Die Tänzerin I

Stehen Sie doch bequem! Hier erwartet niemand eine stramme Haltung . Oh, nicht daß die Menschen hier keine Haltung hätten. Sie haben eine: Die rußigen Kinder, die schreiend und balgend in den Höfen spielen. Die Frauen, die das wenige Geld zum Händler tragen; die Männer, die es irgendwie verdienen und das, was ihnen ihre Frauen nicht abnehmen, den Gastwirten oder zu den Huren bringen. So hat jeder etwas davon. In diesem Teil der Stadt ist Zeit kein Geld, weshalb ein jeder etwas mehr Zeit, dafür weniger Geld besitzt; das wenige Geld ist dafür gleichmäßiger verteilt.

Gewisse Sozialromantiker behaupten,daß man wirklich arm nur im Herzen sein kann; ihnen sei nahegelegt, am Morgen zu den Plätzen zu gehen, wo die Werber der Werftbesitzer die Arbeiter aussuchen, die für diesen Tag Arbeit bekommen. Dann sollen sie sich die Gesichter derjenigen ansehen, die für diesen Tag keine Beschäftigung bekamen und die Gesichter ihrer Frauen.

Stehen Sie bequem! Der Gemüsehändler tut es auch wie der Photograph, der auf einen Kunden wartet. Schöne Portraits verspricht das Schaufenster, in dem ein alter Apparat auf einem ausrangierten Gestell und ein paar vergilbte Photos die Dienstleistung des Geschäftes anzeigen. Herr Photograph: Kommen Sie und sehen sich diesen Hinterhof an. Ach, es interessiert Sie nicht? Sie sehen es jeden Tag und sind abgestumpft gegenüber den Reizen der verschiedenen Grautöne? Das ist schade. Dort oben über dem fünften Stock wohnt nämlich eine Tänzerin unter dem Dach. Das Zimmer ist nicht so karg, daß es sie zu Verzweiflung treibt, nicht so komfortabel, als das es nicht den Stolz ein wenig verletzt. Alleine wohnt sie dort, wenn man von den Tauben absieht, die sich auf der einen tiefen Fensterbank ein Nest gebaut haben. Ein Flügel des Fensters ist mit ein wenig Nachdruck zu öffnen und auf diesem Weg finden sich dort immer ein paar Körner oder Brotrinde. Auch daran sind Sie nicht interessiert, Herr Photograph? Keine romantischen Motive, die den Weg in die bürgerlichen guten Stuben finden? Aber der Photograph verdient mehr Geld mit den Bildern, die er in seinem Atelier macht, wenn die Ladentür verschlossen ist und die Mädchen und Frauen über den Hinterhof kommen, durch das Treppenhaus, das zur Wohnung der Tänzerin führt, die sich dort gerade einen Tee kocht.

Teekochen hat seine festen Regeln: Die Menge des Tees, die des Zuckers – nur ein wenig – und das heiße Wasser, mit dem man die Kanne vorwärmt. Wenn man ein wenig Zeit mitbringt, wird das Ritual nach und nach verziert mit der exakten Lage des Löffels, der Position der Kanne; einem prüfenden Blick in den Kessel, den Deckel sorgfältig geschlossen, bis die Pfeife auf der Tülle erst zaghaft, dann aber laut und nachdrücklich pfeift.
Das Zeremoniell ist heute Selbstzweck; es eilt, daß kaum noch Zeit zum trinken bleibt . Die Ballettstunde. Es ist ihr Ehrgeiz, pünktlich zu kommen, nicht der ihres Lehrers, sie zur Zeit zu sehen.
In diesem Teil der Stadt gibt es mehr Zeit. Stehen sie bequem!

Auf einer Kreuzung regelt ein ein Polizist den Verkehr. Weil es aber keinen Verkehr gibt, nutzt er gelangweilt die Gelegenheit, die Tänzerin mit einer Geste zum Stehenbleiben aufzufordern. Er dreht ihr den Rücken zu und breitet die Arme aus wie eine gekreuzigte Uniform. In einer Nische stehen zwei Huren. Die rothaarige zählt Geldscheine. Drei, vier Banknoten. Immer wieder »Er hat mich betrogen« sagt sie, zählt von vorne, als könne man sich bei diesem geringen Betrag irren. Geld zählen hat sie doch gelernt. Als Einziges hat sie zählen gelernt. »Betrogen, er hat mich betrogen«. Die andere wischt sich mit einem Tuch den Mund ab. »Ach lass doch. Lass uns gehen. Das verfluchte Geld«
Der Gekreuzigte hat sich gedreht und die Tänzerin überquert die Straße.

Jeder der Hausbewohner konnte sich daran erinnern, wann Flur und Hauseingang zum letzten Mal gestrichen wurden. Eine Woche hatten die Gerüste schon gestanden, ohne daß etwas Nennenswertes passiert wäre. Nur ein paar Nägel verschwanden, Kabel wurden in Vertiefungen gegipst, die der Lehrling mit viel Lärm und Staub geschlagen hatte und dann kam der Tag, an dem der Malermeister selber mit Schimpfen Farbeimer, Pinsel und seine Würde hereinschleppte. Schnaufend und mit einer Zigarre im Mund kletterte er das Gerüst hoch. Er öffnete einen der Eimer, den ihm der Lehrling hinaufgereicht hatte, wählte sorgfältig den Pinsel, mit dem er beginnen wollte und dann zerfiel das Gerüst unter dem Gewicht des Meisters. Ob es nun eine schadhafte Schraube war oder eine der Stangen die Grenze ihrer Leidensfähigkeit erreicht hatte – keiner der hohen Herren einer Behörde, die sich das Malheur später ansahen, fand eine Antwort darauf.
An diesem Tag aber fiel der Meister rückwärts zu Boden; das Gerüst auf ihn und, als sollte das nicht reichen, auch noch der volle Farbeneimer in den Nacken des Malers. Ein findiger Kriminalmediziner hätte beweisen können, daß, wäre nicht noch der Eimer hinzugekommen, der so früh verstorbene Malermeister, der vier Kinder und ein spindeldürre Frau hinterlies, den Unfall durchaus überlebt hätte. Gelähmt von der Hüfte abwärts, aber am Leben.
So aber traf der Eimer eine sehr wichtige Stelle an den Knochen des Schädels. Der Lehrling, der das Unglück aus sicherer Entfernung beobachtet hatte, kam näher, sah den Meister unter dem Gerüst – Farbe, in der Blut eine säuberlich abgesetzte Linie wie ein Fragezeichen malte. Da sich der Meister nicht mehr regte, lief der Junge hinaus, um einen Schutzmann zu suchen, der ihm die Verantwortung abnehmen konnte.
Die Reste des Gestells standen noch wochenlang, die Bewohner gewöhnten sich beinahe daran, bis ein neuer Mieter des Saals unter dem Dach die Reste beseitigte, gründlich fegte und wischte und ein Schild neben die Eingangstür nagelte. »Gesellschafts – und Modetänze, Ballettschule, Unterricht der feinen Sitten. Johannes Asch.«
Seit diesem Tag schlichen jede Woche eine Handvoll Menschen den verwahrlosten Flur herauf, gefolgt von Klaviertönen, die die Zeit des Treppenhauses in gleichmäßige Intervalle zerhacken.

Die Tänzerin hatte die Tür erreicht, klopfte und Herr Asch öffnete. Eine bittere Falte um den Mund Aschs verrät, daß sich das Standbein seines Unternehmens »feine Sitten« nicht der erhofften Nachfrage erfreut; leider ebensowenig wie »Gesellschafts – und Modetänze« Sie nestelt an ihrer Handtasche und übergibt ihrem Lehrer ein paar Münzen; das Salär für die heutige Stunde. Johannes Asch konnte auf solide Kenntnisse in Gesellschaftstänzen bauen – Bücher über Kultur und Sitte zierten das schmale Regal seiner Kammer, die ihm als Küche, Schlafstätte und Arbeitszimmer diente. Seine Kenntnis des klassischen Balletts beschränkten sich allerdings auf Besuche des städtischen Theaters und lange Nächte in Gesellschaft eines Bekannten im »goldenen Hirsch«, der als Assistent an eben jenem Theater tätig war. Zwischen zotigen Geschichten und dem Lamentieren über die Arbeit verbarg sich der eine oder andere Hinweis, den Asch, immer aufmerksam, im Zettelkasten seines Gehirns einsortierte, um es bei passender Gelegenheit seinen Schülerinnen vorzutragen.

»Diese hier ist ein wirkliches Talent« dachte Asch, während sich die Tänzerin hinter einem Vorhang umzog. Nicht, daß Asch die Fähigkeit besaß, das mit fachmännischer Sicherheit zu beurteilen, aber der unvergessliche Eindruck, den ihre Natürlichkeit und die Sicherheit ihrer Bewegungen vom ersten Moment auf ihn gemacht hatten, ließen ihn zu diesem Schluss kommen. Wohl träumte er auch von der ungeheuerlichen Möglichkeit, daß sie, die Tänzerin aufgrund ihres bemerkenswerten Talentes ein Engagement am Theater bekäme, ihn – sozusagen als Entdeckers dieses Wunders – teilhaben ließe an ihrem Erfolg in der Form, als daß die Schüler nicht tröpfchenweise die Treppen heraufschlichen, sondern sich in Scharen durch die enge Tür drängelten… eine Primaballerina, sein Geschöpf.
Während Asch den Deckel über der Klaviatur hochklappte, ergriff die Tänzerin die Stange an der Wand. Ein Schal hängt über dem hölzernen Ding nun schon ein halbes Jahr. Eines der Mädchen hatte ihn sicher vergessen, niemand nahm ihn weg. Die Besitzerin könnte ja wiederkommen und nach ihm suchen, auch wenn sich niemand daran erinnern konnte, daß sich eine der Tänzerinnen jemals wieder hierher verirrt hätte, nachdem sie diese Schule abgeschlossen hatten oder ihnen das Geld für den Unterricht ausging.
Der Chopin aus Gips auf dem mäßig gestimmten Klavier scheint betrübt über die Interpretation seines Werkes, aber so eine Stunde ist kurz. Ein paar näselige Anweisungen, eine Anekdote aus dem »goldenen Hirsch« und es ist vorbei. Auf dem Fensterbord neben dem Herd steht eine Flasche, in der sich noch ein Rest von dem befindet, was das Etikett vollmundig als Cognac anpreist. Aber da hatte sich die Tänzerin schon wieder umgezogen und leise den Saal, der eigentlich nur ein größeres Zimmer ist, verlassen.

Linkerhand der Pfandleihe liegt ein Speiselokal. Das Stammessen kostet nur wenig. Kartoffeln, Fleisch – sparsam – eine graue Soße und etwas gedünstetes Gemüse. Dazu ein Glas Wasser. Es braucht nicht viel, um diesen Körper am Leben zu halten. Die Tänzerin öffnet die Tür, es ist leer wie immer. Der Türschließer drückt erfolglos quietschend und es bleibt ein schmaler Spalt. Die Wirtsleute sitzen heute um den runden Tisch am Fenster, still. Der neue Gast ist keinem Blick oder Geste würdig. »Und vergiss nicht das Bügeleisen. Besen und der schwarze Topf. Topf… wir werden nicht genug Pfannen haben, Und kaum Geschirr«
Die Besitzerin des Lokals drehte sich zur Tänzerin um und musterte sie, nicht unfreundlich, aber mit einer eigenartigen Distanz, die so gar nicht zu einer Wirtin passen will.
»Wir schließen gleich… nein, das ist falsch: Wir haben geschlossen. Für immer geschlossen. Es gibt hier nichts mehr zu Essen – deswegen sind Sie wohl gekommen, nicht wahr?«

Obwohl niemand mehr bewirtet werden soll, stand die Frau auf und schließt die Tür endgültig, was die verrostete Mechanik nicht vollbrachte. »Kommen Sie, setzen Sie sich zu uns an den Tisch. Für ein Glas Wein reicht es noch. Nur zu Essen haben wir nichts… Sie sehen es ja – es ist niemand in der Küche. Wir sind alle hier.« Das erklärt zwar nicht, warum kein Essen serviert wird, folgt aber aber seiner eigenen Mathematik, daß, wenn niemand in der Küche arbeitet, es auch keine Speisen gibt.
»Wir haben nämlich geschlossen« wiederholt die Wirtin. »Da, nehmen Sie ein Glas Wein. Es kostet Sie nichts. Der Händler ist bezahlt. Er hat sein Geld. Und wir trinken die letzten beiden Flaschen nun aus. Dann schließen wir.«Die nun wiederholt verkündete Schließung beherrscht die Gedanken der Frau offenbar so sehr, das es sich in jeden ihrer Sätze hineinschleicht wie ein Gift, das erst ihre Gedanken und dann ihre Sprache verdirbt.

»Wir werden in eine andere Stadt ziehen. Die Leute hier haben kein Geld und genug Zeit, sich ihr Essen selber zu kochen. Sie sind einer der Wenigen, die oft gekommen sind. Was machen Sie eigentlich?«

»Ich tanze.«»In welchem Lokal?« Die Wirtin hat eine feste Vorstellung davon, wie man mit Tanz Geld verdienen kann. Die Tänzerin spricht leise vom Feuervogel, Herrn Asch, den Tauben und der Hoffnung, ein Engagement am Stadttheater zu bekommen – und sei es noch so klein und bescheiden. Der Wein tut gut, in kleinen Schlucken öffnete er die Seele.
»Es gibt ein Vortanzen in 2 Tagen. Sie suchen neue Tänzer… hoffentlich…«
Die Hoffnung auf ein Engagement verband sich mit dem innigen Wunsch, niemals wieder das Treppenhaus von Johannes Asch heraufsteigen zu müssen, sich niemals wieder nur durch ein Tuch von Herrn Asch getrennt umzuziehen.

Die anderen Anwesenden hatten der Unterhaltung wortlos zugehört. Alle saßen sie mit gesenktem Kopf um den Tisch herum; still wie die Statuen, von denen das kleine Stadttheater umgeben war. Weißer Marmor… war das Marmor oder nur ein Stein, der so aussah wie Marmor? Es waren neben kleinwüchsigen Menschen mit Blätterkränzen um den Kopf auch solche von Personen, die es an diesem Haus zu einer gewissen Bekanntheit gebracht hatten. Selbst ein Intendant war unter ihnen, der, obschon er das Theater mit seinen Neigungen wie Pferderennen und schönen Frauen fast zum Bankrott getrieben hatte – Allein: Es war die große Geste, der Wirbel, den seine Affären erzeugten und das Air der Bohème, das er verbreitete. Er verließ die Stadt wegen eines eifersüchtigen Ehemannes. Seine überraschende Abreise nach München endete überraschenderweise kurz vor Nürnberg, wo ein entgegenkommender Zug auf dem selben Gleis die Schlagzeilen der Zeitungen für einige Tage beherrschten. Die Person des Intendanten spielte angesichts der Tragödie kaum eine Rolle – seine Heimatstadt widmete seinem Andenken diese Statue, nicht ganz ohne eine gewisse Erleichterung, ihn so billig losgeworden zu sein.
Eine Frau mit einem rauen, dunklen Gesicht erhob den Kopf. Ihr wie in Bronze gegossenes Gesicht hatte einen Gegenpart in Form ihrer Haare, die voll und wirr ihr Gesicht umrahmten.

»Ich bin Sonja, die Zuckerbäckerin und ich habe etwas zu essen für dich. Ich habe einen Kuchen gebacken. Mit Nüssen, Äpfeln, Marzipan und Sahne. Er taugt für die Reise nicht – ich habe ihn gemacht, weil ich so traurig war, weil wir schließen müssen. Immer wenn ich traurig bin, backe ich. Aber jetzt wollen wir ihn essen. Es ist ein Trost, einen guten Kuchen zu essen, wenn man betrübt ist.«
Die anderen hoben nun auch den Blick, sahen sich an; einen Kuchen? Jetzt?
»Wir werden jetzt Kuchen essen«, verkündete Sonja. »Und Wein dazu trinken«

Soweit erst mal. Ich bin noch dabei, dachte mir aber, daß der eine oder die andere es vielleicht mag.

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0 Kommentare zu Die Tänzerin I

  1. anna sagt:

    ….ich mag sie sehr, Deine Geschichte!

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  2. Fanny sagt:

    Ich auch… Du kannst das also noch !! Wie gut !!!
    Wann kommt die Fortsetzung ?

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