Die Urheber und die Freiheit der Kunst

Es herrscht eine eigentümliche Stille im Land der Kunst, der Kulturschaffenden, speziell unter denen, die singen, klampfen, trommeln oder sonstige Geräusche erzeugen. Das letzte laut wahrnehmbare Geräusch wurde vernommen, als viele von ihnen einen bombastisch, herzergreifenden Unsinn unterzeichneten, der vielen als der „Wir sind die Urheber“ – Aufruf in unguter Erinnerung ist.

Jetzt ist wieder Stille eingekehrt. Man lehnt sich zurück, man hat sich um das gekümmert, was einem wirklich am Herzen lag: Ums Geld.

Am 21. Februar 2012 startete die russische feministische Punkband Pussy Riot eine Aktion in der Christ-Erlöserkirche in Moskau. Sie betraten einen der Öffentlichkeit nicht zugänglichen Bereich und sangen ein „Gebet“, in dem sie um den Rücktritt Putins baten. Rein, „Mutter Gottes, Jungfrau, werde Feministin. Vertreibe Putin“ singen, raus – das Ganze dauerte keine 5 Minuten; die Folgen für die Frauen sind allerdings verheerend. Die Security der Kirche sorgte für ein schnelles Ende, drei der Mitglieder (Nadeschda Tolokonnikova, Maria Aljochina und Jekaterina Samuzewitsch) sitzen seit diesem Datum in Untersuchungshaft. Der Prozess gegen sie beginnt dieser Tage. Die Anklage lautet auf „Rowdytum“, einem dem englischen „antisocial behavior“ vergleichbareren Gummiparagraphen, bei dem allerdings in diesem Falle gleich 7 Jahre Arbeitslager drohen.

Daß die Anklage an den Haaren herbeigezogen ist, ist klar. Die sogenannten Zeugen in diesem Prozess – Aufpasser in der Kirche – sollen angeblich seit dieser Aktion nicht mehr schlafen können. Der Chef der russisch-ortodoxen Kirche, der 16. Patriarch Kyrill I, war so schockiert, daß er die Kirche zusammen mit tausenden von Gläubigen sicherheitshalber gleich noch einmal weihte. Auch Ministerpräsident Putin ist nicht gerade für verständnisvollen, humorigen Umgang mit der Opposition bekannt und so braut sich eine Gemengelage zurecht, die fernab jeder Rechtsstaatlichkeit steht.

Was darf Kunst? Alles! Nur sollte man sich besser nicht erwischen lassen. Aber auch dann darf Kunst alles. Dieser Meinung haben sich auch viele bekannte Künstler und Politiker angeschlossen. Sting ist dabei wie die Red hot Chillis, die Beasty Boys, Faith no more und sogar der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Markus Löning, schloß sich dem Protest an.

Die Urheber

Die stellvertretende Aufsichtsrätin der Gema, Jule Nigel, nur noch ein Schatten an der Wand, Ulla Meineke tanzt weiter im Mainstream. Sven Regener: Lauter bitte – Du kannst doch rumbrüllen; warum nicht jetzt?
Die „Urheber“ sind auf einmal merkwürdig still, wenn es um die Freiheit der Kunst und nicht um die Freiheit des Verkaufs geht. Böse Menschen würden vermuten, man will sich die nächste Osteuropa-Tournee nicht versauen, aber so etwas denken nur wirklich böse Menschen.

Wirklich gute Menschen hingegen würden unterstellen, die „Urheber“ kapieren den Vorgang in Russland gegen ihre Kollegen genau so wenig, wie den dümmlichen Aufruf, den sie vor kurzem unterzeichnet haben. Nur daß sie ihn unterzeichneten, verrät die Präferenzen.

Die drei Mitglieder von Pussy Riot sind nach wie vor in Haft – die russische Justiz betreibt Käfighaltung, Es ist beschämend und entwürdigend. Ihre Chancen stehen mehr als schlecht. Die Gegner sind eine unheilige Allianz von Staat und Kirche. Der russische Jurist Michail Kusnetsow äußerte die Vermutung, daß Pussy Riot einem globalen Netzwerks von Satanisten angehören, das auch für die 9/11-Terroranschläge in den USA verantwortlich seien.
Das riecht nach Hexenverbrennung.

„Das Urheberrecht ist eine historische Errungenschaft bürgerlicher Freiheit gegen feudale Abhängigkeit“
(aus dem Aufruf „wir sind die Urheber“)

Wo wir gerade bei „historischen Errungenschaften“ sind: Das Urheberrecht liegt vergleichsweise dort, wo das Verbot, bei Rot über die Straße zu gehen gegenüber dem Art. 1 GG liegt. Es ist ein Witz gegenüber dem, was die russische Justiz gerade mit diesen Musikerinnen anstellt. Hier wäre es wichtig gewesen, so ein Pamphlet zu unterschreiben und es kollektiv bei einer russischen Botschaft abzugeben. Hört man was?

Warum ist es hier auf einmal so ruhig…

freepussyriot.org
dradio.de

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0 Kommentare zu Die Urheber und die Freiheit der Kunst

  1. daMax sagt:

    Mann du sprichst mir aus der Seele. Wenn’s um die eigene Kohle geht reißen alle das Maul auf aber Solidarität gibt’s keine mehr. Vielleicht liegt das auch daran, dass der gesellschaftliche Einfluss, den zeitgenössische Musik hat, gegen Null tendiert.

    Diese Grafik kennste sicher, ne?
    http://sguforums.com/index.php?topic=37763.0

    Die ist halt SO wahr.

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  2. daMax sagt:

    PS: die Band heißt aber Pussy Riot ohne S am Ende…

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  3. pantoufle sagt:

    „Der Einfluss von Kunst auf die Gesellschaft am Anfang des 21. Jahrhunderts unter besonderer Berücksichtigung von Stromguitarren und Lasershow vor einem Publikum, dem man das Smartphone operativ aus der Hand entfernen muß.“
    Das wäre allerdings noch mal ein -wenn auch sperriger – Arbeitstitel, den man durch die Schrottpresse jagen sollte. Mal sehen, ob ich mich da dran wage …

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  4. gnaddrig sagt:

    Der Auftritt von Pussy Riot in der Erlöserkathedrale war ein bisschen geschmacklos, und die Musiker werden gewusst haben, dass sie die Gläubigen damit ziemlich anpissen und was ihnen hinterher blühen wird. Aber das rechtfertigt natürlich nicht das Vorgehen der russischen – ich winde mich, das Wort zu benutzen, aber ein anderes fällt mir nicht ein – Justiz. Untersuchungshaft für so ein Deliktchen ist ein schlechter Witz. Das soll offensichtlich vor allem der Einschüchterung dienen. Da wird ein Exempel statuiert, um Recht geht es da zu allerletzt. Aber meine Herren, Mut haben sie, die Leute von Pussy Riot. Und wieder einmal sieht die ganze Welt, wohin Russland unter Putin unterwegs ist.

    Und ja, ein Appell der Kulturschaffenden hierzulande wäre ein feiner Zug gewesen. Man hätte ihnen fast sogar den vorigen verziehen…

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    • pantoufle sagt:

      Ich kaue auf dem Ausdruck „geschmacklos“. Einen ernsten, tiefen Glauben vorrausgesetzt, eine Beleidigung, die sich konkret gegen Gläubige wendet (die in der Form aber definitiv nicht stattgefunden hat) und ich würde Dir recht geben.
      Auf der anderen Seite stehen zwei Dinge, die ich für entscheidend halte.
      Erstens die überraschend enge Verknüpfung zwischen Staat und Kirche, die auch während der kommunistischen Ära nie ganz abriss und in den letzten Jahren einen Zustand erreicht hat wie zu zaristischen Zeiten. Den Protest gegen Putin in einer Kirche zu veranstalten, ergibt einen nachvollziehbaren Zusammenhang.
      Zweitens das Gebaren der russisch-orthodoxen Kirchenobersten – speziell des Patriarchen Kyrill I. Die auch in Russland angeprangerte Protzsucht, die dicken Autos, Ländereien und der wenig klerikale Lebenswandel vieler dieser Leute verdient das Adjektiv „geschmacklos“ weit mehr, sieht man sich die Lebensumstände normaler Menschen in Russland an.

      Unabhängig davon … und jetzt knurrt das Pantoufle … ist es immer wieder überaschend, wie sehr Menschen, die aus Phantasielosigkeit und schlechter Erziehung irgend einem Aberglauben nachhängen, einem Götzen huldigen oder um vergoldete Viecher tanzen, Wert auf Toleranz legen, solange es sie selber und ihre komischen Gebräuche betrifft. Genau diese Toleranz vermisst man in diesem Augenblick, wo diejenigen – und oft zu recht – in der Schußlinie stehen.
      Die großen bekannten Glaubensgemeinschaften sind in erster Linie Organisationen, die politische Macht ausüben. Nichts anderes als Regierungen über eine unermessliche Zahl von Untertanen. Es geht um Geld, Einfluss und Macht und so agieren sie denn auch. Den „Schmerz der Gläubigen“ jetzt vorzuschieben, um eine Hexenverbrennung zu legitimieren, ist schofel.
      Noch deutlicher zu werden, verbietet der Anstand.

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      • gnaddrig sagt:

        Hm, da habe ich mich vielleicht etwas zu kurz gefasst. Geschmacklos war die Aktion schon, zuallermindest aus der Sicht der Gläubigen. Derjenigen, die ernsthaft glauben und beten und daraus (wie gerechtfertigt auch immer) Trost schöpfen. Entweder ist es naiv, wenn Pussy Riot geglaubt haben, die würden sich nicht angepisst fühlen. Oder es ist ihnen egal oder sie wollten das sogar. Dann sollten sie sich nicht hinter einem generischen „Ups, wir wollten natürlich niemanden verletzen und entschuldigen, wenn jemand unsere politische Aktion missverstanden haben sollte“ verstecken. Dann könnten sie da konsequenterweise auch Farbe bekennen. (Obwohl ich zugebe, dass sie in ihrer derzeitigen Lage dumm wären, das zu tun. Sie haben sich in eine ziemlich missliche Lage gebracht und tun natürlich gut daran, nicht noch Öl ins Feuer zu gießen. Von daher kann man ihnen das „Ups, wir wollten…“ nicht wirklich zum Vorwurf machen.)

        Weit geschmackloser als die zugegebenermaßen sehr gekonnt inszenierte Aktion ist tatsächlich das Verhalten des Patriarchen und der Kirchenoberen. Der Lebenswandel, der Missbrauch der Kirche als politische Organisation, die Parteinahme für Putin (oder sonstwen, ganz egal wen sie unterstützen, sie sollten nicht), die unverhohlene Hetzerei gegen Homosexuelle und Andersgläubige. Dass Pussy Riot angesichts dieser Umstände und der angesprochenen Verquickung von Kirche und Staat ihre Aktion genau so gerade in dieser Kirche veranstaltet haben, ist völlig einsichtig. Und die Reaktion von Staat und Kirche zeigt, dass sie ins Schwarze getroffen haben. Dass die Obrigkeit dort jetzt zur Hexenjagd bläst, wundert mich kein bisschen, und ja, es ist schäbig.

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  6. Oh Mann. Klar. In dieser Urheberrechtsklamotte geht es um die Angst, seine Brosamen vom Tisch der Konzerne auch noch zu verlieren. Völlig gaga, aber eben die eigene Tasche, das eigene Konto, da, wo es den lieben KollegInnen eben *richtig* weh tut.
    Das andere – da geht es doch bloß um Meinungsfreiheit und Freiheit der Kunst. Wen interessiert das schon, wenn sich das schreibende Volk doch sowieso schon seit Jahren gekonnt selbst das Maul verbietet oder kastriert, nur damit hinten ein Verlagsvertrag rauskommt? Nö. Da ist das eigene Hemd mal wieder *sehr* viel näher als ein anderes Kleidungsstück …

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  7. pantoufle sagt:

    Moin Susanne – schön, Dich mal wieder zu lesen … kein Urlaub?
    Zum Thema: Was das politische Selbstverständnis der Kulturschaffenden anbetrufft, so bin ich seit geraumer Zeit jeder Illusion ledig. Speziell, was die Qualität politischer Aussagen von Musikern angeht … das war schon immer ein ziemlich dunkles Kapitel. Es wurde nicht so sehr wahrgenommen; wahrscheinlich deswegen, weil die Qualität einer Bestätigung der eigenen Meinung in den Hintergrund tritt, wenn man sowieso schon eine eigene Meinung hat. Es gröhlt sich gut in der Masse und man betrinkt sich viel unbeschwerter im Kreise der Gleichgesinnten.
    Andere Themen stellen sich defiziler dar. Man sieht es vielleicht am Beispiel von Dieter Hildebrand, dem es vor Jahren so ging: Politisch relevante Aussagen rutschen in der Sendezeit langsam aber sicher hinter die Mitternachtsstunde. Konsequenterweise verzichten dann Leute wie Georg Schramm darauf, die Massenwirkung des Fernsehens zu nutzen und ziehen sich ins Provinztheater zurück Die Plattform Fernsehen verfiel vollständig unter die Kontrolle der Politik.
    Gibt es eigentlich deutsche, politsche Literatur? Mir fällt gerade überhaupt nichts ein – nein, ich halte Günther Grass für unpolitisch; ein Mario Barth der Literaturszene.
    Ich empfinde diese Zeit dabei eigentlich gar nicht als unpolitisch. Die Diskussion findet offenbar nur woanders statt. Viel auf der Strasse, sehr viel im Netz – nicht gerade die beliebtesten Tummelplätze der kritischen Avantgarde. Wenn die Avantgarde meint, ihre äußerst originellen Meinungen wären auf der Cocktailpartie eines Ministerpräsidenten besser aufgehoben – jeder, wie er will, aber dann beschwert euch nicht, wenn man aus der Wahrnehmung verschwindet.
    Was ich den „Urhebern“ zum Vorwurf mache: Der zitierte Aufruf war an Undifferziertheit nicht zu überbieten. Sieht man sich die Aussagen vieler dieser Leute im Einzelnen an, so darf man getrost unterstellen, daß sie das Problem nicht im Ansatz verstanden haben. Mehr noch: Man hat sich bedingungslos auf die Seite des Kapitals geschlagen – „ich bin arriviert; nach mir die Sündflut.“
    Nicht, daß die Debatte von irgend einer Seite sachlich geführt wurde. Was aber die „Urheber“ da anstellten, war tief im Keller und zu allem Überfluss diskreditiert man sich im Netz, einer Plattform, die man politisch geschickter hätte nutzen können. Im Grunde war es eine Bankrotterklärung: Der Versuch, mit dem geistigen Rüstzeug des späten 19. Jahrhunderts die kapitalistischen Produktionsbedingungen im Internetzeitalter zu postulieren. Peinlich.
    Warum prägt äußert sich die politische Relevanz dieser Kulturschaffenden hauptsächlich bei solchen Fettnäpfen? Reicht es ihnen wirklich, in einer dieser unsägliche Talkshows den Hampelmann zu machen oder mit Frau Merkel zusammen photographiert zu werden? Hätte diese Klasse eine Art historisches Gefühl – eine Art Sendungsbewusstsein -, so würde sie sich nicht selber derartig vorführen. Ich vermute, daß die Lacher aus verschiedenen Richtungen kamen. Zu einen aus der Netzgemeinde, zum anderen – viel schlimmer – von Seiten der Rechteverwerter, die sich in dem guten Gefühl zurücklehen konnten, ihre Produktionssklaven unter perfekter (selbst)Kontrolle zu haben.
    Wie ich schon bemerkte: Peinlich.

    Mit lieben Grüßen
    das Pantoufle

    P.S. Ich habe in Bezug auf die „Urheber“ das Wort „Klasse“ verwendet. Das deckt sich sicherlich nicht dem Selbstverständnis dieser Personen. Sie sollte es aber.

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  8. Ich denke, hier passt eine Untersuchung, in der es um Denken und Konservatismus geht (die kennst du bestimmt). http://www.heise.de/tp/artikel/36/36725/1.html
    Es ist nur erschreckend, dass gerade eine Berufsgruppe, bei der man ja eigentlich annehmen sollte, dass zur Ausübung ihres Handwerks auch zumindest eine Minimalbewegung des Gehirns gehört, so erstaunlich merkbefreit in jede Denkfalle tappt, die sich auftut. Sprich: Ungebremst auf die konservative Sandbank brummt.

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