Digitales Blut muß fliessen, knüppeldick

„Der kleine Ansgar möchte von seiner Mami aus dem Internet abgeholt werden.“ So oder so ähnlich wird zur Zeit der Gastauftritt Ansgar Hevelings im Handelsblatt vom 30.1.12 kommentiert. Zu Recht wird der Beitrag des CDU-Politikers belacht, zu Recht wird sein pompöser Schreibstil mit Fassungslosigkeit zur Kenntnis genommen; die ersten Parodien mit seinen Texten und Videos von Adolf Hitler kursieren im Netz, zu dicht bewegten sich Duktus und Bilder an faschistischen Vorbildern – selbstverständlich nach kurzer Zeit zensiert, was man mit den Originalen interessanterweise nie tat.

Wie sinnvoll solche Parodien in der politischen Auseinandersetzung sind, sei dahingestellt, soll hier auch gar nicht zum Thema gemacht werden. Es lohnt aber in vielerlei Hinsicht, sich mit dem Inhalt wie dem Schreiber zu beschäftigen.

Die Kampfschrift dieses erst 39 jährigen Politikers lautet „Netzgemeinde: Ihr werdet den Kampf verlieren“. Damit bekommt der CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt mit seiner Forderung nach einem Verbot der Partei DIE LINKE unerwartete Schützenhilfe. Die Stoßrichtung ist dieselbe: Die eine zielt nach der außerparlamentarischen Opposition, die andere nach der parlamentarischen. Man möchte jetzt bitte völlig ungestört regieren. Jede Art von Opposition stört da.

Das Groteske an diesen Forderungen ist nicht, daß sie jemand laut postuliert: Das Perverse ist, daß niemand innerhalb der Koalition widerspricht. Da sich die SPD durch ihre von oben verordnete politische Enthaltsamkeit als Opposition selber außer Kraft gesetzt hat, bleibt tatsächlich niemand, der dagegen noch laut das Wort erhebt. Opposition als Form von Zen-Bhudismus. Der laute Shitstorm im Netz kann und darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß von Seiten Hevelings Parteifreunden Grabesruhe herrscht. Keine Kanzlerin, kein Bundesinnenminister Friedrich macht auch nur den leisesten Einwand.

Auch wenn Hevelings Traktat klingt wie das morgendliche Lallen nach einer 72stündigen LAN-Partie mit „Return to Castle Wolfenstein“, ändert das nichts an der Tatsache, daß dieses Schweigen nicht anders als zustimmend gewertet werden kann. Der Lobbyist der Content-Mafia Heveling hat im Namen seiner Auftraggeber der Netzgemeinde den Krieg erklärt. Dobrindt erklärt ihn der LINKEN, Friedrich feilt an einem Apparat, sich den Feind auf Knopfdruck aussuchen zu können und Kristina Schröder trägt den Krieg derweil in die Schulen und Kindergärten; hier seien nur die lautesten und ungeschicktesten Vertreter dieser Gattung genannt. Man darf aber davon ausgehen, daß die Lobbyisten sich nicht immer so unfassbar in der Wahl ihrer Vertreter vergreifen wie in den genannten Fällen.

Heveling sagt im FOCUS, daß er sich durch die Reaktion des Netzes bestätigt fühlt und sein Traktat jederzeit in der selben Form wiederveröffentlichen würde. Einige Netzaktivisten sieht er sogar als „bekehrt“, der Rest wären eben unverbesserliche „digitale Maoisten“. Die Wortwahl verrät eines: Sprachlosigkeit und tiefstes Unverständnis. Ein Vogel Strauss, der seinen Kopf in den Sand der späten sechziger Jahre steckt – mit dem geistigen Hintergrund der späten vierziger. Während andernorts über die kommerzielle Zukunft des Netzes diskutiert wird, schreit ein kleiner Hinterbänkler der dritten Garnitur seine Angst heraus, winselt etwas von „ ruinenhaften Stümpfen unserer Gesellschaft“ und meint dabei nur eines: Die Dampfmaschine. Mehr noch: Er sitzt in einer Kommission, die über die Zukunft des Internets in Deutschland (als wäre das vom Rest der Welt zu trennen) mitentscheidet.

„Ich glaube natürlich nicht, dass das Internet bald abgeschaltet wird und ich will das auch gar nicht. Ich bin auch nicht internet- oder fortschrittsfeindlich. Ich finde das Internet großartig und nutze es häufig.“

Das mag sein, aber wie wir am Montag sahen, nutzt er es auf die denkbar ungeschickteste Art; will aber Anderen die Nutzung verbieten, weil sie es besser können.

Der Aufschrei der Empörung und das Gelächter kam nur aus einer Ecke – auf der anderen Seite aber stehen diejenigen, die eventuell die Wortwahl missbilligen, sonst aber froh sind, daß es endlich einer so deutlich sagt.

(Letzter Satz vorsichtshalber gestrichen – ich finde die Quelle nicht mehr. Sobald ich es wiederfinde, steht er hier wieder)

Ansgar Heveling als Urheberrechtsverletzer : LINK

Udo Vetters Law-Blog dazu: LINK

Update: Manchmal bekommt man Unterstützung, von wo man sie am wenigsten erwartet hätte: In diesem Fall von der CSU. Zitat von Frau Dorothee Bär, stellvertretende CSU-Gereralsekretärin als Antwort auf Heveling

„Was würde darüber eigentlich ein Blogger sagen, der über die Missstände in seinem Land berichtet, der über Folter und Despotie informiert, wo sonst jeder Kontakt zur demokratischen Außenwelt unmöglich ist? Wie würde ein ‚Digital Native‘ reagieren, der für Freiheit und gegen Unterdrückung kämpft und dies gezwungenermaßen anonym über das Internet tut? Gehören diese auch zu den ‚digitalen Horden‘, gegen die wir unsere Schlachten führen müssen? Was soll eine Frau denken, die Opfer eines Sexualverbrechens geworden ist und die in anonymen Onlineforen Trost, Hilfe und die richtigen Ansprechpartner sucht und den Mut aufbringt, über ihre schrecklichen Erlebnisse zu berichten?“

Nachzulesen hier

… und da wäre noch der Jakob Jung, der auch wieder seinen Senf beizutragen hätte: Allerdings feinsten Dijonsenf, echt lecker!

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0 Kommentare zu Digitales Blut muß fliessen, knüppeldick

  1. nomadenseele sagt:

    Die Kampfschrift dieses erst 39 jährigen Politikers lautet „Netzgemeinde: Ihr werdet den Kampf verlieren“.
    ____

    Unvergeßlich in dem Zusammenhang die Aussage von (Volker?) Kauder, man müsse bei der Internet-Zensur von China lernen.
    Mich machen solche Aussagen immer ratlos, was ich wählen soll, weil ich zwischen den Grünen und der CDU schwanke. Allerdings gibt es inzwischen – wie für die übrigen Parteien auch – sehr gewichtige Gründe, sie nicht zu wählen, und bei der CDU ist dies neben zu großer Wirtschaftsfreundlichkeit die Internetpolitik.

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  2. pantoufle sagt:

    Dier Wahl zwischen CDU und GRÜNE? Interessante Alternative.

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  3. Susanne sagt:

    Jeez. Ist „Heveling“ eins der geheimnisumwitterten Pseudonyme von John Asht?

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  4. pantoufle sagt:

    Moin Susanne – schön, Dich zu lesen.!
    Nein, kein Pseudonym. Der kleine Bruder. Jeder der beiden hat etwas von den Eltern geerbt. Der eine das Faschings-Cowboykostüm, der andere Ernst Jüngers Buch „In Stahlgewittern“.
    Was die Eltern leider versäumt haben, ist, ihren Sprösslingen einen anständigen Beruf ans Bein zu binden: So wurde der eine Schriftschredder und Heveling Astrolüge.

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