: Wehe dir, Chorazin! Wehe dir, Bethsaida! Denn wenn in Tyrus und Zidon die Wundertaten geschehen wären, die bei euch geschehen sind, so hätten sie längst in Sack und Asche Buße getan. Doch ich sage euch: Es wird Tyrus und Zidon erträglicher gehen am Tag des Gerichts als euch! Und du, Kapernaum, die du bis zum Himmel erhöht worden bist, du wirst bis zum Totenreich hinabgeworfen werden! Denn wenn in Sodom die Wundertaten geschehen wären, die bei dir geschehen sind, es würde noch heutzutage stehen. Doch ich sage euch: Es wird dem Land Sodom erträglicher gehen am Tag des Gerichts als dir!«

P.P.S. Das kann man sich beim besten Willen nicht ausdenken: Gefährlich klarer Schmalz! 80 Jahre nach seiner Premiere wird in Thailand Chaplins Film »Der große Diktator« verboten.

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8 Kommentare zu Eine Frage hätte ich noch

  1. OldFart sagt:

    Die beiden Punkte sind auf subtile Weise miteinder verbunden.

    Es ist der besondere Verdienst des Oberbräsigen, mit Privatfernsehen der allgemeinen Verblödung umd Boulevardisierung Tür und Tor geöffnet zu haben. Das griff dann über und löste ganz maßgeblich den generellen Niveaulimbo im öffentlich-rechtlichen Umfeld und bei den Qualitätsmedien aus. Intellekt, Sachkunde und Differenzierungsvermögen sind nicht mehr en vogue. Offensive Dummheit, Intelligenzverachtung und Prolligkeit sind die neuen Vorbilder. Die Geissens & Co. lassen grüßen und ihre intellektuellen Pendants bevölkern die Politik. Hallo Herr Dobrindt.

    Und in diesem Klima kriechen dann auch wieder die Scharlatane an allen Ecken und Enden aus den Ritzen, tragen Kreationismus in die Schulen, verkaufen Akasha Säulen und laden zu Marienerscheinungen ein. Ich meine, wir waren in Sachen faktenbasierter Rationalität schonmal weiter. Daß all das ein prima Nährboden für die Verbreitung und Akzeptanz propagandistischer staatlicher Narrative ist, ist sicher kein Zufall.

    Der Altmeister dazu:
    https://m.youtube.com/watch?v=RkNddCXSLvM
    So etwa ab Minute 2.

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  2. Martin Däniken sagt:

    Die Mutter Gottes benutzt nicht Air America deren Motto ist:
    „Anything, Anywhere, Anytime, Professionally“!
    »Die europäische Trauerfeier zu Helmut Kohls Beerdigung hat die Erwartungen übertroffen. Und sie sorgte für einen Moment der Selbstbesinnung eines ganzen Kontinents.«
    Selbst bei den Bootsflüchtlingen auf dem Mittelmeer
    -Schönes Bild,mal eben innehalten beim Aussschöpfen des lecken Seelenverkäufers/Ertrinken und an den Dicken gedacht…7-)

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  3. Peinhart sagt:

    Maria kennt sich in Brake oder Neuharlingersiel halt nicht so aus, in Altötting und Umgebung dagegen sehr. Vielleicht sollten die Erstgenannten mal mit dem Klabautermann reden. Auf dass auch der Norden erscheine im Glanze des Wahns.

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  4. Martin Däniken sagt:

    Tja was soll man machen so ein Wolpertinger hat einen grösseren Niedlichkeitsfaktor als der gemeine Klabautermann siehe den Klabautermann Records Klabautermann!Pfeiferauchen tut er auch noch,dann vielleicht hatta nen H.Wehner-Winkel…
    Die Mutter Gottes ist ja auch nur ein Mensch,das Auge isst mit 😉

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  5. undenkbar sagt:

    Antwort zur Frage: Weil Ostfriesland unter lutherischer bzw. gar evangelisch-reformierter Hegemonie steht, Bayern aber unter römisch-katholischer, wo Marienerscheinungen nicht pathologisiert und, wenn auch nicht gebilligt, so doch als Volksfrömmigkeit geduldet werden – geduldet werden müssen aus realpolitischer Notwendigkeit, etwas in Südamerika, vor allem aber auch im Mutterland Italien.

    Weniger bekannt: Der paradigmatische Super-GAU, wo Antonius von Padua „Dinge [sagte], die der katholischen Lehre zuwiderlaufen“, ereignete sich zu Beginn der Neuzeit im heutigem M’banza Kongo, im Norden des heutigen Angola: Der für die damalige globalisierte Ökonomie grundlegende transatlantische Sklavenhandel zwischen Brasilien und Kongo/Angola kam während der kurzen Zeit des Wirkens von Dona Beatritz Kimpa Vita beinahe zum Erliegen, aufwändig musste mit anderen Ländern Ersatz für den ausbleibenden Arbeitskräftestrom organisiert werden – die Blaupause für die spätere Revolution in Haiti und im 20. Jh. die Dekolonisation Afrikas. Die zitierte „Sorge“ der Kirche ist ein fernes Echo jener welthistorischen Ereignisse. Im kollektiven Alltagsbewusstsein mögen diese vergessen gemacht worden sein, doch die betriebsinternen Archive im Vatikan vergessen nicht.

    Die genannte „mobile Kampfeinheit des psychiatrischen Dienstes“ für solche Fälle ist evangelisch-reformiert gedacht (->Pathologisierung), katholisch wird im zivilisierten Fall der lizenzierte Exorzist herbeibeordert, ansonsten halt – wie bei Kimpa Vita – eine Hexenjagd mit juristisch abgesegnetem Lynchmord organisiert. Wobei in Bayern, spezifisch in Aschaffenburg 1976, war das Ergebnis für Anneliese Michel g’hupft wie g’sprungn.

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  6. Pantoufle sagt:

    Moin, alle zusammen

    Nach 300km Regenfahrt nun wieder zu Hause – selbst fürs trockenlegen der nassen Plünnen hat es noch nicht gereicht. Kann man auch morgen machen, dann sind sie immer noch nass.

    @OldFart
    Die beiden Punkte sind nicht subtil miteinander verbunden. Subtil bedeutet, daß man die Unterschiede nur mit einer Qualitätslupe findet. Aber beim Konzert der Trauerposaunen über das Ableben des Kolosses fehlte eigentlich nur noch der Hinweis, daß Helmut Kohl Fischbrötchen in 5000 Flaschen Pfälzer Riesling verwandelt hat. Die Heiligsprechung Kohls konnte ja realistischerweise nicht Aufgrund seiner politischen Erfolge geschehen. Die gab es nicht. Es sei denn, man rechnet Sitzfleisch als Erfolg. Das, was bei ihm im Nachhinein als »bürgerlich« und »volksnah« verklausuliert wird, heißt in diesem Falle, daß dieser Mensch primitiv und ungebildet war. Zu seiner Rolle als Politiker kann man der Wertung von Klaus Hartung nur wenig hinzufügen; das ist schon ziemlich vollständig.

    Aber darum geht es ja auch nicht. Bei Seligsprechungen gelten andere Maßstäbe und die haben mit den historischen Gründen so gut wie nie etwas zu tun. Seligsprechungen dienen denjenigen, die sie aussprechen und funktionieren nur dann, wenn die Betroffenen tot sind. Ganz gleich, was jene selber darüber denken oder sagen würden. (Wobei im Falle von Kohl sein Beifall sicher gewesen wäre: Was ihm durch historische Zufälle in den Schoß fiel, hat er immer gerne als eigenen Verdienst hingestellt.)

    Und damit schließt sich der Kreis, ergeben sich Gleichartigkeiten zwischen Politik und Religion. John F. Kennedy und Mutter Theresa liegen auf dem Friedhof im Tode vereint nebeneinander.

    @Undenkbar
    Ich fress das jetzt mal so. Sagen kann ich dazu wenig bis nichts – außer François-Dominique Toussaint Louverture sagt mir das erst mal gar nichts. Da muß ich mich erst mal einlesen, Dona Beatriz Kimpa Vita hatten wir im Unterricht nicht. Nie gehört, keine Ahnung wer das ist. Sowas soll vorkommen!
    Das ist ungefähr so wie Dein Blog: Hochinteressant, aber (für mich) die völlige Überforderung. Ich nehm’s aber als Ansporn – nicht daß Du das als unangemessene Kritik verstehst.
    Erster Versuch Wikipedia… da steht etwas weniger als nichts! Hmmm… bis auf einen Satz: »Für die Tradition der afrozentrischen Bibelinterpretation ist Kimpa Vita der Ausgangspunkt.« Auch etwas, worüber ich absolut nichts weiß. Aber damit könnte man anfangen.
    Ich werde mich dazu äußern, wenn ich ein klein wenig klüger geworden bin.

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  7. Martin Däniken sagt:

    @Undenkbar: Leider gehöre ich zu den Leuten,die man als Leser 100% verliert wenn Worte wie Paradigmenwechsel und Neoliberal auftauchen
    und keine ironische Brechung stattfindet oder in einer Subtilität im Mikrometer-Bereich stattfindet…
    Ich sehe dann eine trockene fastnichtmenschliche Gelehrsamkeit,die ihren eigenen Stamm an „Wissenden“ erzeugen will,da nicht jedermann zugänglich.
    Ich mags lieber saftig ,lebendig.

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    • Pantoufle sagt:

      Moin, Martin
      Ich habe keine Ahnung, wer Undenkbar ist, aber offensichtlich hat er/sie eine Mission. Ich hätte die Artikel auch anders formuliert – man tut sich mit diesem Stil selbst keinen Gefallen – aber interessant ist es eben doch worüber geschrieben wird. Wobei dann immer noch die Frage bliebe, mit welchem Stil man sich und anderen einen Gefallen tut. (ein bemerkenswertes Beispiel dafür im post scriptum)
      Unmenschlich? Zu meiner Beruhigung habe ich einen Tippfehler gefunden. Aber auch einen hübschen Satz »Das neoliberale Subjekt kann a priori keinen Widerspruch erkennen, da der egoistische Eigennutz wissenschaftlich a priori identisch mit dem Nutzen für die Allgemeinheit ist.«

      Schwierig zu lesen sind seine/ihre Texte vielleicht deswegen, weil es an jeder Art von Einleitung mangelt. Man geht davon aus, daß der Leser bereits mit dem Thema vertraut ist. Da sind auch die dankenswert gründlichen Literaturverweise wenig hilfreich. Aber leider fehlt ein Abstract.
      Jedenfalls interessiert mich das Thema Kimpa Vita. Abgesehen von der Tatsache, daß es sich nach einer langen Nacht Suche im Netz als hochinteressante Geschichte entpuppt, ist es vielleicht irgendwann Stoff für einen eigenen Text darüber. Jedenfalls ist meine Neugier geweckt, was ja schon mal ein Verdienst an sich ist. Dazu sollen Blogs ja dienen – gleichgültig wie man es formuliert.

      P.S. Wie man schwierigen, trockenen Stoff trotzdem lesbar aufbereiten kann, kann man bei einem Meister seines Faches hier nachlesen. Auch wenn man einige Sätze fünf mal lesen muß, um nur ansatzweise zu begreifen, um was es geht.

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