Ein Qualitätstroll

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Pic via die roten Schuhe

Nein, keine Angst: Es geht nicht um die Unterbemittelten, die Foren und Blogs mit ihrem dümmlichen Geschwafel zumüllen. Heute beschäftigen wir uns mit Qualitätstrollen – sogenannten leistungsgeschützten Q-Trollen, die das in angeblich renomierten Tageszeitungen machen.
Wenn jeder Schuß ungehört verhallt, es weder Manna noch Hirn regnet, dann lohnt sich der Blick in die paygewallte »Welt«. Andrea Seibel, stellvertretende Chefredakteurin und Autorin des nichtverlinkten Artikels »Amerika ist wieder mal der Buhmann« sei Thema des heutigen Abends.

Ja, ja: das Leistungsschutzrecht. Niemals in seiner kurzen Geschichte wurde sein Sinn schlagender widerlegt. Trotzdem schwebt es als Tranchiermesser des Damokles über jedem Blogger. Und sei die verlegerische Leistung noch so haarsträubend: Die entscheidende Zeile zuviel zitiert, und der Originallqualitätsleistungsverlegersautor hat das Gefühl, es wäre an der Zeit zu kassieren.
Das ist in diesem Falle äußerst bedauerlich. Die unsichtbare, aber in jeder Zeile fühlbare Geste der aufs Herz gedrückten rechten Hand verführt dazu, absatzweise zu zitieren, wäre da nicht das »Leistungsschutzrecht für Verleger und Autoren«…

Deshalb eine kurze Artikel-Übersicht:
1.)Es ist heikel, sich mit schadenfrohen Feinden der Demokratie wie China, Russland oder Morales gemein zu machen.(V1.0)
2.)Die unerträgliche Häme über die amerikanische Bloßstellung bei den Feinden der Demokratie: den Russen, den Chinesen und all den unreifen Lateinamerikanern, die sich um Morales scharen.(V1.2)
3.)Deutschland sollte das nicht machen. Agieren so Freunde oder Partner?
4.) Rot-Grün natürlich, mit ihrem latenten Antiamerikanismus.
5.) Das die Koalition überhaupt auf die Enthüllungen reagiert, ist nur dem Wahlkampf geschuldet. Bigott!
6.)»Das Hauptaugenmerk der Amerikaner lag immer auf der Abwehr terroristischer Gefahr und der Bekämpfung von Diktaturen und nicht auf den privaten E-Mails.« Immer!
7.) 9/11
8.) 9/11!
9.) Was hätten die Deutschen getan, wenn 9/11 in Washington geplant worden wäre?
[Das steht da tatsächlich. Die Redaktion der Schrottpresse gesteht, daß sie keine Ahnung hat, was was Frau Seibel damit meint. Vermutlich hätte man Seibel einen Artikel darüber schreiben lassen]

10.) Amerika »stürzt« sich auf seine Feinde und macht damit die Welt sicherer.

Das alles steht da und noch einiges mehr in diesem gar nicht so langen Artikel. Eigentlich nahm man an, daß sich dieser Jubeljournalismus nach dem Ende des Vietnamkrieges erledigt hat. Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll. Es ist wie bei den billigen Trollen: Das ist so falsch, daß nicht einmal das Gegenteil davon richtig ist. Von den Beleidigungen einmal ganz zu schweigen.

Liebe Frau Seibel.
Die Welt ist nach 9/11 mitnichten sicherer geworden. Das würde nicht einmal die amerikanische Administration behaupten – solche Unterstellungen würden ihren Interessen zuwiderlaufen.

Es ist schon lange nicht mehr »im Interesse Europas«, daß die USA sich als Weltpolizei aufspielen. Nicht erst unter der Präsidentschaft Obamas ist jedes Maß, jede Kontrolle und das Interesse an Rechtsstaatlichkeit abhanden gekommen. Das Wort »Demokratie« beschreibt dort einen Verwaltungsakt, keine Weltanschauung.

»Der vorauseilende Gehorsam gegenüber der eigenen Bevölkerung«, den Sie deutschen Politikern andichten, wenn sich jene vor die Kamera stellen und behaupten, nichts zu wissen, ist bestenfalls peinlich. Aber kein Gehorsam.

Bei allem Respekt, sehr geehrte Frau Seibel: Aber die Behauptung, ein Hauptaugenmerk der USA läge »auf der Bekämpfung von Diktaturen« , hinterlässt atemlose Fassungslosigkeit. Dieser Satz hätte bereits 1964 für Kopfschütteln gesorgt: Wir schreiben das Jahr 2013.

Was in Ihrem Artikel aber positiv hervorsticht: An keiner Stelle bezeichnen Sie die USA als Rechtsstaat. Das wäre angesichts von NSA-gesteuerten Killerdrohnen, der Unterstützung jeden Unrechtsregimes, der verbreiteten Anwendung von Folter, kriegsgeilheit und Militärgerichtsbarkeit auch zu peinlich. Auch bestreiten Sie nicht, daß nach Strich und Faden nicht nur der zivile Datenverkehr ausspioniert wird.

Sie schreiben: »Der Enthüller mag moralisch motiviert gehandelt haben.« Das ist richtig. Lassen wir den Konjunktiv II einmal beiseite und sagen, er hat moralisch gehandelt. Dann würde Ihre Widerlegung einen unmoralischen Standpunkt vertreten. Oder wieviel Sorten von Moral hat »Die Welt« im Angebot?

P.S. Haben Sie den Artikel alleine geschrieben? Verzeihung – man wird ja noch fragen dürfen.

P.P.S. War es Kümmerling und wenn ja, wieviel? (nicht meine Idee! Der Klaus hat das gesagt!)

Wie Wolfgang Michal (nicht ganz vollständig) feststellt: Realismus Kotau

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0 Kommentare zu Ein Qualitätstroll

  1. Nun ja, seit Axel Springers Zeiten wird dort im Hause jeder Schreiber auf bedingungslosen ‘Amerikanismus’ verpflichtet. Das heißt dort zumeist ‘westliche Wertegemeinschaft’, aber ohne Obama – und hinten kommen immer Hayek, Mieses, Reagan oder die ‘Chicago Boys’ raus. Ansonsten muss ein Schreiber eben den Schreibtisch räumen, wenn er gegen dieses Springer’sche Grundgesetz verstößt. So jedenfalls erkläre ich mir manches ideologische Geeiere dort …

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  2. pantoufle sagt:

    Moin Klaus
    Ach, das war ganz lustig: Ich hab nach dem Namen Seibel gegoogelt und Deine Seite kam gleich als zweiter Treffer – da sah ich, daß sie bei Dir auch auf der Abschussliste steht.
    Was mich an dem Artikel verwunderte, war eine unbestimmte Altbackenheit. Hätte sie nur über »die Linken« gewettert; es wäre der Erwähnung nicht wert gewesen. Aber dieser unbedingte, blindwütige Amerikanismus, der auch vor der CSU nicht Halt macht… das hatte dieses Air von Schah-Besuch, Mondlandung und Koreakrieg in einem Aufguss.
    Eigentlich fast Satire: So vernagelt hat schon wieder eine eigene Qualität. Hallmackenreuther auf Kokain.

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    • ‘Hallmackenreuther auf Kokain’ – so weit würde ich dann doch nicht gehen. Eher schon: ‘Schwäbische Hausfrau auf Kümmerling’ …

      Bei der ‘Welt’ gibt es übrigens einen ganzen Zoo solcher Figuren. Posener und Broder haben zumindest noch eine gewisse Sprachgewalt. Dann gibt es aber dort auch diese Kohorte aus Poschardt, Siems etc., wo meine Erwartungen regelmäßig noch untertroffen werden, was schon schwer genug ist. Immerzu mit dem Kopp vor die gleiche Wand – das muss doch weh tun.

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  3. Ruby sagt:

    Hallo Pantoufle,

    der Artikel dieser Dame erinnert mich an die Jubelmeldungen im ND für unseren Großen Bruder Sowjetunion bis 1989.

    Kompliment für deinen Artikel – köstlich!

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  4. der Doctor sagt:

    Hi,Pantoufle,

    Ist ja ein interessantes Geschäftsmodell von Springer:Für´s Belogen,verarscht und Verblödet werden soll man jetzt auch noch bezahlen.Aber mal ehrlich:Dafür müßte der Leser noch Geld kriegen-für die Beleidigung der Intelligenz.Wie Tief unsere Q-Presse inzwischen.gesunken ist!
    Sehr guter und treffender Artikel.

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  5. pantoufle sagt:

    Ach, das ja mal schön: Die Sonne scheint wie blöde, ich hab mich schon wieder vorm Rasenmähen gedrückt und nette Leute in den Kommentarspalten – soger eine Ruby 🙂

    Ich muß gestehen, daß man in den Spalten von Springer&Co im Moment besser unterhalten wird als in der Sauna der Dauerempörung. Als Diamanten am schwarz-braunen Himmel fand ich dieses (Julian Reichelt, BILD, via Netzpolitik.org):

    “Denn Snowden ist dafür verantwortlich, dass jeder Terrorist der Welt in den letzten Tagen sein Handy weggeworfen, seine E-Mail-Adresse abgeschaltet hat.”
    “Ja, wir wissen jetzt, wie umfassend die USA das Internet überwachen. Wir können das als Sieg unserer Bürgerrechte feiern.”
    “Aber wahr ist auch: Wir feiern mit den Falschen. Snowden ist auch ein Held für all jene, die in Berlin, Madrid, London Busse in die Luft sprengen wollen”.

    Busse in Berlin…soso. Ich kenne da zwar einige, die das gerne mit der dortigen S-Bahn machen würden (eigentlich ganz honorige Bürger), aber die Busse? Wer nimmt nicht lieber den Buss, wenn schon die Bürgersteige unpassierbar durch weggeworfene Mobiltelephone und Hundescheiße sind? Eigentlich doch jeder Terrorist. Da sitzt dann Oma Olga einträchtig neben dem mehrfachen Selbstmordattentäter Ali ibn »Bomba« Al-Kuds und man sieht sich traurig an: »Schöne Scheiße das, oder?«

    Ach Ruby – was Deine ND-Jubelmeldungen betrifft: Die fand ich eigentlich amüsant. Diese aber auch sowas von erfüllten Fünfjahrespläne und der Titel-Terror:

    Der von seinem Volk geliebte Vizevorsitzende der KPDSU, Staatsratsbeisitzende, Chef der Kulturkammer und Fördermitglied des Arbeitervereins »denn man tau«, Träger des Leninordens, 23 facher Held der Arbeit, des tiefroten Bannerordens »Faulheit ist auch ok« und allseits beliebtes Mitglied im Kegelclub »voll auf die Zwölf« Genosse Alexander Isowaritsch Konsomoltz ist …
    … tot!

    Großes Hallentennis! Irgendwie vermisse ich das ein wenig.

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    • “Denn Snowden ist dafür verantwortlich, dass jeder Terrorist der Welt in den letzten Tagen sein Handy weggeworfen, seine E-Mail-Adresse abgeschaltet hat.” Und dafür, dass mein Klopapier schon wieder alle ist …

      Ich habe für solche Auslassungen übrigens einen nagelneuen Ausdruck: Tresenjournalismus.

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      • pantoufle sagt:

        Kommt ganz gut hin. Wenn ich halbwegs zügig vorankomme, habe ich heute nacht oder Morgen was neues fertig: Fritten-Paule. es gibt ja unterschiedliche Tresen. Die an der Hotelbar und dann die bei Fritten-Paule.
        Tresen- und Wurstjournalismus.
        P.S. Mensch, ich muß mich ja noch um meine unfassbar beliebte Kolumne »Gedicht am Dienstag« kümmern. Zum Glück hab ich da schon was vorbereitet 🙂

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