Ein ziemlich ekliges Thema

»Hütet euch vor den Schriftgelehrten, welche gern im Talar herumgehen, und auf die Begrüßungen an den öffentlichen Plätzen aus sind, und auf die Vordersitze in den Synagogen und die ersten Plätze bei den Gastmählern.«
Lukas 20;46

Die von der Internetredaktion des Bistums Trier bundesweit eingerichtete Hotline für Ersthilfe für Opfer sexueller Gewalt hat Ende des Jahres 2012 ihren Dienst eingestellt. Diese Telephon – und Internetberatung der katholischen Kirche wurde im März 2010 eingerichtet, um auf die bekannt gewordenen Übergriffe an Schutzbefohlenen in kirchlichen Einrichtungen zu reagieren.

Am 13.Juli wurde auf einer Pressekonferenz des VDD (Verband der Diözesen Deutschland) das Forschungsprojekt »Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz« vorgestellt. Die Leitung dieses Projekts übergab man Professor Dr. Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN). Die Zusammenarbeit wurde am 9.1.2013 wegen einem »zerrütteten Vertrauensverhältnis« beendet.

Dem sich aufdrängenden Verdacht, die katholische Kirche würde sich gegen eine tiefergehende Aufklärung dieser Verbrechen sperren, muß man entgegenhalten, daß der evangelisch-sozialdemokratische Dr. Pfeifer schon in der Vergangenheit durch vorschnelle, wissenschaftlich wenig belastbare Kausalketten oder Ergebnisse aufgefallen war. Der unter seinen Kollegen nicht unumstrittene Pfeiffer pflegte auch in diesem Fall ein eher effekthascherisches Verhältnis zu den Medien, bei dem die Tatsachen gegenüber plakativen Schuldzuweisungen gelegentlich ins Hintertreffen gerieten.

Aber selbst wenn man annimmt, daß die Bischofskonferenz an einer rückhaltlosen Aufklärung interessiert wäre, muß man feststellen, das die wissenschaftliche Aufklärung einem Krieg der Anwälte gewichen ist. Angeblich manipulierte Akten, »Geheimarchive« oder ein heilloses Durcheinander bei den Personalakten der Diözesen paaren sich mit bedenklichen Verstößen gegen datenschutzrechtlichen Bestimmungen. Was sich am Anfang als – wenn auch etwas inzenierte – moralische Aufarbeitung darstellte, nimmt in rasender Geschwindigkeit das Gesicht eines »parlamentarischen Untersuchungs-Ausschusses« an: Diese Art von Aufklärung, die normalerweise ein Instrument der Verschleppung ist, Vorgänge aus dem Licht der Öffentlichkeit zieht. Dieser Verdacht ist durchaus nicht unbegründet: Wer erinnert sich schon, wodurch dieser Stein ins rollen kam? Das beste Schutzschild der Täter ist die Vergesslichkeit des Publikums.

Aus den Schlagzeilen kommt die katholische Kirche dennoch nicht, wenn die Art des Missbrauchs sich auch anders präsentiert. Als jüngstes Beispiel steht stehen zwei katholische Kliniken im Rampenlicht, die einer jungen Frau in Köln, dem Opfer einer Vergewaltigung, die »Pille danach« verweigerten. Das Opfer war mit sogenannten »k.o.-Tropfen« betäubt und anschließend vergewaltigt worden. Die behandelnde Notärztin schickte ihre Patientin ins St.Vinzenz-Hospital wie auch zum Heilig-Geist Krankenhaus. In beiden Kliniken wurde ein Rezept aus ethischen Gründen verweigert. Eine immerhin fragwürdige Entscheidung, die sich zudem nicht mit offiziellen Leitlinien des Vatikan deckt (¹). Der Moraltheologe und Mitglied des Deutschen Ethikrates Professor Eberhard Schockenhoff äußerte sich zu einer solchen Situation am 19.8.2007 im Radio Vatikan folgendermaßen:

»Im Fall der Vergewaltigung ist es ein wirkliches Dilemma, denn hier ist die Frau selbst das erste Opfer eines Verbrechens geworden. Jetzt gibt es nur noch dann eine moralisch einwandfreie Auflösung des Konflikts, wenn die Frau, die gerade Opfer eines Verbrechens wurde, eine übermoralische, heroische Anstrengung vollbringt und dieses Kind, das in ihr heranwächst, das sie an das Verbrechen erinnert, dessen Opfer sie wurde, annehmen und lieben kann. Das übersteigt den Bereich dessen, was man als Pflicht bezeichnen kann. Das ist die einzige Antwort einer hochherzigen Liebe, die diesen moralischen Konflikt wirklich bestehen und auflösen kann. Aber zu solch einer hochherzigen Liebe sind viele Frauen nicht in der Lage, in dieser, für sie sehr dramatischen Situation.«

Übersieht man einmal die empörende Definition des Begriffes Liebe, so beschreibt Schockenhof unübersehbar, daß es die Entscheidung des »ersten Opfers« ist; die übermoralische Anstrengung nicht Pflicht, sondern eine nicht erzwingbare eigene Entscheidung ist. Daß die Entscheidungen der behandelnden Ärzte in den zitierten Kliniken weniger aus Wissen denn aus Angst vor dem Arbeitgeber gefällt wurden, ist zu vermuten. Die Angst ist verständlich, betrachtet man die Amoralität dieser Kirche bei einer Entscheidung, die in Brasilien im Jahr 2009 geschah. Ein neunjähriges Mädchen wurde vom Schwiegervater vergewaltigt; eine Abtreibung wurde wegen Lebensgefahr des Opfers vorgenommen. Nachdem die katholische Kirche zuerst der Mutter des Opfers mit einer Anzeige wegen Mordes gedroht hatte, wurden später alle Beteiligten – einschließlich der behandelnden Ärzte – exkommuniziert, die Höchststrafe der Kirche seit der Abschaffung des Scheiterhaufens.

Im Licht solcher Entscheidungen steht die Argumentation der Bischofskonferenz im Fall der Entlassung Pfeiffers auf tönernen Füßen. Ob die Benennung Pfeiffers als Chef der Kommission die beste Entscheidung für alle Beteiligten war, spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Der Lärm über seine Entlassung lenkt vor allem ab von dem, worum es eigentlich geht. Die Entscheidungen in den zitierten Abtreibungsfällen bei Opfern von Vergewaltigungen sind nicht trennbar von den Straftaten, die das Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsens im Bereich der katholischen Kirche Deutschlands aufklären sollte.

Am 17.1.2013 wurde im Rahmen einer Pressekonferenz die Einstellung der Hotline verkündet. Bischof Stephan Ackermann gab ein abschließendes Statement , Dr. Andreas Zimmer, Leiter der Beratungsstelle in Trier, eine Zusammenfassung über die Arbeit der Hotline ab. Der Tätigkeitsbericht und die wissenschaftliche Analyse der Hotline war für kurze Zeit als PDF-Datei einsehbar, sind aber leider mittlerweile nicht mehr online – bedauerlicherweise, da die darin enthaltenen Fakten und Zahlen in ihrer Nüchternheit der Darstellung um so erschreckender wirken.

Auffällig an allen Veröffentlichungen dieser Pressekonferenz und den Abschlußberichten, ist die Tatsache, das sich an keiner Stelle ein Wort der Entschuldigung gegenüber den Opfern findet. Außer Lippenbekenntnissen zur rückhaltlosen Aufklärung steht dort wenig, das den moralischen Hintergrund der Taten beleuchtet, die sowohl Hintergrund der Hotline wie auch der mittlerweile stagnierenden wissenschaftlichen Aufarbeitung durch das KFN waren oder es wenigstens hätten sein müssen.

Das Fehlen jeder Entschuldigung und Demut vor den Opfern zeigt das Problem auf, unter dem diese Kirche leidet. Es ist das Selbstverständnis einer Institution, die sich als übergeordnete moralische Instanz versteht, abgekoppelt von Zeitgeist und herrschenden sozialen Bedingungen. Der Einwand, daß den Gläubigen dadurch eine Festigkeit und Kontinuität geboten wird, die in einer immer unübersichtlicheren Welt für ein gewisses Maß an Sicherheit und Halt sorgt, ist wenig stichhaltig. Von einer – wenn auch behutsamen – Anpassung an die Verhältnisse des 20. Jahrhunderts ist wenig zu bemerken, wie das Beispiel des neunjährigen Vergewaltigungsopfers zeigt. Nur wegen durchaus »irdischen« Instanzen konnten man den durch den Gedanken der Vergeltung und Rache durchzogenen Feldzug der Kirche mindestens bremsen. Daß in dieser Glaubensgemeinschaft das Urteil der Exkommunizierung bei Einigen ihrer Mitglieder als äußerst schwere Strafe wahrgenommen wird, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Es ist dieses Selbstverständnis, das in Kirchenkreisen dazu führt, diese Gerichtsbarkeit auch innerhalb der eigenen Reihen anzuwenden. Das Problem der Deutschen Bischofskonferenz besteht weniger in der Aufklärung als in den juristischen Konsequenzen; geahndet werden sollen die Taten durchaus: Aber durch wen? Die jahrhunderte lange Praxis der Selbstjustiz dieser Institution steht dabei in eklatantem Widerspruch zur gesellschaftlichen Realität, wie der Fall aus Köln zeigt. Und bis in welche Regionen sie als höchste moralische Instanz wahrgenommen wird, zeigt das entsetzliche Fehlurteil der Ärzte der Kölner Kliniken.
In welche seelischen Nöte Menschen gebracht werden, denen man ein lebenslängliches Zölibat abverlangt, ist ein Fall für Psychologen und Verhaltensforscher. Die bekannt gewordenen Ergebnisse sprechen nicht für eine solche Praxis. Das auch andere zum Täterkreis gehörenden – nicht dieser merkwürdigen Praxis unterliegende – Personen der Kirche im Rampenlicht stehen, lässt vermuten, daß sich die Moral der dieser Kirche mehr in Angst als durch Festigung von Wertvorstellungen äußert.

Dem Aufklärungswillen der Deutschen Bischofskonferenz sind geschichtliche Grenzen gesetzt. Grenzen, die in einer überheblichen, selbstgerechten Beurteilung der eigenen Instanz begründet sind. Man kann es den Beteiligten nicht verübeln: Wer in einer Sekte aufgewachsen ist, kann sich nicht von heute auf morgen von dieser Indoktrination befreien. Auf keinen Fall darf man es den »Opfern« einer solchen Sekte selbst überlassen, über Recht und Strafe zu bestimmen. Die Aufklärung von den sexuellen Straftaten der katholischen Kirche gehört in die Hände einer ermittelnden Staatsanwaltschaft. Begriffe wie »wissenschaftliche Studien« lenken von einer simplen Tatsache ab: Es handelt sich hierbei um Vergehen gegen bestehende bürgerliche Gesetze. Das sie strafverschärfend beinahe kollektiv begangen wurden, gedeckt durch leitende Amtsträger der Kirche, muß geahndet werden.

Aber nicht durch die Würdenträger, die sich im Moment ihre Ankläger selber aussuchen.

P.S. Im Bereich »Opfer« auf der Webpresänz der Deutschen Bischofskonferenz steht der wichtige Satz »nur der Täter ist schuld !«. Das ist etwas, was jeder Betroffene tief in seinem Bewußtsein verankern muß: Er trägt keinen Teil der Schuld. Im Fall der katholischen Kirche wäre es aber vermessen, die Schuld allein beim Täter zu suchen. Denn es ist ebenfalls wahr, das jeder Täter ein Produkt seines sozialen Umfeldes ist.

Nachtrag zu (¹)
Das scheint irreführend zu sein. Professor Schockenhoff repräsentiert offenbar einen »humanen« Flügel seiner Kirche. Die offizielle Leitlinie ist im Evangelium vitae beschrieben, die so strikt gefasst ist, daß – vereinfacht ausgedrückt – schon die Annahme einer Schwangeschaft recht, um eine Notfallkontrazeption zu verbieten. Im Fall der Kölner Krankenhäuser wurde sowohl diese verweigert wie auch die Zulassung einer kriminaltechnische Untersuchung.Das Erzbistum Köln bestreitet, daß sie die kriminaltechnische Untersuchung von Vergewaltigungsopfern an ihren Kliniken verweigern. Sollte das passiert sein, so würde man das bedauern.

Evangelium vitae

Deutsche Bischofskonferenz

FAZ-Artikel zum Thema

Der Fall in Brasilien

Der Fall in Köln

Tätigkeitsbericht der Hotline Teil 1

Tätigkeitsbericht der Hotline Teil 2

Kölner Stadtanzeiger Fall der Vergewaltigung Januar 2013

Dieser Beitrag wurde unter Polemik abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *