die Tänzerin II

Kuchen ist das Brot für besondere Angelegenheiten. Ein Fest, ein Geburtstag oder die Totenfeier; Kuchen ist ist keine Mahlzeit – es ist die Freude am Überfluss. Brot nimmt man in die Hand, reißt ein Stück davon ab. Es riecht säuerlich, die harte Rinde bricht, während sich das Innere dehnt, reißt, als wären es zwei verschiedene Materialien, die gegen die Hand, die es zerteilt, kämpfen. Dieser reiche, fette Geruch. Wie Bier, Erde – Kuchen ist anders. Es fehlt das menschenhafte, das proletarische. Der süßliche Feind allem, was das Salz der Erde ist. Brot das Bedürfnis, Kuchen die Gier.

Gut war der Kuchen, den Sonja auftrug. Aber das änderte nichts an der triesten Feierlichkeit, die am Tisch herrschte. Ein Gespräch wollte nicht in Gang kommen – die Tänzerin sah an die Wand gegenüber; die Bilder die dort vormals hingen, waren abgenommen. Helle Stellen verrieten ihre Größe und wenn man genau hinsah, so entdeckte man andere graue Rechtecke. Andere Größen und Schattierung, die anzeigten, daß wenigstens die Bilder schon des öfteren gewechselt hatten.
Von innen öffnete sich die Tür leichter als von außen, als wolle sie den Abschied erleichtern, ein nochmaliger Versuch des Mechanismus, das Blatt in die Zarge zu drücken und ein letztes Mal die Wirtin, die hinter einem Gast abschloß.

Die Baugrube auf der Straße war mit einer Plane abgedeckt und einem wackeligen Zaun versehen, daß niemand aus Versehen in das Loch hineinfiel, das die Männer tagsüber gegraben hatten. Man musste diesen sozusagen symbolischen Zaun schon sehen, an ihn glauben und es als Warnung verstehen; ein auch nur sanfter Druck hätte die Umzäunung zerfallen lassen – der Lehrling, der es aufgestellte, hätte vom Meister eine Schelle bekommen, ohne daß es einer der anderen Männer besser gemacht hätte. Unter der Abdeckung befanden sich in etwas einem Meter Tiefe drei Rohre, die man im Laufe des Tages freigelegt hatte. Der Ingenieur hatte es so angeordnet, die Männer taten es, ohne zu wissen wozu und schlugen dabei gelegentlich grundlos den Lehrling. Nun war es spät geworden, die Bauarbeiter schon lange zu Hause oder standen vielleicht mit einer Flasche Bier an einer Hausecke. Die Tänzererin widerstand der Versuchung, es auf eine Probe ankommen zu lassen… nur ein leichter Druck, ein sanft Tritt mit dem Fuß…

Sie war bemüht, die leeren, grauen Wände der Gastwirtschaft, die teilnahmslosen Gesichter zu vergessen, um nicht ein Teil dieser Traurigkeit zu werden. Die Kinder hatten mit bunter Kreide Quadrate auf das Pflaster gezeichnet, Hinkelstein und die Tänzerin hüpfte, mal auf dem einen, mal dem anderen Bein. Vorwärts, rückwärts, nicht ohne sich zuvor zu versichern, daß es keine anderen Passanten außer ihr gab, als wäre es eine Schande, mit wehenden Haaren und einer Schweißperle auf der Stirn das Spiel der Kinder am späten Abend fortzusetzen. Ob es ihr eines der Kinder in ihrer Gewandtheit gleichgetan hätte? Gleich aber war die Ernsthaftigkeit, mit der sie das Spiel betrieb. Für einen Moment war sie wieder das kleine Mädchen, dem, sollte sie einen falschen Tritt tun, etwas schreckliches passieren würde. Der Fuß darf die Hölle nicht berühren – man würde sie auslachen oder sie müßte eine Glasmurmel bezahlen; irgend etwas Schreckliches in dieser Art, das Kindern geschieht, die Spiele mit dem Ernst der Erwachsenen betreiben, ohne gelernt zu haben, wie man verliert. Sie trat nicht auf das Feld mit dem Namen »Hölle« und ging mit erhobenem Kopf weiter wie nach einem Sieg.

Johannes Asch hatte den Abend im »goldenen Hirsch« verbracht. Er hatte an seinem Lieblingstisch nahe dem Tresen gesessen, in der einen Hand ein Glas, die Finger der anderen fühlten in der Manteltasche nach dem wenigen Geld, dieser kleinen faustvoll Münzen und Scheinen, das bei jedem Glas ein wenig schrumpfte, bis ihm sein Tastsinn sagte, daß dieser Abend in der warmen Gaststube für ihn beendet wäre. Sein Freund vom Theater war nicht erschienen; diese Bekanntschaft hätte ihm noch ihm vielleicht noch ein, zwei Gläser mehr eingebracht, aber um der Wahrheit die Ehre zu geben, war das, was er getrunken hatte, schon etwas zuviel für ihn gewesen. Er bezahlte den Rest der Zeche, stand auf – unsicher zwischen den Stühlen und Tischen hindurch lavierend – und verließ den »Hirsch«. Zwar hatte er diese leise Gier gestillt, die sich an fast jedem Abend einstellte, wenn er des Wartens auf Kunden müde, vom Erfolg seines Geschäftes enttäuscht, den Weg zur einer Wirtschaft fand. Indes hatte es ihm an jemandem gefehlt, der ihm an dem kleinen runden Tisch ein Zuhörer war. Einem Zuhörer, wenn der Alkohol die Krämpfe des Tages löste und Asch durch die Allmacht des Weines zu dem wurde, was ihm das Leben so ausdrücklich versagte. Wenn der Wunsch zur Forderung wurde, wenn Schuld endlich verteilt werden konnte, das Versagen sich als der böse Wille der anderen hervortat. Dieser Moment zwischen Nüchternheit und stumpfem Rausch, in dem die Fragen der Existenz überraschend leichtfüßige Erklärungen von unbezwingbarer Klarheit bekamen.

Steigern lies sich die Wucht solcher Erkenntnisse durch einen Kameraden, einen Kumpanen, der atemlos – oder wenigstens mit dem eigenen Glas beschäftigt – von Zeit zu Zeit zustimmend nickend dem Erzähler recht gab, den Lauf mit Bemerkungen wie einem »unmöglich«, »was für Zustände!« und ähnlichem würzte, dem Pferd sozusagen die Sporen gab, daß es um so eifriger sich an der eigenen Sage steigernd immer höher und höher verstieg, bis es womöglich bei der Politik ankam. Der Politik, diesem höchsten Plateau, wo Schuld und Versagen von jedermann nach Belieben verteilt werden können und sich gerade beim Weinbrand die erstaunlichsten Erkenntnisse ergeben.

All das war Asch aber an diesem Abend versagt geblieben. Das Gefühl der Sicherheit des vollen Glases verschwand hinter der Ahnung, die der kommende Tag als frühe Warnung an Asch aussandte. Da wartete nicht einmal ein böses Weib, das ihn mit einer gehörigen Predigt empfing, bevor es ihn, Johannes Asch, mit harten Worten ins Bett jagte. Da war keine Aufgabe, die am Morgen nur durch ihn, durch ihn alleine zu verrichten gewesen wäre. Da war nichts, außer der Gewissheit, daß nach dieser Nacht der Sonnenaufgang nichts anderes bringen würde, als der vorangegangene und der davor. Diese Kette von Nutzlosigkeiten, die nur durch den Stand der Sonne in gleichmäßige Abschnitte zerfielen – Monate, Jahre.

Die Lampen brannten schon eine Weile und zeichneten weiße Kreise auf das Pflaster, die der Tänzerin auf ihrem Weg nach Hause als kleine Bühnen dienten. Jede davon sah eine getanzte Figur, eine Schrittfolge oder eine winzig kleine Szene, die ihr in diesem Moment auf dem Weg nach Hause einfiel. Vielleicht hätte ein phantasievoller Zuschauer den zu Ende gehenden Tag in jenem Schauspiel erkannt, das unter den Laternen für niemanden stattfand. Niemanden, außer einem Bettler, der schlafend in einer Hofeinfahrt lag, für einen Moment Statist in diesem Spiel oder Requisite, den Hut vor ihm danach so leer wie vorher – es gab nur ein Stückchen Zeit, das keine Münzen enthielt.
Eine Vorstellung ohne Publikum und Salär, ein Zirkus ohne Manege – eine Kirmes wie die im frühen Jahr, als sie in das Zelt einer Wahrsagerin trat.

Das Schild am Eingang versprach den Blick in die Zukunft, Heilung von Krankheit und Schmerz. Nicht daß die Tänzerin an einem Gebrechen glitten hätte – sie war jung, gab acht auf das, was sie ihrem schmalen Körper zumutete, aber der Übermut hatte gesiegt, das Geheimnis, welches das Schild, die geheimnisvollen Zeichen auf dem Zelt und den eigenartigen Geruch, der aus dem Inneren drang, zu ergründen.
»Bist du eine Hexe«, hatte sie nach dem Eintreten fragen wollen, aber die Frage erstarb ihr auf den Lippen, als sie die Frau sah, die ihr mit einer Handbewegung den Platz auf einem Stuhl anbot. Die Frau sah ihren Gast eine kleine Weile an.
»Nein, ich bin keine Hexe«, antwortete die Besitzerin des Zeltes auf die unausgesprochene Frage. »Was willst du? In die Zukunft sehen? Das ist etwas für Dumme oder Verzweifelte. Du bist weder das eine noch das andere. Krank scheinst du auch nicht zu sein. Was also führt dich hierher?«
»Bist du eine Hexe?«, wiederholte die Tänzerin die Frage, auf die sie bereits eine Antwort bekommen hatte.
»Sieht du: Das ist ein Teil des Übels – die Menschen verstehen nicht, auch wenn man ihnen ihre Fragen beantwortet. Die Antwort muß mit dem übereinstimmen, was der Fragende sich selbst als Antwort zurechtgelegt hat«.
»Was also ist eine Hexe? Kennst du die Antwort, auch wenn du selber keine bist?«
»Hexen haben viele Namen. Hierzulande nennt man sie oft böse, weil sie Dinge kennen, von denen andere nichts wissen. Dinge, die man nicht kennt, sind vorzugsweise böse, weißt du?«
»Du bist nicht böse.«
»Nur dann, wenn man mich so etwas fragen würde. Nein: Das war nur ein Spaß – du hast ja nicht gefragt. Im Grunde ist es ganz einfach. Der Gott des Abendlandes und seine Bankiers haben eine Wissenschaft aus dem Lachen gemacht. Eine Wissenschaft und ein Geschäft. Wie bringe ich einen Menschen zum Lachen? Da sind viele Antworten und doch nur ganz wenige. Ich kann ihm etwas schenken. Dann lacht er, freut sich. Ich kann ihm auch etwas versprechen, ihm eine Belohnung geben, wenn er etwas, was ich von ihm will, besonders gut gemacht hat. Sie haben alle Dinge ergründet, wie man jemanden zum Lachen bringt, jede Kraft, die dahinter steht. Sie nennen es Glück.

Was sie nicht taten, war zu ergründen, was der Schmerz dem Menschen schenkt, Trauer, eine Krankheit. Als würde keine Kraft in der Trauer, keine Macht im Schmerz liegen. Ein einseitiges Geschäft, das den glücklichen Menschen zur Norm und das Unglück zu Ausnahme erklärt. Für Glück schufen sie tausend Worten, für das andere gibt es nur dutzende. Für das sogenannte Glück erschufen sie das Geld und wurden tausendfach entlohnt. Die Bezahlung für das Elend, die Krankheit, den Hass, der Ungerechtigkeit, verschoben sie in eine andere Welt, die sie heimtückisch Himmel nannten oder ähnliche Namen ersannen – irgend etwas, was dem menschlichem Zugriff entzogen war. Für diejenigen, die diesen Segnungen nicht teilhaftig wurden, sandten sie Krankenpfleger des Glücks. Missionare, Doktoren, Lehrer und andere; Paviane derer, die sie schickten. Sie sollten nicht die Ursache der Krankheit ergründen, sondern dem Kranken die Schändlichkeit seines Leidens vor Augen halten.«

Die Tänzerin rutschte unruhig auf ihrem Stuhl. »Also sind die Philosophen, die sich mit den großen Fragen der Menschen beschäftigen, auch Hexen«
»Philosophen sind Doktoren, die über die Diagnose die Krankheit vergaßen… aber keine Hexen. Hexen sind Doktoren, die den Nährboden der Viren behandeln, die zur Krankheit führen, die dunkle Seite der Wesen antasten. Die Stürme, die losbrechen, wenn man das Tier berührt, das in jedem haust. Es sind nur kleine Stürme im Weltgeschehen, keine Revolutionen, keine Theologie. Nur das nackte Wesen, das da schutzsuchend, sabbernd, zuckend vor uns liegt und nach Heilung schreit, wo keine Krankheit, sondern nur Schmerz ist. Eine Schwangere ist genau so wenig krank wie das, was man als einen Wahnsinnigen bezeichnet. Der Schmerz, ein Leben zu schenken und eines verloren zu haben. Ein paar  von solchen Dingen kann ich heilen – oder versuche es doch wenigstens.«
»Hast du keine Angst, wenn du das machst… was du machst?«
»Nein. Es kostet Kraft… erst einmal. Aber es ist so, wie die Erforscher der Natur sagen: Es geht nichts verloren, es wechselt nur die Form – ein Teil kommt immer auf dich zurück«
Die Frau stand energisch auf. »So, nun weißt du etwas mehr, auch wenn es dir nichts hilft; wenigstens so lange nicht, wie du Antworten erwartest und nicht empfängst. Aber das kann sich jederzeit ändern. Nein, das kostet nichts! Lass dein Geld nur stecken. Willst du einen kurzen Blick in die Zukunft?«
Beide lachten, umarmten sich und die Tänzerin verließ das Zelt.

Johannes Asch gebrach es an Haltung, was teils der vorgerückten Stunde, teils dem dem Besuch im »Hirsch« geschuldet war. Die Maschinerie der Beine versagte wie die des Kopfes; dieser Kopf, der den energischen Befehl hätte geben müssen, die Anweisung der Richtung. All das hatte versagt, versagt wie ein General, der seinen übermüdeten Truppen nach einer Niederlage den Antrieb zum Aufstehen, zum Weiterkämpfen hätte geben müssen – der General aber betrunken und nicht Herr über seine marodierenden Soldaten

Da ist das Licht einer der Laternen, ein kleiner Platz vor einem Haus. Die Dunkelheit verlieh diesem Ort etwas theatralisches, was durch vier Säulen, die das Vordach des Hauses abstützten, gesteigert wurde. Asch setzte sich auf die Bank, welche mit Tusche gezeichnet im Licht stand. In der Nacht gibt es keine Farben und die Tänzerin sah von weitem diese Szene wie die schwarzen Kulissen eines Theaters, ein Scherenschnitt mit einem zusammengesunkenen alten Mann. Der Photograph hätte es als gelungenes Bild betrachtet: Es macht Neugierde aus der Ferne, füllt beim Näherkommen langsam den Rahmen, den es an einem bestimmten Punkte vollendet ausfüllt und zerfällt in Dinge ohne Zusammenhang, wenn man letzlich ganz darin hineintaucht.
Die Tänzerin sah für einen kurzen Moment den vollendeten Rahmen, bevor sie in das Bild hineinstieg und zu einem Teil davon wurde.

Asch erwachte aus dem Gefühl der Niederlage seines Körpers, als er die Tänzerin erkannte, stand auf, unsicher und doch sicher, sich jetzt erheben zu müssen. Er musste ihr etwas sagen, musste Worte finden und zugleich die Füße Schritt für Schritt in ihre Richtung lenken.
»Liebes Fräulein, warten sie«. Die Angesprochene blieb stehen, die Kulissen begannen sich zu bewegen.
»Liebes Fräulein« wiederholte er, nun schon fast vor der Tänzerin. »Ihr Tanz, ihr Talent…«. Asch sagte noch mehr Worte, aber die Tänzerin verstand sie nicht. Sie verstand auch nicht, warum sich ihre Beine nicht mehr bewegen wollten, verstand nicht diese Lähmung. Da war nur das Rauschen in ihren Ohren, das Blut, das sich wie kalter, zäher Teer durch ihre Adern bewegte. Der Tanzlehrer Asch stand vor ihr, ergriff ihren Arm und sie musste ihn riechen; den betrunkenen alten Mann, feuchter Dunst von alten Lumpen, Schnaps, Ungewaschenheit. Das Licht unter der Bank versprach Hilfe wie ein Feuer, an dem sie ihren Körper aufwärmen konnte, die alte Geschmeidigkeit zurück erhielt. Sie aber stand da, vom Hals ab in das eisige Wasser eines winterlichen Sees getaucht. Das rettende Feuer zu weit entfernt und sie unfähig wegzusehen, nicht mehr die dunklen Adern im Gesicht Aschs sehen zu müssen, das graue, hängende Fleisch um die Knochen seines Schädels.

Da war eine Hand, eine Stimme, die vorher nicht dort war, ein anderer Geruch. Johannes Asch war ein, zwei Schritte zurückgetreten, sprach nicht mehr mit ihr, sondern mit dieser anderen Stimme. Nicht Johannes Asch berührte die Tänzerin, sondern eine fremde Hand legte sich auf den Arm des Tanzlehrers. Diese neue Stimme sagte etwas, was die Tänzerin erkannte; sie verstand wieder diese Sprache.

»…nie wieder…«

Das aber sollte erst in etwa 10 Stunden geschehen. Der Schlag trifft ihn unvermittelt; dieses kleine Organ, in welchem mancher die Seele vermutet, hörte auf, den Organismus mit Blut zu versorgen. Der schmale Inhalt seiner Erinnerungen, die Jugend, das Alter und auch der Gedanke an die Tänzerin zerstoben als silberfarbener Regen. Da war kein Schmerz, keine Angst; nur die Verwunderung darüber, wie schnell sich ein Mensch in eine leere Hülle verwandelt, die noch fast 2 Wochen in dieser kleinen Kammer liegen sollte, bevor jemand vom Tod des Tanzlehrers erfuhr.
Ein mitfühlender Hausmeister öffnete die Tür mit einem Nachschlüssel und erschrak furchtbar beim Anblick Johannes Aschs, dessen Bücher über die feinen Sitten durch dieses Ereignis einen neuen Besitzer bekamen. Nicht das der Hausmeister grundsätzlich diebisch veranlagt gewesen wäre – im Gegenteil genoss er den Ruf eines durch und durch anständigen, gradlinigen Menschen.
Der gesunde Pragmatismus, daß diese Bücher ohnehin nur auf dem Kerricht gelandet wären, siegte im Falle der Bücher genau so wie über die letzten 2 Flaschen Cognac, die sich ebenfalls in der Kammer fanden. Ein schwacher Ausgleich zur letzten unbezahlten Miete – mehr hinterließ der Tanzlehrer Johannes Asch nicht.

Dem Priester kam die Beerdigung ein klein wenig ungelegen. An diesem Tag traf er sich eigentlich zum Kartenspiel mit einem Amtsbruder und einem befreundeten Doktor, aber in diesem Fall konnte man annehmen, daß die Sache einen schnellen Abschluss finden würde. Außer den Bediensteten des Friedhofs, die Sargträger und Totengräber zugleich waren, hatte sich niemand zum letzten Gang Johannes Aschs eingefunden. Dunkle Regenwolken beförderten eine unabgesprochene Eile; die Würde des Augenblicks litt unter der Hast, mit der der Sarg beinahe schon im Laufschritt zum Grab gebracht wurde. Noch bevor ein Vaterunser beendet war, fielen mit den ersten Schaufeln Erde schon die dicke Tropfen eines Gewittersregens, welcher die losen Schollen, die sich auf dem Sarg türmten, in eine breiige Masse verwandelten. Die ausgehobene Erde am Rande der Grube wurde ebenfalls zusehens weicher und rutschig, einer der Gräber trat unvorsichtig nahe an das Grab, glitt aus, trat fast auf den Sarg, gehalten nur im letzten Moment von seinem Kollegen. Der griff ihm unter den Arm, stützte ihn, währen aber ihm die Schaufel aus der Hand glitt und polternd auf den Sarg fiel. Man angelte sie heraus – vorsichtig und unter lauten Flüchen; niemand war anwesend, der sich daran gestört hätte. Und so verließ der Tanzlehrer Johannes Asch diese Welt unter Flüchen.

Einen solchen Regen hatte es schon lange nicht mehr gegeben; der Priester sah die Grabsteine am Rande des Weges, der ihn zu seiner geselligen Runde führte, nur durch einen grobkörnigen, dichten Nebel.
Wenn überhaupt etwas von Asch übrig blieb im Gedächtnis der Menschen, so waren es die Erinnerungen seiner Schüler, in die sich meist ein leichter Schauder mischte, und das Schild seines Geschäftes »Gesellschafts – und Modetänze, Ballettschule, Unterricht der feinen Sitten. Johannes Asch«. Der Hausmeister hatte es sorgfältig abgeschraubt und, als es erforderlich wurde, das Regenrohr damit geflickt. Wer wollte, konnte noch lange Zeit diese eigentümliche Gedenkstätte bemerken, auf dem so viel mehr über Asch stand als auf dem unscheinbaren Holzkreuz seiner letzten Ruhestätte und doch wiederum gar nichts.

Ja, geht weiter, aber ich habe so bitterlich wenig Zeit zum Schreiben

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0 Kommentare zu die Tänzerin II

  1. Frau Lehmann sagt:

    Ich glaube, selbst wenn ich diese wunderbare, kluge Geschichte noch hundert Mal lesen würde, ich würde immer neue kleine und darum so große „Wahrheiten“ über das Leben, uns Menschen, die Welt finden. So leise und doch so großartig! (Im Übrigen auch die Teil 1)

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  2. Frau Lehmann sagt:

    Entschuldigung, der Teil natürlich.

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  3. anna sagt:

    …Danke für diese schöne Geschichte….

    Anna

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  4. FF sagt:

    Monsieur Pantoufle ist also an Deck; und obendrein als Erzähler wohlauf. Fürchtete schon, mir Sorgen machen zu müssen. 😉

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    • pantoufle sagt:

      Seht geehrter Herr FF.
      Nein, nein: Es geht mir den Umständen entsprechend gut; unglücklicherweise bin ich gezwungen, für mein Geld zu arbeiten. Die Karriere als Playboy: Perdu! Auch als Aufsichtsrat der Deutschen Bank: Elend gescheitert! Als ehrlicher Gannove fehlt mir das Talent, als Politiker die angeborene Verlogenheit – man könnte mich mit Fug und Recht als gescheiterte Existenz betrachten.
      In diesem Falle handelt es sich um die Tournee eines teutschen Schlagerstars, der die Stromguitarre spielt und dazu singt. Eine eher unerfreuliche Angelegenheit; wenn Sie den Namen – den ich an dieser Stelle aus Anstand ungenannt lasse – wüßten; Ihre Sorgen sind nicht unbegründet, wenn auch nicht aus diesem Grund.
      Was die »Tänzerin« betrifft: Es macht mir Spaß – ist eigentlich bei Weitem eher das, was ich eigentlich möchte, wenn es auch einige verschreckt. Nun will ich es aber, auch wenn es für einen Theodor Fontane nicht reicht. Schön, das Sie es trotzdem gelesen haben – es wird weitere Teile geben. Cleeverbeck wird es auch weiter geben – ob es zur bekannten eher tagespolitischen Form zurückfindet, steht noch etwas in den Sternen. Es gibt Zweifel an der Form, wenn auch nicht an der Tendenz. Das sind im Moment aber rein akademische Zweifel, da ich – selbst wenn ich es wollte – bis ins neue Jahr wenig Gelegenheit habe, etwas Vernünftiges zu schreiben; die Frage, ob es das Vergangene war, lassen wir einmal beiseite.
      Meinen herzlichsten Gruß! Ich muß jetzt noch schnell an die Bar, um eines dieser seltsamen Biere Bayerns zu ergattern. Der Automat mit dem Becks ist leer: Eine unselige Nebenwirkung einer größtenteils norddeutschen Crew… es ist ein Elend!
      Mit freundlichen Grüßen
      das Pantoufle

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  5. susannegerdom sagt:

    Liebes Pantoufle, ich war dir untreu, aber nicht mit anderen … nur mit der Arbeit. Freue mich jetzt über deine Texte, die ich mir alle verwahrt habe. Und ganz besonders auf diese beiden, die schon im Anlesen so ein „HACH“ bei mir machen. Hach. Ich freu mich. Ich liebe deine Stimme.

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  6. FF sagt:

    Karriere als Playboy gecrasht, als ehrliche Ganoven-Haut zu untalentiert; für die Politik nicht ausreichend verlogen – na gut, letzteres kann passieren. Aber dass es nicht mal für die Top-Etage der Deutschen Bank gelangt hat – pfffft.

    Das sind ja schöne Neuigkeiten, Herr Pantoufle.

    Und dann auch noch dieses schröckliche A-Wort – und nur des schnöden Geldes wegen. Brrrr…

    Fazit: Das ist ja alles noch viel schlimmer, als ich zu befürchten wagte. 😉

    Immerhin: Ihre Prosa schimmert wie der berühmte Silberstreif… Hat nicht besagter Herr Fontane seinen Erstlingsroman in den vorgerückten Fünfzigern vorgelegt? Zudem als „gescheiterter Apotheker“?

    Andererseits: heutzutage einen „Roman“? Inmitten dieser Idiko von Kürthys, Hera Linds, Roger Willemsens, Judith Herrmanns, Juli Zehs, Helene H’s…? Dem tosenden Geschwurbel-Ozean mit dem silbernen Teelöffelchen höchstselbst noch etwas hinzufügen?

    Bitte nicht. Dann doch besser an der Bar bleiben.

    Wie dem auch immer sei: schöne Grüße aus dem Land der seltsamen Biere.

    FF.

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  7. pantoufle sagt:

    Sehr geehrter Herr FF
    Wenn es Sie beruhig, so sollen Sie wissen, daß Sie hier keinesfalls dem Anfang eines Romans zu beenden alle Romane aufgesessen sind. Es ist/wird eine Miniatur, ein Versuch, etwas zu machen, vor dem ich zuvor zurückwich… also ein eher psychologisches Problem.
    Der unvergleichliche Fontane wird niemals übertroffen, so wenig wie ein J. Conrad oder ein Lem. Ein Radetzkymarsch wirds auch nicht werden – leider.
    Die von Ihnen genannten Wiedergänger des Literaturbetriebs können nicht Warnung sein vor dem Schreiben, dürfen es nicht, weil die Sucht, eine Geschichte zu erzählen unsterblich ist – ebenso die, eine zu lesen. Da schützt kein Kindle-EBookreader oder die Feuchtgebiete vom Hinterhof einer Mietskaserne.
    Ich will es so schreiben – es ist die Idee einer Form, die mir im Kopf herumgeht und ich mag nicht mehr brüllen. Soviel dazu.

    Nein, auch für die deutsche Bank hat es nicht gereicht; erstaunlich allerdings angesichts der Tatsache, mit welchem Minimum an Substanz derartige Gewinne erzielt werden können – Lies: Gehirnmasse.
    Sind Sie bei der …? Nein?
    Na, dann bin ich ja beruhigt!

    das Pantoufle

    Nachtrag:

    Melusine.
    Kraweel! Kraweel!
    Taubtrüber Ginst am Musenhain,
    trübtauber Hain am Musenginst.
    Kraweel! Kraweel!

    Ich möchte Ihnen unter allen Umständen den Anblick eines lederjackenknaatschenden Pantoufle ersparen, der aus seinem 1200 seitigen Hauptwerk »Geh doch sterben..« die 6 wichtigsten Kapitel vorträgt.
    Danach noch einige Gedichte.
    Kraweel, Kraweel…

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