Die Tänzerin III

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Eine zerschlagene Fensterscheibe ist kein Beinbruch – unter Umständen bringen Scherben sogar Glück wie gerne behauptet wird. Vielleicht nicht dem Jungen, der sie mit seinem Ball einschlug – wenigstens der Ball ist verloren. Und welcher der Jungen nun den entscheidenden Schuss tat, war in diesem Moment scheinbar fraglich. In der kleinen Horde, die nun schreiend vom Hof rannte, durch die Einfahrt und um die Ecke verschwand, hätte es jeder sein können. Die Tänzerin hatte das Spiel von ihrem Fenster aus beobachtet, hatte den Rotschopf gesehen, der sich den Ball zurechtgelegte, prüfend nach den Mitspielern sah; ein Anlauf, der Spieler, der im letzten Moment offenbar von seinem Plan abwich und… . Eine stille Atemlosigkeit später das Geräusch zersplitternden Glases und die lautstarke Einigkeit, den Ort des Unglücks so schnell wie möglich zu verlassen. Unabgesprochen, einig mindestens darin, den Folgen, die sich unausweichlich aus diesem Missgeschick entwickeln mochten, zu entfliehen.
Niemand außer der Tänzerin hatte dem Verlauf des Spiels Aufmerksamkeit geschenkt, niemand außer ihr saß am Fenster und trank ein Glas Tee. Nur das Geräusch der berstenden Scheibe rief all diejenigen, die sich um diese Tageszeit in den Wohnungen befanden. Eine Glasscheibe kann ein Geräusch machen, das Abwechslung verspricht. Es ist nur ein kleines Unglück, das von niemandem einen besonderen Einsatz verlangt. Es fließt kein Blut und auch der Ruf nach der Obrigkeit bleibt aus. Den Schuldigen bestimmt in so einem Falle das Gerücht, was zudem eine willkommene Unterbrechung von den Tagesgeschäften bietet. Die Wäsche kann für eine Weile liegenbleiben wie der Besen; man steht um den Ort des Geschehens und überlegt gemeinsam, wie es geschehen konnte anstatt den Glaser zu rufen. Man hat Zeit dafür, mehr als Geld, um den Handwerker zu bezahlen; vielleicht ersetzt ein Brett für eine Zeit das Glas, bis man widerwillig doch den Schaden ohne Wunden beseitigt – sicherlich war es der Sohn vom Fleischer. Der ist als wilder Kerl bekannt, hat immer etwas Unsinniges im Kopf, rechnet als Anführer – hatte alles, was es dazu brauchte: Nur keine roten Haare.

Zu denen, die sich so bereitwillig von ihren Pflichten ablenken ließen, gehörte der Photograph nicht. Weder der Lärm der flüchtenden schlechten Gewissen noch die lautstarken Vermutungen um den Schuldigen drang in seine Kammer, die ihm zur Fertigstellung seiner Bilder diente.
Das Bild einer Familie – Gesichter, die hochmütig bis furchtsam in die Kamera blickten. Das Objektiv hatte es vermessen, der Photograph es prüfend zurechtgerückt, bis Einheit zwischen dem Selbstverständnis des Kunden, der Apparatur und dem Auge des Photographen herrschte. »Bitte Lächeln…«, das sich einstellte als der Verschluss klickte, die Platte entfernt wurde. »Ja, morgen; wenn Sie sich freundlichst am Vormittag einfinden wollten«. Der Photograph war sich nicht sicher, ob ihm die Komposition gefallen hätte, wäre er der Kunde gewesen. Aber in diesem Falle rührte ihn das Abbild der Kinder und auch die Ausstrahlung, die diese Menschen auf ihn machten.
Alchemie der Bilder. Silber im Wandel der Bäder und Pose des Abgebildeten. Niemand sieht im Leben aus wie auf einer Photographie, will es auch gar nicht. Würde man es allein dem Kunden die Art der Darstellung überlassen: Sie würden auf Elefanten reiten, Schlachtenlenker und beim Verlassen der Ateliertür wieder ein einfacher Arbeiter.
Der Photograph arbeitet an diesem Tag unter einem guten Stern; der Abend zuvor sah ihn als Held, der eine junge Dame aus den Klauen der Gefahr befreite, die Prinzessin dem Drachen entriss, sich mit entblößter Brust zwischen das Peleton und der unschuldig Verurteilten stellte. Nun ja: Vielleicht war die Gefahr nicht wirklich so groß gewesen, aber das Hochgefühl, als der Gegner ängstlich zurückwich, die Dame – das Mädchen – sich schutzsuchend an ihn drängte, folgte ihm in den neuen Tag. Die Bedrohung hatte schwankend das Schlachtfeld verlassen und das ritterliche Angebot, die zuvor Bedrängte sicher nach Hause zu geleiten, war mit freundlichem Lächelnd angenommen. »Aber das sind ja sie…«. Das Erkennen und der Weg zurück, der ihm viel zu kurz erschien.
Das Blumenmädchen hatte einen überraschenden Kunden und der kleine Beistelltisch im Atelier bekam einen ungewohnten Schmuck, im Schaufenster wurden die Bilder zurechtgerückt, sorgfältig ein paar Spinnenweben entfernt und auch sonst sah sich der Photograph sein Geschäft ungewohnt sorgfältig an. Ein Billett fand den Weg in den Briefschlitz der Tänzerin.

»Darf ich ihre Bahnsteigkarte sehen, junges Fräulein? Wo soll es denn hingehen? Ach: lassen Sie sich doch bitte helfen… die schwere Tasche…« Der Beamte sah die Tänzerin freundlich an. Er gab ihr den Fahrschein zurück und griff nach der Tasche, die sie auf den Boden gestellt hatte. »Eine Frau in ihrem Zustand sollte nicht so schwer trage, das wissen Sie doch… der Herr Gemahl..?«
Sie lächelte freundlich
»Das ist sehr freundlich von Ihnen. Die Eisenbahn kommt sicherlich gleich.«
»Sehen Sie nur! Man sieht sie schon. Dort hinten, vor dem Wald.«
Ein dampfendes Muskelspiel schob die Stangen, die die Räder bewegten, langsam in den Bahnhof. Es roch nach heißem Wasser und Eisen, die Türen der Coupes öffneten sich und einige Fahrgäste stiegen aus. Ihre Tasche wurde ihr hochgereicht »vielen Dank noch einmal und es wird sicherlich eine schöne Fahrt, so ein herrliches Reisewetter«. Die Tür schloß sich und sie beugte sich noch einmal aus dem Fenster. Es stieg aber niemand außer ihr in die Waggons, was sie mit stiller Enttäuschung wahrnahm. Es reist sich besser, wenn man es nicht allein tut, auch wenn sie natürlich wußte, daß in natürlich andere Fahrgäste da waren – sie hätte sie einfach gerne einsteigen sehen.
Weiter vorne wurde es lauter. Die Lokomotive war bemüht, ihre Last in Bewegung zu setzen, es ruckelte ganz leicht und noch einmal. Sie setzte sich hin. Nach kurzer Zeit wurde aus dem unbeholfenen Reißen ein sanftes Ziehen, beinahe als würde man auf Schlittschuhen von jemandem über einen zugefrorenen See gezogen werden. Nur eine Stunde, Stunde, Stunde… wenn man es leise vor sich hinsprach im Takt der Schienenverbindungen. Jedes mal kam ein Geräusch von den Rädern, eine schläfrige Musik… Stunde, Stunde.

Beim Aussteigen half ihr dieses man niemand, aber so groß ihre Tasche aussah, so war es doch nicht so schwer. Diesmal war niemand aus dem Zug gestiegen und so stand sie allein auf dem Bahndamm. Der Zug war, ohne daß es in ihr Bewusstsein gelangte, abgefahren und ebenso unbemerkt hatte sich eine Stille verbreitet, die ihr wohltat. Die Sonne stand hoch am Himmel. Sie stand auf einer Insel inmitten trockener Luft und Stille, die Sonne hoch am Himmel und in der Ferne wurde ein Acker lautlos gepflügt. Die Tänzerin schloss die Augen und drehte sich um. »Was ich wohl sehen werde, wenn ich die Augen wieder öffne?« Sie tat es langsam, blinzelnd. Nichts. Nichts anderes als zuvor, es blieb die schwirrende Hitze, nur der Klang, den die Ohren nach einem unablässigen Geräusch erzeugen, wenn es ganz leise geworden war. Sie hatte nichts erwartet, niemanden, der hier stand, um sie abzuholen. Trotzdem war sie ein klein wenig enttäuscht über diese vollkommene Einsamkeit. Nur ein staubiger, unbefestigter Weg, eine Schranke und ein Schild mit dem Namen der Ortschaft. Kein Gebäude gegen einen Regen oder den Schnee im Winter. Nichts außer dieser Schranke, hinter der sich die Begleitung der Reisenden zu versammeln hatten. Nutzlos, unbewacht, aber als ein Mahnmal einer fernen Autorität: Hinter diese Schranke bitte nur mit gültigem Billett.
Die Enttäuschung wich Bestimmtheit, einer aufmerksamen Tatkraft. In nicht all zu großer Entfernung standen eine handvoll Häuser. Niedrig in die Andeutung eines Tales gedrückt und ein gutes Stück abseits davon ein auffallend winziges Haus mit einer Menge kleinerer Stallungen. Da mußte sie wohnen, so wurde das Haus in dem unbeholfenen Brief beschrieben. Offensichtlich nicht gewohnt, allzuviel zu schreiben, ohne einen Briefumschlag, dafür mit etwas Selbsgefaltetem, in dem sich ein Zettel mit einer einer Skizze und ein paar erläuternden Worten befand. »Du kannst es vom Bahnhof aus sehen« stand da und auch in welche Richtung sie dabei zu sehen hatte. Sie fuhr sich mit beiden Hände in ihr Gesicht als würde sie Schweiß abwischen, band in der selben Bewegung ihre langen Haare in einem Knoten zusammen und nahm ging dorthin, in der das Dorf in der Mittagssonne lag.
Von Zeit zu Zeit blieb sie stehen, sah prüfend, ob sich die Entfernung veränderte, ging weiter, bis sie sich schließlich an einen Zaun lehnte. Jetzt schwitzte sie wirklich ein wenig und nahm ein Tuch aus ihrer Tasche.
»Hallo, Sie, junges Fräulein«
Ein Wagen hatte neben ihr gehalten. Sie hatte nichts davon gemerkt, war so in Gedanken versunken gewesen, daß sie das Gespann nicht bemerkt hatte.
Ein kleiner Mann mit faltigem Gesicht und einem freundlichen Grinsen sah sie an. Mit einer einladenden Bewegung wies er auf die kleine, leere Fläche neben einem Holzfass, mehr als genug für sie und die Tasche.
»Wo soll`s hingehen, Sie?«
Die Tänzerin nannte den Namen, der als Absender auf dem eigentümlichen Brief stand.
»Soso. Kennen Sie die Anne? Werden sie erwartet?«
»Ach, sie kennen sie?«
»Jeder kennt sie«
Es klang etwas mürrisch.
»Nun kommen Sie, ich fahre Sie dorthin«.
Die Fuhre setzte sich ruckelnd in Bewegung . Das war etwas anderes als das mühsame Laufen. Die Tänzerin überkam Leichtigkeit und Freude, man hatte sie doch erwartet – wenn man den Zufall friedlich in sein Herz einschloss und als willkommenen Teil der Alltäglichkeiten begrüßte. Sie lächelte zuerst, lachte dann laut und der Kutscher fiel in dieses Lachen ein. Sie lachten, ohne das ein weiteres Wort fiel, weil man ein Glück nicht besprechen muß.
»Von hier müssen Sie laufen. Es ist nur ein kleines Stück, ja?«
Das Haus der Hexe lag vor ihnen. Eine weiß gekalkte Hütte umgeben von einer Reihe kleiner Ställe, einem Vorgarten und einem Tor, dessen grauen Haut des Holzes vom Wetter gegerbt war und halb offen stand. Die Haustür öffnete sich, ein Kopf erschien, dann ein »Ach,ach..mein Tuch« und die Hexe Anne lief ihr mit wehenden Röcken entgegen.

Der Photograph hatte den Zettel gefunden, den die Tänzerin auf der Ladentheke hinterlassen hatte. Ein anderer an seiner Stelle wäre überrascht oder ein wenig böse geworden, er aber hatte sich daran gewöhnt, daß seine Frau zu diesen hartnäckigen Eigenheiten neigte und ohne ein Wort darüber zu verlieren etwas zu tun, deren Sinn sich nur ihr erschloss. Ob sie wohl eine Woche bliebe oder nur einen Tag war der Nachricht nicht zu entnehmen. Was hätte es auch für einen Unterschied gemacht es zu wissen: Das kleine Geschäft blieb, solange sie es nicht mit summender Geschäftigkeit erfüllte, ein leiser Ort. Zeit der Arbeit und einer ungestörten Gelassenheit in den Räumen, in der das Wunder der Photograhie mit starren Bildern den Tag beherrschte. Die nichtigen Kleinigkeiten der Ordnung, um die sich jeden Tag jemand kümmerte, lag jetzt in seinen Händen. Er rückte einen Stuhl, nahm ein Tuch, um den Staub von einem Regal zu wischen.
Die Türglocke läutete und ein junges Paar betrat sein Geschäft.
»Einen schönen guten Tag wünsche ich. Was kann ich für sie tun?«
Der Mann nestelte an seinem Jackett, um eine Notiz aus der Tasche zu ziehen, während seine Begleiterin sich neugierig umsah.
Vielleicht ein Bild auf einer Bank, auf der die junge Dame sitzt, während er hinter ihr in der Pose des Beschützers steht. Eine Säule im Hintergrund oder ein paar Palmenwedel. Streng, unnahbar, ein Bild, das die beiden überleben würde. Und auch ihre Enkel, die es eines Tages aus der Schublade eines Schranks ziehen werden, ahnen nicht, daß ihre Großmutter beim Anblick der Kamera kicherte wie ein Backfisch.
»Es sieht aber aus wie ein Vogelbauer, Herr Photograph! Kommt da ein Vögelchen raus?«

»Ich wusste nicht, wann Du kommst. Hast Du Hunger? Nimm erst mal einen Becher Wasser, der Dir den Reisestaub herunterspült.«
Anne lief geschäftig herum, rückte, schob, öffnete ein Fenster der kleinen Küche, in der es noch ein gutes Stück wärmer war als in der Sonne. Auf dem kleinen Herd kochte etwas, ohne das Öffnen des Fensters war es arg warm geworden.
»Wir sollten besser in den Garten gehen. Das da ist für das Nachtmahl; ich dachte, es wäre besser, es jetzt vorzubereiten, damit wir mehr Zeit füreinander haben. Komm, hilfst Du? Da steht Limonade, ich nehme das Brot«
Sie schob mit dem Fuß den Hund beiseite, der neugierig schnüffelnd zwischen ihr und der Tänzerin stand, wie Hunde es tun, wenn es etwas Neues zu riechen gibt.
»Das ist Hund. Ich habe keinen passenderen Namen für ihn gefunden, lass Dich durch ihn nicht stören: Seine bevorzugte Beschäftigung ist, im Wege zu stehen, damit man ihn streichelt. Sonst aber ist er recht harmlos«
Eine leuchtend bunte Tischdecke, ein Bank und der willkommene Schatten des überstehenden Daches waren das Rahmen eines Bildes, in dem sich ausgezeichnet auf den Sonnenuntergang warten ließ.
»Du bist schwanger, nicht wahr?«
Anne lies sich nicht viel Zeit mit einer langen Vorrede. Sie musterte die Tänzerin prüfend.
»Warum bist Du hier zu Hause und ziehst nicht mit dem Markt? Hast Du deine Arbeit als Hexe aufgegeben? Aber es ist ja auch gut so, sonst hätte ich nicht gewußt, wie ich Dich hätte finden sollen« Die Tänzerin hatte das Wort Hexe mit einer gewissen Betonung verwendet, aber Anne ging mit keinem Wimpernzucken darauf ein.
»Und wie ist es? Fühlst Du Dich gut?« Anne nahm ihre Hände, befühlte die Gelenke, rieb die Finger und sah ihr dabei in die Augen. »Liebst Du ihn?« Sie hatte diese Frage befürchtet, auf die sie keine Antwort wusste. Sie hatte sie sich selber schon gestellt, sich selbst gefragt, als der Photograph um ihre Hand gebeten hatte, nach der ersten Nacht mit ihm, wenn sie den Boden des kleinen Geschäftes ihres nunmehrigen Ehegemals scheuerte und auch als sie merkte, daß sie ein Kind von ihm empfangen hatte. Es wird Liebe sein, war ihr in den Kopf gekommen, aber ihr Herz schlug nicht schneller, wenn er den Raum betrat – tat es auch nicht, wenn er sie ansprach oder küsste. Es wird Liebe sein, wenn sie sich wegen ihm nicht weiter um eine vakante Stelle bei dem kleinen Theater bemüht hatte… es wird schon Liebe sein.
»Möchtest Du eine Tochter bekommen?« Anne löste sie aus ihrer Starre, in sie das Wort Liebe hatte fallen lassen.
»Ich denke… ja, das wäre schön. Aber ein Junge wäre mir auch lieb – es ist nur wichtig, daß es gesund und fröhlich ist, denke ich«. Eigentlich hätte sie lieber ein Mädchen, aber es wäre wohl vermessen, solche Wünsche zu äußern.
»Deine Tiere dort in den Ställen, diese Gatter dazwischen… warum dürfen sie nicht zusammen auf die Weide… entschuldige: Ich bin nicht vom Lande und kenne mich mit dem Vieh nicht aus. Verzeih, wenn es eine dumme Frage war«.
»Nein, es ist keine dumme Frage. Willst Du sie sehen, diese Tiere, wie Du sie nennst?« Anne hatte ihre Hände losgelassen, stand auf und die Tänzerin folgte ihr. »Diese Gatter haben einen wichtigen Zweck. Diese Tiere dürfen nicht zusammenkommen, weißt Du? Das hier zum Beispiel…«. Die beiden hatten den ersten Stall erreicht, vor dessen Türe ein eigenartiges Wesen stand, das sich mit bunten Bändern und Silberpapier geschmückt hatte. Als die beiden näherkamen, warf es eine Handvoll roter Schleifen vor sich auf den Boden, stellte einen seiner grün angemalten Hufe darauf und sah die beiden erwartungsvoll an.

»Dieses Wesen dort ist die Eitelkeit. Es leidet unter einer schlimmen Krankheit: Es erträgt seinen eigenen Anblick nicht. Bevor es vor einen Spiegel oder eine fremde Person tritt – und nichts anderes als ein Spielgel ist es für das arme Tier -, muß es sich verkleiden, damit es sich nicht selbst erkennt. Diesen Anblick würde es nicht überleben, es ist wie das Haupt einer Medusa, das auf seinen eigenen Schultern ruht. Ein höchst bedauerliches Schicksal, aber recht einfach in der Pflege. Lass uns ein wenig Abstand halten, wenn wir zum nächsten Tier kommen. Man sollte ihm nicht zu nahe kommen, solange man es nicht wirklich kennt.«
Sie hatte das nächste Gatter erreicht, in dem ein Gnom mit vielen Armen und schmutzigen Händen alles zusammengerafft hatte was auf dem Boden herumlag oder sich von seinem Stall ohne Mühe lösen lies. Er hatte daraus einen Hügel geformt, auf dem es lag und versuchte, es mit seinem ganzen Körper zu bedecken.
»Das ist die Gier. Sie liegt gerne auf ihrem Kerricht und träumt unerfüllbare Träume. Es versucht Angst zu verbreiten, damit sich niemand seinem Haufen nähert. Es kann recht unterhaltsam sein: Wenn es einmal spricht, so predigt es eine Moral, die niemandem nützt, die ihm alleine das Gefühl von Superiorität verleiht. Manche nennen es Avaritia.
Das nächste Gatter war leer und auch aus dem Stall dahinter waren keine Zeichen erkennbar, das dort irgend etwas war. »Hier ist…« Anne lächelte still in sich hinein » das hier ist die Lust am Fleisch, die Geilheit und die unersättliche Freude am Genuss. Luxuria findet immer einen Weg, um auszubrechen. Es kann fliegen, schwimmen, treibt Tunnel unter der Erde und baut Leitern zu den höchsten Fenstern. Du kannst es nicht einsperren – es wäre auch jammerschade bei soviel Lust am Leben. Von all meinen Wesen genügt es sich selbst und der einzige Schaden, den es anrichten kann, besteht darin, daß es bei anderen auch diese Fackel entzündet. Es birgt ein einfaches Glück ohne die großen Lügen – Es verspricht nur sich selbst.«
Ein hageres, schlecht genährtes Tier stand an dem Zaun, der ihn von Luxuria trennte und sah mit geweiteten, hasserfüllten Augen auf das leere Gatter. »Gestatten: Invidia. Es frisst sich selber; da kann ich jeden Morgen so viel füttern wie ich will. Es frisst mit den Augen, den Ohren, mit all seinen Sinnen, aber alles, was es aufnimmt lässt es nur um so mehr abmagern. Es steht gerne an diesem Zaun und sucht Luxuria. Es kann es zwar spüren, aber nicht erkennen weshalb Luxuria recht sicher vor ihm ist. Eine alte Erbfeindschaft.«
Ein zerfallenes Gatter trennte Gula und Acedia. Beide hätte ohne Anstrengung die verfallene Barriere überwinden können, lagen aber wie bewegungslose Zwillinge in ihrem Schmutz und rührten sich auch dann nicht, als die beiden Frauen direkt vor ihnen standen. Während Gula damit beschäftigt war, sich die Reste des Futters vom Morgen ins Maul zu stopfen, es zu erbrechen, um wiederum das Erbrochene zu fressen, tat Acedia gar nichts. »Ja, recht unappetitlich« bemerkte Anne »Es ist der Mühe kaum wert, den Zaun zu flicken«.
Beinahe wären sie an einem Stall vorbeigegangen, an dessen Türpfosten etwas an einem Strick hing. »Sieh doch nur: Es ist tot! Jemand muß es getötet haben!«
»Ach das? Nur keine Sorge: Das ist Ira. Das macht sie gerne – bald ist sie wieder quicklebendig. Dann sitzt sie tagelang herum, in der Sonne und im Regen, isst wenig und redet viel – rast wütend, schreit und ist auch sonst recht unerträglich. Irgend wann muß es seine Wut an jemandem auslassen – und sei es nur an sich selber. Siehst Du: es regt sich schon wieder… Beim ersten Mal erschrickt man etwas, aber nach einer Weile hat man sich daran gewöhnt. Lass uns lieber verschwinden, bevor es erwacht.«

»Einen eigenartigen Zoo hast Du hier«. Die Tänzerin ging nachdenklich zurück in dem einladenden Schatten vor dem Haus. Anne schob ihr den Korb mit dem Brot zu, schenkte die Becher voll und lachte. »Weißt Du – die Pfaffen nennen es die sieben Todsünden. Sie dienen der Verallgemeinerung, es sind angeblich Diener der Häresie. Als wenn es dazu Pfaffen brauchte: Gott findet die Seinen. Du solltest sie dir ansehen, wenn sie darüber sprechen. Wenn die Glocken verstummt sind ihre Gemeinde auf den harten Stühlen hockt und sie die Kanzel erklommen haben. Die Finger in die Brüstung gekrallt und den Kopf gereckt zetern sie es ins Volk. Die Lust am Fleisch, dieser Sünde, von der sie doch so wenig verstehen. Der Faulheit und der Gier widmen sie sich in schrillen Worten, was ihnen diejenigen auftrugen, die das Volk aussaugen und ihr Brot mit der Arbeit der einfachen Leute verdienen. Das hat schon einen feinen Sinn, diese angeblichen Sünden, die immer auf zwei Seiten des selben Blattes geschrieben werden. Von der Kanzel tönt nur die Erste und wenn da etwas von Habgier steht, das dem Volk verkündet wird, so singt der Pfaffe eine Hohelied über das Selbe, wenn er die Rückseite des Blattes liest. Dann heißt es über den heiliger Erwerbssinn der hohen Herren die ihn schickten, um das Volk zu belügen. So stehen sie da oben auf ihrer Leiter und predigen gegen den Hochmut, bis die Glocke wieder tönt und die Gemeinde erleichtert das kalte, hochmütige Haus wieder verlässt.
Aber die Menschen wissen schon, was sie davon zu halten haben, außer den Alten vielleicht, die vor ihrem Gott zittern, diesem Gott der Angst. Nur die Jungen… wenn das Mädchen seine Hand dem Knecht heimlich die Hand reicht – erinnerst Du dich? Spürst Du noch die Wärme der letzten Nacht? Hör nicht auf das, was der verbitterte, alte Mann da oben sagt. Er weiß doch nichts, nichts von uns.«
Anne streichelte ihren Hund, der aufmerksam neben ihr saß. »Und was ist das für ein Tier?« fragte die Tänzerin. »Das ist ein Hund. Es ist ein einfaches Tier und eine guter Freund, wenn man ihn anständig behandelt.«
»Hast Du auch Katzen?«
»Nein, sie machen zuviel Arbeit und leisten nichts. Ein Hund versucht sich immerhin nützlich zu machen. Er tut seine Arbeit oder das, was er dafür hält. Vielleicht ist es nicht wirklich nützlich, aber er gibt sich Mühe. Wenn Nachts jemand den Hof betritt, bellt er und im Winter legt er sich auf meine Füße und wärmt sie. Und wenn ich einen schlechten Tag habe, sieht er mich an und sagt stumm: Ich werde Dich niemals verlassen! Das tut gut.«
Jetzt kam Hund auch zur Tänzerin und lies sie seinen Rücken streichen. Er hechelte und sah sie dankbar an. »Was machst Du mit den Wesen in Deinem Zoo?«
»Ich passe auf, das sie getrennt voneinander bleiben. Jedes für sich ist recht possierlich und eigentlich harmlos, wenn man seine schlechten Manieren kennt. Schwierig wird es dann, wenn sie zueinander finden, schlimmer noch, wenn sie sich paaren. Die Bastarde, die einer solchen Verbindung entstammen, sind…« Anne schüttelte sich. »Sie regieren die Welt. Schluss jetzt: Lass uns über Dich sprechen.«
Die beiden Frauen sahen sich an und schwiegen. »Du mußt nicht wieder zurück« sagte Anne nach einer Weile. »nur wenn Du es willst – wer sollte Dich zwingen?«

Der Photograph schloss mit bedächtigen Bewegungen die Türe seines Ladens ab, sah prüfend ein letztes Mal ins Schaufenster – nein, das Licht war erloschen, alles lag dort sauber und ordentlich. Genug. Morgen konnte er geruhsam den Sonntag verbringen. Ohne Arbeit, wenn er das wollte oder bestenfalls ein wenig nach eigenem Gusto, wenn es ihm danach gelüstete. Den Rest des Tages konnte er beruhigt mit seinen Freunden im Café verbringen und die letzten warmen Tage des Jahres auf der Terrasse bei einem Glas Wein.
Der Kellner am Eingang nahm ihm Hut und Mantel ab, deutete mit einer Kopfbewegung in die Richtung, aus der ausgelassen fröhliche Gespräche drangen. »Ein viertel von dem Mosel, bitte.«
Es ist gut, unter Freunden zu sein und ohne daß er sein Gefühl in Worte gefasst hätte, nur erfüllt von diesem Gedanken, begrüßte er, wurde begrüßt, setzte sich auf den ihm hingeschobenen Stuhl und begann zu vergessen.

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