Ding inne Schnauze

»Halt! Stop!« Zwei vollkörpertätowierte bärtige Primaten aus der Gewichtsklasse Superschwergewicht drängen die Schaulustigen zurück. Der eine trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift »Odin statt Jesus«, der andere zeigt ohne Bekleidung, was der jahrzehntelange Kampf mit dem Bier für Prachtkörper hervorbringt.
Ihre zwei Mädelz liegen platt auf dem Boden und heben vorsichtig ein Müllstück nach dem anderen vorsichtig hoch.»Ha! Sie hat es geschafft!« Die Maus, die noch eben verzweifelt Deckung vor tausenden von Nagelstiefeln suchte, hat in das rettende Loch gefunden! Odin sei Dank! Ein Leben gerettet! Niemand soll hier zu Schaden kommen und dafür arbeitet man zusammen. Darauf ein Bier! Noch ein Bier, denn es ist immerhin schon 10:00 Uhr.
Einstimmiger Beifall der Umstehenden.



Der eine oder andere hat es vermutet, wiederum andere erhofft: Pantoufle war arbeiten. Metal. Heavy Metal. Also schweres Blech und das rund um die Uhr. Noch ein Festival. Wie jeder weiß verträgt die Republik eine unendliche Anzahl von Festivals. Am besten jedes Wochenende eines, bei dem wenigstens 40.000 Besucher den Rasen plattmachen und tonnenweise Müll produzieren. Langsam festigt sich die Vermutung, daß »die Märkte« ganz allgemein nach der Losung operieren, daß eine einmal erfolgreiche Geschäftsidee unendlich geklont werden kann. Anders ist Griechenland nicht zu erklären so wenig wie die massenhaften Vergnügungen in der Sommersonne.
Erste Anzeichen dafür, daß in dieser Idee grundsätzlich der Wurm steckt, ist bei vielen Festivals auszumachen und sorgt für zufriedenes Brummen – ganz im Gegensatz zu Griechenland, wo es einfach nur tragisch ist.

Man muß den Ausnahmezustand nur lange genug aufrechterhalten, damit ihn jeder als Normalität erklärt. Ist Griechenland noch der Erwähnung wert? Die Erpresser haben auf der ganzen Linie gesiegt und hüllen sich nun in Gewänder von Großzügigkeit und Humanität. »Wir bringen den armen Wilden die frohe Botschaft!« Oder wie Jonas Wollenhaupt auf le Bohemien es formuliert: Demokratie und Kapitalismus beenden ihre Affäre.
Jeder weiß es. Es gibt überhaupt keine Diskussion unter auch nur halbwegs gebildeten Menschen darüber, aber alle schweigen. Der Kadaver der Sozialdemokratie in Europa hat aufgehört zu zucken und seine Genossen in Griechenland den Hyänen überlassen. Wenn man nicht gleich noch nachgetreten hat auf den am Boden liegenden wie im Falle Sigmar Gabriel. Nun wird es schwierig für die kläglichen Reste der Linken: Stimmt man den »Krediten« an Griechenland nicht zu, sperrt man den Brotkorb. Gibt man dem doch seine Stimme, erklärt man die Schutzgelderpressung der Mafia als humanitäre Geste. Ein nicht lösbarer Konflikt, weil eine Erpressung eben alles produziert, nur keine Wahrheiten. Das Strafrecht erkennt unter der Folter erpresste Geständnisse nicht an – Brüssel und der IWF dagegen schon.

Ihre Polizei informiert: »Pantoufles Festival war mit gut 43.000 Gästen ausverkauft und der Betrieb einer rund um die Uhr besetzten Polizeiwache auf dem Festival-Gelände, sowie der Einsatz von Fußstreifen und Verkehrsposten, haben sich wieder einmal sehr bewährt. Es kam wie in den Vorjahren zu keinen gravierenden Sicherheitsstörungen. Es mußten überdies heuer nur knapp halb so viele Eigentumsdelikte verzeichnet werden und es kam lediglich zu vier Körperverletzungen.«

Vier Körperverletzungen trotz Crowd-Surfing, Wall of death und all den anderen Spielen, die der Metalhead so liebt. Keine Soundpolizei, die den Krach in Größenordnungen von belebten Shopping-Malls reduzieren wollte: Full force und interessanterweise blieb es trotzdem dabei weitgehend in vollkommen legalen Bereichen auch ohne debile Hausmeister vom Ordnungsamt. Eine kleine Oase von Lärm und Friedfertigkeit für 72 Stunden.
Was sonst noch so war? Nun ja: Die dargebotenen Kunststücke fanden nur zum Teil Pantoufles Wohlwollen. Bis auf… Vor einiger Zeit wurde mir von kompetenter Seite einmal vorgeworfen, daß – so ich ein bestimmtes Gedicht nicht kenne – der bürgerliche Bildungskanon rückwirkungsfrei an mir vorbeigeschliddert sei. Das schmerzt für einige Sekunden, bis die Überzeugung siegt, daß mich das überhaupt nicht interessiert.

Und jetzt haben wir wieder so einen Fall! Da hat nämlich jemand gespielt, von dem ich zwar wußte, daß es ihn gibt, aber niemals bewußt eine Note von ihm gehört. Das hat nun ein Ende! Wenn ich das nur früher gewußt hätte! Knorkator gab sich die Ehre und Pantoufle liegt immer noch vor Lachen am Boden. So schön! Und die größte Menge an Crowdsurfern, die ich jemals gesehen habe.
So: Jetzt dürfen Interessierte gerne über mich herfallen und mir sagen, was ich alles nicht bin. Pantoufle ist hier Admin, kann also beliebig Kommentare löschen, verfälschen, aus dem Zusammenhang reißen oder gleich selber schreiben. Und er ist bekannt dafür, daß unbegrenzten Mißbrauch seiner Macht betreibt. Nur zu also… kommt schon, kommt schon! Ich werde auf euren Gräbern zu der Musik von Knorkator tanzen.

Jetzt fahre ich erst mal mit Yamahas Eisenhaufen in die große Stadt. CDs kaufen.

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0 Kommentare zu Ding inne Schnauze

  1. Ringo sagt:

    1996 überzeugten wir die Oberen unseres kleinen Provinzstädtchens am Rande der thüringischen Rhön, daß die alte Fabrik im Zentrum etwas besseres als den Abrissbagger verdient hatte. Einer unserer ersten Gäste war Rio Reiser. Wer auch sonst. Er sah nicht mehr gut aus. Aber das Konzert war großartig. Es war sein vorletztes.
    Als es zu Ende war, standen nun zwölfhundert dicke Männer mit Bärten vor der Bühne und warteten was nun geschehe. Die Agentur hatte eine „Nachband“ mitgeschickt. Der Name unausprechlich, niemand wußte, was kommt. D.h. wir hatten schon eine leichte Vorahnung, wir kannten den Technikrider. Er verlangte eine Blumenvase, einen Tisch, einen Stuhl, ein Radio, ein Fernseher, eine Kloschüssel usw.. Nunja, da kamen also die drei seltsam frisierten und gekleideten bzw. nicht bekleideten Typen auf die Bühne und philosophierten zu Computerbeats und Brettgitarre über sich verselbständige Exkremente. Es kam wie es kommen mußte, die Jeansjackenträger verließen fluchtartig den Saal, wir und der verbliebene Rest feierten. Und wozu die die Blumenvase brauchten …

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    • pantoufle sagt:

      Genau! Dafür nämlich! Aber letztlich spielt das keine wesentliche Rolle: Diese Band ist der lebendige Beweis dafür, daß sich Rock’n’Roll und Intelligenz nicht zwangsläufig ausschließen müssen.
      Taubertal? Da war ich auch irgendwann mal. Mit einer Band mit irgend was mit Hosen. Und ohne Intelligenz.

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      • Ringo sagt:

        Ja, da hast Du recht. Leider korreliert aber die Intelligenz der Band nicht unbedingt mit der des zahlenden Publikums. Wir haben die ja haben die ja noch ein paar Mal eingeladen (und tun es noch immer, wenn es geht), einmal zu einem Leseabend mit dem Stumpen. D.h. er las Literatur die das Fußvolk ihm reichte. Leider erschöpften sich die Darreichungen zumeist in zufällig im Geldbeutel gefundenen Einkaufsquittungen.

        PS: Meinen Nachtrag da unten kannst Du gerne löschen, wenn es geht. Da wollte ich einen Youtube-Link nachreichen, den ich dachte, oben vergessen zu haben. Aber den hat wohl der Kommentarfilter gefressen. Sorry, wenn ich damit gegen Deine Hausregeln verstoßen habe. [Dummsinn! Der Säzzer]

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        • DasKleineTeilchen sagt:

          wenigstens mit den dreien und insbesondere gero als grösste rampensau aller zeiten, hat pankow der welt was ordentliches anzubieten. KNORKATOR 4 FUCKING EVER!

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          • DasKleineTeilchen sagt:

            good lord! du KANNTEST die bisher NICHT?!? PANTOUFLE!

            als ich gero anno ’94-95 im legendären dodge (elender scheissladen) in der duncker kennengelernt hatte (er stand hinter der bar), war der drang, ihm die zunge in den hals zu schieben, schon damals fast übermenschlich;

            was.für.eine.coole.sau.dieses.prachtexemplar.von.kerl.doch.ist.

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  2. Der Emil sagt:

    Oh, nur auf den einen der letzten Sätze bezogen: Ich bitte darum, wenn möglich zu „Böse“ 😉

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  3. pantoufle sagt:

    Ach ja: Und nur für alle die wissen wollen, wo im Moment der Hammer für Metal hängt, dieses:

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  4. Thelonious sagt:

    Mit der Bildung ist das ja so eine Sache; man kann tun was man will, die nächste Lücke tut sich sofort und völlig unvermutet auf. Ach was Lücke – ein Bildungsloch ist es, in dem man die ganzen Alpen versenken könnte und noch zusätzlich eine Sojawurst. „Die hat Konrad Adenauer erfunden“, erzählt mir der missratene Sprössling eines Freundes, beim Grillen. Konrad Adenauer, die Sojawurst. Soso. Das wusste ich bis dato noch nicht. Ich wusste nicht einmal etwas von der Existenz einer Sojawurst. Wurst und Soja das hat in meinen Augen was von mit Scheibenreiniger verdünntem Riesling. Da wird man blind von. Und taub. Von chronischer Impotenz gar nicht zu reden.

    Sojawurst braucht kein Mensch. Und Adenauer hatte mit Arschloch nicht nur den ersten Buchstaben gemeinsam. Man denke nur an Globke und Gehlen …

    Ach, es nützt alles nix. Ich kann mir diese Wissenslücke nicht schön reden. So sehr ich es auch versuche. Im Gegenteil, mit jedem Versuch wird sie kräftiger und es wachsen ihr Zähne. Und die nagen am Ego. Ein Zehnjähriger weiß mehr über die Sojawurst, als ich. Warum habe ich überhaupt studiert? Ich fühle mich heute wieder sehr in die Welt hineingeworfen. Und dafür könnte ich diesem kleinen Besserwisser jetzt sofort eine semmeln. Einfach so. Oder ihn mit seiner Sojawurst erschlagen. Der atavistische Höhlenmensch ringt mit dem zivilisierten Weichei. Wo ist eigentlich der Säbelzahntiger, wenn man ihn braucht?

    „Ich konnte nichts dafür“, könnte ich dann dem Freund sagen. „Der Säbelzahntiger stand einfach plötzlich da und hatte Hunger auf Sojawurst. Deinen Sohn hat er aus Versehen mit verschlungen. Tut mir Leid. Du weißt ja, wie das so ist.“

    Ein letzter schäbiger Versuch dem kleinen Ekel den Mund zu stopfen: „Weißt du denn, wer Adenauer war?“ „Ein Politiker“. Das reicht. Mehr kann man von dem Kleinen nicht erwarten und ich unterdrücke den Wunsch, ihn nach dem Lebenslauf des Alten zu fragen. Nicht, weil ich die Niederlage hinnehme, aber das Leben Konrad Adenauers war mir bisher in großen Teilen genauso egal, wie die Sojawurst. Und womöglich weiß dieser Klugscheißer noch den kompletten Lebenslauf herunter zu rattern. Ich weiß nur, dass es ihn gegeben hat.

    Nach dem Grillen wollen wir noch kicken. So ein Ball am Kopf kann ja sehr schmerzhaft sein. Nein, das wäre zu billig.

    Langsam wird es dunkel und die Nervensäge ist immer noch nicht im Bett. „Kennst du Graf Zahl?“, frage ich ihn. Natürlich kennt er ihn aus der Sesamstraße. „Kennst du auch die wahre Geschichte dahinter?“ Nein, die kennt er nicht.

    „Weißt du, in Rumänien glauben die Menschen an Vampyre.“ „Was ist das?“. „So eine Art Gespenst, das den Schlafenden das Blut aussaugt.“ „und Graf Zahl ist ein Vampyr?“ „Nein, eine Stoffpuppe, die einen Vampyr darstellt. Aber in Rumänien ist es in einigen Gegenden Brauch den Toten ein Schälchen Reis oder Linsen mit ins Grab zu geben.“ „Warum?“ „Weil man glaubt, dass manche Tote zu Vampyren werden.“ „Und die kommen dann und trinken Blut?“ „Richtig. Aber damit sie eben nicht kommen, legt man ihnen den Reis in den Sarg. Und wenn sie um Mitternacht aufwachen, um ordentlich zu trinken, sehen sie als allererstes das Reisschälchen. Und weil Vampyre gerne zählen, fangen sie an die Körner zu zählen. Ein, zwei, drei … und wenn sie fertig sind, geht auch schon die Sonne auf, und sie können nicht mehr aus dem Grab, weil sie sonst verbrennen. In der nächsten Nacht wiederholt sich das Spielchen, weil Vampyre sich nur schlecht erinnern können.“ „Und wenn der Vampyr ganz schnell zählt und vorher fertig ist?“ „Na dann steigt er aus dem Grab saugt ein paar Menschen aus und legt sich dann wieder hin. Dann muss man halt mehr Reis nehmen, damit er nicht so schnell fertig wird.“ Jetzt ist er erst einmal ruhig der Kleine.

    „Und Frank Oz, der die Puppen für die Sesamstraße macht, der kannte die Geschichte und deshalb gibt es den Graf Zahl.“ „Macht man das mit dem Reis in Deutschland auch?“ „Nein.“

    „Zeit, ins Bett zu gehen“, sagt Muttern und ich wünsche dem Kleinen eine gute Nacht. „Und das mit dem Reis stimmt?“ „Natürlich.“

    So, jetzt bin ich meinem Bildungs- und Erziehungsauftrag nachgekommen. Wir sitzen noch die ganze Nacht draußen, während Sohnemann sein Zimmer zu einer von Vampyren uneinnehmbaren Festung ausbaut.

    Der Ärger für Sohnemann am nächsten Tag hält sich in engen Grenzen. Er ist halt das Sonnenscheinchen und außerdem ist man aufgeklärt antiautoritär. Und außerdem nehme ich die Schuld auf mich. Aber seinen Eltern ist es hoffentlich eine Lehre. Sie werden ihn nicht mehr so schnell mit unnützem Wissen zukleistern. Sojawurst, pah!

    Nur eingeladen werde ich sicher nicht mehr so schnell.

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  5. Eike sagt:

    Das ist wohl gerade der angesagte Trend…Pssst! Nix schreiben. It`s a trap!

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  6. waswegmuss sagt:

    Momentan KIZ. Mit Metal kann ich nix anfangen.

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    • pantoufle sagt:

      »Mit Metal kann ich nix anfangen.«
      Bliebe immer noch gleichrichten und Akku laden…

      Mit denen kann ich wiederum nicht soviel anfangen. Die habe ich dieses Jahr zwei mal gesehen und so richtig vom Hocker hats mich dabei nicht gerissen. Wen ich ja mal gerne sehen würde, wären die hier:

      Ich verlor den Verstand an einem Sommernachtsstrand
      und seitdem hängt er da, singt Kumbaya am Lagerfeuer
      ich hätt ihn gern zurück, doch er sagt, du bist gefeuert
      ich frage wie, gefeuert, wie geht das, versteh ich nicht
      er sagt natürlich nicht – kein Verstehen ohne mich!

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  7. Fluchtwagenfahrer sagt:

    Hallo Pantoufle,
    Knorkator mir persönlich zu eoüähhhhhhhhh. Aber einen habe ich noch.
    Kuckst Du hier (Kraftklub, Schüsse in die Luft)

    p.s. die Story mit der Nachbarin war mal wieder nen Knaller, Danke

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  8. Frank Benedikt sagt:

    *hach ja …* Knorkator 🙂 die verlinke ich – auch ob ihrer „boshaftigkeit“ – immer gerne *g*
    allerdings bringen es Ohrenfeindt m.E. derzeit besser auf den punkt:

    p.s.: die mag ich, seit ich sie 2013 bei einem unserer ‚umzugshelfer‘ gehört habe 😀 bin schon gespannt, was ich dann beim neuerlichen umzug im Oktober zu hären kriege 😉

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